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Predigtarchiv

Predigt

für den 1. Advent (29.11.20)

zu Sach 9,9-10

Online-Gottesdienst aus Steeg und Gottesdienst in Bacharach

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! „Tochter Zion“ ist das am meisten gesungene Adventslied in unserer Gemeinde. Das Lied geht auf einen Bibeltext zurück, der heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Ich lese aus Sach 9,9-10:

 

 

„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.“

 

 

Liebe Gemeinde, Lieder, die man lange kennt, singt man oft einfach so mit, ohne groß drüber nachzudenken, was man da eigentlich singt. Mein kleiner Bruder lag mit vier Jahren abends im Bett und sang lauthals „Doktor Zion“ - weil er sich auf „Tochter Zion“ keinen Reim machen konnte. Stellt sich die Frage: Wer ist dies Lady, die da besungen wird? Zion ist der Tempelberg in Jerusalem. Und „Tochter Zion“ ist ein Synonym für Jerusalem und seine Einwohner. Aber - warum „Tochter“? In einer männerzentrierten Gesellschaft würde es naheliegen, dass man sich eher für den „Sohn“ entschieden hätte. Töchter gehörten zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft. Vielleicht gerade deshalb, liebe Gemeinde. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Mädchen und junge Frauen im Falle eines Krieges zum besonders gefährdeten Personenkreis gehörten und gehören. Die technischen Waffen haben sich im Laufe der Jahrtausende verändert - Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung gibt es so lange, wie es Kriege gibt.

 

Jerusalem ist im Laufe seiner Geschichte immer wieder Opfer kriegerischer Gewalt geworden. Immer wieder wurde die Zionsstadt zur Zielscheibe der Großmächte, wurde mehrfach erobert, oft für lange Zeit besetzt und zweimal komplett zerstört. Die Menschen in Israel haben sich einfach nur nach Frieden gesehnt, nach Sicherheit und Ruhe, nach Unversehrtheit. In diese Sehnsucht hinein verkündet Gott die Ankunft eines neuen Königs. Die Tochter Zion soll sich freuen über einen Herrscher, der seine Macht nicht missbraucht. Der keine Willkür mit ihr treibt, bei dem Frauen und Mädchen nicht willkommene Beute am Rande des Feldzugs sind. Der Friedenskönig reitet auf einem Esel. Er kommt nicht hoch zu Ross daher, wie es sonst der Mächtigen Art ist. Auf dem Lasttier der kleinen Leute kommt er angetrappelt. (Das ist ungefähr so, wie wenn die Bundeskanzlerin in einem Opel Corsa vorfahren würde.) Er ist arm, heißt es weiter, hat keine Lobby hinter sich, die ihn mit Geld ausstaffiert; ist keiner von der Sorte, die ihr sechsstelliges Gehalt als „gehobenes mittleres Einkommen“ bezeichnen. Als ein „Gerechter und ein Helfer“ wird er im Predigttext bezeichnet. Also jemand, dem es um gleiche Lebenschancen für alle Menschen geht und dem das Schicksal der ihm Anvertrauten nicht knapp sonst wo vorbeigeht.

 

Was hier nicht angekündigt ist, was aber später oft in diese Messiaserwartung hineingelesen wurde, ist ein König, der mit Waffengewalt die Fremdherrscher aus dem Land jagt und nationale Interessen an die Spitze seiner Agenda setzt. Kein „starker Mann“ vom Typ „America first!“ Gott sei Dank hat sich das ja jetzt erstmal erledigt, liebe Gemeinde. Aber es gibt ja noch mehr Machthaber von diesem Kaliber und Länder, in denen die Mehrheit der Wahlberechtigten abfährt auf solche Typen, die mit markigen Sprüchen, Fakenews, trampeligem Auftreten und populistischen Entscheidungen Politik machen.

 

Der in Sach 9 angekündigte Friedenskönig ist der komplette Gegenentwurf dazu. Demütig statt arrogant. Einfühlsam statt ignorant. Vertreter der Wahrheit statt Verbreiter „alternativer Fakten“. „Ich will die Waffen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden“, sagt Gott durch den Propheten. Das heißt, der von Ihm gesandte Herrscher steht für totale Abrüstung. Das Aus für den Krieg. Keine gute Partie für die, die mit Waffenverkäufen ihre Geschäfte machen. „Er wird Frieden gebieten den Völkern“ und die Weltherrschaft einnehmen.

 

Ist er gekommen, dieser Friedenskönig, liebe Gemeinde? Das ist jetzt eine spannende Frage für uns Christen. Denn von Anfang an wurde in der christlichen Kirche diese Messiasverheißung aus Sacharja 9 auf Jesus gedeutet. Ja, da kam einer auf einem Esel geritten. Wir haben es im Evangelium gehört. Besonders reich war er nicht, der Sohn von Zimmermanns Jupp aus Nazareth. Er hat die Gerechtigkeit Gottes verkündigt und gelebt, hat von Gott erzählt wie von einem Vater, der seinen verlorenen Sohn ohne Wenn und Aber wieder aufnimmt, wie von einem Weinbergsbesitzer, der Tagelöhnern, die nur eine Stunde in seinem Weinberg gearbeitet haben, vollen Lohn zahlt, damit deren Kinder nicht hungrig ins Bett gehen mussten. Ja, da kam einer, der hat den Menschen geholfen. Hat Blinden die Augen geöffnet, Verstummten die Zunge gelöst, Tauben Gehör geschenkt und denen, die am Boden lagen, auf die Beine geholfen. Gewaltlos war er auch. Als Ihn bei Seiner Verhaftung einer Seiner Freunde mit dem Schwert verteidigen will, sagt Er: „Ey, Petrus, tu das Ding weg! Das ist nicht meine Art Konflikte zu lösen.“ Aber totale Abrüstung und Weltherrschaft stehen wohl noch aus.

 

Die Verheißung aus Sacharja 9 ist nur teilweise eingelöst. Es ist ein adventlicher Text, weil Er in der Spannung steht zwischen „Schon jetzt“ und „Noch nicht“. Schon jetzt ist Jesus der Herr der Welt, weil Er den ärgsten Feind der Menschen besiegt hat: den Tod. Aber Seine Herrschaft ist noch nicht sichtbar. Natürlich kann man fragen, ob die Messiasverheißung aus Sacharja 9 überhaupt geschichtlich-politisch zu verstehen ist oder ob Jesus als Erfüller dieser Verheißung nicht einfach nur der „König unserer Herzen“ ist. Für mich nimmt das dem Text seine Spitze und Jesus das Anliegen Seiner Sendung. Der Glaube an den Messias ist zutiefst politisch, liebe Gemeinde. Er bleibt eine Herausforderung und eine Anfrage an unsere Einstellungen, unser Handeln und unser Verhalten.

 

Wer „Tochter Zion“ singt, kann nicht mit den Wölfen heulen. Er kann Frauen und Mädchen - überhaupt andere Menschen - nicht als Objekte zur Erfüllung seiner sexuellen Gelüste missbrauchen. Wer „Tochter Zion“ singt, kann nicht seinen Judenhass pflegen, weil der Friedefürst, den wir da besingen, aus diesem Volk stammt und uns an es bindet. Wer „Tochter Zion“ singt, kann nicht guten Gewissens einer verbalen oder militärischen Aufrüstung das Wort reden. Er wird am unerlösten Zustand dieser Welt und an ihrem Widerspruch gegen die Werte des Evangeliums leiden. Aber - wer „Tochter Zion“ singt, wird nie die Hoffnung aufgeben, sondern wird sich in seinem eigenen Denken und Handeln leiten lassen von dem Wort und dem Geist dessen, der da kommt in dem Namen des Herrn. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 29.11.2020
für Sie zum Download!
Online-Gottesdienst 2020-11-29.pdf
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Predigt

für den Ewigkeitssonntag (22.11.20)

zu Mk 9,24

 

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Moritz in Oberdiebach.

 

 

 

Liebe Gemeinde! „Ich würde das ja gerne glauben mit der Auferstehung und so, aber…“

 

Kommt Ihnen dieser Gedanke bekannt vor? Oft sind die Zweifel größer. Dabei wäre es so schön, in der Überzeugung zu leben, dass die Toten nicht einfach weg sind. Dass von ihnen mehr bleibt als ein paar Säcke voll Kleidung und die Erinnerungen derer, die sie kannten. Dass wir sie wiedersehen - bei Gott. Was kann man gegen den Zweifel tun? Gibt es ein Antimittel gegen die Skepsis?

 

Ja, liebe Gemeinde, das gibt es tatsächlich. Beten. Kontakt aufnehmen mit dem, bei dem unsere Verstorbenen jetzt sind. Zum Beispiel mit den Worten der Jahreslosung, die da lautet:

 

 

„Ich glaube;

hilf meinem Unglauben!“

Mk 9,24

 

 

Zweifel und Skepsis gehören dazu beim Glauben. Aber Jesus bietet uns an, sich mit der Seite in uns, die glauben will, zu verbünden gegen die andere Seite, die sagt: „Vergiss es! Das kann doch alles gar nicht sein!“ Dazu braucht es aber den Kontakt mit Ihm. Man kommt dem Zweifel, dem Unglauben selten durch Argumente bei. Glaube ist kein kognitiver Akt, nichts, das man durch angestrengtes Denken produzieren könnte. Glaube ist eine Beziehungssache. Und Beziehungen wollen geknüpft und gepflegt werden.

 

„Glauben“ heißt für die meisten Menschen einfach nur, etwas für wahr halten. Aber das reicht nicht. Ich kann etwas für wahr halten, ohne dass das irgendeine Relevanz für mein Leben hat. Das Wort Pistis, das in unseren deutschen Bibelausgaben mit „Glauben“ übersetzt wird, heißt eigentlich „Vertrauen“. Darum geht es.

 

Gott lässt sich nicht von der Zuschauertribüne aus aus sicherer Entfernung beobachten. So nach dem Motto: „Ich schau mir erstmal an, was der da abliefert, und dann überlege ich mir, ob ich an Ihn glaube.“ Man muss sich schon selbst auf das Spielfeld des Lebens begeben, um Gott zu begegnen. Glaube ist etwas, auf das man sich einlassen muss.

 

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“, hieß es eben in der Lesung aus dem Hebräerbrief. Im Grunde ist es das, liebe Gemeinde: Einfach mal davon ausgehen, dass es Gott gibt und dass Er mehr drauf hat als das, was wir sehen, verstehen und beweisen können.

 

Den Gedanken wagen, dass unser Leben kein sinnfreier Dauerlauf zwischen Kreißsaal und Friedhofskapelle ist, sondern auf ein Ziel zuläuft, das unsere Vorstellungskraft und unseren Erfahrungshorizont und sprengt. Und in dieser Haltung den Kontakt suchen. Zu Gott. Beten. Dran bleiben. Auch dann, wenn es uns schwer fällt. Wenn wir enttäuscht sind oder verzweifelt, wenn wir Gott nicht verstehen oder Er uns fern scheint und der Zweifel an uns nagt. Dann können wir mit Ps 73 beten: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

 

Dennoch an Gott dranbleiben. Man kann Ihm zum Beispiel sagen: „Herr, sieh das, was bei mir an Glauben da ist. Sieh, meinen Wunsch glauben zu können. Sieh auch das, was dem entgegensteht, die Kräfte in mir, die in die andere Richtung ziehen, und hilf mir, sie zu überwinden. Hilf mir, mich auf Dich zu focussieren, damit ich das glauben kann: Dass Du stärker bist als der Tod, dass das stimmt mit der Auferstehung und dem ewigen Leben. Auch für die Menschen, die der Tod mir genommen hat. Herr, das möchte ich glauben - ohne dieses zerstörerische Aber.“

 

Probieren Sie es aus, liebe Gemeinde. Der Kontakt zu Gott stärkt den Glauben und schwächt das Aber. Selbst wenn die meist gesprochenen Worte dabei wären: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Amen.

 

 

Predigttext 22.11.20
Ewigkeitssonntag
Online-Gottesdienst 2020-11-22 Predigtma[...]
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Predigt am 15.11.2020 (Volkstrauertag) in Manubach

ü/ Römer 8, 18-25

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

der November mit seinen oft so trüben Tagen nimmt uns wieder gefangen. Dazu kommen die vielen Feiertage mit einem doch oft schwermütigem Hintergrund.

Allerheiligen und Allerseelen bei den Katholiken, Buß- und Bettag und Ewigkeits-Sonntag bei uns. Und heute der Volkstrauertag. Alles Tage, die uns sehr nachdenklich stimmen. In keinem anderen Monat des Jahres kommt uns unsere menschliche Vergänglichkeit so nahe wie im November. Wir denken nach über letzte Dinge. Auch über unser eigenes Leben und unseren Tod.

Jetzt im zu Ende gehenden Herbst sieht man, dass nicht nur der Mensch vergänglich ist, die Natur ist es auch.

Der Predigttext aus dem Römerbrief nimmt diese Gedanken auf. Ich lese aus dem 8. Kapitel die Verse 18-25:

Der Apostel Paulus schreibt: Ich bin überzeugt, die künftige Herrlichkeit, die Gott für uns bereithält, ist so groß, dass alles, was wir jetzt leiden müssen, in gar keinem Verhältnis dazu steht. Alle Geschöpfe warten sehnsüchtig darauf, dass Gott seine Kinder vor aller Welt mit dieser Herrlichkeit ausstattet. Er hat ja die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit preisgegeben, nicht weil sie selbst schuldig geworden war, sondern weil er sie in das Strafgericht über den Menschen miteinbezogen hat.

