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Evangelische Kirchengemeinde Vierthäler
Evangelische Kirchengemeinde Vierthäler

Predigtarchiv

Predigt

für den 3. So. n. Epiphanias (So. 23.01.22)

zu Mt 8,5-13

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Oswald

in Manubach. Der Predigt liegt folgender Text aus Matthäus 8,5-13 zugrunde:

 

 

Als Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: „Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“ Jesus sprach zu ihm: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Der Hauptmann antwortete und sprach: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's.“ Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

 

 

Liebe Gemeinde! Nur zweimal wird im Neuen Testament erzählt, dass Jesus sich über etwas wundert: Einmal - im Markusevangelium - wundert Er sich über den Unglauben in seiner Heimatstadt Nazareth, und hier, im heutigen Evangelium aus Mt 8, wundert Er sich über den Glauben des „Hauptmanns von Kapernaum“. Das ist ja auch ein interessanter Typ. Ein Hauptmann, der an seinem Knecht hängt! An einem Sklaven. Nötig hätte er das nicht. Sklaven galten als Gegenstand. Wahrscheinlich hätte er an jeder Ecke einen neuen gekriegt. Als Arbeitskraft war er ersetzbar. Aber offenbar nicht als Mensch. Da liegt eine persönliche Bindung vor. Er ist ihm ans Herz gewachsen. Fast könnte man sagen, dieser Hauptmann ist der perfekte Chef. Menschlich, fürsorglich, besorgt um den Gesundheitszustand seines Untergebenen. Erstaunlich nur, dass er auf seiner Suche nach Hilfe nicht zum Truppenarzt des Heeres geht, sondern zu dem Juden Jesus.

 

Der Hauptmann ist Kommandant einer römischen Militäreinheit. Er steht im Dienst der ungeliebten Besatzungsmacht, die Israel erobert und unterworfen hatte. Er selbst muss kein Römer gewesen sein; man vermutet, er war Syrer. Auf alle Fälle aber aus jüdischer Sicht ein Heide. Ein Ungläubiger. Und dieser römische Militärfunktionär kommt nun zu Jesus und – redet ihn mit „Herr“ an. „Kyrie“, sagt er. Das ist nicht einfach nur eine Anrede, so wie wir sagen: „Guten Tag, Herr Roos, oder „Hallo, Herr Seckler!“ „Kyrios“ ist ein Herrschaftstitel. Eigentlich hätte der Hauptmann das nur zu seinem Chef sagen dürfen. Man merkt also: Er blickt zu Jesus auf. Er stellt auch keine Forderung – als Kommandant der Besatzungsmacht hätte er das durchaus gekonnt. Sondern er bittet Jesus. Als Jesus ihm anbietet mitzukommen, wehrt er ab: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht gesund.“ Der Hauptmann will Jesus keinen Stress machen. Er achtet die religiösen Gefühle der Bevölkerung im besetzten Land. Er weiß, dass Jesus sich nach den Vorschriften des Alten Testaments unrein machen würde, wenn er zu ihm, zu einem Heiden, ins Haus kommt. Er will Ihn nicht in Konflikte bringen.

 

Trotzdem wirkt dieser Mann nicht unterwürfig oder gar anbiedernd. Sein Auftreten ist durchaus selbstbewusst, denn an sich selbst macht er deutlich, was er Jesus zutraut. Er sagt: „Schau mal, bei dir ist das doch ähnlich wie bei mir: Ich hab Leute unter mir, und die müssen mir gehorchen. Wenn ich zu einem meiner Soldaten sag: „Komm her!“, dann kommt der. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.“ Aber der Hauptmann ist sich durchaus auch der Grenzen seiner Macht bewusst. Angesichts der Krankheit, unter der sein Knecht leidet, ist er ohnmächtig. Darauf hat er keinen Einfluss. „Aber den hast Du, Jesus“, sagt er. So wie ich mit einem Wort meine Soldaten springen lassen kann, so kannst du diese Krankheit in die Wüste jagen!“ Und Jesus wundert sich. „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“, sagt er zu denen, die mit ihm unterwegs sind.

 

Glaube begegnet manchmal da, wo man ihn am wenigsten vermutet. Mir passiert das ab und zu bei Besuchen. Da begegne ich Menschen, die habe ich im Leben noch nie in der Kirche gesehen. Aber im Gespräch merke ich: Da ist ein ganz tiefer Glaube (denn das merkt man schon, ob jemand nur fromm tut, oder ob er Gott wirklich etwas zutraut). Glaube begegnet manchmal da, wo man ihn am wenigsten vermutet. Problematisch ist natürlich der Umkehrschluss. Ich bin sicher, ich hätte das als totalen Affront empfunden, wenn ich damals dabei gewesen wäre – als einer von den Jüngern - und mir das hätte anhören müssen: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“. Sie haben doch an Ihn geglaubt, Seine Jünger. Sonst wären sie Ihm nicht nachgefolgt. Und sie  waren Israeliten. Vielleicht wollte Jesus sie herausfordern. Vielleicht hat Ihm die Bedingungslosigkeit und die Demut imponiert, mit der dieser Fremde Ihm die Vollmacht zutraute, einem Menschen zu helfen.

 

Furchtbar jedenfalls ist, dass die christliche Kirche später hergegangen ist und aufgrund dieses Satzes und anderer Sätze behauptet hat, Gott habe Israel verworfen und die Kirche an seine Stelle gesetzt. Diese Behauptung hat sich über Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen festgesetzt und den Boden für Auschwitz mit bereitet. (Am Donnerstag ist es 77 Jahre her, dass dieses KZ, der Inbegriff des Nationalsozialistischen Vernichtungswahns, befreit wurde.) Wir tun gut daran, Jesu Worte nicht als ein Urteil über Israel zu hören, bei dem wir uns selbstgefällig zurück lehnen können, sondern als Mahnung an uns. Denn Jesus spricht die an, die Ihm nachfolgen! Vielleicht würde Jesus heute sagen: „Solchen Glauben habe ich in meiner Kirche bei keinem gefunden!“ Wie steht es denn bei uns mit dem Glauben? Was trauen wir Jesus zu – in unserem Leben? Im Blick auf die, um die wir uns sorgen? Im Blick auf all die Lähmungen und Qualen, die uns vor Augen sind? Im Blick auf die Pandemie und all ihre Begleiterscheinungen? Liegen wir Jesus in den Ohren mit der Bitte um Hilfe? Mit dem Bekenntnis: „Sprich nur ein Wort – und die Dinge werden sich zum Guten wenden?“ Bei allem Respekt vor der Notwendigkeit, Dinge kritisch zu hinterfragen und wissenschaftlich redlich zu bleiben, habe ich doch manchmal den Eindruck, wir haben uns eine derartige Theologie der Skepsis aufgebaut, dass wir sicherheitshalber von Gott gar nicht mehr viel erwarten.

 

Jesus wundert sich über den tiefen Glauben des Hauptmanns. Vielleicht gäbe es in unserem Leben mehr Wunder, wenn wir Jesus mehr Gelegenheit gäben, sich auch über unseren Glauben zu wundern… Vielleicht wundert – oder beeindruckt Ihn auch, dass es diesem Mann nicht um sich selbst geht. Er kommt ja quasi mit einer Fürbitte zu Ihm. Tut das Letzte und Größte, was ein Mensch für einen anderen tun kann: Er bringt seinen kranken Knecht vor Jesus. Vielleicht will Jesus uns auch dazu herausfordern: Für andere zu glauben. Für die, die sich so sehr mit ihrem Leben quälen, dass sie platt am Boden liegen. Dass sie nicht mehr selbst zu Jesus kommen können. Und für sie vor Gott einstehen. Und darauf vertrauen, dass Seine Möglichkeiten noch nicht am Ende sind.

 

Natürlich müssen wir bei allem Bitten damit rechnen, dass Gott frei ist, anders zu handeln, als wir es gerne hätten. Das kann sein. Deswegen hat Jesus selbst ja gebetet: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Auf jeden Fall aber dürfen wir niemanden aufgeben. Und sollten wir uns gelegentlich über den Unglauben anderer wundern – so wie Jesus sich über den Unglauben der Men-schen in Nazareth gewundert hat – dann lasst uns nicht über sie Gericht halten, sondern für sie beten. Wer weiß, vielleicht wundern wir uns dann auch noch manches Mal darüber, was uns an unerwartetem Glauben begegnet. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigttext 23.01.2022
Online-Gottesdienst 2022-01-23 Predigtma[...]
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Predigt

für den 2. So. n. Epiphanias (So. 16.01.22)

zu Ex 33,17b-23

Dankgottesdienst für die 70 und 75jährigen aus den Jahren 2020-2021

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Anna

in Steeg. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Mose 33,17b-23  zugrunde:

 

 

Der HERR sprach zu Mose: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Und Mose sprach: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Und er sprach: „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Und er sprach weiter: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Und der HERR sprach weiter: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

 

 

Liebe Gemeinde! Der Wunsch Gott sehen zu können, ist so alt wie die Menschheit. Auch Mose kannte diesen Wunsch. Der arme Kerl war am Tiefpunkt seiner Karriere, als er jenes Gespräch mit Gott hatte, von dem wir eben in der ersten Lesung gehört haben. Mose – der Mann, dem Gott keinen geringeren Auftrag gegeben hatte, als ein ganzes Volk aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen. Und wie das so ist, wenn man Verantwortung hat – irgendwas geht immer schief. Nachdem der Auszug aus Ägypten endlich vollbracht war, kam nicht etwa hinter der nächsten Kurve das gelobte Land, sondern – 40 Jahre Wüstenwanderung. Und wie das so ist, wenn man Verantwortung hat - vielleicht kennen Sie das aus Ihrem Beruf oder aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit oder auch von zuhause: Irgendeiner ist immer am meckern. „Lieber Sklave in Ägypten als tot in der Wüste!“ schimpften die Israeliten, als das erste Mal das Wasser knapp wurde. Und machten den armen Mose dafür verantwortlich.

 

Die ganze Misere gipfelt schließlich am Berg Sinai. Während Mose oben auf dem Berg die Zehn Gebote entgegen nimmt, reißt unten dem Volk der Geduldsfaden: „Wer weiß, ob der da je wieder runterkommt?! Jetzt ist der schon 40 Tage da oben! Wie lange sollen wir denn warten? Und überhaupt – der mit seinem komischen Gott, den noch kein Mensch gesehen hat – das ist doch alles viel zu vage. Wir machen uns unseren eigenen Gott.“ Und schwups war das goldene Kalb gegossen. Schon von weitem ahnt Mose nichts Gutes, als er vom Berg zurückkommt. In seiner Wut und Enttäuschung zertrümmert er die Steintafeln mit den Geboten und macht das Volk samt seinem Bruder und Stellvertreter Aaron zur Schnecke. Und jetzt? War’s das? Nein. Gott beauftragt denselben Mann wieder. Aber der  kann nicht mehr. Heute würde man von einem Burnout sprechen. In der Situation sagt Mose zu Gott: „Ey Gott, wenn Du willst, dass ich dieses Volk weiter führe, dann lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

 

Wer wollte das nicht verstehen? Was wäre das für eine Hilfe, wenn Gott sich wenigstens mal zeigen würde, wenn Er uns schon in Situationen schickt, die uns mehr als eine Nummer zu groß erscheinen. Dann könnte man sagen: „Ja, ich weiß, den gibt es. Ich weiß es, weil ich Ihn mit eigenen Augen gesehen habe!“ Darum diese Bitte: „Gott, lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Gott reagiert mit Verständnis. Aber in der Sache bleibt es dabei: Gott kann man nicht sehen. Wie sollte das auch gehen, liebe Gemeinde? Alles auf der Erde unterliegt der Begrenzung von Raum und Zeit. Alles, was wir sehen können, definieren wir über Länge mal Breite mal Höhe. Gott unterliegt dieser Begrenzung nicht. Mit Länge mal Breite mal Höhe kommt man Ihm nicht bei. Wie sollte man Ihn dann sehen können? Das ginge nur, wenn wir selbst aus der Begrenzung von Raum und Zeit heraustreten würden. Doch der Preis dafür ist der Tod. Darum gilt heute dasselbe, was Gott dem Mose damals zur Antwort gegeben hat: „Kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

 

Aber – und das ist das Tröstliche – das ist nicht das letzte Wort in dieser Sache. Wir können Gott zwar nicht sehen, aber wir können Ihm hinter her sehen - in dem Sinne, dass wir in Seinen Spuren lesen können. Gott ist nicht sichtbar. Aber die Folgen Seines Wirkens, die sind sichtbar. Das ist wie beim Wind, liebe Gemeinde. Den können Sie auch nicht sehen. Aber Sie sehen, wie er Zweige hin und her bewegt und Blätter vor sich her pustet. So ist das mit Gott auch: Wir sehen nicht Ihn. Aber Seine Spuren. Im Rückblick.

 

Wenn Sie, liebe Jubilarinnen und Jubilare, durch Ihr Haus oder Ihre Wohnung gehen und schauen: „Wie viel Platz habe ich zum Leben? Was stehen das für Möbel? Welche technischen Geräte habe ich, die mir das Leben leichter machen? Wo wasche ich mich morgens?“ Und dann zum Vergleich gedanklich mal zurückgehen in Ihre Kindheit und überlegen: „Wie viel Platz hatte ich damals? Wie sah zu der Zeit das Mobilar aus? Was für Elektrogeräte gab’s da? Wie habe ich mich seinerzeit gewaschen?“ Ich glaube, dann ist ziemlich schnell klar, dass uns im Laufe Ihrer Lebenszeit ein unfassbarer Wohlstand geschenkt wurde, den sich zur Zeit Ihrer Jugend niemand hätte träumen lassen. Das ist Gott hinterher gucken. Das sind Spuren, die Er in Ihrem Leben hinterlassen hat.

 

Vielleicht denken Sie auch noch an andere Erfahrungen, wo Sie im Nachhinein erkannt haben: Da bin ich Gott begegnet. Zum Beispiel bei der Geburt eines Kindes. Vielleicht aber auch in einer Situation, die Ihnen, während Sie drin steckten, ganz und gar nicht so vorkam. Es sind oft gerade die Grenzerfahrungen in unserem Leben, in denen Gott uns nah kommt. Das kann eine berufliche Katastrophe sein, die uns wie Mose zwingt, unser Leben zu überdenken. Eine Krankheit. Die Corona-Pandemie. Oder das Scheitern einer Beziehung, das von einem Lebensentwurf nur noch einen Scherbenhaufen zurücklässt. Manchmal fragt man sich nach so einer Krise: „Wie habe ich das eigentlich durchgehalten?“ Und dann merkt man im Rückblick: Da war eine Kraft am Werk, die nicht aus mir selbst kommt. Das sind Fußspuren Gottes in den Niederungen des eigenen Lebens. Und manchmal geht es noch darüber hinaus, und wir stellen nicht nur fest, dass Gott uns durch die schwersten Stunden durchgetragen hat, sondern uns auch daran hat wachsen lassen.

 

Es ist Gnade, liebe Gemeinde, wenn Gott uns solche Erkenntnisse schenkt. Und so klar Er sagt, dass wir Ihn nicht sehen können, so klar verspricht Er uns eben diese Gnade. „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen“, sagt Er zu Mose. Wir können Gott zwar nicht sehen, aber Er sieht uns. Klingt vielleicht erstmal beunruhigend; wie im Krimi, wenn die Delinquenten bei der Kripo da in diesem Glaskasten sitzen, dessen Wände von innen wie ein Spiegel wirken, aber von außen durchsichtig sind. Ist ein doofes Gefühl. Aber der, der – im Bild gesprochen – da draußen steht und rein guckt – Gott -, schaut mit gnädigen Augen auf uns. Der fragt sich nicht: „Wie kriege ich den klein?“ Sondern: „Wie kriege ich den / wie kriege ich die da raus?“

 

Wir können Gott zwar nicht sehen, aber wir leben unser Leben im Angesicht Seiner Gnade. Er kennt uns. Er weiß, wer wir sind, und Er weiß, wie wir dran sind. Und so unbegreifbar und unsichtbar dieser Gott ist – aus Gnade hat Er für uns Hand und Fuß bekommen in Jesus Christus. In Ihm hat der grenzenlose Gott   sich klein gemacht und begrenzt, damit wir sehen, wie Er zu uns steht: Dass Er mit uns geht und unser Leben mit seinen Begrenzungen, mit seinen Tiefen und Härten teilt. Der unsichtbare Gott ist trotzdem da und trotzdem bei uns. Er sieht uns, und wir dürfen in Seinen Spuren lesen und unser Leben als Weg verstehen, den Gott mit uns geht. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 16.01.2022
Online-Gottesdienst 2022-01-16 Predigtma[...]
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Predigt

für den 1. So. n. Epiphanias (09.01.22)

zu Jes 42,1-9

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Peter

in Bacharach. Der Predigt liegt folgender Text aus Jesaja 42,1-9 zugrunde:

 

 

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker. Ich, der HERR, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich's euch hören.

 

 

Liebe Gemeinde! Manchmal hat man den Eindruck: Wer am lautesten schreit, bekommt die größte Aufmerksamkeit. Wer am meisten Furore macht, macht auch am meisten von sich reden. Und umgekehrt: Je reflektierter jemand ist, je besonnener und differenzierter, desto geringer die Chance gehört zu werden. Das gilt nicht nur für die Berichterstattung in der Corona-Pandemie, das gilt nicht nur auf der Bühne der großen Politik, dasselbe Phänomen findet sich auch in Klassenräumen und Kantinen, auf Schulhöfen und auf Social Media. Da leidet so mancher „ruhiger Vertreter“ still vor sich hin und fragt sich: „Warum fahren eigentlich immer alle auf die größten Blender und Schaumschläger ab? Merkt denn keiner, dass das nur aufgeblasene Hohlfrüchte sind? Warum sieht mich denn keiner? Warum erkennt niemand, was ich für Qualitäten habe?“ Und wer gläubig ist, fragt sich vielleicht, wo Gott da eigentlich steht.

 

Der heutige Predigttext – die erste Lesung vorhin – gibt dazu eine klare Positionsbestimmung. Da ist von einem die Rede, der nicht die Kriterien eines Alphatierchens erfüllt, das das Klassengeschehen oder die Nachrichten beherrscht. „Er wird nicht schreien und rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen“, heißt es von diesem Menschen. Keiner, der Furore macht. Ein wahrer Leisetreter vor dem Herrn. Einer, der einen Fable hat für die, die sonst keiner wahrnimmt, die Mauerblümchen und die Stillen im Lande. Einer, der selbst die Erfahrung kennt, verkannt zu werden, der aber absolut loyal ist. Der ruhig und still, aber entschlossen für das Recht eintritt. „Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat“, sagt Gott über diesen Menschen. Gott selbst hat diesen Fable für die Schwachen. Bei Ihm kommen auch die zu ihrem Recht, die sonst permanent übersehen und übergangen werden, die keine Stimme haben und keine Lobby. Deshalb findet dieser Mensch, den Gott hier als Seinen Knecht anspricht, Gottes Wohlgefallen, weil Er sich eben diese Solidarität Gottes mit den Schwachen zum Lebenselexier macht.

 

Nun bekommt man in der Regel keinen großen Applaus, wenn man sich für Schwache stark macht. Wer sich für das Recht kommender Generationen einsetzt mit dem Hinweis darauf, dass wir unseren Kindern und Enkeln die Erde nicht als verstrahltes und vermülltes Treibhaus zurücklassen dürfen, bekommt den Hass derer zu spüren, die mit unserer aktuellen Art zu leben und zu wirtschaften gut fahren. Dagegen anzustinken kostet ähnlich viel Kraft und Mut wie auf dem Schulhof Partei zu ergreifen für einen Außenseiter, auf dem alle rumhacken. Da ist es schwer, Kurs zu halten und sich nicht beirren zu lassen. Aber der Knecht Gottes aus dem Predigttext, der auf diesem Kurs unterwegs ist, hat Gottes Rückendeckung. Auch, wenn es nicht gut um ihn aussieht - Er „wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte.“

 

Historisch lässt sich leider nicht mehr klären, wer dieser „Knecht Gottes“ war, über den es im Buch des Propheten Jesaja vier liedähnliche Texte gibt; einer davon unser Predigttext. Aber die frühe christliche Kirche hat diese Texte von Anfang an auf Jesus bezogen und in Ihm diesen „Knecht Gottes“ gesehen. Im Evangelium von der Taufe Jesu gibt es eine eindeutige Anspielung auf den Jesajatext, nämlich wo Gott sagt: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

 

So ganz geht die Gleichsetzung Jesu mit diesem Gottesknecht nicht auf, das sei ehrlicher Weise dazugesagt. Fängt schon bei der Begrifflichkeit an: Bei Jesaja nennt Gott diesen Menschen „Knecht“. Bei Seiner Taufe spricht Gott Jesus als „Sohn“ an. Bei Jesaja sagt Gott, er habe diesen „Knecht“ geschaffen. Die Weihnachtsgeschichten von Lukas und Matthäus berichten hingegen, dass Jesus vom Geist Gottes gezeugt wurde, nicht geschaffen, womit die Wesenseinheit und die enge Verbindung zwischen Gott und Jesus und deren Gleichrangigkeit herausgestellt wird. Trotz alledem passt die Beschreibung jenes Unbekannten aus Jesaja 42 verblüffend genau auf Jesus, der die Hinwendung Gottes zu den Stillen und Schwachen gelebt hat. Jesus war nicht um Seinen eigenen Ruhm besorgt, sondern ist für Gottes Recht auf dieser Erde eingetreten, das eben auch dem Lebenschancen einräumt, über dem die Welt den Stab bricht. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Bei Jesus gibt es keine verlorenen Fälle, liebe Gemeinde. Bei Jesus gibt es keine verlorenen Fälle, sondern eine glasklare Option für alle geknickten und gebrochenen Persönlichkeiten. Und genau in diesem Deal steckt Gott. Das ist das unfassbare an Weihnachten, dass der, der Himmel und Erde gemacht hat, und ohne den kein Mensch auch nur einen einzigen Atemzug tun könnte, dass der sich so klein macht und sich eben für diesen Weg entscheidet. Es ist nicht Gottes Wille, von oben nach unten durchzuregieren, mit harter Hand durchzugreifen und alle aus dem Weg zu räumen, die nicht nach Seiner Pfeife tanzen. Sein Favorit ist der sensible Typ, der Unauffällige, der Leise, der aber treu und loyal eintritt für das Recht, so wie Gott es sieht und versteht: Das Recht eines jeden Menschen sein zu dürfen. In Jesus begegnet uns Gott. Er will Seine Ehre keinem anderen geben, heißt es bei Jesaja. Alles andere als dieser Weg, den Jesus geht, wäre Götzendienst. Alle Verehrung von Schreihälsen und Wichtigtuern, alles Anbeten von selbsternannten Führern und Heilanden ist eine Abkehr von Gott.

 

Die Hinwendung zum Einzelnen, so wie Jesus sie gelebt hat, das Interesse gerade auch an den Randfiguren der Gesellschaft – das bringt Heil in diese Welt. In Jesus ist der bei Jesaja beschriebene Typ gekommen, der die Augen der Blinden öffnet, die Gefangenen aus dem Gefängnis führt und die Menschen im Dunkeln zum Leben im Licht befreit. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, sagt Jesus in der Jahreslosung für 2022 aus Joh 6,37. Darum bezeichnet Gott Ihn als „Licht der Heiden“, weil Seine Sendung nicht einem exklusiven Adressatenkreis gilt, sondern allen – also inklusiv ist. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Die Botschaft Jesu gilt jedem Menschen: „Du darfst sein!“ Sie gilt auch den Krachschlägern und Wichtigtuern. Sie müssen nur lernen, dass Gott höher steht als sie und dass andere auch ein Recht auf ein würdiges Dasein haben. Es sind nicht nur Hirten nach Bethlehem gekommen, sondern auch Könige. Aber die drei hohen Herren aus dem Morgenland gehen vor dem Kind in der Krippe auf die Knie – in einer Reihe mit den Normalos, die vor ihnen da waren.

 

Gottes Aufmerksamkeit ist allen sicher. Das tröstet mich, wenn ich mich mal wieder des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Lauten die meiste Aufmerksamkeit kriegen und die Wichtigtuer andere an den Rand zu drängen versuchen. Jesus hat gezeigt, wie Gott dazu steht. Amen.

 

 

Predigttext vom 09.01.2022
Online-Gottesdienst 2022-01-09 Predigtma[...]
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Predigt

für Silvester (31.12.21)

zu Mt 13,24-30

 

Liebe Gemeindeglieder! Der Online-Gottesdienst zu Silvester kommt aus der Kirche St. Peter

in Bacharach. Der Predigt liegt folgendes Gleichnis Jesu aus  Matthäus 13,24-30 zugrunde:

 

 

Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?“ Er sprach zu ihnen: „Das hat ein Feind getan.“ Da sprachen die Knechte: „Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?“ Er sprach: „Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.“

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Wer einen Garten hat, weiß, dass da Dinge wachsen, die man nicht gesät hat. Diese ärgerliche Erfahrung verbindet Hobbygärtner und Landwirte quer durch alle Zeiten. „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?“ fragen die Knechte in dem Gleichnis von vorhin den Landwirt. Der antwortet lapidar: „Das hat ein Feind getan.“ Interessant ist, dass der Bauer diesem Feind keine weitere Beachtung schenkt. Er erstattet keine Anzeige gegen Unbekannt, versucht auch nicht, dem ominösen Widersacher aufzulauern und ihn unschädlich zu machen. „Willst du, dass wir hingehen und das Unkraut ausjäten?“ fragen die Knechte weiter. Wäre ja irgendwie naheliegend. Aber vom Chef kommt ein klares „Nein!“ Die Kollateralschäden könnten am Ende größer sein als der Nutzen dieser Säuberungsaktion. Im Frühstadium des Wachsens lässt sich nicht immer trennscharf erkennen, was guter Same ist und was unliebsamer Wildwuchs. Schon mancher Hobbygärtner hat mit botanisch verengtem Blick kostbare Pflanzen ausgerissen, weil er sie für Unkraut hielt… Die Aussortierung nach dem Prinzip: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ erfolgt erst bei der Ernte, verfügt der Bauer.

 

Wozu erzählt Jesus diese Geschichte, liebe Gemeinde? Eine Lehrstunde zum Thema Weizenanbau sollte das vermutlich nicht werden. In Mt 13 stehen gleich mehrere Gleichnisse, in deren Bildhälfte es um Saat und Ernte geht. Auf der Sachebene wollte Jesus Seine Anhänger damit auf die Erfahrung vorbereiten, dass nicht jeder Invest in das Reich Gottes zu 100% gute Frucht bringt. Da geht auch manches daneben. Da kommt es zu Fehlentwicklungen und zu Totalausfällen. Da taucht manches auf, was so nicht geplant war und unschön ist. „Unkraut“ eben. Und Jesus warnt Seine Jünger: „Bitte, liebe Leute, versucht nicht, die „reine Kirche“ zu schaffen oder gar zu glauben, ihr könntet in ihr das Reich Gottes auf Erden errichten. Hütet Euch vor einem Rigorismus, der das Kind mit dem Bad ausschüttet. Der mehr kaputt macht als bewahrt. Der Leben zerstört anstatt es zu schützen.“

 

Wo immer Menschen versucht haben, der Herrschaft Gottes auf die Sprünge zu helfen und das Böse auf eigene Faust auszumerzen, war das die Hölle auf Erden für diejenigen, die den führenden Persönlichkeiten nicht in den Kram passten. Dafür muss man gar nicht mit dem Finger auf die Islamisten zeigen mit ihrem „Dschihad“, dem „Heiligen Krieg“ gegen die Ungläubigen. Es ist in der christlichen Kirche auch nicht bloß ein Problem der Katholiken mit ihren Ketzerprozessen und Hexenverbrennungen. Inquisition gab es auch auf evangelisch. Der Reformator Johannes Calvin, eigentlich ein kluger Kopf mit guten theologischen Erkenntnissen, hatte 1541 in Genf gemeinsam mit dem Stadtrat einen evangelischen Gottesstaat errichtet. Als da eines Tages leichtsinniger Weise der Humanist Michael Servet bei ihm im Gottesdienst saß, der die Trinitätslehre leugnete, hat Calvin ihn denunziert und dafür gesorgt, dass er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Ein „Kollateralschaden“ der Reformation.

 

Mit Seinem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen fordert Jesus uns heraus und sagt: „Niet!“ zu allen Säuberungsbestrebungen. Nicht Rigorismus ist Seine Antwort auf „Unkraut“, sondern Gelassenheit und Vertrauen. „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte“, sagt Er, „und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.“ Das endgültige Urteil über gut und böse, über richtig und falsch, über brauchbar und nutzlos trifft Gott, liebe Gemeinde, und sonst keiner. Das ist nicht unsere Baustelle. Gott sei Dank!

 

Im Hintergrund steht bei diesem Gleichnis die Frage: „Wie sollen wir damit umgehen, wenn die Dinge anders laufen, als wir uns das vorstellen? Wenn Störfaktoren auftreten, die aus unserer Sicht der guten Sache schaden? Es ist furchtbar und beschämend, wenn Missbrauchsfälle im großen Stil das Vertrauen in „die Kirche“ zerstören. Ich ärgere mich und bin traurig, wenn frühere Konfirmand*innen aus der Kirche austreten. Oder Leute, die mal in unserer Jugendarbeit aktiv waren. Oder wenn Menschen, die ich eigentlich für ganz vernünftig gehalten habe, auf einmal auf hanebüchene Verschwörungsmythen abfahren und sich als Widerstandskämpfer verstehen, deren Widerstand sich aber gegen Maßnahmen richtet, die einfach nur Menschenleben schützen sollen. Ja, das macht mich ärgerlich und ratlos. Aber die Menschen einfach einzuteilen in gut und böse, in „Weizen“ und „Unkraut“, das wäre arg billig.

