Gemeindebüro

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An(ge)dacht

Predigt

für den 2. So. n. Epiphanias (14.01.18)

zu Offb 21,6

Gottesdienst m. anschl. Neujahrsempfang und Gemeindeversammlung

 

Auf der Kanzel stehen zwei Gläser, eins mit klarem und eins mit schmutzigem Wasser.

 

Liebe Gemeinde! Aus welchem Glas würden Sie lieber trinken? (Beide Gläser werden hochhalten.) Dumme Frage, ne? Das hier (schmutziges Wasser) wollte wohl keiner von uns geschenkt haben. Da funktioniert die Korrespondenz zwischen Bauch und Kopf ganz gut. Der sagt uns intuitiv: Wenn wir verdorbenes Wasser trinken und unser unterer Verdauungstrakt daraufhin den Turbogang einlegt und der obere den Rückwärtsgang, dann ist für die Flüssigkeitsversorgung unseres Körpers nix gewonnen. Im Gegenteil… Was auf der somatischen, körperlichen Ebene eigentlich ganz gut klappt, funktioniert auf der psychischen Ebene nicht ganz so zuverlässig. Auch da haben wir die Wahl zwischen sowas (sauberes Wasser) und sowas (schmutziges Wasser). Aber die Treffsicherheit für die Wahl des richtigen Durstlöschers ist nicht so ausgeprägt. In der ersten Lesung vorhin haben wir gehört, wie sehr Gott dieses Phänomen frustriert. Er sagt über Sein Volk (Jeremia 2,13): „Mich, die lebendige Quelle, hat es verlassen, und stattdessen gräbt es sich Löcher für Regenwasser, die auch noch rissig sind und das Wasser nicht halten.“ Mit anderen Worten: „Ich biete Euch das hier an (sauberes Wasser), und Ihr zieht Euch sowas rein (schmutziges Wasser)!“

 

Inwieweit betrifft uns dieser Vorwurf, liebe Gemeinde? Richtigen schlimmen organischen Durst kennen wir eigentlich kaum noch. Okay, wenn es heiß ist oder wenn man Sport gemacht hat, ist man durstig und freut sich, wenn man sich mal ¢n Bierchen zischen kann oder so. Aber existenziell ist dieser Durst nicht. Dafür sind wir in unseren Breiten – Gott sei Dank – mit Trinkbarem zu gut ausgestattet. Anders sieht es aus mit dem Durst unserer Seele. Dem Durst nach Leben. Dieses Thema hat sich mit Versorgungssicherheit und Wohlstand nicht erledigt. Im Gegenteil. Noch nie ging es Menschen so gut wie uns. Und noch nie war die Zahl psychischer Erkrankungen so hoch wie heute. Wir schwimmen im Überfluss. Trotzdem sitzen so viele innerlich auf dem Trockenen. Wir haben alles, und trotzdem fühlen wir uns leer. Manchmal scheint’s, als würde unser Durst nach Leben umso größer, je mehr wir materiell haben. Wir versuchen, unseren Lebensdurst mit allem Möglichen zu stillen. Aber irgendwie ist das alles nicht nachhaltig. Und manches davon schadet uns auch, sowie das hier (schmutziges Wasser) eher dehydriert als belebt.

 

In der Jahreslosung für das neue Jahr aus Offb 21,6 sagt Gott: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“

 

Richtiger Durst löst Panikgefühle aus. Ich glaube, das gilt auch im übertragenen Sinn. Menschen bekommen Panik, wenn sie das Gefühl haben, ihr Leben ist nichtig. Nix wert. Wird irgendwann im Nichts des Todes verschwinden. Für mich ist das Evangelium das einzig wirksame Antimittel gegen diese Panik. Weil es uns sagt: „Dein Leben ist weder wertlos, noch steht am Ende das große Nichts! Wertlos ist es deshalb nicht, weil Du ein geliebtes Geschöpf Gottes bist. Dass es Dich gibt, verdankst Du nicht nur einem netten Moment im Leben Deiner Eltern plus einer Laune der Natur, sondern Gott, der wollte, dass Du dabei raus kommst. Dein Wertkonto ist von vornherein und auf ewig gedeckt durch Seine Liebe. Und deswegen fällst Du am Ende auch nicht ins Nichts. Wenn Gott Seine Liebe erklärt, dann steht da kein Verfallsdatum dran.“ Auch das zweite Datum auf unserem Grabstein wird nicht das Ende der Beziehung zwischen Ihm und uns sein, liebe Gemeinde. In der Beziehung zu Jesus gibt es erfülltes Leben – hier und jetzt schon, und danach erst recht und ohne Ende.“