Er hat aber seinen Geschöpfen die Hoffnung gegeben, dass sie eines Tages vom Fluch der Vergänglichkeit erlöst werden. Sie sollen dann nicht mehr Sklaven des Todes sein, sondern am befreiten Leben der Kinder Gottes teilhaben.

Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt noch vor Schmerzen stöhnt wie eine Frau bei der Geburt. Aber auch wir, denen Gott doch schon als Anfang des neuen Lebens –gleichsam als Anzahlung- seinen Geist geschenkt hat, warten sehnsüchtig darauf, dass Gott uns als seine Kinder bei sich aufnimmt und uns vom Fluch der Vergänglichkeit befreit.

In der Hoffnung ist unsere Hoffnung schon vollendet –aber nur in der Hoffnung.

Wenn wir schon hätten, worauf wir warten, brauchten wir nicht mehr zu hoffen. Wer hofft denn schon auf etwas, das schon da ist? Also hoffen wir auf das, was wir noch nicht sehen, und warten geduldig darauf. -.-.-.-.

Liebe Gemeinde,

dieser Text ist überschrieben mit den Worten: Die große Hoffnung! Und damit hat man den Kern der Botschaft voll und ganz erfasst. Ja, es ist die Hoffnung der Menschen, die Jesus Christus von Herzen nachfolgen und seinen Worten Vertrauen schenken.

Ja, die Not auf unserer Erde wird immer größer, da muss man nicht schwarz malen. Allein die schon seit Monaten anhaltende Corona-Pandemie. Dazu an vielen Stellen der Erde Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen, Klimawandel, Flüchtlingselend, nicht zu vergessen die vielen terroristischen Anschläge, auch in Europa und selbst in unserem Land. Man sollte meinen, nach dem 1 und erst recht nach dem 2. Weltkrieg wären die Menschen schlauer geworden. Aber weit gefehlt .Mord und Totschlag gehen unvermindert weiter. Nichts haben wir dazu gelernt. Viele Menschen, besonders auch in unserem Land, sind heute wesentlich gebildeter als noch vor 50/60 Jahren. Aber wird das Leben heute deswegen besser gemeistert als früher? Hat unser Wohlstand doch keine größere Zufriedenheit gebracht?

Wenn dieser Zustand, liebe Gemeinde, unsere kaputte Welt, die ich gerade beschrieben habe, endgültig wäre, wenn das alles wäre, dann hätte ich keinen Grund von Hoffnung zu sprechen. Dann würde ich nicht hier stehen. Wenn Leid, Krankheit, Schmerzen und Tod, Krieg und Terror, ja, wenn die Vergänglichkeit das letzte Wort hätten, dann bräuchten wir uns heute hier nicht zu treffen. Dann hätte der Glaube keine Bedeutung.

Gewiss, wir Menschen sind selbst unvollständig, wir sind gefallene Kinder der Schöpfung, die Gott einmal so herrlich hervorgebracht hat. Ja, oft leiden wir selbst an unserer Unvollkommenheit. Unser Leben ist vollgestopft mit Verpflichtungen und Vorgaben, und wenn wir noch so alt werden, finden wir unsere Lebenszeit oft als zu kurz. Von dem, was wir alles leisten oder verwirklichen wollten, bleibt vieles unerledigt oder nur Stückwerk.

So ergeht es auch der Natur. Auch sie ist unerlöst und vergänglich. Dieses Schauspiel können wir jedes Jahr erleben. Jetzt im Spätherbst wird alles kahler und die Natur immer öder; man denkt, die Natur stirbt. Aber im Frühjahr kommt neues Leben in Form von Blüten und Blättern. Der Kreislauf beginnt von vorne, Jahr um Jahr. Aber auch in der Natur ist vieles ins Wanken gekommen. Oft auch deswegen, weil wir Menschen mehr als notwendig eingegriffen haben. Aber auch hier, wie bei uns Menschen, soll nicht alles so bleiben wie es ist.

Angesichts dieser Unzulänglichkeiten resignieren viele Menschen und sagen: „Damit muss man sich halt abfinden, da kann man sowieso nichts machen.“ Heute will man leben. Die Menschen wollen auf ihre Kosten kommen, das Leben muss ausgekostet werden bis zum letzten Atemzug, denken viele. Abwechslung ist angesagt. Die Wertvorstellungen für unser Leben sind total durcheinander geraten.

Und die Frage nach Gott? Was willst Du Gott, das ich tue? Welchen Weg, Herr, möchtest du mich führen? Wo werden diese Fragen noch gestellt? Und die Verkündigung des Evangeliums, der froh en Botschaft, wo wird sie gehört, erlebt und erfahren? Der christliche Glaube gehört in unserer westlichen Welt zunehmend der Vergangenheit an. Beliebige exotische Glaubenslehren und Zaubereien faszinieren heute mehr.

Der Physiker und Atomforscher Werner Heisenbeck sagte schon vor ca. 65 Jahren: „Die Welt von heute gleicht einem wunderbaren Ozeandampfer. Die kompliziertesten Maschinen funktionieren gut, die Passagiere tanzen zur Bordmusik. In den Küchen wird ausgezeichnet gebraten und gekocht, alle sind vergnügt. Das Ganze ist großartig. Nur der Anker fehlt und der Kompass geht nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Schiff an einem Eisberg zerschellen wird.

Liebe Gemeinde, umso erstaunlicher ist es, dass Gott sich nicht von uns Menschen abwendet. Er hat uns in seinem Wort versprochen, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird. Und Gott hält sein Wort. Auch dann, wenn wir Menschen ihn immer wieder enttäuschen.

Wir wissen doch, dass dieses unser Leben nur vorläufig ist, und das alles, auch das Schwere im Leben, das, was wir nicht verstehen, nicht das Letzte ist. Auch die Corona-Krise ist nicht das Ende. Es fällt uns nur so schwer, es auch von Herzen zu glauben. Gott der Herr ist und bleibt der Schöpfer der Welt und auch unseres kleinen menschlichen Lebens. Denken Sie, ihm wäre unsere Unvollkommenheit und unsere Sehnsucht nach erlöst sein von allem Schweren und Leidvollen, unbekannt?

Gott hat uns doch nicht mit unserem Schicksal, und wenn es noch so schwer ist, allein gelassen. Er hat uns doch Jesus Christus geschickt. Wir dürfen nicht meinen, Jesus, das ist schon lange her. Sein Kommen in unsere Welt hat auch heute noch Auswirkungen auf unser Leben. Wir müssen es nur wollen und zulassen. Durch Jesus werden wir mit Hoffnung und Zuversicht ausgestattet. Er, Jesus Christus ist unser Retter und Erlöser. Das, liebe Gemeinde, gilt heute noch genau so, wie vor rund 2000 Jahren. Auch, wenn die meisten Menschen hierzulande darüber lächeln. Denn Gottes Wort unterliegt keinem Verfallsdatum.

Wir müssen uns nicht mit allem abgeben, was in unserem Leben und unserer Welt passiert. Aber, das, was wir nicht zu ändern vermögen, daran müssen wir nicht verzweifeln. Und alles verstehen müssen und können wir auch nicht. Und das brauchen wir auch nicht.

Wir dürfen aber in unserer Unvollkommenheit und Vorläufigkeit trotzdem froh und dankbar unseren Weg gehen. Denn wir wissen, wer mit uns geht und wo wir hingehen. Lassen sie andere Menschen an unserer Hoffnung teilhaben. Und wenn wir gefragt werden, wie es denn einmal ist, nach unserem Tode, sollten wir mit unserer Hoffnung nicht hinter dem Berg halten. Wie das genau sein wird weiß ich nicht, das ist auch nicht so wichtig.

Ich weiß und glaube dass sich unsere Hoffnung erfüllt und weiß wer mich erwartet. Und das ist die Hauptsache! Darauf kommt es an. Mehr braucht es nicht für ein hoffnungsvolles Leben.

Ein kleines Beispiel: Sicherlich sind einige Menschen von Ihnen schon einmal in einem fremden Land gewesen. Dort, wo sie Niemanden kennen. Dann kommt ein banges Gefühl auf, denn die Sprache kennen sie auch nicht. Wie sollen sie einkaufen, wo wohnen, alles ist so ganz anders, als bisher gewöhnt. Da kommt Angst auf.

Aber sie haben dort einen Freund, den sie sehr gut kennen. Und der wird sie am Flughafen abholen und ihnen alles erklären. Durch diesen einen, mir vertrauten Menschen, ist mir das fremde Land nicht mehr fremd. Die Angst fällt von uns ab.

Auch die zukünftige Welt Gottes ist uns fremd und lässt eventuell Zweifel aufkommen. Was erwartet mich? Wie wird das alles sein?

Aber wenn wir dort einen Freund haben, einen dem wir hier in unserem Leben schon Vertrauen geschenkt haben, unseren Herrn Jesus Christus, den wir kennen und der uns kennt, dann wird uns diese neue Welt nicht fremd sein.

Diese neue Welt Gottes, das ist unsere große Hoffnung, unsere wirklich neue und ewige Heimat, in der wir einst in der Geborgenheit und im Frieden Jesu Christi leben dürfen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 15.11.2020
für Sie
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Predigt/ 1. Thessalonischer 5, 1-11

Steeg, 8.11.2020

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

die Predigttexte für die letzten Sonntage im Kirchenjahr sind keine leichte Kost. Hier geht es um das Ende der Welt, das Kommen Jesu zum jüngsten Gericht und letztendlich um unsere Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi. Alles Themen, denen wir, wenn wir ehrlich sind, gerne aus dem Weg gehen. Nicht nur wir, auch unsere offizielle Kirche. Denn es wird lieber Gottes Güte und Gnade, seine Liebe und Barmherzigkeit verkündigt, als über letzte Dinge gesprochen.

Diesen Themenbereich besetzen überwiegend die Zeugen Jehovas. Sie berechnen oft alles genau auf Zeit und Stunde, was wir Menschen weder sollen noch können. Aber sie lassen sich von den Endzeitthemen unter keinen Umständen abbringen.

So wie unser Leben endlich ist, ist auch unsere Erde endlich. Es heißt doch in der Bibel: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine -als Jesu Worte- nicht. Wir Menschen denken gerne, es geht immer so weiter. Am liebsten immer besser, immer schneller, immer weiter, immer höher.

Aber bereits seit März dieses Jahres werden wir gelehrt, wir haben bei aller Raffinesse und bei aller Klugheit unser Leben letztendlich nicht selbst in der Hand. Seit Corona haben doch viele Menschen wieder einen ernsteren Blick für viele Dinge, besonders auch das eigene Leben. Derzeit ist vieles ganz anders, als wir es bisher gewohnt waren. Und wenn man den Virologen Glauben schenkt, müssen wir uns wohl oder übel noch über einen längeren Zeitraum darauf einstellen.

Und in diese Ernsthaftigkeit komme ich heute mit dem eben gehörten Predigttext aus dem Thessalonicher Brief. Dieser Textabschnitt ist überschrieben mit den Worten: Jederzeit bereit sein!

Es geht also in unserem Predigttext um die Wiederkunft Jesu. Es heißt: Über den Zeitpunkt, wann das geschehen wird, brauchen wir euch nichts zu schreiben. Denn ihr wisst, dass der Tag des Herrn kommen wird, wie ein Dieb in der Nacht.

Alles berechnen und kalkulieren, auch das der Zeugen Jehovas, ist zum Scheitern verurteilt. Wir sollen aber auch nicht denken, das alles ist noch in weiter Ferne. Es heißt, wir sollen bereit sein. Das bedeutet, wer in seinem Leben mit Jesus Christus unterwegs ist, wer seine Liebe lebt und dankbar weitergibt, der ist bereit. Wenn er unser guter Hirte ist, nicht nur die eine Stunde im Gottesdienst am Sonntagmorgen, sondern auch im Alltag unseres Lebens, dann können wir diesem letzten Tag getrost entgegengehen.

Die Bibel beschreibt uns, wie es sein wird in den letzten Tagen, also in der letzten Zeit. Kriege hin und her, Naturkatastrophen, dass die Liebe in vielen Menschen erkalten wird, dass der Unglaube überhand nehmen wird. Das sind in der Tat Merkmale, die wir heute schon sehr ausgeprägt sehen. Unter Berücksichtigung all dieser Punkte könnte man zu der Überzeugung kommen, das Ende ist bald da.

Auf der anderen Seite sind wir durch die Medien heute auch genauestens über alles informiert, was weltweit vor sich geht und was alles passiert. Vor 100 Jahren wussten die Menschen oft nicht, was nur ein paar Dörfer von ihnen entfernt passiert ist. Deswegen weiß ich nicht, ob heute alles schlechter ist, wie es früher war.

Liebe Gemeinde, verstehen sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte sie nicht beeinflussen, so nach dem Motto: Alles halb so schlimm. Es gilt nach wie vor die Überschrift unseres Predigttextes: Jederzeit bereit sind!

Was mich persönlich sehr entmutigt, ja sehr traurig macht, ist die Tatsache, dass die große Mehrheit auch der getauften Menschen in der westlichen Welt, also auch gerade hier bei uns, mit dem Ende der Welt oder der Wiederkunft Jesu herzlich wenig anfangen können. Solche Aussagen werden nicht für voll genommen, man lacht darüber oder es ist einem völlig gleichgültig. Das kann einem aber dann auch zum Verhängnis werden.