 

Jeder, der halbwegs ehrlich mit sich selbst ist, weiß, dass auch in uns beides steckt. Dass neben dem Guten, das Gott in uns hineingelegt hat, auch manch Krudes wächst. Dass auch wir nicht der perfekte Ackerboden für Gottes neue Welt sind, merkt man zum Beispiel, wenn es beim Beten nicht zur beglückenden Begegnung mit Gott kommt, sondern einem die Gedanken wie Kraut und Rüben durch den Kopf schießen. Sensible Menschen leiden unter dieser Zerrissenheit, unter der Ambivalenz der eigenen Person, unserer Kirche und unserer Gesellschaft. Man wünschte sich manchmal, man könnte das Störende, das Destruktive, das in unseren Augen Falsche einfach ausmerzen. Aber Jesus sagt: „Lasst es! Lasst beides miteinander wachsen. Gott wird sich darum kümmern, wenn es an der Zeit ist!“

 

Das heißt nicht, grundsätzlich alles laufen zu lassen. Die Menschen manchen zu lassen, was sie wollen. Das wäre Anarchie. Wo Menschen zusammen leben, muss man sich auf Regeln verständigen, die Leben schützen, und diese dann auch durchsetzen und Auswüchse des Bösen sanktionieren. Was Jesus aber in meinen Augen sagen will, ist, dass wir nicht jeden Störfaktor ausschalten können. Das Reich Gottes wächst unter den Bedingungen dieser Welt. Aber es wächst. So wie der Weizen im Gleichnis. Der wächst ja auch – trotz Unkraut. Am Ende wird es eine Ernte geben. Dann entscheidet Gott, was „entsorgt“ werden kann und was zukunftsfähig ist für die Ewigkeit. Wenn Gott richtet, dann ist das kein Aburteilen, sondern ein Zu-rechtbringen. Gottes Gericht bringt zurecht, was durcheinander ist. Es heilt, was kaputt ist – in der Gesellschaft, in unserer Kirche, in uns.

 

Auch im neuen Jahr wird in Gärten und auf Feldern Unkraut wachsen. Auch im neuen Jahr wird es Menschen geben, die abstrusen Verirrungen auf den Leim gehen. Auch im neuen Jahr wird uns die Erfahrung nicht erspart bleiben, dass sich dummes Zeug in unseren Gedanken wie eine Wolkendecke zwischen Gott und uns schiebt. Aber wir dürfen aus diesem Silvesterabend die Aufforderung Jesu mitnehmen, gelassen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass Gott uns und die Dinge zurecht bringt und dass Seine Saat aufgeht – allem Unkraut zum Trotz. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 31.12.2021
Silvester
Online-Gottesdienst 2021-12-31 Predigtma[...]
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Predigt

für Weihnachten (Sa. 25. / So. 26.12.21)

zu Hebr 1,1-3

 

Liebe Gemeindeglieder! Der Online-Gottesdienst zu Weihnachten kommt aus der Kirche

St. Anna in Steeg. Der Predigt liegt folgender Text aus Hebräer 1,1-3 zugrunde:

 

 

Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Letztes Jahr im Dezember gab es hitzige Diskussionen um das Thema Weihnachtsgottesdienste. Vielleicht erinnern Sie sich noch. Da kam teilweise eine Menge Unverständnis und Empörung zur Sprache, so nach dem Motto: „Alle anderen machen nix, nur die Kerch braucht mal wieder 'ne Extrawurst! Die sollen gefälligst alles absagen, wie alle anderen auch!“ Teilweise wurde das sogar als Akt der Solidarität angemahnt: Weil in den Vereinen, Betrieben und im Einzelhandel alles schließen musste, sollte die Kirche auch die Schotten dicht machen. Wer mich kennt, weiß, dass mir Solidarität am Herzen liegt. Aber das, was da vorgeschlagen wurde, ist – wie ich finde - ein äußerst merkwürdiges Verständnis von Solidarität - wenn wir als Kirche uns gerade in der Not zurückziehen würden.

 

Stellen Sie sich mal vor, der Doktor in Bacharach wäre im ersten oder zweiten Lockdown auf die Idee gekommen zu sagen: „Och, der Friseursalon und die Gaststätten dürfen nicht mehr aufmachen. Da ist das doch irgendwie unfair, wenn meine Praxis immer noch offen ist. Da mache ich lieber auch zu!“ Was meinen Sie, was dann los gewesen wäre! Solange man keinen Arzt braucht, ist alles schön und gut. Aber wehe dem, Sie brauchen ihn doch! Genauso gibt es Menschen, die brauchen Gott und den Gottesdienst - oder, genauer gesagt: Denen ist bewusst, dass sie Gott und Gottesdienst brauchen. Die können wir nicht im Stich lassen. Wir haben einen Versorgungsauftrag. Den Auftrag unseres Herrn, Sein Evangelium, Sein gutes Wort auszurichten an alles Volk - zur Zeit und zur Unzeit.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin nicht der Meinung, dass man auf Biegen und Brechen jeden Präsenzgottesdienst durchführen muss, als würde Corona einen Bogen um unsere Kirchen machen. Haben wir ja schlussendlich dann auch nicht getan, als pünktlich zum Heiligen Abend Corona-Fälle in der Gemeinde bekannt wurden. Da haben wir alle Gottesdienste abgesagt. Alles andere wäre nicht zu verantworten gewesen. Aber ich bin so dankbar, dass wir hier in der Bundesrepublik eine Verfassung haben, die die Ausübung des Glaubens und eben auch die gemeinschaftliche Ausübung des Glaubens so wichtig nimmt und schützt. Und ich bin dankbar, dass wir heute Morgen an diesem Weihnachtstag Gottesdienst feiern können. Es wird ja keiner gezwungen zur Kirche zu gehen. Genauso wie keiner gezwungen wird zum Aldi zu gehen oder zu Rewe, bloß weil die trotz Corona geöffnet haben.

 

Es gibt Menschen, die wissen, dass sie Gott und Sein Wort brauchen. Und die wissen auch, dass man sich bestimmte Dinge nicht selber sagen kann. Die Hirten in der Weihnachtsgeschichte sind ja auch nicht von selbst auf die Idee gekommen, dass ihnen der Heiland geboren worden sein könnte. Sie brauchten einen Engel, der sie nach Bethlehem geschickt und gesagt hat: „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Und wenn die Jungs sich daraufhin nicht auf den Weg gemacht hätten, dann wüssten wir vielleicht bis heute nichts von dem, was da geschehen ist in Bethlehems Stall. Denn die Hirten wurden nach ihrem nächtlichen Besuch in Bethlehem zu Multiplikatoren: „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war“. Das heißt, die, denen die Hirten die Weihnachtsbotschaft weitergesagt haben, denen ist kein Engel erschienen. Die haben das von Menschen erfahren, von ganz einfachen normalen Leuten. Ohne Begegnung, ohne Kommunikation wäre da nichts gewesen.

 

Gottes Wort kommt in Menschenwort zu uns, liebe Gemeinde. Das war schon vor Weihnachten so. „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ Mit diesen Worten beginnt der Predigttext aus Hebräer 1; wir haben ihn vorhin gehört. Das heißt: Gott spricht durch Menschen, und das Ganze gipfelt darin, dass Er selbst einer wird. Gottes Wort, dem die Welt ihr Dasein verdankt, wird Mensch. Das ist so krass, dass man das immer wieder hören muss. Dass es nicht reicht, das mit sich auszumachen. Gott wird Mensch. Das ist Weihnachten. Und das bedeutet, Gott kommt zum Hausbesuch in die Welt.

 

„Ich bin der Herr, dein Arzt!“ sagt Gott in 2 Mose 15,26. Und die Krippe ist sozusagen das Impfzentrum, das Er aus dem Boden gestampft hat. Ein Impfzentrum gegen ein tödliches Virus, das viel älter ist als Corona und gegen das immer noch keine Herdenimmunität besteht. Nicht Covid 19, sondern Adam 1. Besser bekannt unter dem Namen „Sünde“. Sünde - das ist, man kann es nicht oft genug sagen, nicht der zu üppig ausgefallene Weihnachtsbraten am Heiligen Abend oder das zu viel gegessene Stück Sahnetorte am 1. Feiertag. Die konkreten Fehltritte (auch moralischer Art) sind sozusagen die Symptome dieses Virus. Seine DNA aber ist die innere Haltung, die sagt: „Ich bin mir selbst genug. Ich brauche keinen Gott!“ Das, diese Lossagung von Gott, das ist Sünde.

 

Es gibt unbenommen viele Menschen, die lange ohne irgendwelche Beschwerden mit diesem Virus leben können. Solange alles seinen Gang nimmt, so lange alles glatt läuft, scheint alles in bester Ordnung. Aber die letzten beiden Jahre haben uns gezeigt, wie verletzlich das Leben ist. Wie wenig wir die Dinge selbst in der Hand haben. Wie aufgeschmissen wir sind, wenn auf einmal nicht mehr alles seinen Gang geht. Wenn Gesundheit und Lebensunterhalt in Gefahr sind und Kontaktbeschränkungen einen in die Einsamkeit treiben. Manche Menschen haben in den letzten 22 Monaten gemerkt, dass sie den Arzt brauchen. Nicht nur den in der Koblenzer Straße, sondern den, der in Bethlehem seine Bodenstation aufgeschlagen hat.

 

Jetzt kann man natürlich sagen: Ist doch alles gut! Gott ist Mensch geworden, Er ist zu uns gekommen. Aber was brauche ich dafür die Kirche oder einen Gottesdienst? Es stimmt: Gott kommt zu uns. Und trotzdem muss man sich auf den Weg machen. Gott hat den Hirten das Jesuskind nicht auf dem Feld vor die Füße gelegt. Er hat gesagt: „Ihr werdet finden das Kind…“ - aber dazu muss man sich aufmachen und es suchen. Glaube ist immer beides, liebe Gemeinde: Gott kommt zu uns - von sich aus, aus freien Stücken, in unsere Welt, in unser Leben. Und wir sind herausgefordert uns aufzumachen. Den Alltagstrott zu verlassen, uns einladen zu lassen an die Krippe unseres Herrn zu kommen, uns unter das Wort zu stellen und uns von diesem Wort impfen zu lassen, damit das Virus Adam 1 (alias Sünde) keinen tödlichen Verlauf nimmt. Gott spricht auf vielerlei Weise. Der Gottesdienst ist eine davon, und - wie ich finde - eine unverzichtbare. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 26.12.21
Online-Gottesdienst 2021-12-26 Predigtma[...]
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Predigt

für Heiligabend (24.12.21)

zu Lk 1,26-38

 

Liebe Gemeindeglieder! Die diesjährige Online-Christvesper kommt aus der Kirche

St. Moritz in Oberdiebach. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 1,26-38 zugrunde:

 

 

Der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 

 

Liebe Gemeinde! Was für ein Satz! „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Ob Maria geahnt hat, worauf sie sich da einlässt?! Die Mutter von Gottes Sohn zu sein ist sicher eine große Ehre, aber bestimmt kein Zuckerschlecken. Da muss man gar nicht mal direkt an das dicke Ende der ganzen Geschichte denken. Maria sieht das erste dicke Problem schon ziemlich zeitnah auf sich zukommen: „Wie soll das zugehen, wo ich doch von keinem Manne weiß?!“ Stress mit dem Verlobten ist da wohl vorprogrammiert, wenn sie ihm eröffnen muss: „Du, äh – ich bin schwanger – aber –nicht von Dir!“ Verschweigen ist auch keine so gute Idee. Wenn erstmal der Heißhunger auf saure Gurken einsetzt… Oder spätestens, wenn sich erste Anzeichen eines kleinen Bäuchleins zeigen würden, der nicht auf erhöhten Konsum von Lebkuchen und Zimtsternen zurückzuführen sein konnte…

 

Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es war. Marias kompletter Lebensentwurf ist auf den Kopf gestellt – um nicht zu sagen, über den Haufen geworfen. Irgendwie will es einem kaum in den Kopf, dass Maria nicht zu Gabriel sagt: „Hör mal, weißt Du was? Sag dem lieben Gott 'nen schönen Gruß, er soll sich bitte 'ne andere suchen. Das der da mit mir vorhat, ist mir too much. Für so’ ne Aktion stehe ich leider nicht zur Verfügung!“ Macht sie aber nicht. Stattdessen sagt sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Warum? Eine junge Frau, die das Leben noch vor sich hat, noch lang keine 20.

 

Vielleicht hat Maria trotz des Schreckens, den Gabriel ihr mit seinem Aufkreuzen eingejagt hat, gehört, was er ihr für einen Zuspruch mitgebracht hat: „Sei gegrüßt, du Begnadete. […] Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Zweimal kommt in der kurzen Ansage des Engels das Wort Gnade vor. Auf Griechisch: cariV. Vielleicht klingelt’ s da jetzt bei Ihnen. Charis - daher kommt unser Wort Charisma. Ein Charisma ist eine Gnadengabe, eine Begabung. Wenn Gott Aufträge erteilt, dann gibt er uns auch die Befähigung dazu und die nötige Kraft ihn umzusetzen.

 

Und – nebenbei bemerkt – es ist Gnade, wenn man seinen Platz im Leben findet. Für viele junge Menschen ist das echt schwer. Die quälen sich mit der Frage: „Wie will ich leben? Was soll ich machen? Wo geht die Reise für mich hin?“ Es ist Gnade, wenn man auf diese Fragen eine Antwort findet. Wenn Gott einem seinen Platz im Leben zeigt.

 

Manch einer von Ihnen kann vermutlich aus der eigenen Biografie heraus bestätigten, dass man zuweilen an einen Auftrag oder gar zu seiner Lebensaufgabe kommt buchstäblich wie die Jungfrau zum Kinde. Zum Beispiel bei der Pflege von Angehörigen. Da fällt die Mutter oder Schwiegermutter - bis dato kerngesund - die Treppe runter, kommt nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus zurück und ist vom einen Tag auf den anderen ein Pflegefall. Und Sie sagen: „Na okay, wir versuchen das erstmal zuhause.“ Und aus dem „erstmal“ werden acht Jahre. Oder – da ist ein junger Mann, der wollte immer Koch werden. Aber dann: Schulabschluss 2020, Pandemie, Kurzarbeit in der Gastronomie, keine Lehrstelle. Weil er nicht nichts tun will, sagt er sich: „Na gut, mach ich mal zur Überbrückung ein Praktikum im Kindergarten.“ Und stellt nach wenigen Tagen fest: „Ey, das ist es überhaupt!“

 

Nicht immer sieht und hört man bei so einer Erkenntnis den Engel Gabriel zu sich sprechen. Und doch glaube ich, dass Gott Seine Finger im Spiel hat. Dass sich so manche Lebensaufgabe Seinem Ruf verdankt. Und wenn Gott uns ruft und wir uns Seinem Ruf stellen wie Maria, dann geht das nicht „ein bisschen“. „Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!“ schreibt der Apostel Paulus in Röm 12,1.

 

Geht das nicht zu weit? Das ganze Leben Gott zur Verfügung stellen – grenzt das nicht an religiösen Fanatismus? Ja, dieser Ruf zum Gehorsam (so nenn ich das jetzt mal) ist geeignet zum Missbrauch. Und das ist leider auch oft genug passiert, dass die Dienstbereitschaft von Menschen ausgenutzt wurde. Junge muslimische Fanatiker zünden Sprengstoffgürtel an ihren Hüften im Namen Allahs. Und – das sei der Ehrlichkeit hinzugefügt – ähnlich bekloppt waren Christen in früheren Zeiten auch, als sie mit wehenden Fahnen zu Kreuzzügen aufgebrochen sind. Aber wenn man den gehörten Auftrag konsequent überprüft und rückbindet an den Auftraggeber, müsste ziemlich schnell klar werden: Gewalt hat mit dem Auftrag Jesu nichts zu tun.

 

Gabriel kommt im Auftrag des Herrn zu Maria, der sich klein macht. Wehrlos. So klein und so wehrlos, dass Er eine Mutter braucht, die Ihn an die Brust nimmt, die Ihm die Windeln wechselt, die Ihm die Hand hält, wenn er zum ersten Mal auf den eigenen kleinen Füßchen über den Boden dieser Welt wackelt. Die ganz für Ihn da ist. Das ist Menschwerdung, liebe Gemeinde. Das ist Weihnachten. Gott wird Mensch. So radikal, dass Er eine Mutter braucht, die Ihn zur Welt bringt.

 

Die Berufung, die Marias Leben verändert, ist nicht Ausdruck von religiösem Fanatismus, sondern einfach nur Liebe pur. Und – egal jetzt mal, wie das konkret bei jeder und jedem einzelnem von uns aussieht – zu diesem Dienst sind wir auch gerufen. Zum Dienst der Liebe. Gott will auch durch uns zur Welt kommen. Er braucht uns quasi als Air-Base, als Bodenstation, von der aus Er in diese Welt hinein wirken kann. Gerade jetzt, wo im Telegram-Stil so viel Hass und Hetze verbreitet wird. Wo Menschen offen zu Gewalt aufrufen und verbale Gewalt zumindest in den sozialen Medien zum Alltag geworden ist. Da braucht es Menschen, die sagen: „Nö, dafür stehe ich nicht zur Verfügung! Ich will es machen wie Gott: Mensch werden. Menschlich werden und entsprechend mit anderen umgehen.

 

Gott will durch uns zur Welt kommen. Gebe Gott uns die Gnade, dass wir dann - ähnlich wie Maria – sagen können: „Okay, Herr, wenn das Dein Wille für mein Leben ist –ich bin bereit!“ Amen.

 

Predigttext 24.12.21
Heiligabend
Online-Gottesdienst 2021-12-24 Predigtma[...]
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Predigt

für den 4. Advent (19.12.21)

zu 2 Kor 1,18-22

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst

kommt aus der Kirche St. Oswald in Manubach.

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Kennen Sie das aus Vor-Corona-Zeiten? Da laden Sie jemanden zum Geburtstag ein, aber es kommt keine Reaktion. Sie fragen noch mal nach: „Hör mal, wie ist das jetzt mit Dir? Kommst Du?“ Und als Antwort kriegen Sie ein entschiedenes: „Vielleicht. Ich muss mal gucken…“ Noch schöner ist es, wenn der Eingeladene zusagt, aber dann in letzter Sekunde abspringt oder einfach wegbleibt.

 

Unverbindlichkeit ist ein großes Problem. Viele Menschen tun sich schwer, sich festzulegen. Man will sich alle Optionen offen halten. Dabei sehnen sich die meisten Menschen nach Verlässlichkeit, wünschen sich Leute um sich herum, bei denen sie wissen, wo sie dran sind. Bloß – diesen Anspruch gegenüber anderen selber einzulösen, das fällt gar nicht so leicht. Es ist nicht nur der oft beklagte zu große Freiheitsdrang, der dem im Weg steht. Es sind manchmal auch einfach die eigenen Grenzen, die einen unverbindlich werden lassen. Das Überfordertsein mit anstehenden Entscheidungen, ein innerer Entscheidungsprozess, der noch nicht ausgereift ist, oder manchmal auch einfach Vergesslichkeit. Das passiert, dass man jemandem etwas zusagt, und am Ende kann man es nicht halten, weil einem was dadurchgegangen oder weil etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen ist. Das kann einem den Vorwurf einbringen, man sei unzuverlässig. Und dann steht man unversehens auf der anderen Seite.

 

So ist es dem Apostel Paulus gegangen bei seiner Gemeinde in Korinth. „Auf den ist kein Verlass!“ hieß es da. „Sagt Ja, aber meint Nein. Den kann man doch nicht mehr beim Wort nehmen!“ Hintergrund war genau die Situation, von der ich gerade sprach: Ein geplatzter Besuch von Paulus in Korinth. Eine Absage, nachdem er eigentlich versprochen hatte zu kommen. Jede Absage ist eine Frustration, eine persönliche Enttäuschung. Das konkrete „Nein“ zu einem bestimmten Anlass empfindet der, den’s trifft, schnell als grundsätzliches Nein zur eigenen Person. Und da das Verhältnis zwischen Paulus und den Korinthern eh nicht so ganz einfach war, kam es, wie es kommen musste. Schupp die wupp hieß es: „Was soll man dem überhaupt noch glauben von seinem ganzen Gepredige?“

 

Paulus wehrt sich gegen die Vorwürfe. Und man merkt, wenn man den Anfang des 2 Kor liest, wie ihn das wurmt, dass es Leute gibt, die aufgrund einer konkreten Enttäuschung das Kind mit dem Bad ausschütten und ihm grundsätzlich die Glaubwürdigkeit absprechen - gerade auch im Blick auf seine Botschaft. In 2 Kor 1,18-22 schreibt er:

 

 

„Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.“

 

 

Im Zentrum der Reaktion des Apostels auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe steht nicht der Versuch, sich selbst ins rechte Licht zu rücken, sondern der Hinweis auf die Verbindlichkeit Gottes. „Es geht hier um mehr als um meine Person“, sagt Paulus damit also. Mag sein, dass ich Euch enttäuscht habe. Aber das ist kein Grund, an der Glaubwürdigkeit dessen zu zweifeln, was wir euch verkündigt haben. Der, von dem Ihr durch mich erfahren habt, Jesus Christus, ist nicht Ja und Nein zugleich!“

 

Ich finde diese Unterscheidung ganz wichtig – gerade in Zeiten, wo der christliche Glaube so in den Dreck gezogen wurde, weil Teile von Gottes Bodenpersonal unglaublich viel Unheil angerichtet haben. Was da geschehen ist an Missbrauch, an Demütigung, an Ausnutzen von Abhängigkeiten und Perversion der Boschaft der Liebe zum eigenen Vorteil, das ist nicht die Art, mit der Gott Menschen begegnet. Und ich hoffe und bete, dass Menschen das trotz allem zu unterscheiden vermögen. Dass sie trotzdem die wahre Botschaft noch hören können: Gottes ungetrübtes Ja zu uns.

 

Gott hat sich festgelegt. In dem Kind in der Krippe. Er hat sich kein Hintertürchen offen gehalten. Er hat sich in Sei-ner Liebe zu uns Menschen im wahrsten Sinne des Wortes festnageln lassen – am Kreuz von Golgatha. Jesus ist Gottes unumwundenes und eindeutiges „Ja!“ zu seinen Menschen. Auf dieses „Ja“ Gottes kann man getrost „Amen“ sagen, schreibt Paulus. „So ist es!“

 

Das „Amen“ im Gottesdienst heißt heute wie damals nicht, „Ja und Amen“ zu sagen zu allem, was der Pfarrer von sich gibt. Das „Amen“ ist unsere gemeinsame Antwort auf Gottes „Ja“ zu uns. Wer „Amen“ sagt, der schlägt sozusagen ein. „Amen“ sagen ist, wie einen Vertrag unterschreiben, einen Brief in den Briefkasten werfen, bei einer E-mail auf „Senden“ drücken. Jetzt ist es definitiv. Wer „Amen“ sagt, bestätigt, was er im Gebet gesagt oder aus der Bibel gehört hat. „Amen“ heißt nicht: „Kann sein. Könnte aber auch anders sein.“ Amen heißt: „Ja, das glaube ich, und darauf verlasse ich mich!“ Das „Amen“ ist ein Reflex auf das „Ja!“ Gottes zu uns. Ein Reflex, der dann aber die Herausforderung beinhaltet, uns von der Verbindlichkeit Gottes anstecken zu lassen.

 

Gott befähigt uns unstete und flüchtige Menschen, selber verbindlich zu werden. „Gott ist’s, der uns fest macht“, schreibt Paulus. Er gibt den Mut, uns für das Leben zu entscheiden, anstatt aus Angst vor Entscheidungen das Leben zu verpassen. Er gibt uns den Mut, uns festzulegen, anstatt uns immer ein Hintertürchen offenzuhalten, uns zu entscheiden für ein Leben mit Ihm, für einen Lebensentwurf, für einen anderen Menschen, für einen Beruf. Gott macht uns frei, uns zu binden. Wo das geschieht, ist der Heilige Geist am Werk. Der vermittelt uns die Gewissheit, dass Gott es ernst mit uns meint. Dass Er sich in Jesus Christus an uns gebunden hat - nicht „bis dass der Tod uns scheidet“, sondern so, dass selbst der Tod uns nicht mehr von ihm scheiden kann. Der Heilige Geist ist so etwas wie eine Anzahlung für das, was noch kommt, ein spürbares Zeugnis von Gottes „Ja“ zu uns. Wo dieser Geist weht, weicht die Angst, was zu verpassen, der Gewissheit, dass das Wesentliche noch aussteht, und dass Gott damit auf uns wartet. Das ist Leben in adventlicher Erwartung. Advent ist mehr als die Vorfreude auf Weihnachten. Es ist die Erwartung, dass Gott kommt, und dass Sein verbindliches „Ja!“ zu dieser Welt  die Welt erlöst von ihrer tödlichen Unverbindlichkeit.

 

„Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt! Und noch einmal sage ich: Freut euch! Alle in eurer Umgebung sollen zu spüren bekommen, wie freundlich und gütig ihr seid. Der Herr kommt bald!“ hieß es eben in der ersten Lesung. Und Grund zur Freude haben wir. Weil wir damit rechnen dürfen, dass dieser Gast ganz bestimmt kommt und uns garantiert nicht versetzt. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigttext zum 4. Advent
19.12.2021
Online-Gottesdienst 2021-12-19 Predigtma[...]
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Predigt für den 3. Sonntag im Advent, 12.12.2021 Oberdiebach ü/ Jesaja 40 1-11

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

die heute gehörte alttestamentliche Lesung liegt der Predigt zugrunde. Dieser Textabschnitt, wurde fast 600 Jahre vor der Geburt Jesu durch den Prophet Jesaja im Auftrage Gottes, dem Volk Israel als gute und tröstende Botschaft zugesprochen. Der erste Satz dieses Textes könnte heute in unsere derzeitige Situation hineingesprochen worden sein. Nämlich: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. So aktuell kann Gottes Wort sein. Gottes Wort hat auch heute noch die Kraft uns Menschen zu trösten, wenn wir uns vertrauensvoll darauf einlassen.

 

Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts brauchen Trost, vielleicht derzeit noch mehr als sonst. Wir sind nicht wie große Teile des jüdischen Volkes in babylonischer Gefangenschaft zu denen der Prophet Jesaja spricht, wir sind in einer anderen Gefangenschaft. Ich weiß, man mag es nicht mehr hören. Aber die derzeitige Corona-Pandemie nimmt auch uns gefangen. Unser ganzes Denken und Handeln. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, es wird von diesem Virus bestimmt.

Und dann hören wir heute Morgen: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Sprecht den Leuten aus Jerusalem Mut zu, und ich füge an, und auch den Menschen, die heute hier im Gottesdienst, und all denen, die sich im Glauben an ihn halten: Gott sagt, unsere Schuld ist vergeben. Er fängt neu mit uns an. Er lässt uns hier in dem derzeitigen Schlamassel nicht im Stich. Er will uns trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ja, Gottes Liebe will uns gerade in den Zeiten tragen, die uns nicht gefallen. Lassen wir es uns gefallen, dass Gott unser Schöpfer uns trösten will. Was für eine wunderbare und vor allen Dingen verlässliche Aussage, heute am 3. Sonntag im Advent.

 

Liebe Gemeinde, dieser 3. Sonntag im Advent ist immer in besonderer Weise mit Johannes dem Täufer verbunden. Er, Johannes, war der Wegbereiter für Jesus. In unserem heutigen Predigttext wird schon auf Johannes hingewiesen. Denn es heißt: Hört, jemand ruft, bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste. Baut eine Straße für unseren Gott. Denn der Herr wird kommen in seiner ganzen Herrlichkeit. Gott macht sich Bahn gegen allen Zweifel und Streit der Menschen. Gegen alle Not und alles Elend auf unserer geschundenen Erde kommt er zu seinem Ziel. Auch in dem eben gesungenen Lied: Mit Ernst o Menschenkinder, wird dieses Motiv aufgegriffen. Hier heißt es: Macht alle Bahnen recht, die Tal lasst sein erhöhet, macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist gleich und schlicht.

 

Es sollen alle Hindernisse, alles was sich Gottes kommen in unsere Welt entgegenstellt, aus dem Weg geräumt werden. Dieses Kommen Gottes in unsere Welt hat sich in der Geburt seines Sohnes, Jesus vor bereits gut 2000 Jahren vollzogen. Ich frage mich, wie sieht das bei uns, wie sieht das bei mir ganz persönlich aus? Gerade in der Vorweihnachtszeit, dieses Jahr aufgrund der vielen Beschränkungen vielleicht nicht so viel wie sonst üblich, sind wir doch mit sehr vielen Dingen beschäftigt, die wenig oder gar nichts mit dem Wegbereiten für Gottes Ankunft bei uns zu tun haben. Man ist mit so unheimlich Vielem beschäftigt. Da ist die adventliche, oder bereits schon jetzt die Weihnachtsdekoration, die in manchen Häusern jedes Jahr üppiger ausfallen muss. Was schenkt man wem, wieviel Geld gibt man dafür aus? Welche ausgefallenen Speisen kommen an Weihnachten auf den Tisch? Wen laden wir ein? Ich frage mich, was das alles mit dem Kommen Gottes in unsere Welt zu tun hat?

 

Diese Überlegungen für das Fest aller Feste sind an sich nicht falsch. Manches muss man planen. Aber wenn es nur darum geht, was wir essen, trinken oder anziehen, wie wir feiern, haben wir noch nichts für das Kommen Gottes in unsere Welt getan. Von Johannes dem Täufer lesen wir im 3. Kapitel des Johannes Evangeliums wie er sagt: Er, und damit meint er Jesus, er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Will heißen, wir sollen uns zurücknehmen und auf den hinweisen, der in unsere Welt gekommen ist und wiederkommen wird. Dieser Ausspruch des Johannes hat der Künstler Matthias Grünewald am Isenheimer Altar, der steht im Oberelsass, so dargestellt, dass der Zeigefinger des Johannes besonders lang ist und auf Jesus am Kreuz weist. Also, Du und ich stehen nicht im Mittelpunkt, auch nicht in der diesjährigen Adventszeit. Wir sollen uns bereitmachen für die Ankunft Jesu. Sollen alles was diesem Kommen im Wege steht oder hinderlich ist, endlich über Bord werfen. Wir dürfen unser Herz öffnen für das wertvollste Weihnachtsgeschenk was ein Mensch je erhalten kann.