 

Gott sagt: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Gott streckt uns Seine Liebe als Durstlöscher für unsere Sehnsucht entgegen. Nur trinken müssen wir noch selber. Sprich: glauben. Wenn einem in der Beziehung zu Gott klar wird: „Der hat so viel für mich investiert, das kann mir nichts und niemand nehmen!“, dann lebt sich’s deutlich entspannter. Das bewahrt uns vor dem Mordsstress, den man hat, wenn man glaubt, das Leben erschöpfe sich in den paar Jahrzehnten zwischen Kreißsaal und Friedhofskapelle. Es befreit uns von dem Druck, alles für sich rausholen zu müssen, koste es die anderen, was es wolle.

 

Fast 850 Millionen Menschen haben nicht die Wahl zwischen diesem Wasser (sauberes Wasser) und diesem (schmutziges Wasser). Die müssen ihren Durst mit sowas löschen (schmutziges Wasser) – wenn überhaupt. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist eins der größten Menschheitsprobleme. Und es wird in Zukunft kaum besser. Deswegen finde ich es einfach nur erbärmlich, dass die Unterhändler von CDU/CSU und SPD in der vergangenen Woche bei ihren Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der großen Koalition sich als erstes mal darauf geeinigt haben, die Klimaschutzziele für 2020 zu kippen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich einige vielleicht jetzt ärgern und denken: „Wieso fängt der jetzt hier mit der Politik an?! Der soll lieber „Amen“ sagen!“ – Nein. Darauf kann ich nicht Ja und Amen sagen.

 

Kurz nach Weihnachten wurde in der Presse die Kritik laut, die Kirche sei zu politisch. Wir Pfarrer sollten das Evangelium verkündigen, anstatt von der Kanzel aus zu politischen Themen Position zu beziehen. Sorry, aber das Evangelium ist politisch. Wo Gottes Wort auf menschliche Wirklichkeit trifft, kann das schlechterdings nicht ohne Folgen bleiben. Wir können die Botschaft, dass jeder Mensch ein geliebtes Geschöpf Gottes und damit unendlich wertvoll ist, nicht privatisieren. Wenn Gott alle Menschen ausnahmslos liebt, ist alles Leben heilig. Hier und jetzt schon auf dieser Erde. Deswegen sind die Lebensgrundlagen anderer Menschen und Völker und die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel nicht verhandelbar. Ich hätte mir von einer neuen Regierung den Mut gewünscht, dafür einzustehen und auch dazuzusagen, dass das für uns in manchen Dingen Verzicht mit sich bringen wird. Wir wissen das sowieso. Und die meisten von uns würden es – glaub’ ich – auch akzeptieren. Das wären – wenn man jetzt umdenkt - Einschränkungen, die für uns noch verkraftbar sind. In den kommenden Generationen sieht das anders aus. Und vom Glauben her wissen wir, dass noch mehr Wohlstand uns auch nicht satter macht und noch mehr Überfluss unseren Durst auch nicht stillt.

 

Unsere Prädikantin Gerdi Eberhard hat im aktuellen Gemeindebrief sehr treffend geschrieben: „An der Quelle Gottes können wir uns satt trinken, ohne anderen das Wasser abzugraben.“ Gebe Gott, dass wir uns diese Botschaft immer wieder reinfahren (sauberes Wasser). Alles andere würde uns nur schaden (schmutziges Wasser). In diesem Sinne – auf ein gutes neues Jahr (aus dem Glas mit sauberem Wasser trinken.) Amen.

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