Wir planen schon einige Urlaube voraus- jetzt bei Corona aber fast unmöglich-.Wir legen schon fest, wie einmal unser Grabstein aussehen soll. Dabei ist der Grabstein kein Schlussstein. Alles Mögliche und unmögliche wird geplant. Wir richten uns ein, als ob wir ewig leben würden. Aber Alter, Krankheiten und die Konsequenzen daraus, ein mögliches Testament, Patientenverfügung werden verdrängt, in der Hoffnung, es geht alles noch recht lange so weiter wie bisher.

Wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte, was in 2020 mit Corona auf uns zukommt, hätten wir ihn für verrückt erklärt. Weil diese Situation, wie wir sie derzeit haben, hat noch niemand unter uns so oder auch nur so ähnlich erlebt.

Gott will uns doch mit den sogenannten Endzeitthemen keine Angst einjagen, er will doch letztendlich unser aller Heil. Er, Jesus, der gute Hirte, wird uns am letzten aller Tage zur Seite stehen, wie er das unser ganzes Leben lang tut.

Er ist unser rettender Anker, ihn zu ergreifen, ist das Gebot der Stunde. Es schadet nicht, wenn wir uns ab und zu mit Themen befassen, wo es ums Ganze geht. Wo es auch darum geht, wie wir die Wiederkunft Jesu erwarten. Mit Angst und Sorgen oder mit Hoffnung und Freude. Aber gerade das ist ja der Haken. Um durch Jesus gerettet zu werden muss ich wissen, dass ich ohne ihn verloren bin. Wenn ich davon ausgehe, ich komme alleine klar, dann stehe ich auch einmal alleine vor Gott –ohne Jesus, der für mich in die Bresche springt.

Warum fällt es uns Menschen oft so schwer, Jesu Rettungstat anzunehmen. Er hat doch unsere Schuld am Kreuz bezahlt. Schämen wir uns, seine Hilfe zu beanspruchen? Mir haben schon Menschen gesagt, ich habe in meinem Leben keine großen Fehler gemacht, ich habe Niemanden umgebracht, niemanden bewusst betrogen, immer gearbeitet. Ich kann getrost vor Gott treten. Bei mir ist alles in Ordnung.

Im Johannes Evangelium heißt es aber von Jesus: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Auch wenn wir vermeintlich noch so gut und gerecht leben, bleiben wir doch immer fehlerhafte Menschen. Ohne Jesus sind wir verloren. Wir können uns nicht an ihm vorbei mogeln. Diese Erkenntnis fällt den heutigen modernen Menschen sehr schwer. Man will nicht als sündiger Mensch dastehen, der Hilfe benötigt. Diese Haltung ist falscher Stolz. Für wen und was ist denn Jesus am Kreuz gestorben? Doch für dich und mich, deine und meine Schuld. Doch nur darum, um uns Menschen für Zeit und Ewigkeit zu retten. Wenn wir mit dankbarem Herzen Jesu Angebot annehmen, dann sind wir für seine Wiederkunft bereit.

Es geht nicht um das genaue Wissen der Zeit, wann genau das Ende kommt, sondern die stete Bereitschaft wird von uns gefordert. Wenn wir in dieser Bereitschaft leben, nehmen wir vieles in unserem Leben geduldiger hin. Weil wir wissen, dieses Leben ist nicht alles, was Gott für uns bestimmt hat. Ich muss nicht unbedingt alles bis zum Letzten auskosten.

Mit den sogenannten letzten Dingen soll uns doch keine Angst gemacht werden. Wir sollen doch nicht unter den Zeichen der Zeit, der Vergänglichkeit der Welt und unseres eigenen Lebens leiden oder gar verzweifeln. Es heißt doch bei Lukas, wenn ihr alle die Zeichen seht, die dem Ende der Welt vorausgehen, dann erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Unsere Erlösung, liebe Gemeinde, nicht unsere Vernichtung.

Die Christen werden als Kinder des Lichts bezeichnet. Wir sollen nicht schlafen, sondern wachen. Will heißen: Achtet die Zeichen der Zeit, nehmt Jesus Christus als euren Retter an und lebt so, dass ihr bereit seid, ihn, egal wann er kommt, zu empfangen. In den letzten Versen unseres Predigttextes heißt es: Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir seinem Strafgericht verfallen, sondern dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, gerettet werden.

Christus ist für uns gestorben, damit wir zusammen mit ihm das Leben erlangen. Das gilt in jedem Fall, ob wir noch leben, wenn er kommt, oder ob wir schon vorher gestorben sind. Das sind Mut machende Worte, liebe Gemeinde.

Mit der Weltvollendung und der Wiederkunft Jesu geht die Sehnsucht der Menschheit endlich in Erfüllung. Gott selbst wird diesen Termin festsetzen. Dann wird das Wort aus dem Philipperbrief in Erfüllung gehen: Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, das Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters. Das ist die Zukunft, der wir entgegengehen dürfen. Das ist die Hoffnung, von der wir heute schon leben dürfen. Und das ist die Gewissheit, einmal Bürger in der Neuen Welt Gottes sein zu dürfen.

Mit diesen hoffnungsvollen Worten können wir dem kommenden Herrn getrost entgegengehen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigttext 8. November 2020
zum Download
Predigt für den 8.11.2020.pdf
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Predigt

für das Reformationsfest (Sa. 31.10. / So. 01.11.20)

zu Mt 10,26-33

 

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche St. Peter in Bacharach. Folgender Text aus Mt 10,26-33 liegt der Predigt zugrunde:

 

 

Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

 

 

Liebe Gemeinde! Bismarck soll mal gesagt haben: „Wir Deutschen fürchten Gott - und sonst nichts auf der Welt.“ Ob das zu Bismarcks Zeiten (etwa vor 150 Jahren) gestimmt hat, kann ich nicht beurteilen. Heute hab’ ich allerdings eher den Eindruck, wir Deutschen fürchten inzwischen so ziemlich alles auf der Welt - außer Gott. Der große Angstmacher des Jahres 2020 hat uns in diesen Tagen wieder fest im Griff. Die einen fürchten das Virus selbst, die anderen seine gesellschaftlichen Auswirkungen. Im heutigen Predigttext geht es auch um Furcht. Allerdings ist der Schwerpunkt ein anderer. Es geht dort um eine Angst, die es schon vor Corona gab, die auch neben Corona her viele quält, und die es auch nach Corona noch geben wird: Die Angst vor anderen Menschen.

 

„Menschenfurcht und Gottesfurcht“ – so ist der Bibelabschnitt überschrieben, den wir im Evangelium gehört haben. Für viele ist die Angst vor den bösen Blicken, den spitzen Zungen und den bissigen Kommentaren anderer ein alltäglicher Begleiter. Sie trauen sich nicht, zu sagen, was sie denken, aus Angst anzuecken oder aufzufallen; haben Angst, sie selbst zu sein, weil man sich dann nicht mehr hinter anderen verstecken kann. Es gab und gibt aber immer wieder auch Menschen, die diese Furcht über Bord werfen. Einer davon ist Martin Luther. Wenn es in der Geschichte unserer Kirche nicht Menschen gegeben hätte, die wie er bereit waren mit Leib und Leben einzustehen für das, was sie glauben, dann gäbe es keine Kirche mehr. Luther ist aber nicht der einzige. Um das Jahr 100 herum gab es unter dem Kaiser Trajan eine der schlimmsten Christenverfolgungen im römischen Reich. Aus dieser Zeit ist ein Brief des Statthalters Plinius von Bithynien erhalten. Darin berichtet er dem Kaiser, wie er in seinem Zuständigkeitsbereich gegen die Christen vorging: Von anonymen Informanten erfuhr er, welche Leute Christen waren. Er ließ sie vorladen und bot ihnen an, sich von ihrem Glauben loszusagen. Sie sollten die römischen Götter anbeten, vor dem Standbild des Kaisers ein Opfer bringen und den Namen Jesu Christi verfluchen. Ratlos stellt Plinius in seinem Brief an den Chef fest: „Keiner von denen, die wirklich Christen sind, lässt sich zu diesen Handlungen zwingen, selbst dann nicht, wenn ihnen dafür der Tod droht.“ Was hat den Menschen damals diesen Mut, diese Freiheit gegeben? Bei Luther war das ähnlich: Er hatte ziemlich viel Kritisches über den Papst und die Kirche seiner Zeit geschrieben. Er wurde vorgeladen und sollte auf dem Reichstag zu Worms 1521 seine Schriften widerrufen. Stattdessen hat er da vor der versammelten Mannschaft aus Kaiser, Bischöfen und Fürsten gesagt: „Nein, das mache ich nicht!“ „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Wir zeigen uns in weniger dramatischen Situationen schon wesentlich flexibler: „Hier stehe ich ... zufällig ... gerade. Aber - ich kann auch anders!“ Vielleicht hatten Leute wie Luther oder die Märtyrer der frühen Kirche jene Worte Jesu aus unserem Predigttext im Ohr: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ Es geht um die Frage: „Wer oder was hat eigentlich das Recht, uns Angst zu machen?“ Und die Antwort, die Jesus da gibt, lässt sich denkbar kurz zusammenfassen: „Nichts und niemand!“ Denn: Nur Gott kann über den Menschen in seiner Ganzheit aus Leib und Seele verfügen. Das, was einen Menschen in seinem Kern ausmacht – seine Person, seine Würde als Ebenbild des lebendigen Gottes, kann keine Guillotine, kein Erschießungskommando und keine Gaskammer töten. Gott  hat den Menschen ins Dasein gerufen, und nur Er entscheidet, wann es mit einem Menschen zu Ende ist und was aus ihm wird, wenn seine irdische Daseinszeit vorbei ist. „Das gilt schon für die Spatzen“, sagt Jesus. Die kriegte man damals auf jedem Basar für ‘nen Appel und ‘n Ei hinterher geworfen. „Glaubt nicht, dass einer von denen tot zu Boden fällt, ohne dass Gott das mitkriegt. Um wie viel mehr wird Er wissen, wie es um euch steht! Es fällt euch kein Haar vom Kopf, ohne dass Gott das wüsste. Es geschieht nichts, was nicht sozusagen über Seinen Schreibtisch gegangen wäre.“

 

Das glaube ich auch jetzt, liebe Gemeinde, und denke dabei noch mal an die aktuelle Situation. Die Kraft dieser Worte liegt darin, dass Jesus kein romantisches Bild vom lieben Gott und einer heilen Welt malt, sondern ein ganz realistisches. Spatzen fallen tot zu Boden. Jünger Jesu werden verfolgt und getötet. Seuchen breiten sich aus und legen unsere hoch technisierte Welt lahm. Und Jesus behauptet nicht, dass das eine Lappalie sei. Was er aber behauptet, ist, dass Gott Gott ist. Und dass Er Glück und Unglück, Heil und Unheil in Seiner Hand hat. Jesus kann das sagen, weil Er es selbst erlebt hat – am eigenen Leib. Und durch Ihn, durch Seinen Weg durch Kreuz, Tod und Auferstehung bekommen diese Worte für uns ihren tröstenden Gehalt: Gott ist der Vater, der weiß, was mit Seinen Kindern los ist, der ihr Leben in Seiner Hand hält, und noch hinter dem Tod mit der Fülle des Lebens auf uns wartet. „Darum fürchtet euch nicht!“ sagt Jesus. „Euer Leben ist in guten Händen.“ Leuten wie Martin Luther und den Märtyrern der frühen Christenheit hat das die Freiheit gegeben, geradeheraus zu sagen, wer der Herr der Welt ist, auch wenn die jeweils aktuellen Herren das gar nicht gerne hörten. Gott braucht Menschen, die sagen, was zu sagen ist. Nicht bloß hinter vorgehaltener Hand, nicht nur im geschützten Rahmen, sondern offen heraus und laut in aller Öffentlichkeit. Wir brauchen, wenn wir das tun, nicht um unser Leben zu fürchten. Aber zu sagen gibt es trotzdem etwas. Denn dass Gott Gott ist, das bleibt auch und gerade in unserer Zeit eine Wahrheit, die ausgesprochen werden muss um all derer willen, die von irgendwelchen selbsternannten Mächten gebeugt und gepeinigt werden. Das kann Corona sein. Das kann eine Lehrerin sein oder ein Mitschüler. Das können die sein, die die aktuelle Situation ausnutzen, um mit hahnebüchenem Schwachsinn Angst zu schüren.

 

Das Bekenntnis zu Jesus macht ein Fragezeichen hinter jede Autorität und fragt, ob sie es wert sei, Angst vor ihr zu haben. Im Zweifelsfall lautet die Antwort: Nein, sie ist es nicht. Nichts und niemand hat das Recht, uns Angst zu machen. Furcht verdient letztlich nur einer: Gott. Allerdings nicht Furcht im Sinne von Angst und Panik, sondern im Sinne von Ehr-furcht, von einem Respekt, der sich bewusst ist, dass wir es mit dem Herrn über Leben und Tod zu tun haben. Furcht in diesem Sinne heißt darum immer zugleich auch Vertrauen. Sich völlig auszurichten auf den, der Seinen Kindern Vater sein will. Und der an Jesus gezeigt hat, was das heißt: Nämlich dass Er Zukunft gibt über den Tod hinaus.