 

Liebe Gemeinde, in der Mitte unseres Predigttextes heißt es: Jesaja soll zum Volk Gottes reden und er weiß nicht was. Darum fragt er Gott. Und er bekommt zur Antwort, sage den Menschen, dass sie vergänglich sind wie Blumen oder Gras. Aber Gottes Wort hat für ewig Kraft und Bestand. Diese Aussagen über die Vergänglichkeit des Menschen lesen wir öfter in der Bibel, auch im 103. Psalm, einem Dankpsalm, heißt es ähnlich. Man Fragt sich, was sollen diese Worte in mitten einem tröstlichen Text? Vielleicht sollen sie uns sagen, nimm dich nicht so wichtig, denn du bist nur einen begrenzten Zeitraum auf dieser Erde zu Hause. Diese Worte sollen uns sagen, wir alle, ob reich oder arm, werden auf dieser Erde einmal unser Leben beschließen, Ja, wir sind nur Gast auf Erden. Aber Gott der Herr, der war und ist, bleibt in Ewigkeit und sein Wort auch! Deswegen dürfen wir uns freuen, dass Gott uns, obwohl wir alle vergänglich sind, wichtig nimmt und uns trösten möchte. Denn auf ihn und sein Wort ist Verlass. Egal wo uns der Schuh drückt, mit allem was uns beschwert, können wir zu ihm kommen. Er weist keinen ab. Es kommt auf uns an, ob wir sein Angebot annehmen.

Die letzten Verse unseres Textes greifen wieder die Botschaft von Gottes Kommen in unsere Welt auf. Das wird hier speziell noch einmal zu Jerusalem und den Städten in Juda gesagt. Weil große Teile des jüdischen Volkes in babylonischer Gefangenschaft waren, liegt zu Hause vieles in Schutt und Asche. Mit der Freudenbotschaft des Jesaja, die er im Namen Gottes an das Volk richtet, sollen die Menschen wieder Mut und Zuversicht bekommen. Gott verspricht, dass er als Sieger kommt und seine Macht zeigt. Die Siegesbeute ist sein Volk, welches er aus der babylonischen Gefangenschaft befreit hat.

 

Liebe Gemeinde, in welcher Gefangenschaft auch wir uns gerade befinden, Gott will auch Dich und mich mit seiner Freudenbotschaft trösten und uns aus all unseren Ängsten und Zwängen befreien. Da heißt es: Er führt sein Volk wie ein guter Hirt der die Lämmer auf seinen Arm nimmt und sie an seiner Brust trägt. Was für ein wunderbares und total tröstliches Bild. Wir Menschen auf Gottes Arm und an seinem Herzen. Gibt es ein schöneres, ein tröstlicheres Bild? Was muss Gottes Herz für uns Menschen aus Liebe brennen! Er ist der Schöpfer des gesamten Universums und kümmert sich um jeden Menschen. Egal ob jung oder alt, ob reich oder arm, ob gesund oder krank. Er ist der gute Hirte für uns alle.

 

Es stimmt uns traurig, dass auch die diesjährige Advents- und Weihnachtszeit wieder durch Corona nicht so gestaltet werden kann, wie wir es gerne hätten. Aber trotzdem ist Advent und bald auch Weihnachten. Dass alles anders ist, als wie wir es noch im Sommer gehofft haben, beschwert unser Gemüt.

 

Aber, liebe Gemeinde, stellen sie sich einmal vor, Gott würde sagen, so, ich habe genug mit dieser Welt und all den widerspenstigen Menschen. Ihr habt die Zeit, die ich euch geschenkt habe, unnütz vertan. Ich komme nicht zu euch. Ich tröste euch nicht. Ihr müsst euch nicht bemühen, ich verzichte auf euch. Ja, dann könnten wir einpacken, ein für alle mal. Dann würden die Advents-und Weihnachtszeit ausfallen – für immer. Aber Gott sei Dank ist das nicht so. Dann nehme ich lieber die derzeitigen Einschränkungen in Kauf und weiß aber, Gott tröstet uns, er kommt in Jesus zu uns und will bei uns wohnen. Er vergibt uns unsere Verfehlungen, wie seinerzeit dem Volk Israel und wir können uns neu freuen auf sein Kommen in unsere Welt. In dein und mein Leben.

Auch wenn noch nicht alles sofort gut ist, wenn wir uns noch Sorgen machen, wie alles weitergeht. Gott ist in Jesus an unserer Seite. Gerade auch dann, wenn wir es nicht vermuten. Sein Trost ist uns nahe. Darüber will ich mich freuen auch in dieser Adventszeit und Gott danken, für seine Güte und Barmherzigkeit.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in

 

Predigttext 12.12.2021
3. Advent
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Predigt am 1. Advent 2022 in der Evangelischen Kirchengemeinde Vierthäler

Es ist Advent. Die erste Kerze am Kranz ist angezündet. Nun beginnt die Zeit des Wartens, des Hoffens und des Sich-Vorbereitens auf das, was kommt. In diesen stürmischen Zeiten beschränken sich unsere Erwartungen für die nahe und ferne Zukunft wahrscheinlich eher weniger darauf, dass die Wünsche von unseren Wunschzetteln wahr werden. Da gibt es auch viele Befürchtungen, die wir zu Recht haben.

Für vieles, was unweigerlich auf uns zukommt, brauchen wir gar keine Propheten, die uns aufrütteln und ermahnen. Vieles ergibt sich ganz einfach aus dem, was wir gestern gelebt haben und heute leben. Es braucht nur wenig Menschenverstand, um einzusehen, dass, wenn wir drohendem Unglück nicht tätig entgegentreten und es abzumildern versuchen, es über uns hereinbrechen wird. Unsere Zukunft hängt – nicht nur, aber auch – ab von dem, wie wir uns in der Gegenwart verhalten. Das ist bei der Klimaerwärmung genauso wie in Sachen Corona oder in unserem ganz persönlichen Alltag.

Es ist Advent. Und der Sturm peitscht uns um die Ohren, die Wellen gehen hoch. Bei dem, was da auf uns zukommt, ist es ziemlich schwierig, es sich vorweihnachtlich sentimental im Kerzenschein gemütlich zu machen und sich heimelig zu fühlen. Wie reagieren wir darauf, als Christenmenschen, in diesen stürmischen Zeiten?

„Nun ja, mit Gottvertrauen. Gottvertrauen ist immer gut.“ Das würden wohl die meisten von uns sagen. Dass der Glaube auch mitten im Sturm tragen kann, das haben manche von uns mehr als einmal erlebt. Setzen wir also aufs Gottvertrauen – und fertig ist die Verkündigung für den 1. Advent?! Ganz abgesehen davon, dass das bis hierhin eine ziemlich kurze Predigt gewesen wäre, wenn wir jetzt mit dem Amen schließen würden, ist es wohl wenig empfehlenswert, sich einfach mit so einem Schlagwort abfertigen zu lassen. Denn, was bedeutet das eigentlich: Gottvertrauen?

Heißt das, die Hände gefaltet in den Schoß zu legen oder die Decke über den Kopf zu ziehen? Sollen wir uns vormachen, wir säßen ja eigentlich auf der Insel der Glückseligen und der Sturm ginge uns im Grunde nichts an? Oder reden wir uns ein, dass der drohende Untergang uns von Gott auferlegt worden und damit ohne Gegenwehr hinzunehmen ist? Bedeutet Gottvertrauen, fest und treu daran zu glauben, dass Gott ganz wunderbar den Sturm in letzter Sekunde schon irgendwie stillen wird? Und das wir dabei eigentlich gar nicht gefragt sind?

Schauen wir lieber genauer hin, was Gott tatsächlich tut, um uns zu retten, was von Gott her auf uns zukommt. Der Prophet Jeremia sagt es so: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Jer. 23,5-8)

Was bedeutet demnach Vertrauen auf Gott? Worauf lassen wir uns ein, wenn wir Gott unser Vertrauen schenken?

Gott schickt uns Rettung, ein Rettungsboot sozusagen, mitten in den Sturm hinein, damit wir nicht zugrunde gehen müssen. Da kommt nicht nur Not und Lebensgefahr auf uns und unsere Mitmenschen zu, nicht nur die Aussicht auf den drohenden Untergang, sondern Gottes Wille, uns zu retten. Das ist die Botschaft im Advent. Gott schickt uns ein Rettungsboot und bittet uns einzusteigen. Gott kommt uns mitten im Sturm entgegen und bietet uns an, ja, er wünscht es sich von uns, dass wir uns von ihm retten lassen. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, unseren frommen Ideen und Vorstellungen zu vertrauen, nach dem Motto ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!‘ sondern Gottes Rettungsaktion zur Kenntnis und ernst zu nehmen.

In unseren stürmischen Zeiten sind neben Gottes Rettungsboot alle möglichen Gefährte unterwegs, um sich und andere über Wasser zu halten. Da gibt es Menschen, die treiben auf dem notdürftig selbst zusammen gezimmerten Floß dahin, dem man schon von Weitem ansieht, dass es bei der nächsten Welle wie ein Streichholz zerbrechen wird. Da treiben Partyschiffe umher, auf denen diejenigen, die sich die Reservierungen leisten konnten, dem Weltuntergang entgegenfeiern. Da sind ehemals wunderschöne Segeljachten, bei denen der Mast jeden Moment brechen wird oder an denen ein Leck zum anderen kommt. Manche Boote halten sich ganz wacker, auch wenn klar ist, dass der Sprit irgendwann zur Neige geht. Wir haben die Freiheit, uns auszusuchen, auf welches Schiff wir aufspringen. Bei manchem müsste man sich seinen Platz erkämpfen, bei den überfüllten vielleicht erst einmal einen der anderen von Bord stoßen. Manche Boote sind eindeutig schon dem Untergang geweiht, andere wirken relativ stabil und verheißungsvoll. Wir haben die Wahl, auf welches Gefährt wir im Sturm setzen.

Wenn ich Gott vertraue, dann steige ich in sein Boot, auch wenn das so gar nicht wie mein persönliches Traumschiff aussieht, auch wenn da Mit-Passagiere sind, die nicht die beste Gesellschaft für mich darstellen. Wenn ich mich in Gottes Boot begebe, dann lasse ich mir von ihm sagen, wer, was und wozu ich eigentlich bin. Dann beteilige ich mich an Gottes Rettungsaktion gerade so, wie ich es eben kann. Dann setze ich meine Hoffnung auf Gottes Versprechen, dass er mich sicher durch den Sturm und meine Angst hindurch zum Ziel bringen wird. Dann erlebe ich den rettenden, helfenden, gerechten Spross aus Davids Stamm, Jesus, wie er barmherzig und gütig mit dem, was mich von außen bedroht und von innen zermürbt, fertig wird und kann nur staunen, dass er mich, so wie ich bin, bei sich haben will, jetzt schon mitten im Sturm der Zeit und auch dann, wenn wir angekommen sein werden.

Jeremia erwähnt in den Worten, die wir gehört haben, ein durch die Geschichte hindurch sein Volk prägendes Ereignis: Die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten. Damals gab es auch schon die Menschen, die trotz der schrecklichen und bedrohlichen Lebensumstände – oder gerade wegen ihnen – ihr Vertrauen in Gott gesetzt und sich unter Mose, der heute sicher keine Wahl gewinnen würde, auf den Weg gemacht haben. Obwohl alles dagegensprach, dass der Auszug aus Ägypten gelingen könnte. Obwohl die Zukunft so ungewiss war. Und obwohl man sich auch mit dem Sklavenleben schon irgendwie hätte abfinden können.

Und Jeremia spricht von einem Ereignis, das für den Propheten noch in der, wenn auch nahen Zukunft lag: vom Wieder-nach-Hause-Kommen aus der babylonischen Gefangenschaft. Auch damals sind Menschen sozusagen in Gottes Rettungsboot gestiegen, haben auf Gott mehr gesetzt als auf ihre Angst, obwohl man nicht wissen konnte, ob man nicht vielleicht vom Regen in die Traufe kommen würde, und obwohl man sich mit den Lebensumständen im zivilisierten Babylon auch irgendwie hätte zufriedengeben und in sein vermeintliches Schicksal hätte fügen können.

Zu seiner Zeit war Jeremia seinen Mitmenschen ausgesprochen lästig. Auch heute würde man ihn wahrscheinlich kaum im Presbyterium haben wollen. Wegen seiner ewigen Schimpftiraden über die ausgehöhlten religiösen Riten und des beharrlichen Mahnens zu aufrechtem, anständigem Verhalten wurde er immer wieder, auch körperlich, von seinen eigenen Leuten angegriffen. Man könnte meinen, er habe es darauf angelegt, sich möglichst unbeliebt zu machen. Heute wissen wir, dass er im Vertrauen auf Gott den Finger immer wieder in die Wunde legen musste und die Missstände nicht einfach schönfärben konnte, weil er den Leuten nicht nach dem Mund redete, sondern Gottes Wort zu sagen hatte. Erstaunlicherweise passen in unserer Zeit viele dieser alten Worte wieder wie die Faust aufs Auge.

In den Versen, die wir gehört haben spricht Jeremia von dem Spross der aus David hervorgehen wird, von dem gerechten König, der in Gottes Namen die Menschen retten wird. Wahrscheinlich hat sich Jeremia nicht wirklich vorstellen können, was wir heute wissen. Dass Gott in Jesus in die Welt gekommen ist. Nicht um neue religiöse Regeln in die Welt zu setzen, ein bewundernswertes Vorbild zu sein oder um blinden Gehorsam zu verlangen, sondern um uns Menschen vor uns selbst zu retten durch seine tatsächlich bedingungslose Liebe. Um uns unmissverständlich zu zeigen, wie erfülltes Leben im Angesicht Gottes geht, worauf es eigentlich ankommt und dass Gott uns so viel mehr zugedacht hat, als die paar Jahrzehnte, die wir hier sind irgendwie halbwegs glimpflich hinter uns zu bringen.

Wenn wir in unserer Zeit Advent feiern, dann brauchen wir nicht so zu tun, als ob wir noch auf Gottes Rettungsboot zu warten hätten. Der gerechte König, der Spross aus David ist schon längst angekommen in dieser Welt, in diesem Sturm, und bittet uns, dass wir uns von ihm retten lassen. Wir können die oft so bedrohliche und beängstigende Realität vom Rettungsboot aus erleben, und das wahrscheinlich die wenigste Zeit mit den Händen im Schoß, sondern indem wir das Wasser, das immer wieder ins Boot dringt, herausschöpfen, indem wir Verletzte verbinden, Erschöpften Mut machen, Pläne schmieden, der Realität ins Auge sehen, dazulernen, Schuld vergeben, Neues ausprobieren, mit Gott im Gespräch bleiben und und und. Und das voller berechtigter Hoffnung.

Das ist Advent: Sich nicht mit dem vermeintlichen Weltuntergang arrangieren, sondern aus gutem Grund und tätig hoffen, Gott vertrauen – gerade in stürmischen Zeiten.

 

 

Predigttext 28.11.2021
1. Advent
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Predigt

für den Ewigkeitssonntag (21.11.21)

zu Ps 31,15-16b

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Moritz in Oberdiebach. Auf folgenden Lesungstext aus Prediger 3 bezieht sich die Predigt:

 

 

Ein jegliches unter dem Himmel hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit; lachen hat seine Zeit. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

 

 

Liebe Gemeinde! Alles hat seine Zeit. Vom Verstand her wissen wir das. Vom Verstand her wissen wir, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Dass wir irgendwann all das, was wir uns aufgebaut haben - an Kontakten, an Beziehungen, Haus und Hof, Wohlstand und Lebensleistung, ja unser Lebenswerk, zurücklassen müssen. Abschiednehmen gehört zum Leben dazu. Wie gesagt, vom Verstand her wissen wir das, und trotzdem tut es weh. Manchmal fürchterlich weh. Und unweigerlich drängt sich die Frage auf: Was bleibt? Was bleibt von uns, wenn wir gehen müssen? Was bleibt von denen, die gegangen sind, die wir hergeben mussten? 32 Namen werden wir gleich hören. 32 Namen von Menschen, nicht mehr unter uns sind. Die beiden Ältesten sind 98 geworden, der Jüngste nur 58. Was bleibt von diesen Jahren? In Psalm 31,15-16 sagt ein Mensch im Gebet zu Gott:

 

 

Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche:

Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.

 

 

Für mich drückt sich in diesen Worten das Vertrauen aus: Ich komme nicht aus dem Nichts, und ich gehe auch nicht ins Nichts. Sondern da ist einer, der mein Kommen und mein Gehen in seiner Hand hält – und jeden Tag, der dazwischen liegt. Ich glaube, dass Gott uns Menschen unsere Lebens-Zeit nicht gegeben hat, damit das alles am Ende im Nichts des Todes verschwindet. Er hat mit uns noch etwas vor. Wie das sein wird, wie das aussieht und wie sich das anfühlt mit dem ewigen Leben und der Auferstehung, das weiß ich auch nicht. Da wissen unsere Verstorbenen jetzt vielleicht schon viel mehr als wir alle zusammen. Aber dass da noch was kommt, da bin ich mir ganz sicher. „Gott holt wieder hervor, was vergangen ist“, hieß es eben in der Lesung aus den Worten des Predigers. „Gott holt wieder hervor, was vergangen ist“. Will heißen: Auch da, wo alles aus und vorbei ist, hat Gott noch Mittel und Möglichkeiten. Er gibt nichts verloren. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Und damit ja auch einen quasi wieder hervorgeholt, der der Vergangenheit angehörte. Für den es gelaufen war. Für den nach menschlichem Ermessen jede Hilfe zu spät kam. Gott hat an Jesus aber nicht einfach die Zeit zurückgedreht, wie man einen Film zurückspult, nicht irgendeine Repeat-Taste gedrückt, kein "Jesus reloaded“, wie man neudeutsch sagen würde, sondern Er hat etwas ganz Neues geschaffen: Ein Leben ohne Krankheit, ohne Pandemie, ohne Tod, ohne Ende. Wir mussten im zu Ende gehenden Kirchenjahr Abschied nehmen von Menschen, die uns am Herzen gelegen haben und noch liegen. Aber seien Sie gewiss: Gott geht es genauso. Sie liegen auch Ihm am Herzen. Und weil unsere Zeit in Seinen Händen steht, sind all diese Abschiede kein Abschied auf ewig. Alles hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Auch der Tod hat seine Zeit. Aber die Ewigkeit, die gehört nicht Ihm nicht. Die gehört einem anderen. „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Darum ist der Tod kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt – Auftakt für das, was um Gottes willen noch kommt. Seine Zeit. Amen.

 

 

Predigttext 21.11.2021
Ewigkeitssonntag
Online-Gottesdienst 2021-11-21 Predigtma[...]
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Predigt

für den Buß- und Bettag (17.11.21)

zu Lk 13,1-9

Gottesdienst in Steeg und Oberdiebach

 

Liebe Gemeindeglieder! Die folgende Predigt wurde am Buß- und Bettag im Gottesdienst in Steeg und Oberdiebach gehalten. Der Präses der Ev. Kirche im Rheinland, Dr. Thorsten Latzel, hatte dazu aufgerufen, den Gottesdienst im Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe zu feiern. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 13,1-9 zugrunde:

 

 

Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und er antwortete und sprach zu ihnen: „Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.“ Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: „Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: „Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?“ Er aber antwortete und sprach zu ihm: „Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.““

 

 

Liebe Gemeinde! Bilder von reißenden Wassermassen und überfluteten Siedlungen kennt man aus dem Fernsehen. Nur dass sie diesen Sommer nicht aus Bangladesh oder Ruanda kamen, sondern aus dem Rheinland. An die 200 Menschen haben in der Nacht vom 14. / 15. Juli ihr Leben verloren, ein Großteil davon in unserem Kirchenkreis. Hunderte wurden verletzt, Tausende verloren ihr Hab und Gut. Darunter auch Menschen, die ich persönlich kenne – eine amtierende Kollegin aus der Kirchengemeinde Remagen-Sinzig und drei Ruhestandspfarrer, die sich an der Ahr ihren Alterswohnsitz aufgebaut haben und nun vor dem Nichts stehen.

 

In jeder Katastrophensituation gibt es anscheinend Leute, die sich dazu berufen fühlen darüber zu spekulieren, ob das Ganze eine Strafe Gottes ist. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mit solchen Gedankenspielen nicht viel anfangen kann; ich hab dazu im vorletzten Gemeindebrief ein paar Zeilen geschrieben. Wenn Unglück eine Strafe Gottes ist, dann stellt sich sofort die Frage nach der Gerechtigkeit - wen trifft es, wen trifft es nicht? Und warum? Der Evangelist Lukas berichtet von einem Ereignis, das die Menschen zur Zeit Jesu erschüttert hat. Wir haben es eben gehört: Pilger aus Galiläa waren Opfer eines Blutbades geworden. Pilatus hatte sie offenbar im Tempel niedermetzeln lassen. Der Vorfall war in aller Munde. Ein Massaker an Pilgern – das war ein Schock. Was damals in Jerusalem genau passiert ist, lässt sich nicht mehr wirklich klären. Aber offensichtlich dachten die Leute, die Jesus auf dieses grausige Ereignis angesprochen haben, eben auch in dem Schema von Sünde und Strafe: „Was müssen die Betroffenen gesündigt haben, dass Gott das zugelassen hat!“

 

Ich sehe in solchen Spekulationen den fragwürdigen Versuch, das Unerklärliche erklärbar zu machen. Dem unberechenbaren Chaos eine Logik abzutrotzen. Und so erklären sich die Gesprächspartner Jesu das grausame Ende der galiläischen Pilger zu deren Lasten, indem sie mutmaßen, ihr Schicksal sei ein Strafgericht Gottes. Als Jesus das hört, platzt ihm der Kragen: „Meint Ihr, dass diese Galiäer mehr gesündigt haben als alle anderen, dass ihnen das passiert ist? Ich sag’ Euch: Nein, sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr auch so umkommen!“ Jesus verwahrt sich gegen jeglichen Erklärungsversuch, der erstens meint, er könne Gott über die Schulter gucken, und der zweitens die Opfer verhöhnt. Um noch deutlicher zu machen, wie unsinnig und unangemessen es ist, die Schuld bei den Geschädigten zu suchen, spricht Jesus von sich aus ein zweites Beispiel an. Da ist in Jerusalem ein Turm umgestürzt. 18 Tote. Diese Leute waren einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Genau wie das siebenjährige Mädchen, das die Feuerwehr fünf Tage nach der Katastrophe im Ahrtal tot aus einer Souterrainwohnung gezogen hat. Das hat mit Schuld  nichts, aber auch gar nichts zu tun.

 

Wie gesagt, Jesus erteilt im Predigttext dem Gedanken, dass Unglück eine Strafe Gottes sei, eine klare Absage. Was aber nicht heißt, dass Er sagt: „Okay Leute, freut Euch des Lebens und macht weiter mit Business as usual.“ Sondern Er sagt: „Wenn Ihr aus diesem Unglück was lernen wollt, dann tut Buße! Kehrt um!“ Im Prinzip wissen wir, wie unser Handeln und unser Nichtstun unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel gefährdet. Jene Nacht im Juli hat gezeigt: Klimawandel ereignet sich nicht nur in anderen Erdteilen oder in ferner Zukunft – er geschieht hier und jetzt! Keine Strafe Gottes, sondern eine physikalisch logische Konsequenz aus dem Umgang der Menschheit mit diesem Planeten.

 

Wenn ich auf solche Themen zu sprechen komme, kriege ich schon mal gesagt, ich soll nicht so politisch predigen. Die Kirche soll das Evangelium verkündigen und sich aus der Politik raushalten. Sorry, aber das Evangelium ist nicht das Sahnehäubchen auf dem Schokoladeneis der Spaßgesellschaft. Gottes Wort stellt sich immer auch kritisch zu unserem Tun und Handeln und fordert Konsequenzen – um des Lebens willen! Wir können nicht im Glaubensbekenntnis Gott als den Schöpfer bekennen und gleichzeitig mit unserem Leben und Wirtschaften im Alltag das Werk dieses Schöpfers mit Füßen treten. Wir können nicht was von Nächstenliebe faseln und gleichzeitig zum Erhalt des eigenen Lebensstandards in Kauf nehmen, dass anderen die Hütte unterm Hintern wegschwimmt.

 

Es ist an uns, was wir mit den Bildern aus dem Ahrtal und der Eifel machen. Ob wir sagen: „Och, ist ja schrecklich!“, aber dann doch insgeheim versuchen sie zu verdrängen. Wie in Glasgow auf der Klimakonferenz, wo so viele erschütternde Berichte über die Folgen des Klimawandels abgegeben wurden, die jetzt schon unübersehbar sind, und am Ende heißt es dann doch: „Nee, aber auf die Kohle können wir so schnell nicht verzichten. Das können unsere Kinder dann in 15-20 Jahren mal versuchen!“ Oder ob wir die verheerenden Unwetter als Weckruf verstehen – nicht als Strafe, wohl aber als Weckruf - und umkehren. Umkehren zu unserem Gott, der will, dass Menschen leben. Umkehren zu einem Leben in Gottvertrauen und Menschenliebe, die sich bescheiden kann. Ja, unser Leben wird teurer werden. Aber – um es mit Eckart von Hirschhausen zu sagen: „Das Teuerste, was wir jetzt machen können, ist nichts tun!“

 

Für mich ist Jesu Ruf zur Umkehr Evangelium, frohe Botschaft. Denn das heißt ja: Die Wirklichkeit ist nicht in Stein gemeißelt. Die Verhältnisse sind nicht zementiert bis in alle Ewigkeit. Sondern Dinge können sich ändern. Menschen können sich ändern. Wir können uns ändern. Gott traut es uns zu, und Er ruft uns dazu auf. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Weil wir es mit einem Herrn zu tun haben, der will, dass wir leben. Der dem Tod nicht die Macht über uns lassen will.

 

Wie dieser Weingärtner, von dem Jesus im Predigttext erzählt. Der will nicht, dass der Feigenbaum, der da im Weinberg steht, abgehauen wird. Er liebt dieses fruchtlose Ding und hat immer noch Geduld. Vielleicht haben Sie ja auch irgendwo zuhause so ein Bäumchen stehen oder eine Blume, wo jeder andere sagen würde: „Was willst Du denn damit noch? Tu das weg! Damit ist doch nichts mehr los!“ Aber Sie hängen dran und sagen: „Nee, noch nicht. Vielleicht kommt da ja doch noch mal was.“ Genauso hat Jesus auch bei uns die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Warum sollten wir Ihn hinhalten? Warum sollten wir in Angst leben vor dem dicken Ende, wenn wir heute schon anders leben können – nämlich mit Gott, und nicht gegen Ihn; mit Seiner Schöpfung, und nicht gegen sie? Wenn wir uns von Ihm an die Hand nehmen lassen und Gottvertrauen und Menschenliebe zu Leitlinien unseres Handelns machen, vielleicht ist es dann doch noch nicht zu spät. Vielleicht müssen wir uns nicht daran gewöhnen, dass Bilder wie die vom 14. / 15. Juli zum Alltag werden. Amen.

 

 

 

Predigtmanuskripft 17.11.2021
Buß- und Bettag
Predigtmanuskript 17.11.2021 Steeg und O[...]
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Predigt: Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

2 Korinther 5, 1 – 10

Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,

weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;

denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Amen.

 

Liebe Gemeinde,

„Auf diese Steine können Sie bauen!“ - So heißt es bei einer Bausparkasse, und sie verspricht ihren Kunden,

das gute Gefühl, am wichtigsten Ort der Welt angekommen zu sein. Endlich ankommen, endlich Ruhe finden, endlich wissen, wo man hingehört – ich denke, das sind Sehnsüchte, die wir gut nachempfinden können. Es ist gut und richtig, sich frühzeitig darüber Gedanken zu machen und nicht immer nur in den Tag hinein zu leben.

 

„Der kluge Mensch baut vor“ – so heißt es im Sprichwort.

 

Und nun kommt der Apostel Paulus mit seinen Worten an die Korinthern und erteilt den Häuslebauern aller Zeiten eine Abfuhr: er spricht vom Abbruch unseres irdischen Hauses, das er ziemlich abfällig als„ Hütte“ bezeichnet.

Ein ewiges Haus stellt er ihr gegenüber, eines,

das „ nicht mit Händen gemacht“ ist, dessen Baumeister vielmehr Gott selber sein soll.

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist der Volkstrauertag in der Tat geeignet, um uns deutlich zu machen, dass all unser irdisches Bauen ein höchst vorläufiges Unterfangen ist.

Es wird dadurch nicht etwa sinnlos oder unnütz, nein.

 

Wir haben in unserer Kirchengemeinde immer wieder viele Baustellen an den Gebäuden zu bewältigen.

Es hat seinen guten Sinn, dass Kirchengemeinden einen Bauausschuss haben und in ihren Haushalt eine so genannte „Instandhaltungspauschale“ einstellen müssen.

 

Privat gilt das natürlich genauso: Der kluge Mensch baut vor. Alles andere wäre unverantwortlich.

 

Und doch, noch einmal: gerade der Volkstrauertag zeigt uns etwas von der Vorläufigkeit alles menschlichen Bauens.

Wo Krieg ausbricht, da bricht ja im Nullkommanichts alles oder zumindest Vieles von dem zusammen, was Menschen einmal in mühevoller, langer Arbeit aufgebaut haben.

Über die Tragik des Verlustes vieler Menschenleben hinaus ist es ja auch einfach erschütternd, die zerstörten Städte und Dörfer zu sehen.

Wer regelmäßig Nachrichten schaut, sieht immer wieder Bilder von zerstörten Gebäuden. Ob nun durch Krieg wie in Syrien, Naturkatastrophen oder Baumängel. Immer wieder zeigt sich, wie unbeständig und vergänglich unsere Bauwerke sind.

Ganze Städte, die teilweise hunderte von Jahren auf dem Buckel haben, in wenigen Sekunden zerstört.

Das ist grausam.

 

Und die Älteren unter uns haben zerbombte Städte und Häuser selbst noch vor Augen. Und es geht dabei ja nicht nur um Mauern aus Stein, nein: hinter alldem liegt jedes mal ein menschliches Schicksal, das da in seinen Grundfesten erschüttert wird.

 

Die Beständigkeit unseres Lebens, unserer Existenz wird da angetastet.

 

Und die Slogans der Bausparkassen klingen auf einmal ziemlich hohl: Wenn da das „ Zuhause unserer Zukunft“ in Trümmern vor uns liegt, wenn da „diese Steine“, auf die wir noch meinten bauen zu können, durch die Gegend fliegen – da zerbricht dann zu gleich so manches Weltbild, das wir uns gemacht haben.

 

Aber wir müssen nicht erst an Krieg und Zerstörung denken, um den Gedanken des Paulus nachvollziehen zu können.

Wie oft haben wir schon unter völlig friedlichen Bedingungen mit „Pfusch am Bau“ zu tun!

Wie häufig erweist sich manches Haus als eine bautechnische Katastrophe, wenn man nur mal genauer hinschaut!

„Die Statik muss stimmen!“

Und so selbstverständlich der Satz auch klingen mag, so wenig selbstverständlich ist er häufig, wenn wir nur mal genauer hinschauen.

Paulus, liebe Gemeinde, ist kein Spielverderber, wenn er auf diese Zusammenhänge so schonungslos hinweist, sondern er ist ganz einfach Realist.

 

Und er will uns ja nicht in bodenlose Verzweiflung hinabstürzen, sondern er gibt uns eine Hoffnung,

eine echte Perspektive mit auf den Weg

Um das tun zu können, muss er jedoch zunächst unsere selbstgemachten trügerischen Hoffnungen, unsere vermeintlichen Perspektiven , die an der Wirklichkeit dieser Welt zu Fall kommen, als solche entlarven.

Wir sollen von Paulus aus zu einer echten Lebensgrundlage kommen, die tatsächlich unserer „Zukunft ein Zuhause“ gibt, ein Zuhause, das wirklich trägt,

 

Paulus spricht von einem Bau, den Gott erbaut,

von einem „ewigen Haus im Himmel“.

Ein Haus, dessen Statik stimmt.

Und kaum dass Paulus dieses Bild entwickelt hat, fällt er von dort in ein anderes Bild:

Wir sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt sind.

 

Hier geht das Bild des Hauses über in das Bild eines Kleides.

Alles was an uns sterblich ist wird vom Leben „verschlungen“. Das ist wie eine Umarmung, wie ein Kuss, der neues Leben einhaucht.

Wir erhalten ein neues Kleid, nicht von uns gemacht, nicht von uns gekauft, nicht von uns verdient.

Und doch passt es, es ist unser Kleid.

Und keiner schaut neidisch oder eifersüchtig oder verächtlich, sondern alle freuen sich.

Dann sind wir angekommen, sind zu Hause, in der Heimat.

 

Dies Zuhause ist zwar noch nicht sichtbar und verfügbar. Wir leben im Glauben, noch nicht im Schauen.

 

Ankommen, zuhause sein, Heimat finden: Ohne diese Hoffnung, ohne diesen Vorgeschmack können wir nicht leben.

Vielleicht erklärt das auch, warum die Flüchtlinge,

die aus aller Herren Länder heute zu uns kommen, vielfach freundliche Aufnahme in unserem Land finden.

Natürlich gibt es auch immer noch die dumpfen Vorbehalte und aggressive Ablehnung.

 

Natürlich sind die staatlichen Regelungen trotz mancher Verbesserungen immer noch unzureichend und manchmal beschämend.

Und natürlich ist die Abschottung an den Außengrenzen der EU, die über Leichen geht und darin dem Terror des IS ähnlich ist, verwerflich und ein Schlag in Gottes Angesicht. Der zeit erreichen uns grausamen Bilder an der Polnischen Grenze zu Belarus.

 

Und dennoch: Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, erfahren hier viel Hilfe und Unterstützung durch staatliche Stellen und vor allem durch die sogenannte Zivilgesellschaft.

 

Und oftmals sind Kirchengemeinden die Orte, die den Menschen unterstützend zur Seite stehen und Hilfe organisieren.

Da ist ein Mitgefühl, die Fähigkeit, mitfühlen zu können mit denen, die ihre Heimat verloren haben, die in die Fremde fliehen, wo alles anders ist,

wo sie kein Bett und kein Dach und kein Einkommen haben, die Sprache nicht sprechen,

die Kultur nicht verstehen, schutzbedürftig auf der ganzen Linie.

Offenbar wissen wir, wie sich das anfühlt.

Weil ja auch wir einmal unsere Heimat verlieren könnten? Oder weil wir wissen, dass jeder Mensch ein Recht auf Heimat hat?

Und so wendet sich das Ende wieder zum Anfang.

 

Es ist eine Ehre, Gott wohl zugefallen, schreibt Paulus. Hier und Jetzt, in diesem Leben.

Denn wir werden alle offenbar werden.

Wir werden gewürdigt, vor Christus zu stehen.

Wir werden gewürdigt, unser Leben wird gewürdigt, angeschaut zu werden.

Was haben wir gemacht, hier, in der Fremde, mit unseren Sehnsüchten, mit unserem Glauben, mit den Menschen um uns?

Wie wird das sein? Man kann davon nur persönlich sprechen.

Ich verstehe Paulus so: Da steht mir einer gegenüber, der alles weiß, der mich kennt, der mich besser kennt als ich mich selbst kenne.

 

 

Und zugleich einer, der mich liebt, von Anbeginn der Zeiten.

Er wird mir meine wahre Lebensgeschichte erzählen. Alles Gute und alles Böse und alles was dazwischen liegt und von dem ich nicht weiß wie ich es

einordnen darf.

Und ich werde mich wiedererkennen und mein ganzes Leben. Es wird schrecklich sein. Es wird gut sein.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigttext 14.11.2021
Predigt zum 14.11.2021.pdf
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Predigt

für den Drittletzten So. d. Kirchenjahres (07.11.21)

zu Ps 85,9-14 i.V.m. Lk 6,31.36.38

Gottesdienst in Bacharach mit Konfis und Ausstellungseröffnung

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der Predigt liegt folgender Text aus Psalm 85 zugrunde:

 

 

Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

 

 

Liebe Gemeinde! „Könnte ich doch hören…!“ Klingt so’ n bisschen nach verzweifelter Sehnsucht, was der Dichter von Psalm 85 da in unserem heutigen Predigttext sagt. „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet“. Dabei weiß er eigentlich, was Gott sagt. Und Er weiß, dass es gut ist. Nämlich dass Gott uns Menschen Frieden gönnt. Aber Gott sagt noch mehr. Nämlich, dass Er dabei unsere Unterstützung braucht. Wie das geht, dazu hat Jesus einen genialen Tipp; wir haben’s im Evangelium gehört: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ Ihr habt das so ausgedrückt, liebe Konfis: „Andere möchten so behandelt werden, wie du behandelt werden willst.“ Eine denkbar einfache Anleitung zum Friedenstiften. Der Volksmund hat daraus gemacht: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu!“ Hat jeder schon mal gehört. Allein mit der Umsetzung hapert es. Jeder weiß, wie fies es ist, wenn man ausgegrenzt wird. Trotzdem geht es mit uns durch, wenn einen dieses Gefühl von Macht und Überlegenheit packt, das man verspürt, wenn man sich mit jemandem gegen jemand anderen verschwört. Jeder weiß, wie ätzend es ist, wenn hinter’m Rücken über einen gelästert wird. Trotzdem ist es so unfassbar schwer, nicht mitzumachen, wenn andere über jemanden herziehen, der gerade nicht da ist.

 

„Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet“. Die Worte, die Gott durch Jesus sagt, höre ich wohl. Allein mir fehlt die Kraft sie zu leben. Da war noch so ein Satz vorhin, der vieles besser machen würde in unserem Zusammenleben: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater (also Gott) barmherzig ist“, sagt Jesus. Die Jahreslosung für dieses Jahr. Ein Appell an unsere Menschlichkeit. Barmherzigkeit ist das Gegenteil von Hartherzigkeit. Ein Herz, das sich erbarmen kann, ist empfindsam. Es lässt sich anrühren vom Schicksal anderer.

 

„Ein Appell an die Menschlichkeit“. So heißt die Ausstellung, die ab heute hier zu sehen ist. Alea Horst, eine Fotografin aus Reckenroth im Rhein-Lahn-Kreis, war unter anderem in dem berüchtigten Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos – bevor es abgebrannt ist. Durch den Brand im September 2020 ist das Lager berühmt geworden. Aber schon lange vorher haben dort Zustände geherrscht, die keiner von uns auch nur einen Tag ertragen wollen würde. Für 2.300 Menschen wurde es gebaut. Drin gelebt haben zum Zeitpunkt des Feuers 12.600 Menschen – zusammengepfercht wie Schlachtvieh in Massentierhaltung. Kinder, die ein Zuhause brauchen. Jugendliche, die zur Schule gehen möchten, weil ihnen klar ist, dass jeder Tag ohne Bildung für ihre Zukunft ein verlorener Tag ist. Erwachsene, die ihren Kindern Geborgenheit geben wollen, Nestwärme und einen Lebensraum, wo sie sich gut entwickeln können. Menschen. Zuhause haben Krieg, Terror und Hunger das unmöglich gemacht. Also sind sie geflohen. Im Herzen den Traum von einer besseren Zukunft. Doch an den Außengrenzen der EU endet dieser Traum. Zum Beispiel in Moria. Oder an der Grenze zwischen Belarus und Polen. Gelernt haben wir aus Moria nichts. Die gelebte Antwort der EU auf Flucht und Vertreibung bleibt: Abschottung.

 

Was haben wir uns aufgeregt, als Donald Trump die Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut hat, damit keine Flüchtlinge mehr rein kommen. Jetzt fordern Politiker aus unserem Land den Bau einer solchen Mauer an der EU-Außengrenze. Wer Mauern baut gegen Menschen, versagt nicht nur denen die Menschlichkeit, die jenseits dieser Mauer sind, sondern spricht sich selbst diese Menschlichkeit ab. Jesus setzt im Evangelium dieses Sonntags einen Warnschuss ab. Er sagt: „…mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“ „So viel, wie du anderen gönnst, bekommst du zurück“, habt Ihr daraus gemacht, liebe Konfis. Das ist keine so schöne Vorstellung, dass wir eines Tages vor der Himmelstüre stehen und gesagt kriegen: „Nö! Du kommst hier nicht rein!“

 

Vier mal kommt in unserem Predigttext das Wort „Gerechtigkeit“ vor. Gerechtigkeit und Friede gehören zusammen. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Und ohne Frieden gibt es keine Sicherheit. Darum geht es ja denen, die jetzt nach einer Mauer an den Grenzen der EU schreien: Um die Sicherheit. Aber Sicherheit schafft man nicht durch Mauern, sondern durch Investitionen in den Frieden. Und die größte Investition in den Frieden ist Gerechtigkeit. Und zwar globale Gerechtigkeit. Dafür sitzen im Moment in Glasgow 120 Regierungschefs zusammen. Und man kann nur hoffen und beten, dass der Heilige Geist ein Einsehen hat und da mal vorbeischaut, damit da noch was Gescheites bei rauskommt. Nach Auskunft der Vereinten Nationen waren 2020 rund 30,7 Millionen Menschen auf der Erde auf der Flucht vor Dürre, Überschwemmungen und anderen Begleiterscheinungen der Klimaerwärmung. Das wird nicht besser. Jedenfalls nicht, wenn wir so weitermachen. Wenn Bilder wie die aus Moria oder von der polnischen Grenze nicht noch mehr zunehmen sollen, dann ist Gerechtigkeit gefragt. Klimagerechtigkeit.

 

Das biblische Wort für Gerechtigkeit (hebräisch: Z’dakah) meint etwas anderes als das, was wir landläufig drunter verstehen. Mit „Gerechtigkeit“ assoziieren wir in der Regel Fragen wie: „Was steht mir zu? Wie komme ich zu meinem Recht? Was sind die anderen mir schuldig, was ist mir der Staat schuldig?“ Die Bibel buchstabiert Gerechtigkeit anders. Sie nimmt den anderen in den Blick und fragt ihn: „Mensch, was brauchst Du? Was brauchst Du von mir, damit Du leben kannst?“

 

Das ist übrigens auch die Haltung, mit der Gott uns begegnet. Gott fragt uns nicht: „Was hast Du verdient? Was hast Du vorzuweisen?“ Sondern Er fragt: „Mensch, was brauchst Du, damit Du leben kannst?“ Als Antwort hat Er sich selbst gegeben. In Jesus. Jesus hat die Komfortzone Himmel verlassen und ist runtergekommen. In knapp sieben Wochen feiern wir Seine Geburt in einer Notunterkunft und erinnern uns, dass Seine Eltern kurz nach Seiner Geburt als Flüchtlinge in Ägypten Zuflucht suchen mussten, weil Er sonst getötet worden wäre. Das hat Er alles für uns getan. Gott schützt nicht den Himmel mit Mauern gegen Wellen von lästigen Menschen, die da rein wollen, obwohl sie es nicht verdient haben. Er setzt auch keine himmlische Frontex-Agentur auf diejenigen an, die Ihm doch irgendwie zu nahe gekommen sind. Sondern Jesus reißt alle Mauern ein und macht die Grenze zwischen Himmel und Erde durchlässig. In Ihm berührt der Himmel die Erde.

 

Das ist unser Herr, und den sollen wir hören. Das ist unser Glaube, und den sollen wir leben. Gott sucht Menschen, die es machen wie Er: Mensch werden. Menschlich werden. Menschen, die sich berühren lassen von Bildern wie denen von Alea Horst. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ sagt Jesus. „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet“. Dann wäre manches mehr möglich an Menschlichkeit – und an Frieden. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

 

Predigttext 07.11.21
Online-Gottesdienst 2021-11-07 Predigtma[...]
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Predigt

für den Reformationstag (31.10.21)

zu Gal 5,1-6

Gottesdienst in Oberdiebach

mit Verabschiedung von Bettina Staßen und Kurt Schneider

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der Predigt liegt folgender Text aus Galater 5,1-6 zugrunde:

 

 

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

 

 

Liebe Gemeinde! Das Wort Freiheit hat sich zu einem Reizwort entwickelt. Seien es die Corona-Maßnahmen oder seien es Vorschläge zu mehr Klimaschutz - immer hört man den Aufschrei: „Das ist staatliche Bevormundung! Ich lass mir nix verbieten!“ Was ist Freiheit? Ist Freiheit wirklich das Recht, Regeln in den Wind zu schlagen, die Leben schützen? Das Recht, auf Kosten anderer zu leben? Auf ein Leben ohne Limits – ob beim Konsumverhalten oder auf der Autobahn? Was ist Freiheit? Und gibt es so was wie eine spezifisch evangelische Antwort auf diese Frage?

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Das ist der Kernsatz des heutigen Predigttextes aus Gal 5, und auf den ersten Blick könnte man denken, Paulus stachele hier die selbsternannten Freiheitskämpfer auch noch an. Allerdings hat Paulus, als er das im Jahr 55 nach Christus geschrieben hat, nicht an Corona-Maßnahmen oder Klimaschutzgesetze gedacht. Er hatte einen Konflikt vor Augen, der die von ihm gegründeten Gemeinden in Galatien beschäftigte. (Das liegt im Hochland der heutigen Türkei.) Es ging um das Thema Beschneidung. Jeder männliche Jude wird am achten Lebenstag beschnitten. Die Beschneidung ist ein Bundeszeichen. Gott hat es dem Abraham gegeben als Zeichen für Sein Versprechen, ein großes Volk aus ihm zu machen. Zu der Zeit waren seine Frau Sarah und er schon längst jenseits von gut und böse, hatten aber kein einziges Kind. Trotzdem hat Abraham darauf vertraut, dass Gott zu Seinem Wort steht - mit Erfolg, wie sich bei der Geburt Isaaks zeigte. Die Beschneidung ist damit ein Zeichen für den Glauben, für das Vertrauen, das Abraham Gott entgegengebracht hat. Die ersten Christen waren Juden und verstanden sich als Juden. Die hatten an der Stelle kein Problem. Die waren beschnitten. Jetzt hatten sich aber in Galatien (wie anderswo auch) Menschen auf den Glauben an Jesus Christus ansprechen lassen, die vorher keine Juden waren. Die standen nun vor der Frage: „Wenn wir dazugehören wollen, müssen wir uns dann auch beschneiden lassen?“

 

Dem tritt Paulus entschieden entgegen und sagt: „Nein! Allein auf die Beziehung zu Jesus kommt es an. Es zählt nur der Glaube. Rituale, Zeichen und Traditionen sind wichtig. Aber an ihnen hängt nicht das Heil. Das, worauf es ankommt, ist die Beziehung zu Jesus, das Vertrauen zu Ihm.“ Solus Christus - Christus allein. Paulus sagt hier Nein zur Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit heißt, dass man sein Leben nicht aus dem Vertrauen zu Jesus heraus lebt, sondern aus der Angst etwas falsch zu machen. Luther hat sich lange mit der Frage gequält: „Was muss ich tun, damit Gott mich mag? Was muss ich tun um mein Leben zu retten?“ Da ist sie: Die Angst etwas falsch zu machen. Angst zu wenig zu tun.

 

Angst hat mit Enge zu tun. Und Enge ist das Gegenteil von Freiheit. Paulus sagt nicht: „In die Enge hat uns Christus getrieben!“ Sondern: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Jesus ist gekommen um uns aus Angst und Enge in die Weite zu führen. „Ihr müsst keine Angst haben vor Gott. Ihr müsst keine Angst haben vor dunklen Mächten, die über Euer Leben bestimmen! Ihr müsst nicht permanent mit dem Schlimmsten rechnen, sondern Ihr dürft immer und überall mit dem Besten rechnen: Mit Gott! Denn der liebt Euch ohne Ende, und Er will, dass Ihr leben könnt – ohne Ende!“ Das ist der Kern von Luthers reformatorischer Erkenntnis. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Wir sind freie Kinder Gottes. Wir müssen uns nicht in ein Korsett aus Regeln zwängen, um damit unserer Ängste zu bekämpfen. Sondern dürfen wissen: Gott hat uns als freie Menschen geschaffen. Frei von Angst.

 

Diese Freiheit, die Jesus errungen hat, ist dann in der Folge aber nicht in erster Linie eine Freiheit von etwas, keine negative Freiheit, sondern sie ist eine positive Freiheit, Freiheit für oder zu etwas. In seinem Buch „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ sagt Luther einerseits: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Und andererseits: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Im ersten Moment fragt man sich, ob Luther irgendwie 'n bisschen schizo war oder so. Nee. War er nicht. Aber diese Dialektik beschreibt das Wesen christlicher Freiheit: Weil wir freie Kinder Gottes sind und nichts und niemand uns beherrschen darf, haben wir es nicht nötig, unser Leben in der permanenten Angst zu leben, wir könnten zu kurz kommen. Gerade weil wir Kinder Gottes sind und eine Lebenserwartung haben, die man mathematisch mit „x plus unendlich“ umschreiben könnte, müssen wir nicht alles mitnehmen, nicht auf Biegen und Brechen alles aus dem Leben rausholen, was rauszuholen ist, koste es andere, was es wolle. Christliche Freiheit schließt die Freiheit zur Rücksichtnahme mit ein und zum Verzicht. Die Freiheit, eigene Bedürfnisse hintenan zu stellen um anderer willen. Christliche Freiheit ist die Freiheit zum Dienen.

 

Wir verabschieden heute Morgen zwei Menschen, die Jahrzehnte lang im Dienst unserer Kirche gestanden haben. Bettina Staßen war 30 Jahre lang Erzieherin hier in Oberdiebach, nachdem sie schon seit 1978 als Leitung im Kindergarten in Steeg tätig war. Ist also 43 Jahre her. Und Kurt Schneider legt noch mal 20 Jahre drauf. Er war 63 Jahre lang als Organist in unserer Kirchengemeinde tätig. Und das über viele viele Jahre neben seinem Hauptberuf beim Finanzamt. Man kann seine Wochenenden auch anders gestalten als sonntags morgens von kurz nach neun bis kurz vor zwölf auf der Orgelbank zu hocken. Man kann seine Brötchen auch bei weniger Lärm und mit geringerer Verantwortung verdienen als als Erzieherin. Ihr beide habt Euch gegen diesen anderen Weg entschieden – für den Dienst. Aus freien Stücken. Von Menschen wie Euch lebt unsere Kirche und unsere Gesellschaft. Von Menschen, die die Freiheit haben, ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Gaben in den Dienst an Menschen zu stellen und damit in den Dienst Gottes.

 

Diese Rückbindung an Gott ist wichtig. Ohne Gott im Rücken kann einen der Dienst an Menschen fertigmachen. Denn es gibt ja schon so Momente, wo man sich fragt: „Ey, wofür tue ich das hier eigentlich?!“ Der Glaube entkoppelt unseren Einsatz für andere vom Zwang eines unmittelbaren Erfolgs. Das ist auch in anderen Zusammenhängen wichtig, zum Beispiel wenn man sich für mehr Klimaschutz engagiert. Da könnte man ansonsten schier verzweifeln beim Blick auf die Schwerfälligkeit und die Untätigkeit anderer. Aber um Gottes willen ist nichts vergeblich. Die Tatsache, dass Er der Herr ist und am Ende entscheidet, was geschieht, gibt uns die Freiheit, das zu tun, was um Seinetwillen dran ist.

 

Evangelische Freiheit heißt also: Handeln nicht aus Angst, sondern aus Liebe und Vertrauen. Nicht aus Angst vor der Klimakatastrophe, sondern aus Liebe zu Gottes Schöpfung. Nicht aus Furcht vor dem Tod, sondern aus Liebe zum Leben. Leben im Vertrauen auf Jesus – aus dem Glauben, der in der Liebe tätig ist. Das ist die evangelische Antwort auf die Frage: „Was ist Freiheit?“ Nicht ein Leben ohne Regeln und ohne Limits. Sondern ein Leben im Glauben, der in der Liebe tätig ist. Amen

 

 

Predigttext 31.10.21
Reformationstag
Online-Gottesdienst 2021-10-31 Predigtma[...]
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Predigt

für das Reformationsfest (Sa. 30.10.21)

zu Gal 5,1-6

Gottesdienst in Manubach

mit Goldener Hochzeit der Eheleute Stiehl

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der Predigt liegt folgender Text aus Galater 5,1-6 zugrunde:

 

 

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

 

 

Liebe Gemeinde! Das Wort Freiheit hat sich zu einem Reizwort entwickelt. Seien es die Corona-Maßnahmen oder seien es Vorschläge zu mehr Klimaschutz - immer hört man den Aufschrei: „Das ist staatliche Bevormundung! Ich lass mir nix verbieten!“ Was ist Freiheit? Ist Freiheit wirklich das Recht, Regeln in den Wind zu schlagen, die Leben schützen? Das Recht, auf Kosten anderer zu leben? Auf ein Leben ohne Limits – ob beim Konsumverhalten oder auf der Autobahn? Was ist Freiheit? Und gibt es so was wie eine spezifisch evangelische Antwort auf diese Frage?

 

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Das ist der Kernsatz des heutigen Predigttextes aus Gal 5, und auf den ersten Blick könnte man denken, Paulus stachele hier die selbsternannten Freiheitskämpfer auch noch an. Allerdings hat Paulus, als er das im Jahr 55 nach Christus geschrieben hat, nicht an Corona-Maßnahmen oder Klimaschutzgesetze gedacht. Er hatte einen Konflikt vor Augen, der die von ihm gegründeten Gemeinden in Galatien beschäftigte. (Das liegt im Hochland der heutigen Türkei.) Es ging um das Thema Beschneidung. Jeder männliche Jude wird am achten Lebenstag beschnitten. Die Beschneidung ist ein Bundeszeichen. Gott hat es dem Abraham gegeben als Zeichen für Sein Versprechen, ein großes Volk aus ihm zu machen. Zu der Zeit waren seine Frau Sarah und er schon längst jenseits von gut und böse, hatten aber kein einziges Kind. Trotzdem hat Abraham darauf vertraut, dass Gott zu Seinem Wort steht - mit Erfolg, wie sich bei der Geburt Isaaks zeigte. Die Beschneidung ist damit ein Zeichen für den Glauben, für das Vertrauen, das Abraham Gott entgegengebracht hat. Die ersten Christen waren Juden und verstanden sich als Juden. Die hatten an der Stelle kein Problem. Die waren beschnitten. Jetzt hatten sich aber in Galatien (wie anderswo auch) Menschen auf den Glauben an Jesus Christus ansprechen lassen, die vorher keine Juden waren. Die standen nun vor der Frage: „Wenn wir dazugehören wollen, müssen wir uns dann auch beschneiden lassen?“ Dem tritt Paulus entschieden entgegen und sagt: „Nein! Allein auf die Beziehung zu Jesus kommt es an. Es zählt nur der Glaube. Rituale, Zeichen und Traditionen sind wichtig. Aber an ihnen hängt nicht das Heil. Das, worauf es ankommt, ist die Beziehung zu Jesus, das Vertrauen zu Ihm.“ Solus Christus - Christus allein.

 

Paulus sagt hier Nein zur Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit heißt, dass man sein Leben nicht aus dem Vertrauen zu Jesus heraus lebt, sondern aus der Angst etwas falsch zu machen. Luther hat sich lange mit der Frage gequält: „Was muss ich tun, damit Gott mich mag? Was muss ich tun um mein Leben zu retten?“ Da ist sie: Die Angst etwas falsch zu machen. Angst zu wenig zu tun. Angst hat mit Enge zu tun. Und Enge ist das Gegenteil von Freiheit. Paulus sagt nicht: „In die Enge hat uns Christus getrieben!“ Sondern: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Jesus ist gekommen um uns aus Angst und Enge in die Weite zu führen. „Ihr müsst keine Angst haben vor Gott. Ihr müsst keine Angst haben vor dunklen Mächten, die über Euer Leben bestimmen! Ihr müsst nicht permanent mit dem Schlimmsten rechnen, sondern Ihr dürft immer und überall mit dem Besten rechnen: Mit Gott! Denn der liebt Euch ohne Ende, und Er will, dass Ihr leben könnt – ohne Ende!“

 

Das ist der Kern von Luthers reformatorischer Erkenntnis. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Wir sind freie Kinder Gottes. Wir müssen uns nicht in ein Korsett aus Regeln zwängen, um damit unserer Ängste zu bekämpfen. Sondern dürfen wissen: Gott hat uns als freie Menschen geschaffen. Frei von Angst. Diese Freiheit, die Jesus errungen hat, ist dann in der Folge aber nicht in erster Linie eine Freiheit von etwas, keine negative Freiheit, sondern sie ist eine positive Freiheit, Freiheit für oder zu etwas.

 

In seinem Buch „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ sagt Luther einerseits: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Und andererseits: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Im ersten Moment fragt man sich, ob Luther irgendwie 'n bisschen schizo war oder so. Nee. War er nicht. Aber diese Dialektik beschreibt das Wesen christlicher Freiheit: Weil wir freie Kinder Gottes sind und nichts und niemand uns beherrschen darf, haben wir es nicht nötig, unser Leben in der permanenten Angst zu leben, wir könnten zu kurz kommen. Gerade weil wir Kinder Gottes sind und eine Lebenserwartung haben, die man mathematisch mit „x plus unendlich“ umschreiben könnte, müssen wir nicht alles mitnehmen, nicht auf Biegen und Brechen alles aus dem Leben rausholen, was rauszuholen ist, koste es andere, was es wolle. Christliche Freiheit schließt die Freiheit zur Rücksichtnahme mit ein und zum Verzicht. Die Freiheit, eigene Bedürfnisse hintenan zu stellen um anderer willen. Christliche Freiheit ist die Freiheit zum Dienen.

 

Wir haben heute Abend zwei Menschen unter uns, die auf 50 Jahre Ehegeschichte zurückblicken. Böse Zungen behaupten ja, die Ehe sei dazu da, gemeinsam Probleme zu lösen, die man alleine gar nicht hätte. Klingt erstmal ein bisschen zynisch, aber im Kern ist es das: Wer heiratet, ist bereit, sich die Probleme eines anderen Menschen zu Eigen zu machen. Sich die Freude und die Sorgen, die Bedürfnisse und die Gedanken eines anderen etwas angehen zu lassen. Die Ehe ist eine Gemeinschaft, in der einer dem anderen dient, wenn ich dieses alte Wort in dem Zusammenhang mal gebrauchen darf. Idealerweise sollte sich das unter’m Strich die Waage halten, aber eben unter’m Strich. Das heißt, es gibt Zeiten, in denen einer mehr gibt und der andere mehr nimmt. Dann nicht wegzulaufen und zu sagen: „So habe ich mir das nicht vorgestellt!“, sondern sich zu erinnern: „Da war doch was von wegen „… in guten wie in schlechten Tagen…“ – das ist Dienst am Menschen. Mit Ihrer kirchlichen Trauung haben Sie, liebe Frau Stiehl, lieber Herr Stiehl, sich sozusagen Gott mit ins Boot geholt. Ohne Gott im Rücken kann einen der Dienst am Menschen schnell überfordern. Nicht nur in der Ehe.

 

Der Glaube entkoppelt unseren Einsatz für andere vom Zwang eines unmittelbaren Erfolgs. Das ist auch in anderen Zusammenhängen wichtig, zum Beispiel wenn man sich für mehr Klimaschutz engagiert. Da könnte man ansonsten schier verzweifeln beim Blick auf die Schwerfälligkeit und die Untätigkeit anderer. Aber um Gottes willen ist nichts vergeblich. Die Tatsache, dass Er der Herr ist und am Ende entscheidet, was geschieht, gibt uns die Freiheit, das zu tun, was um Seinetwillen dran ist.

 

Evangelische Freiheit heißt also: Handeln nicht aus Angst, sondern aus Liebe und Vertrauen. Nicht aus Angst vor der Klimakatastrophe, sondern aus Liebe zu Gottes Schöpfung. Nicht aus Furcht vor dem Tod, sondern aus Liebe zum Leben. Leben im Vertrauen auf Jesus – aus dem Glauben, der in der Liebe tätig ist. Das ist die evangelische Antwort auf die Frage: „Was ist Freiheit?“ Nicht ein Leben ohne Regeln und ohne Limits. Sondern ein Leben im Glauben, der in der Liebe tätig ist. Amen.

 

 

Predigttext 30.10.21
Reformationsfest
Online-Gottesdienst 2021-10-30 Predigtma[...]
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Predigt für den 21. Sonntag nach Trinitatis, 24.10.2021, (Matthäus 10, 34 - 39)

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext steht im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums, und trägt die Überschrift „Entzweiung um Jesu willen“.