 

Dass in unserem Land wieder etwas mehr Gottesfurcht in diesem Sinne sich ausbreiten und den vielen vielen Ängsten, die Menschen quälen, eine Grenze setzen möge, das wünsche ich uns. Amen.

 

 

 

Predigttext 01.11.2020
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Erntedank 25.10.2020

und

25-jähriges Ordinationsjubiläum Gerdi Eberhard

                                                                                                                             

Liebe Festgemeinde,

 

Erntedank! Wofür haben wir in diesem schwierigen Jahr zu danken? Besonders wohl dafür, dass wir und die Menschen, die uns lieb sind, vor dem Corona-Virus verschont blieben! Damit unsere Grund-Versorgung während der Ausgangsbeschränkung gesichert war, haben viele für uns den Kopf hingehalten: Beschäftigte in Großmärkten, Ärzte und medizinisches Personal, Polizei, Feuerwehr, Busse, Bahnen und viele andere mehr arbeiteten ununterbrochen. Das fordert Menschen gegenüber schon Dankbarkeit; die kann man zum Teil mit dem Geldbeutel beweisen. Doch über alle dem sollen wir Gott danken, aber womit? Da wird es schwierig mit dem Dank!

 

In einem Gedicht von Friedrich Hebbel (1837) mit dem Titel „Adams Opfer“, heißt es:

 

                        Die schönsten Früchte, frisch gepflückt,

                        trägt er zum grünen Festaltar,

                        und bringt, mit Blumen reich geschmückt,

                        ie fromm als Morgenopfer dar.

 

                        Erst blickt er froh, dann wird er still:

                        O Herr, wie arm erschein' ich mir!

                        Wenn ich den Dank dir bringen will,

                        so borge ich selbst den von dir!

 

Bei Adam war es nur das Dank-Opfer für den laufenden Tag.

.............................................................................................................................................

 

Wir haben aus dem Markus-Evangelium von der Speisung der 4000 mitten in der Wüste gehört. Wie viele sich wohl für dieses Wunder, die himmlische Mahlzeit mit Brot und Fisch bedankten? Haben sie sich an Gottes Bewahrung erinnert, als ihre Vorfahren aus Ägypten auszogen und Wachteln in der Wüste für sie „vom Himmel“ fielen und Manna von den Tamarisken-Büschen. Und sie wurden jetzt mit Brot und Fisch gespeist! Markus schreibt nichts von einem Loblied ...

 

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten,

rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn

sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und

wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmach-

ten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm:

Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen? Und er fragte sie:

Wieviel Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich

auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie

und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter

das Volk aus. Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch

diese austeilen. Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen

Brocken auf, sieben Körbe voll.                             Markus 8, 1-9            

 

***

 

Wir leben im Vergleich zu den Menschen um Jesus herum wie im Schlaraffenland. Vieles nehmen wir als selbstverständlich hin. Die Versorgung auf fast allen Gebieten des Lebens, im Vater unser das Tägliche Brot“ genannt, ist in unserem Land ziemlich gesichert (Luthers Erklärung zum Täglichen Brot bezieht sogar „gutes Regiment“ mit ein).  

 

Wir haben 2020 aber auch reichlich Grund zur Klage: Wir sorgen uns um die Einheit in Europa, den Frieden in der Welt, die Flüchtlings-Tragödien, die Corona-Pandemie, die drastischen Klima-Veränderungen, die sich hier in der gros-sen Trockenheit bemerkbar machen, anderswo in sintflutartigem Regen, der alles mitreißt. Aber wir haben für manch anderes zu danken als Adam!

 

2020 wird sicher als das „Corona-Jahr“ in die Geschichte eingehen. Unser Bundespräsident sagte: Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod! Aber bei uns mussten keine Transporte zur Einäscherung von Corona-Toten durch die Bundeswehr übernommen werden. Keine Insel wurde zum Seuchen-Friedhof gemacht. Wir durften uns von unseren Toten unter Gottes Wort verabschieden, wenn auch im kleinen Kreis. Keiner von uns musste seiner alten Ehepartnerin vom Hof eines Pflegeheims aus mit Trompete o.ä. ein Lied spielen, weil der tägliche Besuch am Bett verboten war. Die Liste dessen, wovor wir verschont blieben, ist noch viel länger. Die Brand-Katastrophe im Flüchtlingslager Moria kann uns auch an unseren guten Lebensstandard erinnern, für den es zu danken gilt. Es muss noch lange gekämpft werden mit den Folgen der Pandemie: Auftragsrückgänge, Geschäftsschließungen, Verlust von Arbeitsplätzen und vielem, vielem mehr.

 

Doch auch Neues ist in der Corona-Zeit entstanden: Um einen Notbetrieb in Produktion und Handel in Gang zu halten, war Heim-Arbeit durch die Vernetzung am PC für viele Beru-fe möglich; Schulunterricht wurde digital erteilt. Durch das Internet können unsere Gottesdienste zu Hause mitgefeiert werden. Es haben mehr Menschen die homepage unserer Kirchengemeinde angeklickt, als normalerweise zum Gottesdienst kommen!

 

Bei der Gelegenheit möchte ich am Erntedank Herrn Pfarrer Harder, den kirchlichen Mitarbeitern, dem Presbyterium und all denen danken, die alles tun, um wieder zu einem geregelten Gemeindeleben für alle Altersgruppen zu kommen. Lieber Timm, gib meinen Dank bitte weiter.         

***

Danken, liebe Gemeinde, unterscheidet sich nur um einen Buchstaben vom Denken! Beide sind nur menschliche Eigenschaften. Ausgeglichene Ernährung und Bewegung ist wichtig für unseren Körper; denken und Gott danken ist notwendig für unsere Seele!

 

Die Lebens-Grundlagen stellt Gott uns auf der Erde zur Verfügung, gratis: Deshalb sollen wir der Erde Hüter sein und keine Ausbeuter. Dazu gehört, dass wir unsere Ansprüche auch mal bisschen runterschrauben nach dem Motto: Es muss nicht immer Kaviar sein! Landwirtschaftliche Produkte, mit Rücksicht auf Tier und Natur erzeugt, müssen ihren Preis haben, auch Waren aus armen Ländern. Letzteres zu akzeptieren ist Erntedank gegenüber Menschen. Aber wie danken wir Gott?

 

Unser Gott will keine Opfergaben: ER will unser Herz gewinnen! Im achtsamen Umgang mit allen Gottesgaben steckt schon der Dank an ihren Geber drin!

              

***

Ich selbst habe heute von ganzem Herzen dafür zu danken, dass ich schon 25 Jahre als Prädikantin über Berg und Tal unterwegs sein darf. Es macht mir immer Freude, mich in Gottes Wort reinzuknien, der Gemeinde die Bibeltexte nahe zu bringen und den Bezug zum Heute herzustellen. Das ist nicht immer leicht. Aber Prädikanten sind bevorzugt: Pfarrer müssen neben ihrem Amt die unsäglich vielen Verwaltungsaufgaben und Baumaßnahmen stemmen: Danke! Prädikanten haben dagegen das „Sahne-Häubchen“ - die Verkündigung.  

 

Es begann mit einem Anruf: Wenn Sie am Sonntag nicht nach Breitscheid gehen, dann muss der Gottesdienst dort ausfallen. Das konnte ich nicht verantworten. Ich ging.

 

Drei Goldene Worte, nämlich „Mit Gottes Hilfe“ und die Vorbereitungshefte zum Kindergottesdienst waren mein erstes Rüstzeug (danke allen KiGoMitstreitern)!

Es war kein Sprung ins eiskalte Wasser! Ich war von langer Hand darauf vorbereitet: Durch die Anna-Spatzen, den Singkreis! Im Singkreis habe ich Jahre früher schon gelernt, vor der Gemeinde den Mund aufzumachen! Wie oft haben mir die Anna-Spatzen seitdem in Gottesdiensten den Rücken gestärkt! Dass uns zur Zeit das Singen untersagt ist, fällt mir schwer, aber Anna-Spatzen horchen in sich hinein und da klingt es ja immer! Danke, liebe Sangesschwestern!

 

Dass unsere jeweiligen Pfarrer mir Predigt-Vertretung zutrauten, der freundliche Willkommensgruß der Küster in jeder Kirche, die Begleitung durch unsere Organisten, Lektoren und die feiernde Gemeinde, alles verdient meinen Dank.  

 

Aber etwas war und ist unbedingt notwendig – der Segen! Im Neukirchener Kalender stand kürzlich: Ein alter Mann ist vollkommen taub, geht aber jeden Sonntag zum Gottesdienst. Als ihn jemand fragt, warum er das tut, obwohl er kein Wort versteht, antwortet er gestikulierend: „Der Segen!“ Der Segen wurde mir bei der Ordination spürbar zugesprochen  und in jedem Gottesdienst wieder – zum Weitergeben. Das ist himmlischer Treibstoff, Wasser oder Wind auf die Mühle.

 

Segen hilft durchzuhalten, wenn ein Bibeltext Sieben Siegel hat, nur schwer zu öffnen, aber auch bei ganz banalen Dingen wie Heizungsausfall, als die Temperatur hier drinnen grade noch 3 Grad plus betrug: Der Gottesdienst sollte nicht ausfallen: Wir sangen je Lied nur eine Strophe, es wurde schneller gepredigt. Und niemand ging weg. Ein Segen. Aber der kürzeste Gottesdienst bisher bestand aus nur 12 Namen! Beim Augenarzt saß voriges Jahr eine Mutter mit Kind neben mir, ein Formular in der Hand. Sie schien nervös. Plötzlich fragte sie: Kennen Sie einen Sohn von Jakob? Ja: Ruben. Und die anderen: Levi, Simeon, Juda, Dan, Sebulon, Issachar, Gad, Naftali, Asser, die Söhne der Lea, Josef und Benjamin die Söhne von Rahel. Die Mutter konnte ihr Formular (Kommunion-Vorbereitung) ausfüllen und ihr Kind freute sich. Die Frage war abgehakt. Hoffentlich zum Segen!

 

Aber eine sehr ernste Frage aus den Prädikanten-Kursen begleitet mich seit 25 Jahren: Wann wusste Jesus, dass er Gottes Sohn ist? Damit kommen wir zurück zum Speisungs-wunder aus dem Markus-Evangelium. Markus beantwortet nicht das „Wann“, aber wie sich Jesu Wissen um seine Gottessohnschaft zeigte:

 

Jesus zieht Brot und Fisch nicht wie ein Magier aus dem „Ärmel“! Umringt von hungrigen 4000 dankt unser Herr dem Geber aller Gaben, er hält IHM das Wenige hin! Und Gott hat dem Sohn auf Vater-Weise geantwortet, ihn den Menschen gegenüber damals bestätigt und uns heute wie-der. Jesus hat ja nicht nur den 4000 das Leben über den Tag hinaus gerettet! Er gab sich selber, um der Menschheit das Ewige Leben zu erringen!

 

Wie danken wir?

Unser Gott will keine Opfergaben: ER will unser Herz gewinnen zum Mittun! ER beschenkt uns ja mit viel mehr als irdischen Gaben! Daran sollten wir uns nicht nur am Erntedank erinnern: Sein Christus hat die seit Adam gerissene Verbindung zum Vater wieder hergestellt. Und wäre Adam unser Dorf- und Zeitgenosse, könnte sein Gebet zum Erntedank so lauten:   

                                 

                     Danke, HERR, für alle Gaben,

     die du mir bereitgestellt:

     Deine Erde darf ich haben, 

     Licht, Luft, Wasser, Himmelszelt.

 

     Dank für Menschen, die ich liebe,

     für Dein Nahesein, Dein Wort.

     Dass ich nicht verloren bliebe,

     nahm Dein Sohn die Sünden fort.

 

     Danke für die Vater-Sorge,

     die Du mir durch IHN gewährst,

     mit den Gaben, die ich borge,

     Leib und Seele mir ernährst.  

     Soweit Adam.

 

     Und ich füge an:

     Danke für die Wegbegleiter,

     die Du mir geliehen hast,

     für die stillen Teufelsstreiter -

     sie erleichtern mir die Last.

 

     Danke, dass in den Vierthälern

     ich noch von Dir reden kann.

     Es soll Deinen Ruhm nicht schmälern.

     Fülle mich mit Segen an! 

                                         Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

 

 

Predigt 25.10.20 Erntedankgottesdienst
und Ordinationsjubiläum Gerdi Eberhard
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Predigt

für den 18. So. n. Trinitatis (11.10.20)

zu Dtn 30,11-14

Gottesdienst in Steeg

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Klare Worte sind das, liebe Gemeinde: „Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist.“ (EG 412, 8) Genauso klar wie der Wochenspruch aus 1 Joh 4,21, wo es heißt: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Da gibt es eigentlich nichts zu deuteln. Glaube und Nächstenliebe gehören zusammen. Auch wenn wir das manchmal nicht so richtig wahrhaben wollen.