Ich lese aus der Übersetzung nach Martin Luther:

 

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Wir hören in diesem Textabschnitt nicht nur Widersprüche, wenn wir an unser sonst doch so friedvolles, den Menschen Nächstenliebe predigendes Bild von Jesus denken.

Nein, wir erfahren zusätzlich auch noch eine grenzenlose Zumutung, denn wir sollen unsere Beziehung zu den Menschen, die uns am nächsten stehen, einem völligen Bruch zuführen.

Unser Verhältnis zu unseren nächsten Verwandten wird monumental in Frage gestellt.

Und zum Schluss leben wir sogar in einer familiären Hausgemeinschaft mit lauter Feinden! Wie kann das sein?

 

Schon das 4. Gebot besagt: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden“.

Wie kann Jesus dann eines der 10 Gebote in Frage stellen, sind sie doch von Gott selber vorgegeben?

 

Wir erinnern uns, dass Jesus an anderer Stelle (Matthäus19, „Der reiche Jüngling“) einem jungen Mann sagt, dass er nur dann vollkommen sei, wenn er all seinen Reichtum den Armen überlässt und ihm bedingungslos folgt. Damit tut sich nicht nur der „reiche Jüngling“ schwer, der betrübt davon geht. Auch wir haben bei dem Gedanken, all unserer irdischen Güter zu entsagen, so unsere Probleme und Bedenken.

 

Eine Steigerung dieser Forderung, die – entgegen des 4. Gebotes – nun auch noch ein nicht nachvollziehbares Abwenden von Vater und Mutter verlangt, überfordert uns und unsere Gefühlswelt dann aber völlig.

 

Widerspricht Jesus also tatsächlich seinem himmlischen Vater?

Ist er in der Lage, uns solch grausame Entscheidungen abzuverlangen?

 

Zugegeben: Jesus bedient sich in manchen Situationen einer ausgesprochen drastischen Sprache, und damit auch recht krasser Beispiele und Vergleiche.

 

Das tut er aber in erster Linie immer, um sein persönliches Umfeld, aber auch uns im „hier und jetzt“, aus der bequemen Komfortzone herauszulocken, um uns zum Nachdenken anzuregen, damit wir uns immer wieder neu mit unserem Glauben und unserer Beziehung zu Gott auseinandersetzen.

 

Die grundsätzliche Frage, die uns gegenüber „meterhoch“ aufgeworfen wird, ist:

Was, liebe Menschen, sind eure wirklichen Prioritäten im Leben? Wo genau setzt ihr eure Schwerpunkte?

 

In dem Moment, wo uns – in diesem Fall von Jesus – eine sofortige, knallharte Entscheidung abverlangt wird (hier: entweder die nächsten Angehörigen oder Jesus), geraten wir in innere Konflikte und beginnen, wie es so schön heißt, „zu schwimmen“. Wir schalten in einen Abwehr- und Verteidigungsmodus und versuchen, Widersprüchliches in eine Art emphatisches Gleichgewicht zu bringen, einen möglichen Kompromiss. Meistens gelingt das aber nicht sonderlich überzeugend.

 

Wir könnten an dieser Stelle mal einen Feldversuch starten: Fragen wir doch einen aktuellen Konfirmandenjahrgang, ob er gemeinschaftlich bereit ist, alle zu erwartenden Geldgeschenke anlässlich der Konfirmation einem guten Zweck zuzuführend, weil nur dann die Entscheidung für die Konfirmation und damit für ein Leben mit Gott wirklich ehrlich und bindend ist.

Was würde passieren? Wie würde die Antwort ausfallen?

Vermutlich gäbe es eine Menge Gesprächsbedarf und heftige Diskussionen. Auf jeden Fall wäre nicht wenigen Beteiligten das Fest bereits im Vorfeld verdorben.

Allein dieses Ansinnen in Verbindung mit einer solchen Abhängigkeit! Echt unverschämt, eine weitere Zumutung, oder?

 

Aber auch hier gilt bereits: Was ist mir wirklich wichtig? Warum möchte ich konfirmiert werden? Was ist der eigentliche, tiefe Sinn des Ganzen?

 

Und genau diese Art der Gedankenanstöße möchte Jesus initiieren, wenn er den „reichen Jüngling“ mit seiner Forderung nach absoluter Armut schockt.

 

Und genau diese Art der Gedankenanstöße möchte Jesus eben auch initiieren, wenn er fordert, dass wir selbst Vater und Mutter „links liegen lassen“, um ihm nachzufolgen.

 

Im Prinzip sind es zwei wesentliche Stränge, die konkret angesprochen werden.

Zum einen die Tatsache, dass wir als Christinnen und Christen unseren Glauben auch im Alltag immer an die erste Stelle setzen sollten. Bis hin zu einer inneren Auseinandersetzung mit dem undankbaren Thema der Feindesliebe.

Zum anderen aber auch, dass wir selbst dann nicht von unserem Glauben lassen sollen, wenn bildlich „Vater und Mutter“, oder eben die besten Freunde mit unserem Glauben nichts anfangen können, uns wegen unseres Glaubens vielleicht belächeln, kritisieren oder gar anfeinden.

 

Selbstverständlich liegt es Jesus fern, eines der 10 Gebote anzuzweifeln. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Menschlichkeit und Nächstenliebe.

Ebenso soll aber nichts zwischen ihm und uns Christinnen und Christen stehen, selbst Vater und Mutter nicht.

 

Angenommen, die eigenen Eltern lehnen den christlichen Glauben völlig ab. Dann sind wir aufgefordert, um die drastischen Worte Jesu richtig zu interpretieren, trotzdem unseren gemeinsamen Weg mit ihm gehen.

Jesus sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“

In diesem Sinne rückt er die Lebensprioritäten gläubiger Christinnen und Christen in ein sehr klares Licht.

Wenn also die eigenen Eltern ob meines Glaubens mit mir nichts mehr zu tun haben wollten, dann wäre ich berufen, Jesus trotzdem die Treue zu halten.

 

Ich kann selbstverständlich für meine Eltern beten und hoffen, dass Gott diese Beziehung, die um des Glaubens Willen einen starken Bruch erfahren hat, wieder einer Aussöhnung entgegenführt.

Mit einem solchen Gebet zolle ich Vater und Mutter auch weiterhin meinen Respekt.

Dennoch: Jesus würde in diesem Beispiel klar den eigenen Eltern vorgezogen, so wie er es in unserem Bibeltext verlangt.

 

Mein persönliches Fazit:

Jesus wird nichts von uns verlangen, was unmöglich zu erfüllen ist. Und vollkommen werden, wie im Beispiel des reichen Jünglings, können wir als fehlerhafte Menschen sowieso nicht. Das ist Jesus völlig klar.

Er sagt aber auch: Der Weg zum Vater führt über mich!

Wenn wir also ab und an eines drastischen Denkanstoßes bedürfen, um unsere eingefahrene Glaubensbequemlichkeit zu hinterfragen und abzulegen, dann versetzt uns Jesus verbal gerne auch mal in eine Art Schockstarre!

 

Er setzt uns sinnbildlich „die Pistole auf die Brust“ und sagt:

„ Entweder ein steiniger Weg zum ewigen Leben mit mir, oder aber alternativ erster Klasse ins Verderben.“

 

Was er damit erreichen will ist, dass wir das oft sehr fragile Band zwischen ihm und uns nie ganz aus den Augen verlieren.

Und dass wir im schnöden Alltag nie ganz vergessen, was wirklich im Leben zählt.

 

Also, liebe Gemeinde:

Lassen Sie uns alle unsere Beziehung zu Jesus, jeder für sich, immer wieder erneuern.

Geben wir unserem Glauben den Raum im Leben, den er nicht nur braucht, sondern auch verdient, damit zwischen uns und dem Herrn nichts und niemand steht.

Das alles in dem Wissen: Jesus will uns niemals schaden, sondern einzig seinem himmlischen Vater zuführen und damit dem ewigen Leben.

 

Und last but not least: Es wird unserem Herrn nicht in den Sinn kommen den Konfirmandinnen und Konfirmanden „in die Tasche“ zu greifen.

Spenden von Herzen sind aber trotzdem immer willkommen.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigttext vom 24.10.21
211024GDPredigt.pdf
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Predigt zu Erntedank 2021 (2 Kor 9,6-15)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

das Erntedankfest soll ein fröhliches Fest sein.

Freuen Sie sich darüber, mit wie vielen leckeren Früchten Gott uns wieder beschenkt hat.

Der Gedanke des Feierns ist aber an Erntedank immer mehr in den Hintergrund getreten.

Schließlich erleben die wenigsten Menschen den Zyklus aus Wachsen, Ernten und Vergehen bewusst  mit.

 

Milch kommt heutzutage eher aus dem Tetrapack, das Gemüse aus dem Gefrierschrank und das Brot aus der Backstation. Und wenn immer alles verfügbar ist, wird es schwer, das Geschenk der Ernte wahrzunehmen und zu feiern. Wenn unser Leben nicht mehr so stark auf Landwirtschaft und Nahrungsmittel ausgerichtet ist, dann ist es umso wichtiger, das ganze Leben in den Blick zu nehmen.

 

Ich bin dankbar für alle Dinge in meinem Leben, für die ich nichts oder wenig tun kann. 

Das Erntedankfest ist ein Zeichen gegen die Gedankenlosigkeit, mit der der moderne Mensch in die vollen Regale der Supermärkte greift in der Meinung, das alles sei selbstverständlich. Das ist es aber nicht.

Wir wissen, dass viele Millionen Menschen auf unserem Globus hungern, kaum das Nötigste zum Leben haben, von Katastrophen heimgesucht werden, die ihnen alle Lebensgrundlagen nehmen.

Und die Älteren unter uns können sich selbst noch an Zeiten erinnern, als das tägliche Brot keineswegs selbstverständlich war, sondern ein großes Glück.

So haben wir allen Grund, Gott zu danken für seine Gaben und ihn zu bitten für die notleidenden Menschen und die bedrohte Schöpfung.

 

Um das Erntedankfest bewußt und von Herzen begehen zu können und nicht bloß als theoretische Übung, ist wohl nötig, dass der Mensch eine Beziehung zum Boden, zur Erde hat; dass er selbst schon erlebt hat, wie das ist, wenn man etwas pflanzt oder aussät, dann das allmähliche Heranwachsen der Pflanzung beobachtet und sich schließlich an der vollen Frucht, der entfalteten Blüte freuen kann.

 

Diesen Umgang mit dem Ackerboden haben heute in der Landwirtschaft nur noch wenige Menschen; gar nicht so wenige sind es aber, die einen Garten ihr Eigen nennen und von daher das Pflanzen und Ernten kennen.

 

Es macht Freude, selbst gezogene Früchte in den Händen zu halten. Viele Kleingärtner freuen sich, wenn alles so schön wächst, weil sie Vorfreude auf die Ernte empfinden. Und professionelle Landwirte haben mit Sicherheit die Ernte im Blick, wenn sie pflügen und säen, düngen und spritzen.

Sie wissen noch: Wir säen und ernten, Gott aber lässt es wachsen.

 

Weil aber zum täglichen Brot nicht nur das Getreide auf den Feldern gehört, sondern auch sonst alles, was wir an Leib und Leben nötig haben, so wollen wir in unserem Dank auch nicht vergessen, dass es unserem Land wirtschaftlich sehr gut geht, dass es immer weniger Arbeitslose gibt, dass es bei allen Problemen auch in diesem Jahr möglich war, ein ruhiges und stilles Leben in Frieden zu führen – Gott sei Dank!

 

Im Unterschied zu vielen Christen die es auf dieser Welt gibt, dürfen wir mit Recht behaupten, dass wir reichgesegnete Christen sind. Reiche Gaben haben wir empfangen und nun zeigt uns Paulus in der heutigen Epistel, den Predigttext den wir als erste Lesung gehört haben, dass wir damit auch reichlich geben können. Aber mehr noch, er zeigt uns auch, wie und wozu wir geben können.

 

Mit unseren Versen hatte er die Gemeinde in Korinth zu einer Kollekte, also zu einer Geldsammlung für die notleidenden Christen in Jerusalem ermuntert. Und an der Art und Weise, wie er das getan hat, kann die ganze Kirche bis heute viel lernen. Denn Paulus hat keinerlei Druck auf die Korinther ausgeübt. Er hat sie nicht gezwungen oder bedrängt, ihr Geld für andere zu geben, nein, er hat den Willen und die Freude an dieser Sammlung bei den Korinthern geweckt. Ausdrücklich sagt er, dass niemand aus Zwang oder mit Unwillen geben soll. Und so viel dürfen wir wissen, diese Sammlung wurde ein großer Erfolg.

 

Nun ist es dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, fröhlich etwas von dem zu geben, was ihm gehört, ohne dass er dafür auch etwas zurückbekommt.

Geschäfte werden gemacht, aber Geschenke?

 

Da überlegt man lieber etwas genauer, was man bereit ist zu geben und hinter vielen Geschenken steckt nicht selten auch der pure Geschäftssinn.

„Wenn ich jetzt das schenke, dann kann ich damit rechnen, dass ich auch etwas wiederbekomme.“ Je größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese Rechnung aufgeht, umso bereitwilliger wird auch geschenkt werden. Ein anderer Beweggrund für ein Geschenk ist vielleicht auch der, dass große Sympathien oder gar Liebe im Spiel sind. Dann wird man gern schenken.

Kinder und Enkelkinder freuen sich sehr über das, was sie von Eltern und Großeltern bekommen, ohne dass sie dafür etwas tun mussten.

 

Geht es aber das fröhliche Geben, dann geht es nicht um ein Geschäft und dann geht es auch nicht um die Beziehungspflege unter Menschen, sondern viel mehr um ein Opfer, eine Spende, das denen gebracht wird, die nichts zurückgeben können und die man oftmals gar nicht selber kennt.

Was bewirken Spenden? Zuallererst: Sie lindern Mangel. Soforthilfe ist wichtig, um bei aktueller Not schnell reagieren zu können. Das hat zum Beispiel auch die Flutkatastrohe in diesem Sommer gezeigt.

Was wird aber die Herzen so öffnen, dass ein Mensch zu einem fröhlichen Geber wird, der mit seiner Gabe ein Opfer, eine Spende bringt?

Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, schreibt Paulus in unseren Versen.

Und so habt ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles, was ihr zum Leben braucht.

Und ihr habt immer noch mehr als genug, anderen reichlich Gutes zu tun. …

Gott gibt den Samen zum Säen und das Brot zum Essen.

 

„So wird er auch euch den Samen geben und eure Saat aufgehen lassen. Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen. Er wird euch so reich machen, dass ihr jederzeit freigebig sein könnt“

Das Bild, von dem Paulus ausgeht, stammt aus der Welt der Ackerbauern. Das verstand damals jeder. Lila Kühe – diesen Irrtum gab es nicht. Die Menschen wussten, worum es beim Säen und Ernten ging: um’s Überleben und um’s gute Leben.

 

Alles nicht selbstverständlich, das wussten die Leute auch. Und deshalb: wer reichlich hat, soll teilen. Das ist Gottes Wille, damit es möglichst allen gut geht.

 

Ein sehr aktueller Gedanke, wenn wir uns vor Augen führen, dass mit dem Getreide, das Jahr für Jahr auf der Welt geerntet wird, ALLE Menschen satt gemacht werden könnten. Ein Skandal, dass das nicht geschieht.

 

Zurück nun zu Paulus: gesät und geerntet hat er die Botschaft von Jesus Christus. Sie ist aufgegangen in Korinth und hat in der Gemeinde gute Frucht getragen. Das ist wertvoll, sehr, sehr wertvoll.

 „Und jetzt, liebe Korintherinnen und Korinther, jetzt könnt ihr etwas zurückgeben. Ihr könnt – und ihr sollt – freigiebig sein. Und das nicht nur für euch, sondern für Glaubensgeschwister, die weit weg sind und bei denen Not herrscht.“

 

Paulus will also das wechselseitige Geben und Nehmen in der einen Kirche Jesu Christi betonen.

Die Kollekte wird so zu einem Band der Gemeinschaft…“ zwischen den Gemeinden, die so weit auseinander lagen, dass sie eigentlich nichts von einander wissen konnten.

 

Für ihn ist klar: alle gehören zusammen, weil Gott, weil Christus sie zusammengeführt hat. Gott hat alle reich beschenkt mit seiner Gnade und Liebe, egal ob sie nun Juden oder andere Leute sind.

 

Und daher gibt es eine Verpflichtung: einander zu helfen und Not zu lindern, wo Not auftritt.

Gottes gute Botschaft ist das wohl wert. Es ist alles eine Frage der Gerechtigkeit – und der Dankbarkeit. Und deshalb: Gebt nicht mit mürrischem Gesicht, wenn es euch gut geht. „Denn wer fröhlich gibt, den liebt Gott.

Das Geben ist aber keine Bedingung, dass mich Gott lieb hat.

 

Paulus machte sich später selbst auf den Weg, um die Kollekte persönlich nach Jerusalem zu bringen – eine lange und gefährliche Reise damals.

 

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt:

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist!“

Die Frage ist, wo wir konkret zum Segen für andere Menschen da sind und wo wir „Früchte der Gerechtigkeit“ ernten?!

Lasst uns fröhlich säen, damit wir segensreich ernten. AMEN!

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es fassen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

 

Predigt Erntedank
17.10.21
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10.10.2021 /Gottesdienst am 19.Sonntag nach Trinitatis                  09.15 Manubach und 10.45 Steeg

                                                                                                             

Zu der Zeit wurde Hiskia todkrank. Und der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz, kam zu ihm und sprach zu ihm: So spricht der HERR: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben. Da wandte Hiskia sein Angesicht zur Wand und betete zum HERRN und sprach: Gedenke doch, HERR, wie ich vor dir in Treue und ungeteilten Herzens gewandelt bin und habe getan, was dir gefallen hat. Und Hiskia weinte sehr.

Da geschah das Wort des HERRN zu Jesaja: Geh hin und sage Hiskia: So spricht der HERR, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen und will dich samt dieser Stadt erretten aus der Hand des Königs von Assyrien und will diese Stadt beschirmen. Und dies sei dir das Zeichen von dem HERRN, dass der HERR tun wird, was er zugesagt hat: Siehe, ich will den Schatten an der Sonnenuhr des Ahas zehn Striche zurückziehen, über die er gelaufen war. Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war: Ich sprach: Nun muss ich zu des Totenreiches Pforten fahren in der Mitte meines Lebens, da ich doch gedachte, noch länger zu leben. Ich sprach: Nun werde ich den HERRN nicht mehr schauen im Lande der Lebendigen, nun werde ich die Menschen nicht mehr sehen mit denen, die auf der Welt sind. Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe; Tag und Nacht gibst du mich preis. Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat's getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. Herr, lass mich wieder genesen und leben! Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.  Jesaja 38, 1-20

 

Liebe Gemeinde,

wie schwer mag es dem Propheten Jesaja gefallen sein, seinem geliebten König so eine Botschaft auszurichten? Gute Nachrichten, ja, die übernimmt jeder gerne, aber so eine: Du wirst krank, du wirst an dieser Krankheit sterben, mach dein Testament, die kostet ungeheure Überwindung. Aber Jesaja bekam diesen Auftrag Gottes. Da gibt es kein Ausweichen. Er kann Gottes Weisung nicht ändern, damit sie sich weniger schlimm anhört! Er muss Klartext reden! Das ist nicht nur das Todesurteil für den König, liebe Gemeinde, das trifft in diesem Falle ein ganzes Volk. Wie schnell haben die Feinde das spitz gekriegt, wenn ein König nicht mehr regierungsfähig ist und damit wehrlos! Dann ist er nach heutiger Sprechweise ein zahnloser Tiger und seine Feinde stehen bald mit ihren Heeren vor den Toren seiner Stadt.

 

Hiskia drehte dem Unheilsboten den Rücken zu. Nun sprach er nur noch mit Gott. Er erinnerte Gott laut an alles, was er getan hatte, um IHM zu dienen. Er betonte seine Treue IHM gegenüber, sein „ungeteiltes Herz“!!! Das ist ja etwas Besonderes unter den Königen im Gottesvolk! Viele haben hin und her geschwankt zwischen Gott und den Götzen und dadurch ihr eigenes Volk ins Verderben gerissen. Aber Hiskia hatte eine regelrechte Glaubens-Reform durchgeführt, Götzenbilder vernichten lassen und Raum für das Hören auf Gott geschaffen. Er war Gott treu! Und Gott? 

 

Es gibt den Begriff „Theodizee“. Das griechische Wort bedeutet „Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des in der Welt von IHM zugelassenen Übels“, so der Duden. Bei Hiskia stand die Theodizee-Frage nun ganz groß im Vordergrund: Warum lässt Gott zu, dass ich todkrank werde? Der Prophet Jesaja hätte sich bestimmt lieber die eigene Zunge abgebissen, um nicht diese Nachricht überbringen zu müssen, aber er ist zum „Sprecher“ von Gott berufen. Und da gibt es kein Kneifen. Keine Krankmeldung.

 

Aber König Hiskia trat jetzt die Flucht nach vorne an! Er richtet sich an Gott selber! Er braucht keinen Propheten als Mittelsmann mehr. Er klagt Gott an: Wie kannst du so an mir handeln? Habe ich nicht alles getan, um Deinem Namen Ehre zu verschaffen? Habe ich nicht in Deinem Sinne, nach deinem Gesetz regiert? Und dann kamen dem großen König die Tränen!!! Gott hat nicht lange geschwiegen. Bald darauf sprach der Herr wieder mit Jesaja und sandte ihn erneut zu dem kranken König. Und da kam dann neben der guten Nachricht: Du wirst wieder gesund, aber auch ein ganz großartiger Beweis: Das Rückwärtsgehen der Sonnenuhr! - Daran erinnere ich mich immer, wenn ich die Rosengasse in Bacharach in Richtung Koblenzer Straße gehe. Denn da ist eine Sonnenuhr links am Haus Hartel! Gott hält für Hiskia nicht nur die Zeit, die Weltkugel an, er streicht Vergangenes. Eindeutiger kann Gott seine Todesabsicht nicht rückgängig machen. ER setzt ein Zeichen um der Treue eines Menschen willen! ER dreht das Rad der Geschichte rückwärts! Was für eine Gabe! So viele Stunden bekam die ganze Welt geschenkt durch Hiskias Mut zum Appell an Gottes Gerechtigkeit.

 

Und nun sang Hiskia ein Lied! Da ist wirklich alles drin, die große Klage und der große Lobgesang: Siehe, um Trost war mir sehr bange, Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

 

Wie schnell wird dieser Gesang Kreise gezogen haben am Königshof, in der Stadt, im Land!!! Sogar bis ins damalige Assyrien ist es gedrungen und hat dem dortigen König Sanherib eindeutig signalisiert: Versuche es nicht, mein Volk anzugreifen! Auch für diesen Götzendiener hat Gott die Sonnenuhr zurückgestellt - um eine Gnadenzeit!

 

Liebe Gemeinde, die Bibel ist ein ehrliches Buch! Sie verzeichnet auch, dass Hiskia irgendwann über seinen eigenen Stolz gestolpert ist. Er war ja ein Weltwunder seiner Zeit!  Das zog Gäste von anderen Königshöfen an. Und bei so einer Gelegenheit brachte Hiskia den Gast nicht dazu, den Gott Israels zu loben wegen seiner Güte und Allmacht, sondern die Schatzhäuser mit Gold, Silber und Juwelen zu bestaunen, die Hiskia und seine Vorgänger gesammelt hatten. König Hiskia, der mit dem Zweiten Leben, er betete sozusagen seine Schätze an, statt allein Gott die Ehre zu geben. Und der Gast war aus Babylon, das in späteren Zeiten die großen Schätze, sogar das Tempelgerät, und viele Menschen dazu, als Kriegsbeute wegschleppte.

 

Es gibt unter den Menschen nur einen, der Gott allein die Ehre gab: Jesus von Nazareth. Er hat sonderbare „Schätze“ für den himmlischen Vater gesammelt: Gichtbrüchige, Zöllner, Aussätzige, Blinde, Taube, Stumme, Sünder, auferweckte Tote und noch einige mehr, die er alle seinem Vater „mitbringt“.

 

Auch bei ihm ist es schlecht um den Dank von Geheilten bestellt gewesen. Von den 10 Aussätzigen zum Beispiel war es ja nur einer, der zu Jesus zurückkam, nachdem die Heilung von einem Priester bestätigt war, der ihm zu Füßen fiel. Die Dankrate liegt auch da nur bei 10 %. Der Gottessohn alleine ist seinem Vater, die Sünder alle zu retten, treu geblieben. Er hat das Lösegeld bezahlt, das Tod und Teufel für uns alle fordern können. So viel sind wir Gott wert, dass er seinen Sohn für uns hergibt, Seinen größten Schatz opfert! Das ist die absolute Spitze. Gott gibt uns nicht nur 10 %  oder 15 Jahre weiteres Leben wie damals dem Hiskia, sondern er schenkt uns den Himmel mit seiner ganzen Ewigkeit und allem Heil!

 

Wir müssen uns hoffentlich nie gegen die Wand drehen wie Hiskia und mit Gott auf Gedeih und Verderb streiten über Tod oder Weiterleben. Aber dürfen tun wir es!!! Das sagt die Hiskia-Affäre. Wir haben heute keine Propheten, die uns Gottes Willen kundtun. Wir haben sein Wort schriftlich – von Anfang der Welt an. Und wir haben Seinen Sohn, den wir aus der Schrift heraus hören – mal laut, mal leise. Aber immer heilsam. Er ist unser Mittler geworden!

 

Es ist lebenswichtig, auf Christus zu hören. Er wird unseren Feinden Tod und Teufel genauestens aufzählen, was wir alles falsch gemacht haben in unserem Leben. Aber ich bin sicher, dass er dann sagen wird: Die Rechnung für ihr Versagen geht auf mich! Sie sind meine Schwestern und Brüder, alle diese da. Ihre Schulden übernehme ich! Ich werde sie ans Kreuz tragen. Und wenn ich nicht vom Kreuz herabsteige, dann habt ihr Verderber kein Recht mehr an ihnen. Er stieg nicht herab. Wir gehören IHM.

 

Liebe Gemeinde, im Buch der Offenbarung, dem letzten unserer Bibel, steht der Satz: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben (Off 2,10). Jesus Christus war getreu bis an den bitteren Tod und schenkt uns den himmlischen Lohn. Dafür ist jeder Dank zu klein!

Amen             

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre

unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.

 

 

Predigttext 10.10.21
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Predigt

für das Erntedankfest (03.10.21)

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufzeichnung des Gottesdienstes vom 03.10.2021

in Bacharach. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Korinther 9,6-15 zugrunde:

 

 

Denkt daran: Wer spärlich sät, wird nur wenig ernten. Aber wer mit vollen Händen sät, auf den wartet eine reiche Ernte. Jeder soll so viel geben, wie er sich in seinem Herzen vorgenommen hat. Es soll ihm nicht Leid tun und er soll es auch nicht nur geben, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb! Er hat die Macht, euch so reich zu beschenken, dass ihr nicht nur jederzeit genug habt für euch selbst, sondern auch noch anderen reichlich Gutes tun könnt. Dann gilt von euch, was in den Heiligen Schriften steht: »Großzügig gibt er den Bedürftigen; seine Wohltätigkeit wird in Ewigkeit nicht vergessen werden.« Gott, der dem Sämann Saatgut und Brot gibt, wird auch euch Samen geben und ihn wachsen lassen, damit eure Wohltätigkeit eine reiche Ernte bringt. Er wird euch so reich machen, dass ihr jederzeit freigebig sein könnt. Dann werden viele Menschen Gott wegen der Gaben danken, die wir ihnen von euch übergeben. Dieser Liebesdienst soll ja nicht nur die Not der Gemeinde in Jerusalem lindern, sondern darüber hinaus viele Menschen zum Dank gegen Gott bewegen. Wenn ihr euch in dieser Sache bewährt, werden die Brüder und Schwestern in Jerusalem Gott dafür preisen. Sie werden ihm danken, dass ihr so treu zur Guten Nachricht von Christus steht und so selbstverständlich mit ihnen und mit allen teilt. Und weil sie sehen, dass Gott euch in so überreichem Maß seine Gnade erwiesen hat, werden sie für euch beten und sich nach euch sehnen. Lasst uns Gott danken für sein unsagbar großes Geschenk!

 

 

Liebe Gemeinde! Teilen will gelernt sein. Dem einen fällt’s schwerer, dem anderen ein bisschen leichter, aber im Großen und Ganzen glaube ich tatsächlich: Teilen – abgeben - will gelernt sein. Als unsere jüngste Tochter krabbeln gelernt hat, war das für unsere Mittlere eine Katastrophe. Bis dahin war die kleine Schwester geliebt und gefeiert. Aber als sie zum ersten Mal alleine an die Spielzeugkiste dran kam und was rausangelte, reagierte Paula (die Mittlere, die ist gut zwei Jahre älter) mit einer ungeheuren Missgunst. Egal, was Rahel in ihre kleinen Finger nahm – sofort kam Paula, riss es ihr aus der Hand und sagte: „Das darfst Du nicht! Das ist meins!“ Dabei ging es meistens um Sachen, denen sie vorher nicht die geringste Beachtung geschenkt hat. Aber in dem Moment, wo die Schwester das in der Hand hatte, war das plötzlich das wichtigste Ding auf der Welt…

 

Abgeben und teilen lernen ist ein weiter Weg. Mancher tut sich auch dann noch schwer damit, wenn er dem Kindesalter längst entwachsen ist… Im heutigen Predigttext, den wir eben gehört haben, geht es auch um’s Abgeben, um’s Teilen. Und zwar in Form einer Kollekte. Dazu muss man folgendes wissen: Der Apostel Paulus ist mehrmals quer durch den Mittelmeerraum gereist, um den Menschen von Jesus Christus zu erzählen. Bei seiner zweiten so genannten Missionsreise kam er so etwa um das Jahr 50 nach Christus herum nach Griechenland und gründete in der Hafenstadt Korinth eine christliche Gemeinde. Dort gab es Leute, die deutlich mehr Geld hatten als die Menschen in der Mutter-Gemeinde in Jerusalem, wo das Christentum seinen Anfang genommen hatte. Darum warb Paulus in Korinth dafür, für die Glaubensgeschwister in Jerusalem zu sammeln. Das hat also eine ganz lange Tradition, dass wir in unseren Gottesdiensten Geld sammeln für Menschen ganz woanders auf der Welt, denen es schlechter geht als uns. Warum machen wir das? Manche Leute sagen: „Der Glaube hat mit dem Geld nichts zu tun.“ Das stimmt nicht. Glauben im biblischen Sinne heißt, Gott in seinem Leben Herr sein zu lassen. Über alle Lebensbereiche. Und Gott hat nicht nur zu uns eine Beziehung. Der liebt alle Seine Menschen. Und Er möchte, dass wir uns untereinander etwas von der Liebe spüren lassen, mit der Er uns begegnet. Im Kapitel vor unserem Predigttext schreibt Paulus: „Ihr wisst ja, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe für euch getan hat. Er war reich und wurde für euch arm; denn er wollte euch durch seine Armut reich machen.“ Jesus ist auf die Welt gekommen, um unser Leben zu teilen. Um zu sehen, zu fühlen und zu erleben, was es heißt, Mensch zu sein. Und Er hat das mit aller Konsequenz getan. Er hat unser Leben gelebt und ist unseren Tod gestorben. Und so, wie Er unser Leben und unseren Tod mit uns geteilt hat, will Er Sein Leben mit uns teilen. Ein Leben ohne Ende; wir sagen ewiges Leben dazu. Gott hat den Menschen in den Blick genommen, damit er leben kann und Zukunft hat.

 

Wenn Paulus für die Kollekte wirbt, dann will er seine Gemeinde in Korinth dahinführen, dass sie dasselbe tut wie Gott: Menschen in den Blick nehmen, damit sie leben können und Zukunft haben. Teilen und Abgeben sind kein Selbstzweck. Sie sind nicht dazu gedacht, dass ich mir selbst ein gutes Gefühl verschaffe, so nach dem Motto: „Jetzt habe ich eine gute Tat begangen; jetzt habe ich beim lieben Gott was gut.“ Abgeben und teilen ist dann richtig verstanden, wenn wir die Menschen in den Blick nehmen. Wahrnehmen, was sie brauchen, und ihnen geben, was wir können. So wie Gott es auch getan hat. Gott hat uns ja nicht „nur“ im geistlichen Bereich reich beschenkt, sondern uns auch materiell so viel gegeben, dass wir nicht nur satt und genug haben für uns selbst, sondern auch noch genug, um anderen was abzugeben. Es gab in diesem Sommer eine ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft, wo Menschen viel Geld, Kleider, Möbel, Haushaltsgeräte und Arbeitszeit und –kraft verschenkt haben an Leute, die von der Flutkatastrophe betroffen waren. Da hat das mit dem Abgeben und Teilen super geklappt. Aber es gibt auch andere Beispiele. Ich denke an die zum Teil heftige Ablehnung, mit der manche Zeitgenossen Flüchtlingen begegnen. Missgunst und die Angst, zu kurz zu kommen, stecken offenbar tief im Menschen drin. Aber mal ehrlich: Was haben wir denn dafür getan, dass wir hier in Deutschland geboren worden sind? Wir können Gott doch auf Knien dafür danken, dass wir in so einem reichen Land leben dürfen. Im Frieden. In Freiheit. Und in einem Wohlstand, der seinesgleichen sucht. Immer noch. Trotz allem. Trotz Flüchtlingskrise. Trotz Corona. Wie wir eben gesungen haben: „Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Erd’, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd’?“ Es ist alles geschenkt, liebe Gemeinde. Alles. Wir haben nichts mit in diese Welt hineingebracht, und wir werden auch nichts mit rausnehmen. Wenn wir uns das von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis rufen, dann kann das helfen, die ganze Sache ein bisschen entspannter anzugehen. Dann fällt das mit dem Teilen lernen auch leichter. Paulus schreibt den Korinthern: „Sorgt für einen Ausgleich. Die, die mehr haben, sollen die unterstützen, die weniger haben.“ Und er sagt noch was dazu: „Jeder, wie er kann. Keiner muss sich beim Helfen überfordern.“ Aber wenn jeder täte, was er kann, könnte manches in unserer Welt anders aussehen, als es tut.

 

Es geht beim Helfen, beim Sammeln einer Kollekte, beim Spenden – und übrigens auch beim Steuernzahlen – darum, etwas von dem weiterzugeben, was wir selbst empfangen haben. Natürlich ist unser Gehalt und unsere Rente der Lohn für eigens geleistete Arbeit. Gar keine Frage. Aber es gibt so viele Rahmenbedingungen, die stimmen müssen, damit wir mit unserer Arbeitsleistung etwas erreichen können. Und auf die haben wir herzlich wenig Einfluss: Dass wir gesund sind zum Beispiel, dass wir in einem funktionierenden Staatswesen leben, im Frieden. Das ist alles ein großer Segen. Und Gott möchte, dass wir Seinen Segen fließen lassen. Geiz ist eine Segens-Bremse. Wer missgünstig und geizig klammert und sich eines Beitrags zum Miteinander verweigert, unterbricht den Fluss des Segens. Teilen hingegen lässt diesen Fluss strömen.

 

Teilen will gelernt sein. Aber es lohnt sich, teilen zu trainieren. Eine Möglichkeit sind unsere Kollekten. Wir sammeln heute am Ausgang für Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns. Menschen, die zum Teil weit weg sind (für die ist die Kollekte von Brot für die Welt), aber auch Menschen, die hier in Deutschland leben und denen es trotzdem nicht gut geht. Das gibt es ja auch. Ich sag dazu gleich am Schluss noch was. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Ich darf Ihnen die Kollekten ans Herz legen. Gott segne Geber und Gaben. Amen.

 

 

Predigttext 03.10.2021
Erntedank
Online-Gottesdienst 2021-10-03 Predigtma[...]
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Predigt

für den 17. So. n. Trinitatis (26.09.21)

zu 1 Petr 5,5-11

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufzeichnung des Gottesdienstes

vom 26.09.2021 in Oberdiebach mit Abendmahl der Konfirmierten.

 

Liebe Gemeinde! „Gott gab uns Atem, damit wir leben…“ haben wir gerade gesungen. Trotzdem gibt es manchmal Dinge, die uns die Kehle zuschnüren. Eigentlich sollte man meinen, wer glaubt, braucht nichts zu fürchten und kann immer frei atmen. Soweit die Theorie. Aber in der Praxis sind auch Menschen, die an Gott glauben, oft zutiefst bedrückt, fühlen sich mit ihrem Leben überfordert, machen sich verrückt wegen einer anstehenden Prüfung, vergehen in Sorgen um ihre Kinder oder haben Angst vor Krankheiten oder Katastrophen. Wie kommt das? Wir haben doch eine Adresse, wo wir uns mit allem hinwenden können - 1 Petr 5,7:

 

 

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“

 

 

Eins der tröstendsten Bibelworte, wie ich finde. Aber das setzt – um im Bild zu bleiben – voraus, dass man werfen kann. In der Schule habe ich Weitwurf gehasst. Meine Talente liegen an anderer Stelle. Ich war froh, wenn ich die 20 Metermarke geknackt kriegte. Da musste man sich dann so Sätze anhören wie: „Boah, du wirfst ja wie ein Mädchen!“ Ich hab das einfach nicht auf die Kette gekriegt. Das war, als würde der Ball an meiner Hand kleben. Aber das Problem war nicht der Ball. Das Problem war wahrscheinlich eher, dass ich zu lange festgehalten habe. Und ich glaube, das mit dem Seine-Sorgen-auf-Gott-Werfen ist bei vielen ähnlich. Wir halten zu lange fest. Wir bleiben mit unseren Gedanken krampfhaft an dem Thema, das uns den Atem nimmt, statt uns mitsamt unseren Sorgen  Gott in die Arme zu werfen und zu sagen: „So, Herr, das ist mir 'ne Nummer zu groß. Ich pack das nicht. Hilf Du mir!“ Und es dann aber auch gut sein lassen. Loslassen. Wer nicht loslassen kann, wird keinen großen Wurf zustande bringen.

 

Das hat – auch wenn das zunächst befremdlich klingt - etwas mit der Demut zu tun, von der in unserem Predigttext die Rede ist. „Demut“ klingt für viele ganz schrecklich, nach Unterwürfigkeit und Kriecherei. Demut im biblischen Sinne heißt aber was ganz anderes. Nämlich sich seiner Grenzen bewusst zu sein und Gott Gott sein zu lassen. Demut ist der Mut, Gott Gott sein zu lassen. Wohlgemerkt nicht: Den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Sondern Gott in unserem Leben und über unser Leben Herr sein lassen. Nicht meinen, wir müssten alles alleine regeln. Sondern die Dinge nach oben abgeben und darauf vertrauen, dass Gott da ist und hilft. Und Ihm zutrauen, dass Er auch da noch weiter weiß, wo wir mit unserem Latein am Ende sind.

 

Gott die Herrschaft überlassen macht frei. Frei von dem Druck, selbst die letzte Instanz spielen zu müssen. Frei, das zu tun, was wir tun können und sollen. Frei aber auch, das zu lassen, was unsere Kräfte übersteigt. Reinhold Niebuhr hat den tiefsinnigen Satz geprägt: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Genau darum geht es bei der Demut vor Gott: Dass wir tun, was wir tun können, aber aufhören, uns Gottes Kopf zu zerbrechen. Und zu meinen, wir müssten die Welt auf unseren Schultern tragen. Ich will das noch mal deutlich machen an einer der Ängste, die Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, bei unserem Gedankenspiel am letzten Konfi-Nachmittag („Stell Dir vor, es ist der 19.09.2031...“) geäußert habt. Die Angst, dass sich die Lebensumstände auf der Erde gewaltig verändern werden, dass Katastrophen wie in diesem Sommer – nie dagewesene Überschwemmungen auf der einen Seite, verheerende Waldbrände auf der anderen – in Zukunft öfter vorkommen, die Angst, dass tausende Tier- und Pflanzenarten komplett aussterben, dass Hunger und Dürre immer mehr Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen und dass es zu Kriegen um Wasser und Nahrung kommt – diese Angst ist leider alles andere als unberechtigt. Man könnte glatt darüber verzweifeln. Erst recht, wenn man jung ist und sich fragt: „Was bedeutet das eigentlich für meine Zukunft?“ Aber ich sagte letzte Woche schon: Keine Angst dieser Welt hat das Recht uns zu lähmen. Es hilft der Erde nicht und stoppt auch keinen Klimawandel, wenn wir vor lauter Angst depressiv werden und damit handlungsunfähig.

 

„Alle eure Sorge werft auf Gott.“ Das gilt auch für diese Sorge. Und befreit uns gleichzeitig dazu, das tun, was uns möglich ist. Das sind aus meiner Sicht zwei Dinge:

 

1. Mit anderen reden und sie für dieses Problem sensibel machen. Fragt Eure Eltern: „Wie wichtig ist Dir das Thema Klimaschutz bei Deiner Wahlentscheidung? Ist dir bewusst, dass es dabei um meine Zukunft geht und dass kein anderes Thema so weitreichend über meine Zukunft entscheiden wird?“

 

2. Selber entsprechend leben und handeln. Es passt nicht zusammen, wenn man auf der einen Seite schimpft über die Untätigkeit von Politikern oder über den klimaschädlichen Lebensstil anderer Leute und sich auf der anderen Seite dann doch aus lauter Bequemlichkeit von Mama oder Papa zur Freundin oder zum Freund fahren lässt, obwohl man genauso gut laufen könnte. Oder aus Gedankenlosigkeit das Licht, den Fernseher, den Receiver oder was weiß ich was rund um die Uhr anlässt, obwohl man die Dinger gerade gar nicht braucht.

 

Das ist das, was Ihr tun könnt. Euer Beitrag. Wenn die Sorge vor dem Klimawandel an der Stelle zu Verhaltensänderungen führt, ist es gut. Dann hat sie ihren positiven Zweck erfüllt. Aber wenn sie Euch umhaut und so fertig macht, dass Ihr die Freude am Leben verliert, dann ist das nicht mehr konstruktiv. Legt Eure Angst offen, redet mit anderen drüber, sucht Verbündete, verhaltet Euch entsprechend im Alltag, aber dann ist es wichtig und okay, auch mal Abstand zu nehmen von dem Thema. Das gilt genauso für alle anderen Sorgenmacher: Tut, was Ihr könnt, und legt den Rest in Gottes Hand.

 

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Gott hat Euch versprochen, dass Er bei Euch ist. Und Ihr dürft damit rechnen, dass um Seinetwillen immer noch was geht. Gott hat Euch berufen zu Seiner ewigen Herrlichkeit, hieß es vorhin in der Lesung. Das heißt: Da kommt noch was. Egal, wie düster es aktuell in unserem Leben aussieht, egal, was unsere Gedanken beherrscht und uns bedrückt – so bleibt es nicht. Nichts muss so bleiben, wie es ist! Um Gottes willen wartet eine Zukunft auf uns, die davon frei ist - ohne Ende. Wenn wir diese Dimension mit in den Blick nehmen, relativiert sich so manches von dem, was uns hier und heute zu schaffen macht. Gott lässt uns nicht hängen. Er wird uns stärken und gründen, wie Petrus schreibt. Gründen, das heißt, Er wird uns Boden unter die Füße geben, damit wir nicht untergehen. „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Eine Aufforderung uns im Sorgen-Weitwurf zu üben. „Euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht“, hat Jesus gesagt. Ein solcher Glaube macht uns vielleicht nicht über alle Sorgen erhaben. Aber er lässt uns lernen, mit und trotz unserer Sorgen zu leben und frei atmen zu können. Amen.

 

 

Predigttext 26.09.21
Online-Gottesdienst 2021-09-26 Predigtma[...]
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Predigt

für die Konfirmation in Steeg

am 16. So. n. Trinitatis (19.09.21)

zu 2 Tim 1,7

mit Frauke Olivari (Gesang) und rgen Harder (Orgel u. E-Piano)

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde! Es gibt Tage, da würde man sich schon beim Aufwachen am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen und sagen: „Lasst mich bloß alle in Ruhe! Ich hab’ keinen Bock, ich will nicht!“ Wenn man zum Beispiel morgens zusehen muss, dass man den Bus noch kriegt, am besten noch in der ersten Stunde 'ne Klassenarbeit schreibt und einem dann zu allem Überfluss einfällt, dass man die Mathehausaufgaben ver-gessen hat… Oder – eher was aus dem Alltag von Eltern mit kleineren Kindern: Wenn schon vor dem Wecker klingeln der liebe Nachwuchs ans Bett kommt und irgendwelche Bestellungen aufgibt und einem just in diesem Moment der Gedanke an all die Aufgaben durch den Kopf rasselt, die der Tag für einen bereit hält - mit Kindern, Haushalt und Arbeit… Und auch diejenigen unter Ihnen, die keine Klassenarbeiten mehr schreiben müssen und keine kleinen Kinder haben, ken-nen mit Sicherheit Tage, an denen man mit dem Gefühl wach wird: „Hilfe, ich pack das nicht!“

 

Die Angst, es nicht zu schaffen, kann das Leben ganz schön einschränken. Das steckt ja schon im Wort drin: „Angst“ kommt von Enge. Wenn man Angst hat, wird es hier (im Brustkorb) ganz eng. Man fühlt sich wie hinter Gittern. Ihr habt das auf unserem Motto-Tuch angedeutet.

 

Bei unserem letzten Treffen habe ich mit den Konfis ein Gedankenspiel gemacht: Stellt Euch mal vor, wir wären zehn Jahre weiter. Wie sieht Dein Leben am 19. September 2031 aus? Wo wohnst Du? Was machst Du? Was ist Dein wichtigstes Ziel? Und was ist Deine größte Angst? Ihr habt dabei sehr reale Ängste benannt. Zum Beispiel die Angst einen wichtigen Menschen zu verlieren. Die Angst vor Armut wurde angesprochen oder vor dem Verlust der Arbeit. Corona war ein Thema. Der Klimawandel und die Angst, dass auch die nächste Bundesregierung nicht das tut, was nötig wäre, damit Ihr und Eure Kinder noch gut und sicher auf dieser Erde leben könnt. Und dann eben noch die Angst, das eigene Leben nicht zu schaffen. Den Schulabschluss in den Satz zu setzen oder sonst wie zu versagen.

 

Angst gehört zum Menschsein dazu. Das ist so. Ihr positiver Zweck ist, dass sie uns vor Gefahren schützt. In diesem Sinn kann Angst nützlich sein; so als kleines Warnlämpchen in unserem Kopf, das uns vor Dummheiten bewahrt. Angst ist nützlich, wenn sie uns hilft, Situationen zu meiden oder zu ändern, die gefährlich sind. Aber mehr nicht. Die Angst darf sich um Gottes willen nicht verselbst-ständigen und anfangen uns zu beherrschen. In 2 Tim 1,7 heißt es:

 

Dass wir manchmal keine Kraft spüren, heißt nicht, dass keine Kraft da ist. Wir konzentrieren uns nur zu stark auf das, was Kraft raubt. Ich glaube, das ist eine ganz wesentliche Quelle für unsere Ängste. Gott hat uns so viel mitgegeben. Aber wir richten unseren Focus immer auf das, was wir nicht haben, was wir nicht können, was uns nicht gelingt. Ist im Grunde auch kein Wunder: Von Anfang an werden wir an unseren Defiziten gemessen.

„Wie, Dein Kind schläft noch nicht durch?! Ach was, und krabbeln kann’s auch noch nicht?!“ Diese Defizit-Orientierung setzt sich in der Schule 1:1 fort. Warum bitte schön ist denn die Fünf in Mathe mehr der Rede wert als die Drei in Deutsch? Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen sich dem Leben deshalb nicht gewach-sen fühlen, weil sie ihre Gaben und Begabungen nie entfalten konnten. Weil sie immer nur an ihren Defiziten gemessen und in Vergleichen erstickt wurden. Wir müssen lernen, nach dem zu suchen, was Gott uns gegeben hat. Nicht das, was andere können, ist maßgeblich, sondern das, was Gott uns an Fähigkeiten - und auch an Kraft! - mitgegeben hat. Traue dem Heiligen Geist zu, dass Er in Deinem Leben am Werk ist!

 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe. Vieles ist in unserem Leben auch deshalb so eng, weil wir dem Geist der Liebe keinen Raum geben. Wenn das Miteinander von Menschen von Angst geprägt ist und von Missgunst, wird das Leben zur Hölle. Liebe nimmt andere wahr, nimmt Rücksicht. Erst dieser Blick füreinander verschafft uns einen Lebensraum, der nicht eng ist. Wo man atmen kann. Da, wo Menschen liebevoll miteinander umgehen, kann die Angst Konkurs anmelden. Was wär’ das schön, wenn an der Schule, am Arbeitsplatz ein Klima herrschen würde, in dem keiner mehr vor anderen Angst haben muss! Gott hat uns den Geist der Liebe gegeben, damit wir so werden, dass sich vor uns jedenfalls keiner mehr fürchten muss. Das Verrückte ist ja, dass Menschen zwar sehr bewusst unter ihren Ängsten leiden, aber gar nicht realisieren, dass sie durchaus selbst anderen Angst machen. Gott beruft uns dazu, damit aufzuhören. Das heißt nicht, dass wir Weicheier werden müssen, die sich von anderen dissen lassen müssen mit den Worten Ey, Du Opfer!“ Sondern wir müssen einfach nur Gottes Geist der Liebe Raum geben. Christlich zu leben heißt, liebe-voll zu leben und mit anderen umzugehen. Wertschätzend.

 

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Gott hat uns den Geist der Besonnenheit gegeben, damit wir erst unser Hirn einschalten und dann reden oder handeln. Damit wir überlegen, wie und wofür wir unsere Kraft einsetzen, was wir sagen, wie wir mit anderen Menschen umgehen – damit wir eben keine Angst verbreiten.

 

Und Gott hat uns – nun wieder im Blick auf unsere eigenen Ängste - den Geist der Besonnenheit auch gegeben, damit wir uns darauf besinnen, dass Er, Gott, da ist. Und dass Er mit uns geht und uns Seine Hilfe zugesagt hat. Wer Gott an seiner Seite weiß, braucht vor der Zukunft keine Angst zu haben. Keiner von uns weiß, was wirklich sein wird heute in 10 Jahren. Aber eins weiß ich: Dass Ihr an keinem der 3.652 Tage allein sein werdet. Jesus schenkt Euch Seinen Geist, damit Ihr Euer Leben bewältigen könnt.

 

Wenn trotzdem mal wieder so ein Morgen kommt, wo Ihr Euch beim Aufwachen am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen möchtet, dann probiert mal folgendes aus: Gebt dem Gefühl ruhig einen Moment nach. Zieht Euch die Decke nochmal über den Kopf, und dann faltet Ihr die Hände und sagt: „Gott, du hast mir nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Du hast mir versprochen, dass Du bei mir bist, und dass ich keine Angst zu haben brauche. Hilf mir bitte, dass ich das jetzt spüre. Nimm die Angst weg von mir, die wie eine Decke aus Blei auf mir liegt. Hol mich raus aus dieser Enge. Gib mir deinen guten Geist, der mich erfüllt mit Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Probiert das mal. Nach ein paar Minuten geht das mit dem Aufstehen leichter. Amen.

 

 

Predigt 19.09.21
Konfirmation
Online-Gottesdienst 2021-09-19 Predigtma[...]
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Gottesdienst am 12.9. 2021, 15. Sonntag nach Trinitatis in der Peterskirche in Bacharach

 

Predigttext: Lukas 17, 5-6:

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr

Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß

dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

 

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! 

 

Liebe Gemeinde,

Zittern und Entsetzen ist vor 20 Jahren am 15.Sonntag nach Trinitatis um den Erdball gelaufen, als

ein Flugzeug in das World Trade Center in New York raste! Und im August diesen Jahres ist in der

Eifel und Nordrhein-Westfalen durch sintflutartige Regen eine Verwüstung nie gekannten Ausmaßes

 entstanden. Und viele Menschen haben alles verloren und Tote zu beklagen. Vielleicht können wir

darum heute aus vollem Herzen in die Bitte der Apostel an unseren Herrn Jesus Christus einstim-

men: Herr, stärke uns den Glauben! 

 

Der kleine Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium trägt die Überschrift: Von der Kraft des Glaubens.

Was war dieser Bitte vorausgegangen? Unser Herr Jesus wollte seine Jünger nicht in Zukunfts-Äng-

ste versetzen! Aber er kannte seinen eigenen Weg genau und hatte vor den kommenden schweren

Krisen gewarnt, die sie zum Abfall vom Glauben bringen könnten.

 

Keiner aus dem Umkreis Jesu bat nun: Herr, bewahre uns vor solchen schlimmen Zeiten. Wende sie

ab von uns! Vertilge unsere Feinde! Nein, sie baten um das Wichtigste: Gib uns mehr von deiner

Kraft, von deinem Glauben, deiner unerschütterlichen Verbindung zu deinem himmlischem Vater.

Und Jesu Antwort darauf war so verblüffend und anschaulich, dass die Jünger sie nie mehr ver-

gaßen. "Wenn ihr Glauben hättet - nur so groß wie ein Senfkorn, dann ..."

 

Jesus hat das Phänomen "Glauben" sicher viele Male am Beispiel eines Senfkornes erklärt! Als Lu-

kas sein Evangelium niederschrieb, aus dem die beiden Verse zur Predigt stammen, da hatten die

ersten Christengemeinden schon reichlich Erfahrungen gesammelt mit der Kraft des Glaubens, aber

 auch ganz bittere mit dem Gegenteil, nämlich der Ohnmacht des Unglaubens. Bald schon hatte

man die Jünger auf dem Weg der Nachfolge des Gekreuzigten und Auferstandenen verunsichern

und weglocken wollen. Und als das nicht gelang, wurden sie angefeindet und gerieten in Todesge-

fahr.

 

Wie oft werden sie sich gegenseitig daran erinnert haben, wenn ihr Glaube ins Wanken kam: Denk an Senfkorn und Maulbeerbaum! Es wird unter ihnen zum geflügelten Wort geworden sein. Wie werden sie sich an Jesu Worte und Taten geklammert haben, dessen Glaube an seinen himmlischen Vater ja einzigartig ist und sogar den Tod überwand!

 

Aber was ist Glaube, liebe Gemeinde? Worin liegt seine Kraft, woher kommt sie? In der Hebräi-schen Bibel, dem 1. Testament, bedeutet "Glauben" das sich Festmachen an JWHW, der sich selbst dem Volk seiner Wahl offenbart hat und dessen Name JHWH bedeutet: Ich werde da sein für euch. Im 2. Testament wird von Aposteln und Evangelisten bezeugt, dass Gott sich in Jesus von Nazareth als Mensch offenbarte. Und wer an den für die Schuld der Welt gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes glaubt und sich an ihm festmacht, für den wird Christus einstehen vor seinem himm-lischen Vater!

 

Glaube ist also das einzigartige Band, das die sterblichen Menschen schon jetzt auf der so hoch-gradig gefährdeten Erde mit dem ewigen Gott und seinem lebendigen Christus verbindet. Glaube ist aber auch im Umkehrschluss die Verbindung, über die der göttliche Funke, Heiliger Geist, auf uns zurückkommt. Von Gott und seinem Christus her wird also alles für den Glauben getan.

 

Wie können wir ihn finden, den Glauben, wie ihn nähren, wie können wir ihn üben, um darin zu wachsen? Wie kriegt man den Punkt zu fassen, um sich damit an Gott festzumachen? Der Glaube ist Gnaden-Geschenk, so haben es die Apostel erfahren und weitergesagt. Er ist mit nichts zu er- ringen oder zu verdienen. Aber das kleine Samenkorn zum Glauben, das liegt für uns bereit, viel- leicht müssen wir uns nur mal umdrehen, um es zu sehen. Sicher ist: Es ist da - zwischen all dem, was wir über den Dreieinigen Gott erfahren können. Da gilt es mit dem Herzen zu suchen.

 

Denn Glaube hat unbeschreibliche Auswirkungen. Er ist so etwas wie die Grenzüberschreitung aus meiner ständig vom Tod bedrohten irdischen Existenz heraus in die lebensspendende, machtvolle Nähe Gottes hinein. Und darum ist Glaube nichts, auf dem wir uns ausruhen könnten, sondern wie die  Theologin Gisela Kittel schreibt, er ist "das tägliche Sich-Ausstrecken nach Gott". (Kittel II)

 

Glaube, selbst der kleinste Versuch, ist eine große Liebeserklärung an Gott. Er ist unsere Antwort darauf, dass der Schöpfer aller Welten seine Liebe zuerst erklärt hat. Und wie oft wurde er ent-täuscht und verraten. Doch Gott ist ja der große Liebende! Immer wieder ließ er Sein Volk zur Umkehr zum Leben zu rufen, zum Neuanfang in Sachen Glauben. Und am Letzten, so sagt es das Johannes-Evangelium, sandte Gott Seinen Sohn, der kostbarste Beweis Seines Glaubens an uns, Seiner Liebe zu uns Menschen.

 

Und der Sohn hat vielen den Glauben vorgelebt. Er hat die Glaubens-Schüler in seiner unmittel-baren Nähe sehen lassen, was wahrer Glaube vermag: Kranke und Verzweifelte heilen, Hungrige

an Leib und Seele speisen und Tote noch einmal in dieses Leben zurückrufen.

 

"Herr, stärke uns den Glauben!" Die Antwort Jesu darauf macht deutlich, dass es nicht um ein Mehr oder Weniger an Glauben geht, sondern nur um glauben oder nicht glauben! Es gibt nur das Ent-weder - Oder. Wenn uns das große Not macht, dann kann uns der Vater des todkranken Jungen weiterhelfen, der sein Kind zu Jesus gebracht hatte. Auf Jesu Frage: Glaubst du, dass ich ihm helfen kann? Da rief der Vater aus tiefster Not: "Ich glaube! Herr, hilf meinem Unglauben!"

 

Das sagte einer, liebe Gemeinde, der noch nichts von Jesu stellvertretendem Leiden und Sterben um aller Menschen willen wusste, der noch nichts von seiner Auferweckung zum ewigen Leben ahnen konnte. Vielleicht können wir uns zu der Bitte durchringen: Du, mein Erlöser, der du an mich glaubst, wehre dem Unglauben in mir! Dem Tod.

 

Ja, Jesus weiß, dass Glaube weithin Mangelware ist. Deswegen hat er ja sein Beispiel vom Senfkorn in die Welt gesetzt, um das überwältigende Ergebnis eines klitzekleinen Glaubens zu demonstrieren. Er hat seine Jünger damit in Erstaunen versetzt und sie ermutigt. Er machte die Sache mit dem Glauben erst richtig spannend, indem er den beispielhaften Maulbeerbaum nicht paar Meter weiter, sondern gleich ins Meer versetzte.

 

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, welches Beispiel unser Herr Jesus heute gewählt hätte. Aber Sein Wort ist ja unabhängig von Raum und Zeit. Und wenn unser Glaube auch durch die schrecklichen Unwetter-Katastrophen und Kriegs-Ereignisse erschüttert wurde und zu schwach ist, sich an JHWH "festzumachen", so kommt uns doch Jesu Verdienst zugute: Er hat seine Arme am Kreuz ausgebrei-tet, um Himmel und Erde, um Gott und die schuldbeladenen, todgeweihten Menschen wieder mit-einander zu verbinden. ER allein ist der Garant dafür, dass Gott uns nicht loslässt, sondern dass ER - um seines gehorsamen Sohnes willen - an uns "glaubt", uns Seinen Frieden zusagt, und uns hält und trägt in Zeit und Ewigkeit.

Amen                         

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

der bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus,

unserm Herrn.

 

 

Predigttext 12.09.21
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Predigt

für den 14. So. n. Trinitatis (05.09.21)

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufzeichnung des Open-Air-Gottesdienstes

in Neurath. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 17,11-19 zugrunde:

 

 

Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“ Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: „Geht hin und zeigt euch den Priestern!“ Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: „Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“ Und Jesus sprach zu ihm: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

 

 

Liebe Gemeinde! „Danke“ ist ja eigentlich kein so schweres Wort – sollte man meinen… Trotzdem führt es zuweilen ein kümmerliches Dasein. Die Geschichte von den zehn Aussätzigen, die wir eben gehört haben, ist eine Geschichte über die Dankbarkeit. Insofern passt sie zu diesem Lob-und-Dank-Sonntag. Es geht um die Frage: Wie selbstverständlich nehmen wir das, was in unserem Leben Gutes geschieht?