 

Da sitzt die Familie sonntags am Mittagstisch. Irgendwie kommt die Sprache auf den Nachbarn, mit dem der Vater seit Jahren im Clinch liegt. Kaum fällt der Name, da geht der Vater ab wie eine Rakete, redet sich immer mehr in Rage, bis er irgendwann vor Wut fast platzt und sagt: „Bei passender Gelegenheit werde ich es diesem Mistkerl mal so richtig zeigen!“ Als er kurz Luft holen muss, sagt die erwachsene Tochter: „Sag mal, Papa, Du warst doch heute Morgen in der Kirche. Ist das Vater unser heute ausgefallen?“ „Hä, wieso?!“ „War da nicht irgendwas so von wegen „…vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“?!“ Dem Vater fällt die Kinnlade runter. Dann schnauzt er die Tochter an: „Hör mir auf! Das ist was ganz anderes. Mit meinem Glauben hat das nichts zu tun!“

 

Genau das ist das Problem, liebe Gemeinde. Dieses „Mit meinem Glauben hat das nichts zu tun!“ Wir trennen schon mal ganz gerne zwischen unserem Kirchgänger-Ich und unserem Alltagsdasein. Der Glaube und das Wort Gottes für den Sonntag, aber in den alltäglichen Konflikten setzen wir die Spielregeln lieber selbst… So nach dem Motto eben: „Was hat mein Glaube mit den Nachbarn zu tun? Oder mit meinem Geld? Oder mit der Politik?“ Jesus hat allerdings keinen Zweifel daran gelassen, dass so eine Trennung der Lebensbereiche mit Ihm nicht zu haben ist. „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Klare Worte, wie gesagt. Das Wort Gottes will alltagsrelevant werden. Und - wenn man mal ehrlich ist - die Themen, die in den Zehn Geboten angesprochen werden, sind jeden Tag in unserem Alltag relevant. Sie sind weder abgehoben noch weltfremd. Im heutigen Predigttext aus 5 Mose 30,11-14 heißt es:

 

 

„Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“

 

 

Gott ist mit Seinem Wort ganz nah bei uns, liebe Gemeinde - bei unseren Bedürfnissen, unseren Sorgen und Nöten. Keiner möchte gerne umgebracht werden. Keiner will seine Partnerin / seinen Partner mit jemand anderem im Bett erwischen. Keiner klatscht freudig in die Hände, wenn ihm auf dem Wochenmarkt die Handtasche geklaut wird. Wir finden es alle ätzend, wenn andere hinter unserem Rücken über uns herziehen und lästern. Und dass andere einem das eigene Glück neiden, fühlt sich auch nicht so prickelnd an. Alles Dinge, die wir nicht erleben wollen. Gottes Wort ist da ganz nah bei uns. Es will uns schützen. Schützen vor der Feindseligkeit und der Boshaftigkeit anderer. Da ist Gott mit Seinem Wort ganz bei uns. Deshalb gibt es die Gebote, damit sowas nicht passiert. Setzt allerdings voraus, dass sich alle dran halten. Das braucht auch unser Mittun.

 

„Was Du nicht willst, das man dir tue, das füg auch keinem anderen zu“, sagt der Volksmund. Das ist eine Umkehrung der so genannten Goldenen Regel, die Jesus uns in Mt 7,12 mit auf den Weg gegeben hat. Da sagt Er: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ Im Grunde ist das ganz simpel. Klare Worte eben. Es geht bei Gottes Wort und Gebot um unser Leben. Um es zu schützen, fordert Gott nicht mehr von uns als einen Perspektivwechsel. Die Gebote leiten uns dazu an und fordern uns dazu heraus, uns in andere hineinzuversetzen und uns zu fragen: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich Du wäre?“

 

Gott hat in dieser Sache vorgelegt, und wir sollen es Ihm nachtun. Die Zehn Gebote - wir haben sie ja eben nochmal gehört - beginnen mit einer Selbstvorstellung Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Das steht allem anderen voran. Erst danach kommt: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Gott hat sich in die Menschen hineinversetzt. Die Geschichte von der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten fängt damit an, dass Gott zu Mose sagt: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette“. (Ex 3,7-8) Gott nimmt die Not Seiner Menschen wahr und lässt sie sich was angehen und sagt: „So nicht!“ Am Anfang steht das Mitgefühl, die Empathie Gottes, Sein Einfühlungsvermögen. Und die Zehn Gebote beginnen mit einer Erinnerung daran. Das Volk soll nicht vergessen: Gott hat uns da rausgeholt. Und Er hat gesagt: „Nie wieder!“ Nach Gottes Willen soll nie wieder ein Mensch eines anderen Menschen Sklave sein, sein Eigentum, Verfügungsmasse, Objekt seiner Begierde oder was auch immer. Im Neuen Testament liest sich das so: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1)

 

Gott hat sich herabgebeugt. Damals, als Er Mose geschickt hat, um Israel aus Ägypten zu holen. Und noch einmal ganz neu, als in Bethlehem eine blutjunge Mutter ihren frisch geborenen Säugling in Ermangelung einer Wiege in eine Futterkrippe gelegt hat. Da ist Gott in unsere Haut geschlüpft. Hat zu 100% unsere Perspektive eingenommen. Und wir sollen es Ihm nachmachen. Sollen uns in andere hineinversetzen, sozusagen in deren Haut schlüpfen, uns ihre Nöte und Sorgen und Bedürfnisse etwas angehen lassen und ihnen nach unseren Kräften und Möglichkeiten helfen und nicht das Leben noch zusätzlich schwer machen. Gottes Wort ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Es spricht uns zu: „Du stehst unter Gottes Schutz! Was mit Dir ist, macht Gott sich zur Chefsache!“ Und es begegnet uns mit dem Anspruch: „Achte und schütze Du das Leben, die Würde und das Recht der Anderen!“

 

Das Wort Gottes hat das Potenzial, die Welt zu verändern. Aber dazu braucht es Menschen, die es nicht nur hören, nicht nur im Munde führen, sondern es sich auch zu Herzen nehmen und es leben. Menschen, die barmherzig sind mit anderen - so wie Gott mit uns barmherzig ist. „Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Klare Worte sind das. Gebe Gott, dass daraus klares Handeln wird. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Der Predigttext
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Predigt

für den 18. So. n. Trinitatis (11.10.20)

zu Dtn 30,11-14

Gottesdienst in Steeg

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Klare Worte sind das, liebe Gemeinde: „Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht barmherzig ist.“ (EG 412, 8) Genauso klar wie der Wochenspruch aus 1 Joh 4,21, wo es heißt: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Da gibt es eigentlich nichts zu deuteln. Glaube und Nächstenliebe gehören zusammen. Auch wenn wir das manchmal nicht so richtig wahrhaben wollen.

 

Da sitzt die Familie sonntags am Mittagstisch. Irgendwie kommt die Sprache auf den Nachbarn, mit dem der Vater seit Jahren im Clinch liegt. Kaum fällt der Name, da geht der Vater ab wie eine Rakete, redet sich immer mehr in Rage, bis er irgendwann vor Wut fast platzt und sagt: „Bei passender Gelegenheit werde ich es diesem Mistkerl mal so richtig zeigen!“ Als er kurz Luft holen muss, sagt die erwachsene Tochter: „Sag mal, Papa, Du warst doch heute Morgen in der Kirche. Ist das Vater unser heute ausgefallen?“ „Hä, wieso?!“ „War da nicht irgendwas so von wegen „…vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“?!“ Dem Vater fällt die Kinnlade runter. Dann schnauzt er die Tochter an: „Hör mir auf! Das ist was ganz anderes. Mit meinem Glauben hat das nichts zu tun!“

 

Genau das ist das Problem, liebe Gemeinde. Dieses „Mit meinem Glauben hat das nichts zu tun!“ Wir trennen schon mal ganz gerne zwischen unserem Kirchgänger-Ich und unserem Alltagsdasein. Der Glaube und das Wort Gottes für den Sonntag, aber in den alltäglichen Konflikten setzen wir die Spielregeln lieber selbst… So nach dem Motto eben: „Was hat mein Glaube mit den Nachbarn zu tun? Oder mit meinem Geld? Oder mit der Politik?“ Jesus hat allerdings keinen Zweifel daran gelassen, dass so eine Trennung der Lebensbereiche mit Ihm nicht zu haben ist. „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Klare Worte, wie gesagt. Das Wort Gottes will alltagsrelevant werden. Und - wenn man mal ehrlich ist - die Themen, die in den Zehn Geboten angesprochen werden, sind jeden Tag in unserem Alltag relevant. Sie sind weder abgehoben noch weltfremd. Im heutigen Predigttext aus 5 Mose 30,11-14 heißt es:

 

 

„Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“

 

 

Gott ist mit Seinem Wort ganz nah bei uns, liebe Gemeinde - bei unseren Bedürfnissen, unseren Sorgen und Nöten. Keiner möchte gerne umgebracht werden. Keiner will seine Partnerin / seinen Partner mit jemand anderem im Bett erwischen. Keiner klatscht freudig in die Hände, wenn ihm auf dem Wochenmarkt die Handtasche geklaut wird. Wir finden es alle ätzend, wenn andere hinter unserem Rücken über uns herziehen und lästern. Und dass andere einem das eigene Glück neiden, fühlt sich auch nicht so prickelnd an. Alles Dinge, die wir nicht erleben wollen. Gottes Wort ist da ganz nah bei uns. Es will uns schützen. Schützen vor der Feindseligkeit und der Boshaftigkeit anderer. Da ist Gott mit Seinem Wort ganz bei uns. Deshalb gibt es die Gebote, damit sowas nicht passiert. Setzt allerdings voraus, dass sich alle dran halten. Das braucht auch unser Mittun.

 

„Was Du nicht willst, das man dir tue, das füg auch keinem anderen zu“, sagt der Volksmund. Das ist eine Umkehrung der so genannten Goldenen Regel, die Jesus uns in Mt 7,12 mit auf den Weg gegeben hat. Da sagt Er: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ Im Grunde ist das ganz simpel. Klare Worte eben. Es geht bei Gottes Wort und Gebot um unser Leben. Um es zu schützen, fordert Gott nicht mehr von uns als einen Perspektivwechsel. Die Gebote leiten uns dazu an und fordern uns dazu heraus, uns in andere hineinzuversetzen und uns zu fragen: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich Du wäre?“

 

Gott hat in dieser Sache vorgelegt, und wir sollen es Ihm nachtun. Die Zehn Gebote - wir haben sie ja eben nochmal gehört - beginnen mit einer Selbstvorstellung Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Das steht allem anderen voran. Erst danach kommt: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Gott hat sich in die Menschen hineinversetzt. Die Geschichte von der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten fängt damit an, dass Gott zu Mose sagt: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette“. (Ex 3,7-8)

 

Gott nimmt die Not Seiner Menschen wahr und lässt sie sich was angehen und sagt: „So nicht!“ Am Anfang steht das Mitgefühl, die Empathie Gottes, Sein Einfühlungsvermögen. Und die Zehn Gebote beginnen mit einer Erinnerung daran. Das Volk soll nicht vergessen: Gott hat uns da rausgeholt. Und Er hat gesagt: „Nie wieder!“ Nach Gottes Willen soll nie wieder ein Mensch eines anderen Menschen Sklave sein, sein Eigentum, Verfügungsmasse, Objekt seiner Begierde oder was auch immer. Im Neuen Testament liest sich das so: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

(Gal 5,1)

 

Gott hat sich herabgebeugt. Damals, als Er Mose geschickt hat, um Israel aus Ägypten zu holen. Und noch einmal ganz neu, als in Bethlehem eine blutjunge Mutter ihren frisch geborenen Säugling in Ermangelung einer Wiege in eine Futterkrippe gelegt hat. Da ist Gott in unsere Haut geschlüpft. Hat zu 100% unsere Perspektive eingenommen. Und wir sollen es Ihm nachmachen. Sollen uns in andere hineinversetzen, sozusagen in deren Haut schlüpfen, uns ihre Nöte und Sorgen und Bedürfnisse etwas angehen lassen und ihnen nach unseren Kräften und Möglichkeiten helfen und nicht das Leben noch zusätzlich schwer machen.

 

Gottes Wort ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Es spricht uns zu: „Du stehst unter Gottes Schutz! Was mit Dir ist, macht Gott sich zur Chefsache!“ Und es begegnet uns mit dem Anspruch: „Achte und schütze Du das Leben, die Würde und das Recht der Anderen!“

 

Das Wort Gottes hat das Potenzial, die Welt zu verändern. Aber dazu braucht es Menschen, die es nicht nur hören, nicht nur im Munde führen, sondern es sich auch zu Herzen nehmen und es leben. Menschen, die barmherzig sind mit anderen - so wie Gott mit uns barmherzig ist. „Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Klare Worte sind das. Gebe Gott, dass daraus klares Handeln wird. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt für den 18. Sonntag nach Trinitatis
Predigtmanuskript 2020-10-11.pdf
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Predigt

für das Erntedankfest (04.10.20)

zu Mk 8,1-9

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche St. Peter in Bacharach, an dem die neue Konfirmandengruppe mitgewirkt hat.

Folgender Text aus Mk 8,1-9 liegt der Predigt zugrunde:

 

 

Damals waren wieder einmal viele Menschen bei Jesus versammelt, und sie hatten nichts zu essen. Da rief Jesus die Jünger zu sich und sagte: „Die Leute tun mir Leid. Seit drei Tagen sind sie hier bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie jetzt hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn sie sind zum Teil von weit her gekommen.“ Die Jünger gaben zu bedenken: „Wo soll jemand hier in dieser unbewohnten Gegend das Brot hernehmen, um all diese Menschen satt zu machen?“ „Wie viele Brote habt ihr?“, fragte Jesus, und sie sagten: „Sieben!“ Da forderte er die Leute auf, sich auf die Erde zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach darüber das Dankgebet, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Austeilen. Die Jünger verteilten sie an die Menge. Außerdem hatten sie ein paar kleine Fische. Jesus segnete sie und ließ sie ebenfalls austeilen. Die Leute aßen und wurden satt und füllten sogar noch sieben Körbe mit dem Brot, das übrig blieb. Es waren etwa viertausend Menschen.