 

Man muss sich das mal vorstellen: Zehn Leute – alle schwerstkrank. Sie hatten Lepra. Heute ist das heilbar. Damals kam diese Diagnose einem Todesurteil gleich. Selbst, wenn man nicht körperlich dran starb – der soziale Tod war einem sicher. Denn aus Angst vor Ansteckung wurden Aussätzige aus den Dörfern und Städten verbannt. Keiner durfte sich ihnen nähern. Eine Art Dauerquarantäne außerhalb der Zivilisation sozusagen. Und dann geschieht das Unfassbare: Durch die Begegnung mit Jesus werden diese zehn Kranken gesund. Da sollte man doch meinen, sie müssten aus Dankbarkeit vor Ihm auf die Knie fallen. Aber das tut nur ein einziger. Und noch dazu ein Ausländer.

 

Ist schon komisch. Da passiert etwas so Wunderbares, und es ist nicht einmal ein Dankeschön wert. Ich weiß nicht, was die anderen Geheilten sich gedacht haben. Ob sie so mit ihrer neu gewonnen Freiheit beschäftigt waren, dass sie darüber vergessen haben, wem sie das eigentlich verdanken? So wie in dem Anspiel vorhin die Szene, wo die Beschenkte vor lauter Freude an dem Geschenk gar keinen Blick mehr hatte für die, die sie beschenkt hat. Wie gesagt, ich weiß nicht, was die anderen Geheilten gedacht haben. Ob sie ihre Rettung als einen glücklichen Zufall ansehen, den man mal so mitnimmt und dann seines Weges zieht? Keine Ahnung. Ich will darüber auch nicht urteilen. Vielleicht ist es die Schwerkraft der Normalität, die sie einholt. Und das geht schnell, sehr schnell.

 

Wenn man im Krankenhaus liegt und eine schwere Krankheit hat, dann kann man sich das überhaupt nicht vorstel-len. Dann ist man sicher: „Wenn ich hier wieder rauskomme, wird mein Leben ein anderes sein.“ Aber vielleicht haben Sie’s selbst schon mal erlebt, wie das dann läuft: Wenn man erst mal wieder gesund ist, wie schnell einen dann doch die Normalität einholt. Und wie schnell man sich wieder über Kleinigkeiten aufregen kann, z.B. über den Nachbarn, der seine Einfahrt nicht kehrt, oder über die Nichte, die sich die Haare lila färbt. Schön, wenn man sonst keine Sorgen hat!

 

„Wo sind die anderen neun?“ fragt Jesus. Ich glaube, ich an Jesu Stelle wäre ziemlich sauer gewesen. Man hätte verstehen können, wenn Er gesagt hätte: „Undankbares Pack! Die können mir mal gestohlen bleiben!“ Tut Er aber nicht. Sondern Er fragt: „Wo sind die anderen neun?“Das heißt, Er geht ihnen nach. Jesus fragt auch nach denen, die ihr Glück nicht mit Gott in Verbindung bringen. Jesus fragt auch dann nach uns, wenn wir nicht an Ihn denken. Er wünscht sich, dass wir innehalten und „Danke!“ sagen. Nicht, weil das Seinem Ego gut tut, sondern weil es uns gut tut.

 

Jetzt denken Sie vielleicht: „Hä? Wieso soll mir das gut tun, wenn ich Jesus dankbar bin?!“ Glauben Sie mir, das ist so. „Wer dankbar ist, kann nicht gleichzeitig unglücklich sein“, hat ein kluger Mensch mal gesagt (Anthony de Mello heißt der). „Wer dankbar ist, kann nicht gleichzeitig unglücklich sein.“

 

Wie oft wachen wir morgens auf mit einem Kloß im Bauch bei dem Gedanken an das, was uns am Tag erwartet - Mathearbeit, Hausaufgaben nicht gemacht, Zahnarzttermin, ein unangenehmes Gespräch vor’m Kopf oder was auch immer. Vielleicht würde sich manches relativieren, wenn man einen Augenblick auf der Bettkante sitzen bleibt und überlegt: „Was von dem, wovor ich gestern Morgen um diese Zeit Angst hatte, ist gut gelaufen?“ Wenn man darüber nachdenkt und Gott dafür dankt, dann stellt sich so etwas ein wie Zuversicht. Vertrauen. Wenn man immer nur über das Negative nachgrübelt und über das Positive einfach hinweggeht, dann besteht die Gefahr, dass einen seine Ängste, seine Enttäuschungen und seine unerfüllten Wünschen irgendwann überrollen.

 

Gott danken macht glücklich. Nicht nur Ihn... Es ist gut, wenn man sich feste Zeiten am Tag nimmt – zum Beispiel vor dem Essen oder vor dem Schlafengehen -, wo man mal kurz innehält und überlegt: „Wofür möchte ich Gott danken?“ „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, heißt es im Wochenspruch; und der Psalmbeter wird wohl gewusst haben, warum er seine Seele erinnern muss - und woran. Die Frage ist nur: Wie macht man das? Wie kann so ein Gedächtnistraining für die Seele konkret aussehen? Dazu gibt es eine nette Geschichte:

 

Es war einmal ein alter Graf, der war stets gut gelaunt und fröhlich. Er war freundlich zu seinen Mitmenschen und überall gern gesehen. Und er war tief in seinem Herzen dankbar und zufrieden. Eines Tages wurde er gefragt: „Wie machst Du das? Du bist immer so voller Lebensfreude – wie bekommst Du das hin?“ Darauf erzählte der alte Graf: „Jeden Morgen, bevor ich aus dem Haus gehe, stecke ich mir eine Handvoll Bohnen in meine linke Jackentasche. Dann mache ich mich auf den Weg in den Tag. Wenn mein Nachbar mich freundlich grüßt, wenn ein Kind mich anlacht, wenn ich eine Katze streichele, kurz gesagt, immer, wenn ich mich über irgendetwas freue, nehme ich eine Bohne aus seiner linken Jackentasche heraus und steckte sie in meine rechte Jackentasche. Abends, bevor ich mich schlafen lege, nehme ich die Bohnen aus der rechten Jackentasche, halte sie in meiner Hand und rufe mir alle positiven Ereignisse dieses Tages ins Gedächtnis, und dann danke ich Gott dafür. Selbst wenn mal nur zwei oder drei Bohnen in meiner rechten Jackentasche sind, so waren da doch eben kleine Glücksmomente am Tag. Da denk ich dann dran, und das macht mich dankbar.“ (Quelle: Bergmoser+Höller Verlag AG, Werkstatt spezial K 8.11)

 

Wenn wir so „Danke“ sagen können, dann ahnen wir vielleicht irgendwann, warum Jesus zu dem einen Geheilten, der zu Ihm zurückkommt, sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Der Glaube hat ihm nicht nur geholfen, gesund zu werden. Der Glaube hilft, das Leben dauerhaft als Geschenk von Gott zu sehen. Und mit dieser Sichtweise lebt es sich leichter. Zufriedener. Und glücklicher. Denn: „Wer dankbar ist, kann nicht gleichzeitig unglücklich sein.“ Amen.

 

 

 

Predtigttext 05.09.21
Online-Gottesdienst 2021-09-05 Predigtma[...]
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Predigt zum Anhören
vin 05.09.2021
2021-09-05 Audio Predigt.wma
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Predigt

für den 13. So. n. Trinitatis (29.08.21)

Kerbegottesdienst Manubach

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Oswald in Manubach.

Der Predigt liegt folgender Text aus 1. Johannes 4,7-12.16 zugrunde:

 

 

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

 

 

Liebe Gemeinde! Nächstenliebe ist das Markenzeichen Nr. 1 des christlichen Glaubens. Aber lässt sich Liebe anordnen, wie vorhin gerade in der Lesung? Ist das nicht ein Gefühl, das da ist oder eben nicht? Wenn man sich verliebt, dann ist das ja was, das mehr oder weniger über einen kommt. Da braucht einem keiner zu sagen: „Habt Euch lieb!“ Dummerweise ist der 1. Johannesbrief aber nicht an ein Liebespaar geschrieben. Es geht um das Miteinander in der Gemeinde. Und das macht die Sache etwas nüchterner… Mit einer ordentlichen Portion Verliebtheit lässt sich manches ertragen. Aber wenn man bei der Aufforderung: „Lasst uns einander lieben“ Menschen vor Augen hat, bei denen man kein Kribbeln im Bauch bekommt, sondern eher einen Kloß???

 

Nächstenliebe klingt für viele wie einige lästige Pflicht. Nach Opfer bringen. Anderen entgegenkommen, obwohl einem selbst nichts entgegengebracht wird. Und in der Tat: Nächstenliebe zu praktizieren kann bedeuten, mit etwas in Vorleistung zu treten ohne die Gewähr, dass dabei für einen selbst was herumspringt. Deswegen sagen sich manche: „Ich seh das nicht ein! Ich mich doch nicht zum Affen! Auf mich nimmt ja auch keiner Rücksicht. Man wird doch bloß ausgenutzt, wenn man zu anderen zu freundlich ist.“

 

Nächstenliebe ist kein Erfolgsrezept zur sofortigen Weltverbesserung. Wer mit anderen Menschen im Sinne Jesu umgeht, ist damit vor enttäuschenden Erfahrungen nicht sicher. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Es schallt leider nicht immer so aus dem Wald heraus, wie man hineingerufen hat. Das ging Jesus selbst schon so. Wer das nicht mit bedenkt und an den Einsatz seiner Liebe die Erwartung knüpft, damit mal kurz die Welt zu retten, der wird sich bald wie eine ausgequetschte Zitrone fühlen. Das ist eine Gefahr bei sozial eingestellten Menschen, dass sie sich aufreiben, sich vollkommen verausgaben, um anderen zu helfen, und am Ende zusammenbrechen, weil sie nichts mehr zu geben haben. Eine Zitrone presst man einmal aus, dann ist sie entsaftet. So wäre es, wenn wir in der Liebe auf uns gestellt wären. Wenn wir die Liebe selbst „produzieren“ müssten. Der Verfasser unseres Predigttextes fordert zwar dazu auf, Liebe zu verschenken, aber nicht ohne zu sagen, wo wir sie herbekommen: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott“. Deswegen ist die ausgequetschte Zitrone nicht das richtige Bild für die Liebe. Was besser passt, ist der Schwamm. Der Schwamm gibt ab, was er aufgesaugt hat. Er hat die Flüssigkeit nicht aus sich, sondern von wo anders. Und im Gegensatz zur Zitrone kann er, wenn er ausgequetscht war, sich immer wieder neu voll saugen. Wie gesagt: Die Liebe ist von Gott. Bei Ihm können wir nachladen. Immer wieder Liebe tanken.
Klingt gut. Aber wie geht das konkret? Der letzte Vers der Lesung eben hieß: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Um Liebe tanken zu können, muss man sie erkennen und glauben. Das ist in einer Beziehung auch so. Liebe muss man glauben. Wenn in einer Partnerschaft einer ständig den Argwohn hat, der andere könnte ihn vielleicht nicht mehr lieb haben, und Beweise einfordert, ist er auf dem besten Weg, die Beziehung zu zerstören. Liebe ist eine Sache des Vertrauens. Das gilt auch für die Beziehung zu Gott.

 

„Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat“. Wo das geschieht, bekommt man auch einen liebevollen Blick auf und für sich selbst. „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“ So lautet der Taufspruch aus Ps 139, den Sie, liebe Frau Rhensius, lieber Herr Rhensius für Ida ausgesucht haben. Ich wünsche ihr von Herzen, dass das später mal aus tiefster Überzeugung von sich selbst sagen kann: „Ich bin ein geliebtes Geschöpf Gottes. Kein Produkt des Zufalls. Ich bin da, weil ich gewollt bin und geliebt. Ich brauche mich nicht zu verstellen und zu verbiegen. Ich bin gut, so wie ich bin, und ich kann zu dem stehen, wie Gott mich geschaffen hat.“

 

Wenn Sie gleich versprechen, Ihre Tochter, Ihr Patenkind im christlichen Glauben zu erziehen, dann geht es zu allererst genau darum: Dass Sie ihr dieses Startkapital mit auf den Weg geben. Diese Zusage: „Du bist ein geliebtes Geschöpf Gottes.“ In Ihrer elterlichen Liebe spiegelt sich die Liebe Gottes wieder. Sie haben Ihre Tochter schon geliebt, als sie noch nichts dafür tun konnte. Noch nicht mal ein Lächeln schenken. Und so ist das mit Gott auch. Deswegen bin ich ein Verfechter der Kindertaufe, weil sie so schön zeigt: Noch bevor ein Mensch  Gott irgendetwas geben kann, gibt Gott ihm schon alles: Seine ganze Liebe. Wenn man das für sich annehmen kann, sitzt man, was die Liebe angeht, an der Quelle. In Sachen Liebe können wir um Gottes willen aus dem Vollen schöpfen. Aufsaugen – weitergeben. Da braucht man nicht zu geizen und nicht zu kalkulieren.

 

Es liegt im Wesen der Liebe, dass sie nicht fragt, ob der andere es wert ist. Liebe ist eine Investition, die keinen Wert voraussetzt, sondern Wert gibt. Wer sich verliebt, geht ja auch nicht erst eine Checkliste durch und guckt, ob sich das wohl lohnt. Für ihn stellt sich die Frage gar nicht: Natürlich ist sie oder er es wert. Und damit misst man diesem Menschen unendlich viel Wert bei. Genauso ist das bei einem Baby. Da fragt man auch nicht: „Ist es das wert?“ Man hat dieses kleine Menschlein ein-fach unendlich lieb – und misst ihm damit unendlich viel Wert bei. Wir leben von solchen unverdienten Wertzuschreibungen. Gott hat auch nicht erst gefragt, ob wir es wert sind. Er ist aus Liebe als Mensch zu uns gekommen und hat uns damit unendlich viel Wert beigemessen.

 

Nächstenliebe heißt darum leben nach dem Grundsatz: „Wie Gott mir, so ich Dir!“ „Wie Gott mir, so ich Dir.“ Und nicht: „Wie Du mir, so ich Dir!“ Einiges in unserer Welt sähe ganz anders aus, wenn wir nach diesem Grundsatz leben würden. Wenn wir es wagen, Seine Liebe weiterzugeben - ohne Kalkül und ohne Angst, das Gesicht zu verlieren oder uns verletzbar zu machen, wenn wir zulassen, dass Gottes Liebe in uns zum Zuge kommt, dann lebt Gott in uns. Gelegentlich brauchen wir die Aufforderung: „Lasst uns einander lieb haben“. Allerdings ist die Aufforderung immer verbunden mit der Erinnerung, dass wir nur das weiterzugeben brauchen, was Gott uns schenkt. Wie der Schwamm, der sich immer wieder vollsaugen und abgeben kann. Wir sollen leben nach dem Grundsatz: „Wie Gott mir, so ich Dir.“ Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Amen.

 

 

Predigttext 29.08.21
Kerbegottesdienst Manubach
Online-Gottesdienst 2021-08-29 Predigtma[...]
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Predigt 29.08.21
zum Anhören
2021-08-29 Audio-Predigt.wma
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Gottesdienst am 12.So.n.Trin. 30.8.2021                 

 

Predigttext: Markus 7, 31 - 37 Die Heilung des Taubstummen

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.  Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Men-ge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.                                                           YYY

 

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus!

 

Liebe Gemeinde,

als Kinder haben wir Hickeln gespielt (auf einem Bein hüpfen:) „Mutter, wie weit darf ich reisen?“ Wenn die Antwort hieß: Bis Trechtingshausen, dann durfte man so viele Kästchen im Spiel hüpfen, wie das Wort Silben hatte. Aber man musste zuvor noch einmal fragen: Darf ich?  

 

Das ist mir doch auf einmal eingefallen bei dem Wunder in der Dekapolis. Der Herr Jesus fragte mit einem Blick zum Himmel: Vater, darf ich? Wie weit darf ich gehen? Der Gottessohn testete seine Grenzen aus! Und erst dann handelte er. Jesus hatte ja schon eine unsichtbare Glaubens-Grenze überschritten, als er mitten ins Gebiet der Zehn Städte, in heidnisches Ausland kam. Aber jetzt spürte er, dass er nicht nur zu den „verlorenen Schafen in Israel“ gesandt war!

 

Das damalige "Nachrichtenwesen" funktionierte großartig. Im Eiltempo hatte es sich rumgespro-chen: Jesus hat nicht weit von uns einen von bösen Geistern gefesselten Mann geheilt! Und so standen die Menschen schon auf dem Sprung, damit sie ihn ja nicht verpassten. Sie hatten große Nöte auszustehen. Die schlechte Lebenssituation vieler Leute brachte Krankheiten und frühen Tod mit sich. Und wenn sie dann hörten, was Jesus alles tat, dann hielt sie einfach nichts mehr daheim fest. Obwohl …, obwohl sie ja eigentlich gar kein Recht hatten, sich an den jüdischen Wundermann Jesus zu wenden. Sie gehörten nicht zum Gottesvolk. Aber da war dieser Taubstumme ...

 

Was heißt das, taub und stumm zu sein? Das heißt, liebe Gemeinde, zwei Sinne weniger zu haben, zwar noch denken, sehen, fühlen, riechen und schmecken zu können, aber eben wie hinter schalldichten Wänden zu leben. Wie schnell man Kontakte verliert, das haben wir schon in der Corona-Pandemie festgestellt: Viele isolieren sich aus Angst vor Ansteckung. Aber dann droht das Abseits, der soziale Tod. So ähnlich mag es dem Taubstummen in der Dekapolis ergangen sein.

 

Darum wirkte die Nachricht von Jesu Kommen regelrecht elektrisierend auf die Hörenden und Sprechenden! Schnell erfuhren sie, wo Jesus sich aufhielt. Und da  brachten sie den Taubstummen zu ihm, damit er die Hand auf ihn lege. Sie trauen Jesus nicht nur etwas zu, sie glauben, dass heilende Kraft in ihm steckt, dass er diesem armen Kranken irgendwie helfen könnte.

 

Ihre Bitte: Lege ihm die Hand auf, die ist dem fremden Jesus gegenüber Vertrauensvorschuss. Und bestimmt sind jetzt alle Augen auf Jesus und den Geschlagenen gerichtet. Sie sind alle bis aufs äußerste gespannt. Aber Jesus tut seine Wunder nicht auf dem Markt. Er nahm ihn aus der Menge beiseite, notierte Markus. Jesus verhält sich dem Kranken gegenüber wie ein Arzt. Er fährt die Ohrmuschel nach bis in den Gehörgang - er geht den verlorenen Weg des Hörens zurück, er berührt die kranke Zunge mit seinem eigenen Speichel – dem Stummen war ja die Spucke weg geblieben! Er kriegt nun mehr als Worte. Und dann bittet Jesus mit seinem Seufzer zum Himmel: Vater, darf ich? Danach erst wendet er sich dem Kranken zu mit dem Befehl: Hefata, tu dich auf!

 

Woher wusste der Evangelist Markus das überhaupt? Von dem Ex-Taubstummen selber wahr-scheinlich. Denn: Er konnte ja sehen und vielleicht von Jesu Lippen lesen! Er ist der Augenzeuge des Wunders, das ihm widerfahren ist und konnte denen, die ihn gebracht hatten, berichten: Meine tauben Ohren gehorchten. Mein Mund war voller Worte!!! Ich bin geheilt! Die ganze Zeit, die ich taub und stumm war, ist weg. Ich bin nicht mehr von euch getrennt wie durch eine tiefe Kluft! Die Kluft ist überwunden, über-wundert!!!

 

Die Rückkehr des Geheilten in seine Stadt, die setzte ein Lauffeuer in Gang: Überall riefen es die Menschen sich zu im heidnischen Ausland! Sie hatten vielleicht eines von Jesus erwartet: Hören oder Sprechen. Aber dass Jesus das Leben dieses Menschen ganz neu machte, ihm eine Zukunft gab, das überschritt ihre kühnsten Hoffnungen. Und einer hat es auf den Punkt gebracht, und alle sagten es weiter: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

 

Gott selber war in Jesus im Gebiet der 10 Städte. Im Heidenland zeigte sich Seine Allmacht, wie es schon der Prophet Jesaja gesehen hat (Jes29,17): Das geknickte Rohr hat Jesus aufgerichtet; er hat den glimmenden Docht angefeuert. Auch der stumme und taube Heide ist Gottes Kind, das im Heilwerden seiner körperlichen Gebrechen schon etwas vom Heil der Seele ahnen soll.

 

Und noch etwas Besonderes geschah im Gebiet der Zehn Städte: Keine bösen Blicke haben das Wunder belauert, keine misstrauischen Worte gab es: Wer weiß, mit wem der Jesus im Bunde ist? Im Gegenteil, sie bestätigen Jesus, alles wohl gemacht zu haben. Und vielleicht hat der Geheilte gesagt, dass Jesus keine Beschwörungen gemurmelt, sondern wie um Hilfe nach oben geschaut und geseufzt hatte. Und gehört wurde.

 

Liebe Gemeinde, wie viel Taube und Stumme gibt es heutzutage, wenn es um Gott und sein Heil geht! Wie viele Menschen haben kein Ohr mehr für das Evangelium von Jesus Christus! Wie stumm sind viele Münder, wenn es darum geht, zu beten, seinem Glauben Worte zu verleihen! Der Wundermann Jesus hat viel Arbeit mit uns. Er hat seine Nachfolger befähigt, auch uns von seinen Wundern zu berichten. Das soll keinen Neid bei uns hervorrufen oder die bittere Feststellung: Für uns gibt es keine Wunder mehr. Im Gegenteil:

 

Jesus hat nicht nur ein Wunder auf Zeit für uns getan - er hat für uns den Tod in Ewigkeit überwunden! Er ist nun beim Vater. Und er lässt diese einzigartige Vater-Sohn-Verbindung uns Menschen immer wieder zugute kommen als der, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Die Menschen in der Dekapolis haben nicht versucht, Jesus als den ständigen Wundertäter vor Ort festzuhalten! Das Wunder spaltete die Leute auch nicht in Anhänger und Gegner Jesu. Sie sind alle überwältigt. Sie haben Unerhörtes gehört, sie sagen es weiter.

 

Wir hier haben sie heute auch gehört, die Wunderdinge und haben noch mehr Grund, es weiterzusagen, denn: Jesus hat uns das ewige Leben gebracht! Wir können von ganzem Herzen sagen: Er hat alles wohl gemacht. Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

der bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. 

 

Lied EG 272 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.

Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich und bin fröhlich,

Herr, in dir. Halleluja. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!

 

 

 

Predigttext 22.08.21
Gottesdienst 22.08.21 Predigt.pdf
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Predigt ü/ Epheser 2, 4-10

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

in der Lutherbibel ist unser heutiger Predigttext mit den Worten überschrieben: Sünder macht Gott selig. Wenn wir ehrlich sind, hören wir das gar nicht so gerne, denn wer möchte schon ein Sünder sein? Das kommt vielleicht daher, weil wir weithin Sünde gleichsetzen mit Einbruch und Diebstahl, Mord und Totschlag. Aber wir müssen das nicht so hoch aufhängen.

Als Sünde bezeichnet man im Christentum den durch uns Menschen verschuldeten Zustand des Getrenntseins von Gott. Die Sünde besteht in einer Abkehr von Gottes Willen. Und davon kann sich niemand freisprechen. Nur einer kann uns freisprechen: Gott kann uns aus freiem Willen Gnade und Erbarmen schenken. Wir müssen es nur annehmen.

Hören wir dazu den heutigen Predigttext aus dem Brief des Apostel Paulus an die Epheser. Im 2. Kapitel, in den Versen 4-10 schreibt er:

Aber Gott ist reich an Erbarmen. Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt. Durch unseren Ungehorsam waren wir tot; aber er hat uns mit Christus zusammen lebendig gemacht.

Bedenkt: Aus Gnade hat er euch errettet! Zusammen mit Jesus Christus hat er uns vom Tod erweckt und in sein himmlisches Reich versetzt. In den kommenden Zeiten wird das enthüllt werden. Dann wird der unendliche Reichtum seiner Gnade sichtbar in der Liebe, die er uns durch Jesus Christus erwiesen hat.

Es ist tatsächlich reine Gnade, dass ihr gerettet seid. Ihr selbst könnt nichts dazu tun, als im Vertrauen anzunehmen, was Gott euch schenkt. Ihr habt es nicht durch irgendein Tun verdient, denn Gott will nicht, dass sich jemand vor ihm auf seine eigenen Leistungen berufen kann.

Wir selbst sind ganz und gar Gottes Werk, Durch Jesus Christus hat er uns so geschaffen, dass wir nun Gutes tun können. Er hat sogar die guten Taten schon erschaffen, die wir nun auch tun sollen.

Liebe Gemeinde, wenn wir ehrlich sind, ein etwas sperriger Text, der sich uns nicht ohne weiteres sofort erschließt. Aber ein Text, mit vielen sehr positiven Aussagen. Alle wichtigen Wesensmerkmale Gottes kommen hier vor: Erbarmen, Gnade, Liebe, errettet werden und Vertrauen. Mehr geht nicht. Da können wir nur von Herzen Danke sagen. Danke sagen, weil Gott es mit uns unverdient gut meint.

Auf der anderen Seite beschäftigt mich die Frage, können wir vorbehaltlos so viel Liebe von Gott dankend annehmen wo wir täglich schlimme Nachrichten in allen Medien hören, lesen und sehen? Krieg, Terror, Gewalt, Überschwemmungen an vielen Stellen der Erde, große, mächtige Waldbrände in einigen Ländern mit den entsprechenden Verwüstungen und großer Not bei Mensch und Tier.

Ja, da frage ich mich, kann man da Gott danken für seine Liebe, Güte, Gnade und Barmherzigkeit? Oder ist das die Flucht in eine fromme Welt? So nach dem Motto: Augen zu und durch, was geht mich die Welt an. Hauptsache mit meinem Glauben stimmt es.

Nein, so möchte ich es nicht verstanden haben. Ganz und gar nicht. Eher so: Durch meinen Glauben kann ich es aushalten, das alles zu sehen und zu hören. Durch mein Vertrauen zu Gott muss ich an den vielen Dingen, die ich nicht verstehen kann, nicht zerbrechen.

Ich kann es bisher nicht nachvollziehen, warum besonders auch in diesem Jahr so viel passiert, was uns Angst machen kann. Trotz Impfungen steigen die Inzidenzen schneller an als im Sommer vergangenen Jahres, wo noch niemand geimpft war. Es hängt wahrscheinlich an der neuen Corona-Variante. Und eine weitere Variante ist schon wieder entdeckt worden.

Obwohl wir bisher keinen wirklich heißen Sommer in unseren Breiten hatten, gab es in manchen Landstrichen, teilweise nur gut 100 km von uns entfernt, fürchterliche Überschwemmungen in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Das passiert eigentlich sonst nur halb so schlimm, wenn große Hitzewellen vorausgingen.

Dann gibt es Länder, in denen es über 45 Grad warm wird, und seit Wochen riesige Waldflächen in Brand stehen. Die Löschung ist oft nur sehr schwer möglich.

Im Internet lesen wir, dass es so aussieht, als ob der Golfstrom auch Unregelmäßigkeiten aufweist, was für unser weiteres Klima negative Folgen haben wird.

Ich frage mich, was will uns Gott, der uns so viel Gutes schenkt, mit all dem sagen? Als Strafe Gottes sehe ich das nicht, wohl aber als Hinweis, dass wir längst nicht alles in Menschenhand haben. Wieso lässt er derzeit so viel Negatives zu? Sollen wir Buße tun, für das, was wir bisher zum Beispiel an Umweltsünden zugelassen haben? Der aktuelle Weltklimabericht lässt kaum Positives zu. Alles Dinge, die in der Vielzahl, in dem Ausmaß und der enormen Auswirkung bisher so noch nicht vorkamen.

Wir Menschen sehen immer nur bis zum Horizont, Gott sieht weiter. Er weiß, was er mit uns Menschen und seiner Welt vorhat. Vielleicht sollen wir wach gerüttelt werden, damit wir merken, wir alleine bekommen das alles nicht mehr in den Griff.

Wir brauchen Gott mit seinem Erbarmen, mit seiner Gnade, mit seiner Güte wenn wir leben wollen. Und zwar in Zeit und Ewigkeit.

Deshalb, liebe Gemeinde, sollen wir ihm vertrauen. Vertrauen deshalb, weil er uns liebhat. Er will uns nicht in all dem Schlamassel dieser Welt untergehen sehen. Er möchte uns retten. Aus Gnade und Barmherzigkeit. Er hat in Jesus den ersten Schritt auf uns zugemacht, wir sollen und dürfen getrost den zweiten Schritt tun.

Ja, wie eben gesagt, wir dürfen Gott für all das danken, was er uns in Liebe aus Gnaden anbietet.  Warum derzeit so viel Menschen unter all dem Grauen der Naturgewalten, der Pandemie oder von Krieg, Terror und Verfolgung leiden müssen, kann niemand wirklich beantworten. Alles was uns bewegt, auch alles was wir in der Welt und unserem eigenen Leben nicht verstehen, dürfen wir getrost an Gott abgeben. Er hilft tragen; er hilft aushalten.

Auf der anderen Seite erleben wir ja auch schöne und positive Digen in unserem Leben. Sei es, dass wir nach einer Krankheit wieder neue Kraft und neuen Mut bekommen. Dass wir einen sicheren Arbeitsplatz oder eine auskömmliche Altersversorgung haben. Dass wir gute Nachbarn und Freunde haben, oder dass die Familie zusammenhält.

Freud und Leid halten sich halt nicht in jedem Leben die Waage. Manchen Menschen geht es außerordentlich gut, andere haben ein schweres Kreuz zu tragen. Leider können wir nie alles ergründen; selten kommen wir mit all dem klar. Aber so ist das Leben. Es will so oder so angenommen und gelebt werden.

Gott weiß das auch. Ohne dass wir es uns verdienen könnten, möchte er uns in Jesus Christus ewiges Leben schenken, das schon hier auf der Erde beginnt. Aus Gnade und Barmherzigkeit. Oft kommt uns das zu einfach vor. Denn das gibt es in der Welt nicht. Wenn wir etwas falsch gemacht haben, kommen wir vor ein Gericht und werden entsprechend dafür bestraft.

Gott legt unsere Strafe auf Jesus und der geht dafür ans Kreuz, damit wir leben können. Das ist Gottes Gnade, seine Güte und Barmherzigkeit.

Wir können uns den Himmel nicht mit guten Werken verdienen, der Himmel wird uns aus Gnaden geschenkt. Einst waren wir tot in Sünden, schreibt der Apostel, er hat uns aber mit Christus lebendig gemacht.

Er hat uns die Erkenntnis geschenkt, dass wir ohne ihn verloren sind, dass wir ohne Jesus keine Zukunft haben. Gott hat uns mit Jesus alles geschenkt was wir für ein erfülltes Leben und ein seliges Sterben brauchen. Wir können so zu ihm kommen wie wir sind, und uns dann so ändern, dass er uns gebrauchen kann.

Ja, und dann können wir begnadigte Sünder tätig werden, für alle Menschen, die unsere Hilfe benötigen, in der Nähe und der Ferne. Hier sind unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Weil wir Menschen durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit gerettet werden, sind wir beauftragt, als Gottes Bodenpersonal ihm und den Menschen zu dienen.

In einem Gebet aus dem 14. Jahrhundert heißt es:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.

Ja, das können wir tun. Wir sind befreit, wir sind gerettet, sind mit Christus auferweckt und können nun das Gute tun. Nicht damit wir einen Platz im Himmel bekommen, sondern, weil wir einen Platz im Himmel haben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext
15.08.2021
Predigt über Epheser 2, 4-10_15.08.21.pd[...]
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Gottesdienst am 8. August 2021 10. Sonntag nach Trinitatis                                             

 

Predigttext: Römer 11, 25-32 Israels endliche Errettung

Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstoßung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt haben wegen ihres Unge-horsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch wider-fahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

                                                                       -.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-

Liebe Gemeinde,

·    Paulus, Mittler zwischen Juden und Christen

·    Paulus, hin- und hergerissen zwischen seiner ersten Liebe,

     dem Volk Israel, und seiner zweiten Liebe, der Gemeinde Jesu Christi.

·    Paulus, der Prophet, der Israels endliche Errettung schon sieht ...

 

Es gäbe sicher noch sehr viele Titel, mit denen man Paulus beschreiben könnte. Wieder einmal trägt der Heidenapostel einen schweren Kampf aus - und das auch noch in den eigenen Reihen und per Brief! Sie haben ihn am Lebensnerv getroffen, die Christen von Rom! Wie stolz sind sie darauf, Christen zu sein! Sie schwangen - bildlich gesprochen - die Axt, um Israel, das Paulus im Römer-brief als "edlen Ölbaum" bezeichnet, abzuhauen! Paulus ringt jedem einzelnen sein Werkzeug aus der Hand und öffnet ihm die Augen: Du schneidest dir selbst die Lebensader ab! Du bist in den Ölbaum Israel eingepropft worden! Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. 

 

Wie schnell sich doch das Blatt wendet! Knapp 20 Jahre vor der Abfassung dieses Briefes war im Hohen Rat zu Jerusalem gegen die Apostel des Jesus von Nazareth verhandelt worden. Damals hat-te sich der angesehene Gamaliel zu Wort gemeldet und gemahnt: Lasst sie gehen. Ist dieses Vorha-ben oder dies Werk von Menschen, so wirds untergehen; ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten - damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen. Und nun muss Paulus sich den Römern, also ehemaligen Heiden, gegenüber zum Anwalt seiner jüdischen Glaubensbrüder machen.

 

Die „Jungen Christen“ in Rom sollen den unwandelbar treuen Gott Israels, der in Jesus Christus alle Völker der Welt zu seinen Kindern angenommen hat, sehen lernen. Es geht darum, dass sich auch unser Blick weitet, dass wir irgendwann völlig überwältigt sagen: Ja - der Gott Israels lebt! Sein Werk kann niemand hindern - er ist unser aller Vater. Lasst uns ihm "in die Hand" zuarbeiten und nicht sein Tun stören.

 

Machen wir uns auf den Weg durch den Text. Hätten wir noch eine Original-Handschrift, so könn-ten wir vielleicht die Tränen des Paulus sehen, die er darüber vergossen hat. Denn mit ihrer über-heblichen Haltung gegenüber Israel verletzen die Christen von Rom ihn selbst bis ins Mark. Er ist Teil des "Ölbaums Israel", er kann sich von seiner Glaubenswurzel ja nicht losreißen. Und er wäre auch nicht der Paulus, den Jesus sich als "besonderes Werkzeug" auserwählt hat, wenn er sich von seinem Volk Israel losgesagt hätte.

 

Paulus: "Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen ...“ Mit jedem Satz steigert sich Paulus in seiner Weissagung: Israel wird errettet werden! Er reiht sich ein in den Chor der Propheten Jesaja und Jeremia, die sahen: Aus Zion wird der Erlöser kommen. Von Gott her bleibt der Bundesschluss mit seinem Volk Israel fest bestehen.

 

Paulus wirbt mit heißem Herzen bei den Christen von Rom, dass sie sich nicht der Sünde der Überheblichkeit schuldig machen. Nicht sie sind direkt durch Gott erwählt worden, sondern nur durch Israel, oder wie er es sagt: Durch Israels Verstockung habt ihr überhaupt erst von seinem Gott gehört. Er hat sie eine Weile zur Seite geschoben, um sich während dessen euch zuzuwenden! Ihr müsst die ganze Geschichte Israels mit seinem Gott ansehen, dann werden euch die Augen aufgehen. Dankt Gott und ihnen, dass er auch euch erwählt hat!

"Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen". Liebe Gemeinde, da hat der Israelit Paulus auf einen ganz alten Schriftbeweis zurückgegriffen, der die herausragende Rolle des kleinen Volkes Israel inmitten der Völkerwelt ausdrückt. Als Israel die Wüstenwanderung hinter sich hatte und nun auf dem Weg ins Verheißene Land war (4.Mose 23, 19), da ging ihm der Ruf der Unbesiegbarkeit voraus. Darum versprach der Moabiter-König Balak dem Seher Bileam "goldene Berge", wenn er ihm das Volk Israel verfluchte, also kraftlos machte, damit sein Land verschont bliebe. Bileam kam nach mehreren Versuchen, Gottes Warnungen zu überhören, endlich zu dem Bekenntnis: Zu segnen ist mir befohlen; er hats gesegnet, und ich kanns nicht wenden. (Fluchen = geschlossene Faust, Segnen = ausgestreckte, offene Hand)

 

Bis zu dieser Einsicht hatte auch Bileam der Seher lange gebraucht, und er wäre fast ins Messer gelaufen. Als er nämlich wieder einmal losgeritten war, um Israel doch zu verfluchen, da sah sein Esel in einem Hohlweg Gottes Engel mit erhobenem Schwert stehen und ... ging vor ihm in die Knie. Der Esel hatte die Todesgefahr erkannt und bewies als angeblich doch dummes Tier mehr Gottes-Furcht als der Seher Bileam.

 

Aber nicht immer trat Gott den Feinden Israels so drastisch in den Weg. In diesem Monat wird im Judentum wieder an die Tempelzerstörung unter Nebukadnezar im 6.Jh v.Chr. und die Wegführung der Oberschicht in die Babylonische Gefangenschaft gedacht. Also hat Gott sie dann doch fallen lassen? Auf gar keinen Fall! Von heute aus betrachtet war selbst in dieser großen Katastrophe schon zu sehen, dass das nicht Gottes End-Urteil über sein Volk sein konnte: Denn - war es auch nur ein kümmerlicher Rest, der im Lande Juda bleiben durfte, so war doch noch Leben da: Der Ölbaum Israel war nicht ganz verdorrt. Und Gott schwieg nicht. Sowohl den Zurückgebliebenen in Jerusa-lem als auch den Exilierten in Babylon sprach der Prophet Jeremia in Gottes Auftrag neue Hoffnung und Mut zu. Nicht auf ewig sollte der Augapfel Gottes in Tränen schwimmen!

 

Und darum gibt es nur eines, mahnt Paulus: Nicht absägen, abstützen müsst ihr den Ast, auf dem ihr sitzt, ihr Christen! Denn die Wurzel des Jesse aus Bethlehem, aus dem David und später Jesus zu Eurer und zur Erlösung aller Welt entsprungen ist, das ist und bleibt nun einmal Israel! Paulus weiht die Christen von Rom in das Geheimnis Gottes ein - er gibt es ihnen schriftlich - zum Nachbuchstabieren:

 

Gott hat Israel für eine Weile verstockt, um für euch die Hände frei zu haben, ihr Christen.

Wenn ihr sie am Evangelium messt, dann kommen sie euch vor wie Gegner.

Aber wenn ihr sie durch die Lupe der Erwählung - mit Gottes Augen - anseht, dann wird euch deutlich: Sie sind Geliebte um der Väter willen - lange vor euch.

Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Er hat gesegnet - wie könnt ihr verfluchen?

 

Paulus macht auf das Abhängigkeits-Verhältnis aufmerksam. In der einen Waagschale ist Israel, die Gott - auf Zeit - sozusagen leer und leicht macht, damit die Waagschale der Christen überhaupt erst einmal schwer und voll würde, Gewicht bekäme. Paulus mahnt: Zeigt nicht mit Fingern auf sie. Gott hat sie schon oft gestraft um seiner Liebe willen. Seid dankbar ohne Ende dafür, dass er mit euch einen anderen Bund geschlossen hat, genau den umgekehrten: EINER, Jesus Christus, hat alles in Liebe erfüllt, was eigentlich eure Lebensaufgabe wäre. Ihr bekommt geschenkt, was sich das erste Gottesvolk bitter erleiden musste.

 

Liebe Gemeinde, wir wissen, dass gerade dieser Abschnitt aus dem Römerbrief oft in Vergessenheit geriet, oder anders: Die Christenheit ist immer wieder der "römischen Krankheit", dem Hass gegen das Volk Israel verfallen. Aber nichts, nicht die letzte Zerstörung Jerusalems durch die Römer, nicht die grausamen Verfolgungen im Mittelalter, wovon die Ruine der Werner-Kapelle ja aus allen Fens-terhöhlen schreit, nicht die teuflischen Methoden der Hitler-Diktatur konnten das Volk Gottes zer-stören. Es lebt, weil sein Gott treu ist.

 

Und deswegen sollten wir dem Propheten Paulus gut zuhören:  Er schreibt von der "Allversöh-nung", die er da schon sieht. Denn unser Herr Jesus Christus, auf den der zweite Bund Gottes mit aller Welt gebaut ist, er hat ja keine neue Lehre verkündigt, sondern er stand fest verwurzelt im Boden der Schrift und hat sein Leben darangesetzt, auch den Sündern und Randexistenzen, ja, der sonst verlorenen übrigen Welt das verborgene, vergessene, das wahre Gesicht Gottes zu zeigen: Das Gesicht des Vaters, der Liebe und des Erbarmens, nicht das Gesicht des unerbittlichen Richters, sondern sein Herz.

 

Gott hat zwei Hände, das können wir von Paulus lernen. In der einen hält er von Anfang an sein Volk Israel. Versprochen ist versprochen! In der anderen aber haben alle Völker, alle Nationen der Welt, ihren Platz, die durch Christi Blut und Gerechtigkeit dazugewonnen und gerettet wurden und werden. Doch zum Schluss wird Gott beide Hände an sein Herz ziehen.

 

Im Brief an die Philipper (4,7) schreibt Paulus vom Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Frieden, Schalom. Gott bietet aller Welt Frieden an, den Ersterwählten genauso wie den Nacher-wählten. Und gerade wir als eine Nation, unter der Menschen jüdischen Glaubens unsäglich gelitten haben, müssen um den Schalom Gottes von Herzen bitten, dass wir nie wieder schuldig werden an unseren Geschwistern in Gott.

 

So sei denn der Schalom Gottes mit Israel und bewahre auch unsere Herzen und Sinne durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen

 

Lied 434 Schalom chaverim, schalom chaverim, schalom, schalom,

               lehitraot, lehitraot, schalom, schalom.

               Der Friede des Herrn geleite euch, Schalom, Schalom.

               Der Friede des Herrn geleite euch, Schalom, Schalom.

                 Aus Israel 

 

 

 

Predigttext
8. August 2021
Gottesdienst am 8.08.2021 Predigt.pdf
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Predigttext
vom 01.08.21
Predigt 9. Sonntag nach Trinitatis 01.08[...]
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Predigt zum Anhören
13.06.21
2021-06-13 Predigt.wma
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Predigt

für den 1. So. n. Trinitatis (06.06.21)

zu Jona 1,1-2,2.11

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Peter in Bacharach.

Der Predigt liegt foglender Text aus dem Buch Jona zugrunde:

 

 

Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN. Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf's Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist. Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir's gefällt. Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde. Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches. Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

 

 

Liebe Gemeinde! Haben Sie sich schon mal mit einem Auftrag konfrontiert gesehen, vor dem Sie am liebsten davongelaufen wären? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Der Prophet Jona wäre nicht nur am liebsten, der ist davon gelaufen, als Gott Ihm auftrug: „Los, geh nach Ninive und mach den Leuten da mal eine klare Ansage!“ Postwendend macht sich Jona auf den Weg. Allerdings nicht nach Osten Richtung Ninive, sondern nach Westen Richtung Mittelmeer, wo er sich im Hafen von Jafo ein Schiff nach Spanien nimmt - ans andere Ende der damals bekannten Welt. Jona macht den Abflug und damit seinem Namen alle Ehre. Jona heißt auf Deutsch „Taube“. Eigentlich ist die Taube in der Bibel positiv besetzt- als Botin für Frieden und Rettung. Aber dieses Täubchen hier erweist sich eher als taube Nuss. Jona, der Sohn des Amittai. Amittai heißt übersetzt: „Gott ist treu.“ Jona ist ein Kind der Treue Gottes. Und doch ist er vor diesem Gott auf der Flucht. „Traugott Flattermann“ hat Klaus Teschner, der frühere Leiter des Volksmissionarischen Amts unserer Landeskirche, den Jona, Sohn des Amittai, mal genannt. Jona läuft davon. Doch wenn Gott ruft, ist Fliehen zwecklos. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten“. Diese Worte aus Ps 139 könnten auch von Jona stammen.

 

Mit seinem Versuch sich Gott zu entziehen reißt Jona andere mit rein. Das Schiff gerät in Seenot. Alle sind in Panik. Nur nicht Jona. Der liegt in seiner Kajüte und pennt. Bettflucht bei Windstärke zwölf. Es bedarf einer Sondereinladung durch den Käptn, bis Jona an Deck kommt. Als die Matrosen das Los werfen um rauszufinden, wem sie den Schlammassel zu verdanken haben, zeigt das Los auf ihn. Da packt Jona aus und sagt: „Okay, Leute, ich bin Schuld! Ich bin auf der Flucht vor dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Werft mich über Bord, dann habt Ihr Ruhe!“ Die Matrosen zögern. Erst alles Rudern nichts mehr nützt, tun sie’s. Nicht ohne Gott für diese Tat um Vergebung zu bitten.

 

Dem Jona ist alles egal. Lieber tot im großen Teich als den Nihilisten von Ninive zu erklären, dass Gott sauer auf sie ist. Aber selbst der sicher geglaubte Tod bietet kein Entrinnen vor dem lebendigen Gott. Ein riesiger Fisch kommt des Weges und sammelt den untergehenden Propheten ein. Erst jetzt besinnt sich Jona und beginnt zu beten. Redet mit Seinem Gott und bittet Ihn um Rettung. Jona bekommt die zweite Chance, die er den Leuten von Ninive nicht geben wollte. Diesmal geht er. Kaum hat er wieder festen Boden unter den Füßen, macht er sich auf den Weg in die Höhle des Löwen. Dort angekommen, hält er eine Predigt, mit der ich mein Examen im Leben nicht bestanden hätte. Ganze sieben Wörter: „Noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen.“ Nicht mal ein Amen am Schluss. Aber die Leute von Ninive nehmen sich’s zu Herzen. Geschockt ob der deutlichen Worte sagen sie: „Wer weiß, vielleicht überlegt Gott sich’s ja nochmal anders, wenn wir uns ändern.“ Und genau das tut Gott, wie der Fortgang der Geschichte zeigt. Das war das eigentliche Ziel Seines Auftrags an Jona: Die Menschen in Ninive zu warnen, dass sie in den Abgrund rennen, wenn sie „immer so weiter“ machen.

 

Ich weiß nicht, vor welchen Aufträgen Sie in Ihrem Leben am liebsten weggelaufen wären oder vielleicht auch sind. Aber ich weiß, dass wir als Kirche schon mal ganz gerne kneifen vor dem prophetischen Auftrag, den wir haben. Klare Ansagen sind nicht so unser Ding. Den Menschen unserer Zeit zu sagen: „Leute, wenn wir so weitermachen, fahren wir vor die Wand!“ Als neulich das Thema Kurzstreckenflüge und Billigflüge auf’s Trapez kam, gingen erwartungsgemäß die Wogen hoch. Von Bevormundung war die Rede, von einem Angriff auf die persönliche Freiheit. In solchen Diskussionen können wir uns als Kirche nicht wegducken. Es ist unsere Aufgabe, dem zerstörerischen Lebenswandel unserer Gesellschaft das Wort Gottes entgegenzusetzen. Und es ist durchaus auch Aufgabe einer Regierung Leben zu schützen. Das Bundesverfassungsgericht hat das der Bundesregierung ins Stammbuch geschrieben mit seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz. Ein prophetisches Urteil.

 

Das Argument mit der Freiheit ist ja ein alter Hut. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Diskussion um die Einführung der Gurtpflicht. Das war genau dasselbe. Da wurde auch gewettert, das sei ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und staatliche Bevormundung. Heute lachen wir darüber. Das Thema ist längst gegessen. Wenn man sich ans Steuer setzt, greift man automatisch zum Gurt. Und wie vielen Menschen hat diese Gurtpflicht schon das Leben gerettet! Wie vielen Menschen könnte das Leben gerettet werden, wenn unserem zerstörerischen Lebenswandel mehr Grenzen gesetzt würden…

 

Der Prophet Jona legt den Finger in die Wunde. Und Ninive kehrt um. Der König zieht die Notbremse und verhängt einen totalen Lockdown. Steht in Kapitel 3. Lesen Sie das mal nach. Alle Arbeit soll ruhen, keiner mehr was essen oder trinken. Fasten für die Vernunft. Verzichten um nicht zu verderben. Unterbrechung für die Umkehr. Mit Erfolg. Ob Corona für uns so eine Unterbrechung für die Umkehr war, werden die nächsten Monate zeigen. Ich glaube auf jeden Fall, eine der wichtigsten prophetischen Aufgaben unserer Zeit ist, dass wir uns kritisch mit unserem Verständnis von Freiheit auseinandersetzen. Freiheit heißt nicht: „Ich darf machen, was ich will, koste es andere, was es wolle!“ Wirklich frei sind wir - daran lässt das Zeugnis der Bibel keinen Zweifel - wirklich frei sind wir, wenn wir frei werden von Egoismus und Ignoranz. Durch die Macht der Liebe.

 

Es gibt kein Recht darauf, auf Kosten anderer zu leben! Wir haben nicht das Recht, die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu opfern um unseren Wohlstand zu sichern und unserer Bequemlichkeit zu frönen. Ich glaube, das ist es, was unseren Zeitgenossen ganz dringend anzusagen haben - und übrigens auch uns selbst. Ist ja nicht so, dass wir mit dem Thema schon fertig wären. Trotzdem will Gott uns gebrauchen. Was ich an der Jona-Geschichte faszinierend finde, ist, dass Gott den Jona als Prophet einspannt, obwohl der wahrlich kein glänzendes Vorbild in Sachen Glaubensgehorsam ist. Statt zu vertrauen, verdünnisiert er sich. Statt zu hören, haut er ab. Aber Gott hält an diesem Flattermann fest und sagt: „Nee Jona, Du fährst jetzt nicht nach Spanien in Urlaub. Du gehst jetzt nach Ninive und machst da Deinen Job!“ Und Gott segnet den Dienst dieses flattrigen Propheten und schenkt seinen Worten Wirkung. Dadurch, dass Jona im zweiten Anlauf dann doch tut, wozu Gott ihn sendet, wird eine Stadt mit 120 000 Einwohnern gerettet, die im Begriff war, ins Verderben zu laufen.

 

Manchmal erteilt Gott Aufträge, vor denen man am liebsten erstmal wegrennen möchte. Aber sie sind lebens-not-wendig. Buchstäblich. Gebe Gott, dass wir nicht den Flattermann machen, wenn Er uns braucht. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Predigttext
vom 06.06.21
Online-Gottesdienst 2021-06-06 Predigtma[...]
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vom 06.06.21
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Predigt Sonntag Trinitatis 2021

Johannes 3, 1 – 8

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft, die der Heilige Geist schafft, sei mit uns allen. AMEN

 

Liebe Gemeinde,

wir freuen uns wenn wir wieder draußen sitzen können, z. B. in einer lauen Sommernacht auf der Terrasse, Balkon oder im Garten mit einem Glas Wein, bei einem netten Gespräch, der Wind weht sanft und lässt ab und an ein paar Zweige rascheln,

 

Vielleicht können wir uns das so ähnlich vorstellen wie bei den zwei Männer in unserem Predigttext.

Nikodemus und Jesus.

Die beiden Männer reden.

Nicht über das, worüber Männer üblicherweise reden, Alltag, Politik, Sport, Frauen, Geld, sie lästern nicht und spielen keine Machtspielchen.

Es sind die großen Dinge, die Dinge hinter den Dingen, über die sie reden, sie wollen den Dingen auf den Grund gehen, woher komme ich und wohin gehe ich,

wie gelingt mein Leben, wo ist die Liebe, wie kann ich mein Leben ändern, wie kommt der Mensch zum Leben, und vielleicht geht es da im Kern immer um dasselbe, um die eine große Frage des Lebens.

Wo gibt es das, für uns, wo haben die großen Dinge,

die großen Themen, die großen Fragen, die großen Erfahrungen ihren Platz und ihren Ort in unserem Leben?

Nikodemus ist nicht irgendwer.

Er ist eine Führungspersönlichkeit, ein Gelehrter vielleicht, Mitglied des Obersten Gerichts,

sicher sehr reich und angesehen, ein Promi.

Er kommt zu Jesus in der Nacht.

Will er nicht gesehen werden? Weiß er um die besondere Qualität der Nachtgespräche?

Will er mit Jesus allein sein, ungestört und ohne Ablenkung reden können?

Alles ist möglich.

Er kommt zu Jesus in der Nacht, und er ist sympathisch offen und ehrlich und legt die Karten sofort auf den Tisch: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn sonst könntest du nicht die Zeichen tun, die du tust.

Welche Zeichen? Heilungen, Wunder, Worte, Wirkungen?

Das bleibt offen, wie so vieles in dieser Geschichte. Aber klar ist: Nikodemus legt die Karten auf den Tisch, er blufft nicht, er gibt Jesus die Ehre und Würde, die ihm zustehen, er anerkennt, dass Jesus etwas Besonderes ist und bringt, das er selbst nicht hat und ist. Von Gott.

 

Diese Offenheit und Wertschätzung eröffnet das Gespräch, und das ist nicht nur klug, sondern führt direkt zum Kern der Sache.

Und nun reden sie, die beiden Männer in der Nacht über die großen Fragen.

Jesus sagt zu Nikodemus: „Ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird dann kann er das Reich Gottes nicht sehen. – Du willst etwas von Gott sehen, Nikodemus.

Dich treibt eine Sehnsucht nach Gott zu mir. Du musst von neuem geboren werden. Du brauchst Gottes Geist, damit Neues beginnt, damit die Hoffnung stark wird.“

 

Eine Sehnsucht treibt Nikodemus zu Jesus.

Er ist enttäuscht, verzweifelt, voller Fragen.

Er will Gottes Reich sehen.

 

Da ist ein Sehnen tief in uns. Wir erleben die Welt voll Widerspruch gegen Gott. Gewalt und Habgier herrschen. Es gibt so viele ungelöste Konflikte.

Wir hören von zahllosen Hassmails gegen Politiker in unserem Land, Mails voller Beschimpfungen und Morddrohungen. Fanatisch, radikale religiöse Kämpfer haben unvorstellbares Leid gebracht.

Wie können Menschen so grausam sein? 

Kann man in dieser Welt auf Frieden und Gerechtigkeit hoffen?

Wie können wir selbst anfangen mit dem Frieden?

Wie kommt Gottes Reich?

 

Nikodemus, ich teile deine Sehnsucht, dass die Welt Frieden finde, dass heilt, was zerrissen ist.

 

Da ist ein Sehnen tief in uns. Nikodemus fragt:

„Wie kann ein Mensch neu geboren werden?

Wie kann ich neu anfangen? Ich kann nicht aus meiner Haut. Immer wieder erlebe ich die gleichen Muster.

 

Der Streit, der mich schon so lange plagt, bricht immer wieder auf. Immer wieder reagiere ich verletzt und schlage zurück.

Immer wieder habe ich Angst, nicht anerkannt zu sein. Immer wieder auch meine begrenzte Sicht von anderen – ich merke, wie schnell ich jemanden verurteile,

wie wenig ich anderen zutraue.

Neu geboren werden? Neu beginnen?

Wie soll das gehen?“

Jesus antwortet dem Nikodemus:

Nur wer von neuem und von oben geboren wird kann das Reich Gottes sehen, kann also sehen und spüren und erfahren, wie Gott wirkt in dieser Welt, und was Gott an mir und für mich und – vielleicht - auch durch mich tut.

 

Von neuem geboren werden: Sozusagen von der Rückseite her können wir das ganz gut verstehen:

 

Wir sind alt geworden – wir selbst, aber vielleicht auch unsere Gesellschaft, vielleicht sogar diese Welt.

 

Der Lack ist ab. Wir haben viele Entscheidungen getroffen, die manches möglich und vieles unmöglich gemacht haben und unseren Lebensweg festlegen.

 

Die Dinge sind nun wie sie sind, das Leben ist nun wie es ist, das Alter schreitet fort, die Zeit ist nicht umkehrbar und verschlingt am Ende alles.

 

Gerade deshalb schießt immer wieder die Sehnsucht hoch, nochmals zurückgehen zu können an diesen und jenen Punkt und die Dinge anders zu machen.

 

Vielleicht sogar ganz zurückkehren zu können, zum allerersten Anfang, zu unserer Geburt, und noch einmal neu anfangen können und alles neu machen, ja selbst ganz neu werden.

Nochmals neu zu werden – wie ein Kind.

Von neuem geboren zu werden, das Leben noch einmal geschenkt zu bekommen, und alle Möglichkeiten vor sich?

 

Das geht nicht, sagt Nikodemus trocken.

Das kann keiner. Das kann nicht einmal Gott.

Und wenn, dann wäre das neue Leben doch wie das alte, nur anders.

Und es ist einfach richtig, dass wir das nicht können,

so wenig wie wir die Antworten auf die großen Fragen nicht selbst geben, ja nicht einmal finden können.

 

Die Antwort, die Jesus gibt, lautet: Ein Wind muss kommen, Feuer, Geist, und dich umfassen, vielleicht sogar packen und hinreißen.

 

Du kannst die Antwort nicht finden, du kannst sie dir schon gar nicht geben, die Antwort muss dich finden,

sie muss zu dir kommen.

 

Und sie kommt zu dir. Denn das ist schon die Antwort: gefunden sein, berührt sein, das Sausen hören.

Der Wind, der Geist, das Feuer ist da.

Jesus wird als Lehrer angefragt. Was lehrt er?

Keine Fakten über die Welt.

 

Jesus lehrt etwas anderes: neu geboren werden,

den Wind spüren, sein Sausen hören.

Da geschieht etwas an mir, da widerfährt mir etwas.

 

Es geschieht etwas, Menschen erfahren oder entdecken, dass ihr Leben ein Geschenk ist, dass sie es anderen verdanken; dass die Liebe, die uns trägt und aus der wir leben, ein Geschenk ist – und sogar die Liebe, die wir für andere haben.

Dass all unsere Kraft und Energie und Dynamik, mit der wir das Leben gestalten, unser eigenes und das vieler anderer mitgestalten, dass das ein Geschenk ist.

 

Ich selbst bin ein Geschenk, von weit her.

Die Menschen, die mich lieben, sind ein Geschenk.

Und auch die Menschen, die mich herausfordern und mir widerstehen. Und aus diesem Stoff aus Güte und Gnade gestalten und verantworten wir das Leben und die Welt.

Damit ist unserem Handeln bereits eine Richtung vorgegeben ist, und nur in dieser Richtung kann gedeihen, was wir tun.

 

Liebe Gemeinde,

Das ist die Botschaft, die Jesus von Gott in diese Welt bringt; das ist die Botschaft, die Jesus selbst ist.

Ein Blickwechsel, ein ganz neuer Blick auf mich und die Welt.

Und in diesem Blick ändert sich die Welt. Wir kommen noch einmal und anders „zur Welt“, werden neu geboren, sozusagen mit dem Blick von oben.

So kommt der Mensch zum Leben und zum Glauben.

 

Das ist im Kern dasselbe. Und das ist die Botschaft, die wir in der Taufe vollziehen.

Jesus selbst ist ein solches Widerfahrnis. Es ist ein Wunder und unerklärlich, dass er da war, auf dieser Erde. Es ist ein Wunder und unerklärlich, dass er da ist, und bis heute uns berühren kann.

 

Er ist selbst die Botschaft:

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

Nikodemus verschwindet aus dieser Geschichte, wie ein Mensch in der Nacht verschwindet.

Später berichtet das Johannesevangelium, dass er sich immer wieder für Jesus eingesetzt hat. Und viel später erzählt die Legende, er habe sich von Petrus und Johannes taufen lassen.

 

Wir wissen es nicht. Aber es würde passen zu dieser Geschichte von der Nacht, und der Gnade, und der Liebe. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es fassen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

 

 

Predigtext
30.05.21
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