 

 

Liebe Gemeinde! Ein bisschen Fake-News verdächtig wirkt das schon, was wir gerade gehört haben. Dass Jesus mit sieben Broten und ein paar kleinen Fischen 4.000 Leute satt gemacht haben soll, erscheint manch einem doch sehr fantasievoll. Einer von Euch Konfirmanden hat am Freitag gefragt, ob die da nur Krümel verteilt haben. Der Verdacht liegt nahe, aber bei einem Hunger von drei Tagen wird so ein Krümel die Leute wohl kaum satt gemacht haben. Also, handelt es sich bei dem Evangelium zum heutigen Erntedankfest am Ende echt um einen Fake? Um eine Story mit „alternativen Fakten“, um es mit diesem Begriff zu sagen, der sich dank der eigenwilligen Weltsicht eines gewissen Donald T. aus W. inzwischen in unserem Sprachgebrauch etabliert hat?

 

Wenn es dem Evangelisten Markus wirklich darum gegangen wäre, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und ihnen Jesus als Superman zu verkaufen, dann hätte ich an seiner Stelle noch ein bisschen dicker aufgetragen. Für das, was da passiert, ist das Ganze ja sehr unspektakulär beschrieben. Markus sagt mit keinem Wort sagt, wie das von statten gegangen ist, dass von sieben Broten  sieben Körbe voll mit Resten übrig bleiben, nachdem 4.000 Leute davon satt geworden sind. Der Focus des Interesses scheint also nicht auf dem Vorgang des Wunders zu liegen. Das Entscheidende an dieser Geschichte ist: Das, was da ist, reicht, obwohl es viel zu wenig scheint.

 

Lasst uns noch mal gucken, was da eigentlich abgeht. Es hatte sich rumgesprochen, dass Jesus echt was zu sagen hat. Deswegen kamen die Leute von weit her, um Ihn zu hören. Im Vorfeld unserer Geschichte hat Jesus offenbar einen wahren Predigtmarathon hingelegt. Ein spontanes dreitätiges Seminar zum Thema: „Gott im Alltag begegnen“. Und jetzt, nach drei Tagen und vielen tiefen Gedanken und Mut machenden Worten, sieht Jesus diese hungrige Menschenmasse da stehen - und sie tun Ihm Leid. Jesus fühlt sich verantwortlich. Nicht nur für die Seelen dieser Menschen, sondern auch für ihr ganz profanes Bedürfnis nach Nahrung. Er stellt sich nicht auf den Standpunkt: „Meine Veranstaltung ist beendet. Jetzt bin ich nicht mehr zuständig. Kann ich doch nix für, dass die Leute sich nicht genug zu Essen mitgebracht haben!“ Nein. Er geht zu Seinen Jüngern und sagt: „Mensch, ich kann die Leute doch so nicht nach Hause schicken! Die klappen mir auf dem Heimweg reihenweise zusammen!“ Die Jünger kriegen ob der Fürsorglichkeit ihres Herrn die Krise und sagen: „Na klasse, und wie stellst Dir das bitte schön vor?! Woher sollen wir denn in dieser Gegend so viel zu Essen organisieren? Wir sind hier am A. d. W. Da gibt’s weit und breit nichts.“ Jesus kontert mit einer Gegenfrage: „Wie viele Brote habt Ihr da?“ Er setzt den Focus nicht auf das, was nicht da ist, sondern auf das, was da ist.

 

Diese Herangehensweise kann uns auch helfen, wenn wir vor Problemen stehen, die uns schier unlösbar zu sein scheinen: Auf das schauen, was da ist. Nicht auf das, was nicht da ist. Wir sind in unserer Gesellschaft leider sehr defizitorientiert. Wir sehen das halb leere Glas anstatt das halb volle. Die Fünf auf dem Zeugnis ist ein viel größeres Thema als die Drei. Die Maskenpflicht beim Einkaufen ist in aller Munde. Aber man hört keinen, der sagt: „Schön, dass es wieder Klopapier gibt!“

 

Und dann macht Jesus noch was, was bei der Bewältigung von Problemen hilft: Er schafft Struktur, indem Er den Leuten sagt: „Setzt Euch mal alle hin!“ Jesus verschafft sich einen Überblick; bringt Ruhe in das Gewusel. Und dann kommt das Entscheidende: „Dann nahm er die sieben Brote, sprach darüber das Dankgebet, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Austeilen.“

 

Kein Hokuspokus, keine Zauberformel, kein Spektakel. Sondern „nur“ ein Gebet. Genauer gesagt: Ein Dankgebet. Jesus feiert sich nicht selber. Er wendet sich in der Situation des Mangels an Gott; dankt für das, was da ist, auch wenn es viel zu wenig scheint. Und dann begeben sich Seine Jünger ans Verteilen; und es reicht. Da, wo man Gott dankt für das, was da ist, und Ihm vertraut im Blick auf das, was fehlt, sorgt Er dafür, dass es reicht. Es ist sogar noch jede Menge übrig.

 

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass viele (nicht alle, aber viele) das, was sie haben, voller Angst und Missgunst an sich klammern und nicht bereit sind, was abzugeben, damit es auch anderen hilft. Dahinter steckt die Sorge: „Wenn ich von dem, was ich habe, was abgebe, ist es weg, und am Ende reicht es für keinen.“ Das fängt bei den Süßigkeiten auf dem Schulhof an und hört bei der Einstellung zum Steuern zahlen noch nicht auf. Gott zeigt hier in Markus 8: Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich bereit bin, das, was ich habe, zu teilen, loszulassen, kann Gott damit wahre Wunder vollbringen.

 

Als im Herbst 2015 in großen Scharen Flüchtlinge nach Deutschland strömten, da haben etliche Mitbürger aufgeschrien und gesagt: „Das packen unsere Sozialsysteme nicht! Deutschland geht unter!“ Das Gegenteil war der Fall, liebe Gemeinde. Die Wirtschaft boomte in der Folgezeit wie lang nicht mehr. Das Geld sprudelte nur so in die öffentlichen Kassen. Und das kam uns jetzt in der Corona-Krise zugute. Es war von dem, was wir damals geteilt haben, wo manche dachten: „Das reicht niemals!“, es war davon etwas übrig. Ich glaube, liebe Gemeinde, - nein, ich wage zu sagen: Ich weiß es aus meiner Erfahrung: Da, wo Menschen bereit werden abzugeben und zu helfen mit dem, was sie haben, gibt Gott Seinen Segen. Und man verliert nicht. Man gewinnt dabei.

 

Was unsere Welt kaputt macht, ist der Geiz und die Missgunst. Die elende Angst zu kurz zu kommen. Eine Angst, die Jesus nicht hatte. Er hat Gott so vertraut, dass Er Menschen in absolut ausweglosen Situationen helfen konnte. Er hat Ihm so vertraut, dass Er sich in Seiner Liebe ganz und gar verschenkt, alles gegeben hat, was Er zu geben hatte: Sein Leben. Für uns. Damit wir leben. Jesus hat Seine Jünger immerzu dazu eingeladen, diese Angst (zu kurz zu kommen) ebenfalls über Bord zu werfen und einfach mal mit ein bisschen mehr Gottvertrauen an die Dinge ranzugehen. Wo immer sich Menschen darauf einlassen, sind Wunder möglich und Probleme lösbar.

 

Der Evangelist Markus gaukelt in der Geschichte der Speisung der 4.000 keine alternativen Fakten vor, wie wir sie aus den täglichen Pressekonferenzen aus dem Weißen Haus kennen. Wohl aber zeigt Jesus in dieser Geschichte, dass Gott neue Fakten schafft, wo Menschen Ihm danken - dankbar sind für das, was sie haben, - und Ihm vertrauen und das, was sie haben, und das, was ihnen fehlt, in Seine Hände legen.

 

Wo Menschen Gott danken und Gott vertrauen, da geht was. Mehr als wir für möglich halten. Das sind keine Fake-News, sondern Good-News. Zu Deutsch: Gute Nachrichten. Oder, um es mit dem griechischen Wort zu sagen: Evangelium. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Der Predigttext
für Sie
Online-Gottesdienst 2020-10-04 Predigtma[...]
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Predigt

für den 15. So. n. Trinitatis (20.09.20)

zu Jes 43,13

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme des Konfirmationsgottesdienstes am So. 20.09.2020 in der Kirche St. Anna in Steeg mit Musik von Denise Platz und Jürgen Zimmer. Vor der Predigt wurde der Song "Liegen ist Frieden“ von der Berliner Sängerin und Songwriterin Elen gesungen. Darauf wird in der Predigt Bezug genommen.

____________________

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde! Mal Hand auf’s Herz: Wer von Euch / von Ihnen hat in den letzten sieben Tagen mindestens einmal morgens, wenn der Wecker piepst, genau das gedacht: „Ich will nicht! Ich will lieber hier liegen! Für immer hier liegen!“? (Reaktionen abwarten)

 

Aha! Es haben sich auch Eltern gemeldet, wenn ich das richtig sehe. Offenbar finden sich Menschen verschiedener Altersgruppen in diesem Song der Berliner Sängerin und Songwriterin Elen wieder: „Liegen ist Frieden“; heute hier gesungen von Denise Platz. Normalerweise wird diese Lebenseinstellung ja eher Eurer Generation zugeschrieben, liebe Konfis. Und bei manchen ist es morgens nicht nur die Stimme im Kopf, sondern die Stimme am Bett, die sagt: „Aufstehen! Rausgehen, Zähne putzen, eincremen - okay, abnehmen weiß ich jetzt nicht; wär schon ein bisschen gemein so als erstes am Tag… Aber der Rest dürfte Euch bekannt vorkommen. Nun seid Ihr lange genug auf der Welt um zu wissen, dass einem das Glück nicht vom Nichtstun in den Schoß fällt. Sowas soll zwar schon mal vorkommen, aber erwarten kann man das nicht. Ihr habt - das hat sich auf unserer Konfi-Freizeit gezeigt - ein klares Bewusstsein dafür, dass man selbst was beisteuern muss (und kann!) um seine Ziele für’s Leben zu erreichen. Um später so leben zu können, wie Ihr leben wollt. Zwei von Euch haben geschrieben, dass Ihr später mal eine Gute Arbeit haben wollt. Das geht nicht ohne das hier: Schule gut schaffen. „Und dazu“, so hat derjenige geschrieben, von dem dieses Plakat stammt, „werde ich beitragen, dass ich mehr bzw. besser in der Schule aufpasse.“ (Nein, liebe Eltern, ich verrate nicht, wer das geschrieben hat.)

 

Frieden wünscht Ihr Euch für die Zukunft. Friede fängt in den Köpfen an. Bei unseren Einstellungen. Zum Beispiel bei der Frage, ob Gewalt ein Mittel der Auseinandersetzung ist, oder ob man sagt: „Das muss auch anders gehen!“ Das kann auch anders gehen. Jesus hat es uns gezeigt. Und dass man die Welt nicht aufteilt in schwarz und weiß, Freund und Feind, „die“ und „wir“, sondern realisiert, dass wir alle Menschen sind. Geliebte Geschöpfe Gottes. Seine Kinder. Und dass wir weiter kommen und besser leben, wenn wir jedem die entsprechende Achtung und Würde zukommen lassen. Rücksicht nehmen und uns um Verstehen bemühen. Verschiedenheit und Andersartigkeit aushalten. Im Kleinen wie im Großen. Da fängt Frieden an. Auf dem Schulhof, am Küchentisch, am Arbeitsplatz.

 

Mit der Sicherheit ist es ähnlich. Wer Sicherheit will, muss in Gerechtigkeit investieren. Die ungleiche Verteilung der Güter dieser Erde ist ein Pulverfass. Wenn wir Industrienationen mit unserer Art zu wirtschaften anderen Gebieten der Erde das Wasser abgraben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn diese Menschen bei uns auf der Matte stehen.

 

„Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden, wenn ihr den Hungernden zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag“, hieß es vorhin in der Lesung aus Jesaja 58. Wenn wir Gottes Wort ernst nehmen würden, dürfte es so etwas wie Moria nicht geben. Klar wäre eine europäische Lösung das Beste. Aber Jesus hat nirgendwo gesagt: „Wartet, bis die anderen sich rühren! Solange braucht Ihr auch nichts zu tun.“

 

Dasselbe gilt hier beim Stichtwort Heile Natur. Ich kriege die rasende Wut, wenn ich an Öko-Rambos wie Donald Trump und Jair Bolsonaro denke. Aber das kann doch kein Grund sein zu sagen: „Okay, dann tue ich auch nicht mehr!“ Das wäre gleichbedeutend mit der Aussage: „Die Zukunft meiner Kinder ist mir egal.“ 100.000 Liter Wasser musste die Wasserleitungsgenossenschaft Oberdiebach seit Anfang August von der Trollmühle mit Tanklastern nach Oberdiebach schaffen lassen, damit bei uns noch Wasser aus der Leitung kommt. Weil die Quelle, die Oberdiebach Jahrzehnte lang zuverlässig mit Wasser versorgt hat, im dritten Dürresommer in Folge nicht mehr genug hergibt. Morgen früh wird der Tanklaster wieder zwei Mal fahren müssen. Wenn wir an unseren momentanen Lebensgewohnheiten nichts ändern, werden sich unsere Lebensumstände in der Zukunft  stärker ändern, als uns lieb ist. Man muss nicht auf Kosten kommender Generationen leben und wirtschaften, um glücklich zu sein. Denn Ihr, liebe Konfis, wollt auch Glücklich sein und Freude am Leben haben. Und niemand hat das Recht, Euch das kaputtzumachen.

 

Ihr könnt eine Menge dafür tun, dass die Welt nicht in ein paar Jahrzehnten so aussieht (linke Hälfte der aufgemalten Erdkugel), sondern so (rechte Hälfte der aufgemalten Erdkugel), wie Ihr das hier auf Eurem wirklich toll gewordenen Motto-Tuch dargestellt habt. Aber dafür braucht Ihr Unterstützung. Das gilt auch für die anderen Dinge, die Ihr aufgeschrieben habt, wie Ihr leben wollt. Euer eigener Beitrag ist wichtig. Die Aufgabenliste ist lang. Fast schon erschlagend. Und es gibt nicht einmal eine Garantie, dass der Plan aufgeht. Corona hat gezeigt, dass wir nicht alles in der Hand haben. Dass unser Leben Rahmenbedingungen unterworfen ist, auf die wir wenig bis keinen Einfluss haben. Da muss man ein bisschen aufpassen, dass einen das nicht runterzieht und so umhaut, dass man am Ende nur noch da liegt und sagt: „Ich will nicht!“ Irgendwann nützt die Stimme im Kopf dann auch nichts mehr, die da sagt: „Du musst aufstehen!“ Von der fühlt man sich dann nicht wirklich verstanden.

 

Es gibt noch eine andere Stimme. Und ich wünsche Euch, dass Ihr die hört, wenn Ihr morgens mit einem Kopf voll Sorgen aufwacht. Die Stimme, die sagt:

 

 

„Ich bin der Herr, dein Gott,

der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht:

Fürchte dich nicht, ich helfe dir!“

(Jesaja 43,13.)

 

 

Egal, was kommt. Ihr seid nicht allein unterwegs, Ihr Lieben. Tut das Eure um Eure Ziele zu erreichen. Steuert das bei, was in Eurer Macht steht. Und den Rest, den legt getrost in Gottes Hände. Jesus hat gesagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben.“ (Joh 10,10) Jesus will nicht, dass wir uns in Arbeit und Sorgen aufreiben. Unser Leben ist mehr als ein rastloser Dauerlauf zwischen Kreißsaal und Friedhofskapelle. Da darf, da muss es auch Tage geben, wo man dem Impuls nachgibt: „Ich will liegen! […] Liegen ist Frieden.“ Tage zum Durchschnaufen, zum Chillen und Abhängen. Zum Beispiel samstags. Oder sonntags. Bis 1015Uhr. Dann schafft man es noch um 1045Uhr zum Gottesdienst. Weil - das ist wichtig, denn da kriegst Du für die anderen Tage gesagt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir!“ Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

 

Predigt Online-Konfirmationsgottestdienst
vom 20.09.2020 für Sie
Online-Gottesdienst 2020-09-20 Konfirmat[...]
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Predigt

für den 13. So. n. Trinitatis (06.09.20)

zu Apg 6,1-7

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche St. Peter in Bacharach. Folgender Predigttext aus Apg 6,1-7 liegt zugrunde:

 

 

Als die Zahl der Jünger in Jerusalem zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

 

Liebe Gemeinde! Zu viel Arbeit für zu wenig Leute. Das ist eins der größten Probleme unserer Zeit und hat sich in der Corona-Zeit vor allem in den Pflegeberufen als ernsthafte Gefahr erwiesen. Um Kosten zu sparen werden seit Jahren Stellen abgebaut und ganze Krankenhäuser geschlossen. Nur - wenn eine Stelle gestrichen oder ein Krankenhaus geschlossen wird, fällt damit ja nicht die entsprechende Arbeit weg. Im Gegenteil: Für die, die übrig bleiben, wächst das Arbeitspensum ins Unerträgliche.

 

Das ist nicht nur in der Kranken- und Altenpflege so, das zieht sich durch. Auch in der Wirtschaft, im öffentlichen Dienst und leider auch in der Kirche hält dieser Trend seit Jahren an. Und selbst im ehrenamtlichen Bereich ist es dasselbe. Vielleicht im Moment nicht ganz so, weil Corona uns in manchem eine Zwangspause auferlegt hat. Aber im Allgemeinen ist es doch so: Die Aufgaben, die zu erledigen sind, werden immer mehr, gleichzeitig gibt es immer weniger Freiwillige, die sie übernehmen. Es sind immer dieselben, die sich engagieren. Wenn bekannt ist, dass sich einer im Vereinsleben gut einbringt, dann wird er eben auch für’s Presbyterium gefragt oder umgekehrt. Wer sich einmal irgendwo hervorwagt, ist verloren.

 

Zu viel Arbeit für zu wenig Leute. Eigentlich ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Man kann nicht immer mehr Arbeit auf immer weniger Leute verteilen. Daran gehen nicht nur die Betroffenen kaputt. Darunter leidet logisch auch die Qualität der Arbeit – sei sie beruflicher oder ehrenamtlicher Natur. Irgendwann merkt man das. Und dann kommt die große Unzufriedenheit. Leute fühlen sich übersehen, benachteiligt, vergessen. Und irgendwann fangen sie aus verständlichen Gründen an rumzumeckern.

 

Genau das ist die Situation, die in der ersten Lesung eben angeklungen ist; dem heutigen Predigttext aus Apg 6. Der Hintergrund ist folgender: Nach der Entstehung der Kirche zu Pfingsten in Jerusalem ist die Gemeinde innerhalb kurzer Zeit auf einige tausend Mitglieder angewachsen, so berichtet es die Apostelgeschichte. Die zwölf Apostel verkündigten das Evangelium von Jesus, und die Gemeindeglieder waren so durchdrungen von der Botschaft der Liebe Gottes, dass sie anfingen, ihr Hab und Gut zu teilen. Wer viel hatte, der gab dem, der nichts hatte. Für Bedürftige wurde sowas eingerichtet wie unsere Tafeln; eine Armenspeisung, vornehmlich für Witwen. Die waren damals besonders arm dran. Es gab keine staatlichen Sozialleistungen.

 

Von daher hatte das diakonische Engagement der jungen Gemeinde in Jerusalem Magnetwirkung. Da guckten die Leute hin und sagten: „Schaut mal, wie die Christen miteinander umgehen!“ Da wurde kein Unterschied gemacht, was die Nationalität anging oder so. Geholfen wurde sowohl den Einheimischen, den hebräischen Witwen, als auch den Zugezogenen; Frauen, die mit ihren Männern nach Israel gekommen waren und nach deren Tod völlig aufgeschmissen waren, weil sie keine Verwandtschaft vor Ort hatten. In Israel gab es seinerzeit eine beträchtliche Gruppe von sogenannten Proselyten. Das waren Menschen, die zum jüdischen Glauben übergetreten, von Hause aus aber im damals griechischsprachigen Kulturkreis beheimatet waren und z.B. aus der heutigen Türkei kamen. Gerade unter ihnen waren viele, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatten.

 

Mit der Zeit wurden es zu viele. Alle Fäden liefen bei den zwölf Aposteln zusammen. Und die waren hoffnungslos überfordert. Sie sollten und wollten das Evangelium verkündigen und Gottesdienste feiern. Stattdessen kamen sie mit der Essensausgabe nicht mehr hinterher. Irgendwann gab es Unmut: Die griechischen Witwen wurden teilweise übersehen. Das war der Punkt, wo die Apostel sagten: „So, liebe Leute, so geht’s nicht weiter! Es kann nicht sein, dass wir unsere eigentliche Aufgabe – die Verkündigung - vernachlässigen, und das, was wir jetzt machen, nicht einmal richtig machen können. Da müssen andere mit ins Boot, die das besser können. Deswegen schlagen wir vor: Sucht in eurer Mitte nach sieben Männern, die sich um die Versorgung der Bedürftigen kümmern.“ Der Vorschlag fand großen Anklang. Es wurden sieben Leute gesucht, gefunden, gewählt und von den Aposteln mit Gebet und Handauflegung in ihren Dienst eingeführt. Das war die Geburtsstunde der Diakonie, liebe Gemeinde. Der diakonoV ist der Helfer, der Diener; daher kommt das Wort.

 

Heute ist wohl nicht die Diakonie dasjenige, worunter die „eigentliche“ Arbeit in der Gemeinde leidet, sondern im weitesten Sinne die Verwaltung. Was da an Arbeit aufläuft ist, überbordend; unsere Mitarbeiterinnen und unsere Kirchmeister können ein Lied davon singen… Natürlich kann man jammern. Aber das hilft nicht. Es braucht auch heute Diakone im weitesten Sinne. Helfer. Menschen, die bereit, willens und in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel als „Kümmerer„ für eine unserer vielen Kirchen. Oder im Besuchsdienst. Oder im Kindergottesdienst.

 

Damals haben die Apostel der Gemeinde gesagt: „Guckt Euch um!“ Auch wenn das Engagement Ehrenamtlicher ausgereizt zu sein scheint – was anderes fällt mir auch nicht ein als zu raten: „Guckt Euch um!“ Wir dürfen nicht aufhören nach Leuten zu suchen, die sich engagieren könnten. Die sieben sog. Armenpfleger damals waren ja da. Nur hat sie vorher keiner gefragt. Auf manche Leute stößt man eher zufällig. Es ist ja viel leichter, immer dieselben zu fragen. Die kennt man, da weiß man, dass es denen schwer fällt, „Nein“ zu sagen. Aber wir brauchen mehr Schultern, die mittragen. Und wir können Gott bitten, dass Er uns suchen und finden hilft. Und dass Er vielleicht der einen oder anderen noch mal innerlich so einen Wink gibt oder einen Ruck, sich aus der Deckung zu wagen. Dass er oder sie bereit wird sich zu engagieren und die nötige Kraft dafür bekommt.

 

Die ganz große Lösung sehe ich noch nicht für das grundsätzliche Problem. Vielleicht ist es ganz gut, dass Corona uns im Moment tatsächlich ein bisschen Luft verschafft, andererseits aber auch den Druck nochmal deutlich macht. Es ist jetzt an der Zeit, über die Verteilung von Arbeit und über deren Wertschätzung nachzudenken. Ich hoffe, dass die Politik die Impulse aus der Zeit des Lockdowns da aufgreift. Und für uns auf Gemeindeebene ist es jetzt an der Zeit, uns umzusehen und zu suchen und zu entdecken, was an Kapazitäten da ist – und zu beten. Das hat noch nie geschadet.

 

Im Predigttext ist mehrmals vom Heiligen Geist die Rede. Ohne den läuft gar nichts. Ehrlich gesagt ist das – ist Er meine größte Hoffnung angesichts des Problems „Zu viel Arbeit für zu wenig Menschen“. Vielleicht ändert sich was, wenn wir Ihm mehr zutrauen und mehr mit Ihm rechnen. Und um Seinetwillen manchen Menschen mehr zutrauen und damit rechnen, dass der Heilige Geist in ihnen am Werk ist. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Predigt für den 13. Sonntag nach Trinitatis (06.09.2020)
Online-Gottesdienst 2020-09-06 Predigtma[...]
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Predigt

für den 12. So. n. Trinitatis (30.08.20)

zu Lk 19,1-10

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme des Gottesdienstes zur Manubacher Kerb am So. 30.08.2020 mit Musik von Denise Platz und Jürgen Zimmer. Vor der Predigt wurde der Song "Jesus to a Child“ von George Michael gesungen, in dem es heißt: „Du lächelst mich an wie Jesus ein Kind.“ Darauf wird in der Predigt Bezug genommen. Folgender Predigttext aus Lukas 19,1-10 liegt zugrunde:

 

 

Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

 

 

Liebe Gemeinde! Wie fühlt sich das an, wenn Jesus einen anschaut wie ein Kind? Wenn man - vielleicht zum ersten Mal im Leben überhaupt - das Gefühl hat, wirklich gesehen zu werden? Wir haben gerade von einem gehört, der weiß, wie sich das anfühlt: Zachäus. Zachäus, Oberzöllner in Jericho, führte ein trostloses Leben trotz massig Geld. Er war so unbeliebt, wie nur was. Das lag an seinem Beruf. Ich sagte es letzte Woche schon, weil da auch schon von einem Zöllner die Rede war: Stellen Sie sich bitte unter Zöllner um Himmels willen jetzt keinen Zollbeamten unserer Tage vor. Das Zollwesen war zur Zeit Jesu vollkommen anders organisiert als heute. Überall in den von Rom besetzten Ländern gab es Zolleinnahmestellen, an Stadttoren und Brücken zum Beispiel. Und wer da durch wollte, musste zahlen. Diese Zollstationen wurden von der römischen Besatzung an kooperationswillige Einheimische verpachtet. Die festgelegten Einnahmen mussten an Rom abgegeben werden. Aber es war unter den Zöllnern Gang und Gäbe, gegenüber ihren Kunden großzügig aufzurunden. Und die Differenz, die wurde dann in die eigene Tasche gesteckt. Die Bevölkerung war dem ausgeliefert. Gegen diese Willkür konnte man nichts machen. Die Zöllner lieferten der Bevölkerung damit gleich mehrere Gründe, sie zu hassen: Zum einen galten sie als Kollaborateure, weil sie im Dienst der Besatzungsmacht standen, und zum anderen verstießen sie gegen die Gebote der Bibel, weil Wucher und Betrug dort untersagt sind.

 

Wahrscheinlich hat Zachäus seinen Ohren nicht getraut, als Jesus auf einmal stehen blieb und zu ihm sagte: „Zachäus, komm runter von deinem Baum, ich will dein Gast sein!“ Da gehört ja schon was zu, so einen Glücksmoment sofort zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Und nicht etwa zu sagen: „Ach, äh, sorry, Jesus, ist gerade ungünstig. Kannst Du nicht morgen kommen? Ich hab’ nicht aufgeräumt, und außerdem hab’ ich nichts Gescheites zum Essen mehr im Haus!“ Ich möchte nicht wissen, wie viele Gelegenheiten für gute Begegnungen jeder von uns im Leben schon verpasst hat, aus Angst, irgendwelchen Konventionen nicht zu entsprechen... Aber Zachäus fragt sich nicht lange, ob er dem Ehrengast Jesus so unvorbereitet gerecht werden kann. Er ergreift die Gelegenheit beim Schopf und nimmt Jesus mit nach Hause.

 

Für die anderen, die drum herum stehen, ist das ein Skandal: „Boah, wie kann Jesus nur?! Geht der ausgerechnet zu dem Drecksack!“ Jesus tut Dinge, die nicht allen passen. Weil er die Menschen nicht aufteilt in gut und böse, in Freund und Feind, in beliebt und unbeliebt. „Auch er ist ein Sohn Abrahams“, konstatiert Jesus. Und sieht diesen kleinwüchsigen, verhassten Zöllner an wie - ein Kind. Die Zuwendung, die Jesus ihm schenkt, verändert sein Leben. Aus dem Drecksack wird ein Wohltäter: „Ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen verteilen, und wem ich am Zoll zuviel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück“, sagt er, als Jesus bei ihm am Tisch sitzt.

 

Weil Jesus ihm Aufmerksamkeit geschenkt hat, wird Zachäus aufmerksam für andere. Er bekommt einen Blick für die Not um ihn rum, sieht ein, dass er Mist gemacht hat und beschließt einen Kurswechsel. Wenn einer derart aus seinen eingefahrenen Gleisen rauskommt, ist das der Anfang eines neuen Lebens. Die Freundlichkeit in den Augen Jesu hat Licht in das trostlose Leben dieses Mannes von der Zollstation gebracht. Zachäus wird ein neuer Mensch. Ein Mensch, der aus dem Dunkel seiner Einsamkeit und seiner Selbstbezogenheit heraustritt. Ein Mensch, der sich von der Hoffnung durchleuchten lässt, dass er kein hoffnungsloser Fall ist, sondern ein geliebtes Kind Gottes. Ein Mensch, der diese Liebe zum Anlass nimmt, sein Leben zu überdenken und zu korrigieren und selber zum Hoffnungsträger zu werden für andere.

 

So gesehen war Zachäus war ein richtiger Glückspilz! Aber - so ein Glückspilz können Sie auch sein. Jesus hat zu Zachäus gesagt: „Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Zu uns sagt Er: „Ich muss heute in deinem Herzen einkehren.“ Das stellt uns vor die Frage: „Wolle mer’n reinlosse?“ Seit 700 Jahren lädt diese Kirche dazu ein - mit ihrem Turm, der mit seiner Spitze nach oben zeigt und uns dran erinnert, dass da einer ist, der auf unsere Antwort wartet. Mit ihrer Uhr, die uns vor Augen hält, dass unsere Zeit läuft. Mit ihren Glocken, die uns zum Gottesdienst rufen und zum Gebet. „Wolle mer’n reinlosse?“ Nach der Predigt singt Denise noch einen Song von Depeche Mode. Da heißt es am Anfang: „Greif zu, berühre den Glauben.“ Etwas freier übersetzt: „Lass Dich ein auf den Glauben.“ Das Lied trägt den Titel "Personal Jesus“. „Dein persönlicher Jesus“. Genau darum geht es, liebe Gemeinde, dass wir uns auf eine persönliche Beziehung zu Jesus einlassen. Dass Jesus nicht mehr nur der gute Mann aus der Kinderbibel ist, der freundlich lächelnd unter’ m Baum steht und ruft: „Zachäus, komm! Ich will bei Dir zu Gast sein!“ Sondern der heute vor mir steht und sagt: „Ich will heute in deinem Herzen einkehren!“

 

Manche denken ja: „Oh Gott, wenn ich so ein richtig frommer Typ werden soll, dann gibt das voll das biedere, langweilige Leben!“ Das ist kompletter Schwachsinn. Exakt das Gegenteil ist der Fall. Wer sich auf Jesus einlässt, tauscht Einsamkeit gegen Geborgenheit, Ablehnung gegen Annahme, Trostlosigkeit gegen Hoffnung. Klar, manche Unarten gehen dann nicht mehr. Zachäus merkt: Leben auf Kosten anderer, andere ausbeuten, das geht nicht, wenn man sein Leben mit Jesus lebt – also Christ ist. Aber ganz ehrlich: Permanent den Drecksack raushängen - ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendeinen Menschen dauerhaft glücklich macht. Von daher hält sich der Verlust - glaub ich - in Grenzen, wenn man darauf verzichtet.

 

„Greif zu, lass dich auf den Glauben ein!“ heißt es, wie gesagt, in dem Song, den wir jetzt gleich hören. Und weiter: „Dein eigener, persönlicher Jesus. Jemand, der deine Gebete hört. Jemand, der Anteil nimmt. Jemand, der da ist. Stell mich auf die Probe. Ich werde liefern. Du weißt, ich bin einer, der vergibt. Strecke die Hände nach dem Glauben aus.“ Wer das wagt, liebe Gemeinde, wer sich darauf einlässt, dem wird es so gehen wie Zachäus. Der wird erleben, wie es sich anfühlt, wenn Jesus einen anschaut wie ein Kind. Amen.

 

 

Predigt 30.08.20
für Sie
Online-Gottesdienst 2020-08-30 Predigtma[...]
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Predigt

für den 11. So. n. Trinitatis (Sa. 22. / So. 23.08.20)

zu Lukas 18,9-14

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist

eine Aufnahme des Gottesdienstes in Winzberg am Sa. 22.08.2020.

Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 18,9-14 zugrunde:

 

 

Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

 

 

Liebe Gemeinde! Sünde ist bekanntlich immer nur ein Problem der anderen. Die eigene Weste strahlt schön weiß, wenn man zum Vergleich ein schwarzes Schaf neben sich hat. So macht es der Pharisäer in dem Gleichnis, das Jesus erzählt – wir haben es gerade im Evangelium gehört: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Leute…“ Was für ein Gebet! „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner!“ Mal Hand auf’s Herz: Haben Sie noch nie zumindest mal den Gedanken gehabt: „Danke, dass ich  nicht so bin…“? Und, wenn schon - was ist eigentlich so schlimm daran?! Ich mein das ernst. Warum sollte man Gott nicht auch dafür danken, wenn man noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist? Wenn die Ehe gehalten hat? Wenn man der einen oder anderen Versuchung erfolgreich widerstehen konnte? Für sich genommen wäre das kein Problem, wenn das aus wirklicher Dankbarkeit raus kommt. Problematisch wird das Ganze dadurch, dass der Pharisäer andere als Negativfolie braucht. Dabei hätte er das gar nicht nötig.

 

Für uns ist das Wort „Pharisäer“ zum Inbegriff der Heuchelei geworden. Leider. Das wird dieser religiösen Gruppe zur Zeit Jesu nicht gerecht. Pharisäer waren Menschen, denen ihr Glaube wichtig war und die die Sache mit Gott ernst nahmen, und die deshalb ganz genau nach den Geboten zu leben versuchten. Viele Neutestamentler gehen davon aus, dass Jesus dieser Gruppe sehr nah stand, vielleicht sogar dazugehörte. An verschiedenen Stellen wird Jesus in den Evangelien von Pharisäern als „Rabbi“ angesprochen, als Lehrer. Und Jesus redet im Predigttext auch nicht über Pharisäer, sondern mit ihnen. Was Er sagt, sagt Er nicht, um mit dem Finger auf „die Pharisäer“ zu zeigen, sondern um sozusagen intern ein Problem aufzuzeigen. Und das ist die Gefahr der Selbstgefälligkeit. Die betrifft beileibe nicht bloß Pharisäer. Das betrifft fromme (und bürgerliche) Menschen zu allen Zeiten, dass man in der Gefahr steht, sich für was Besseres zu halten. Und dass man zu wissen meint, wer bei Gott hoch im Kurs steht und wer bei Ihm unten durch ist. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Dem Urteil Gottes vorgreifen wollen, das ist Anmaßung. Und fromm sein und gleichzeitig auf andere herabsehen, sie sogar verachten, das geht nicht. Sich aufwerten, indem man andere abwertet - kommt bei Gott nicht so gut an. Und dann ist da noch eine zweite Facette der Selbstgefälligkeit. Nämlich dieses fromm verpackte Sich um sich selbst Drehen. Man muss sich das Gebet des Pharisäers mal genau angucken. Wer ist denn da das Subjekt? Der Pharisäer gefällt sich selbst so gut, dass er Gott einen Vortrag darüber hält, was er für ein toller Mensch ist. Eigentlich hat Gott in diesem Gebet überhaupt keinen Platz. Der Pharisäer scheint aus sich heraus schon alles richtig zu machen; alles zu haben, was er braucht, um in den Himmel zu kommen. Er vertraut auf sich selbst und seine Frömmigkeit.

 

Und dann ist da dieser Zöllner. Stellen Sie sich unter Zöllner bitte um Himmels willen jetzt keinen europäischen Zollbeamten unserer Tage vor. Zöllner zur Zeit Jesu waren verhasst und ausgegrenzt. Überall in den von Rom besetzten Ländern gab es Zolleinnahmestellen, an Stadttoren und Brücken zum Beispiel. Wer da durch wollte, musste zahlen. Diese Zollstationen wurden von der römischen Besatzungsmacht an kooperationswillige Einheimische meistbietend verpachtet. Die festgelegten Einnahmen mussten an Rom abgegeben werden. Aber es war Usus unter den Zöllnern, gegenüber ihren Kunden großzügig aufzurunden. Und die Differenz, die wurde dann in die eigene Tasche gesteckt. Die Bevölkerung war dem ausgeliefert. Gegen diese Willkür konnte man nichts machen. Die Zöllner lieferten der Bevölkerung damit gleich mehrere Gründe, sie zu hassen: Zum einen galten sie als Kollaborateure, weil sie im Dienst der Besatzungsmacht standen, und zum anderen verstießen sie gegen die Gebote der Bibel, weil Wucher und Betrug dort untersagt sind. In den Augen der Pharisäer hatten Zöllner keinerlei Chance auf Gnade bei Gott. Denn nach jüdischer Lehre gab es Versöhnung mit Gott nur dann, wenn man sich vorher mit dem versöhnt hat, dem man Unrecht zugefügt hat. Wie sollte ein Zöllner das bewerkstelligen?! Über die Jahre konnte er ja überhaupt nicht mehr wissen, wen er alles abgezockt hatte. Die wenigsten Zöllner werden eine Vorratsdatenspeicherung mit Name und Anschrift ihrer Opfer angelegt haben für den Fall, dass sie sich vielleicht später mal bei ihnen entschuldigen wollen könnten. Das erklärt die demütige Art dieses Zöllners im Gleichnis. Er schleicht sich förmlich in den Tempel, bleibt ganz hinten stehen, im Vorhof, weit entfernt vom eigentlichen Tempeleingang und steht da mit gesenktem Haupt. Sein Gebet ist kurz. Fünf Wörter. Aber das Subjekt dieses Gebets ist Gott. „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ In letzter Verzweiflung kommt der Zöllner her. Er vertraut Gott sozusagen gegen die Lehre seiner „Kirche“. Und am Ende sagt Jesus: „Ich sage euch: Dieser (also der Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“

 

Gott richtet anders, als wir es erwarten, liebe Gemeinde. In Gottes Augen „gerecht“ wird man nicht durch das, was man tut. Nicht, indem man selbstgefällig auf die eigene Integrität verweist. Und erst recht nicht durch den abschätzigen Vergleich mit anderen, die mit ihrem Leben mehr Schwierigkeiten haben als man selbst. Gott richtet anders, als wir es erwarten. Der Zöllner geht ge-recht-fertigt heim. Obwohl er seine Schuld nicht wiedergutmachen kann. Obwohl Versöhnung mit denen, denen er Unrecht getan hat, nicht mehr möglich ist. Was ist das für eine Befreiung für alle, die gewisse Dinge nicht mehr klären können. Weil der Mensch, dem man vor langer Zeit mal Unrecht getan hat, aus dem eigenen Leben verschwunden ist. Weil man keine Gelegenheit mehr hatte zur Aussprache, zum versöhnenden Gespräch. Vielleicht auch, weil dieser andere Mensch gestorben ist. Selbst da, wo Versöhnung mit Menschen nicht mehr möglich ist, ist Versöhnung mit Gott noch drin – wenn man mit seiner Not zu Ihm kommt und Ihn darum bittet.

 

Gott hat für dieses Menschenvolk den Himmel drangegeben und ist runtergekommen in dieses Chaos. Er ist um unserer Versöhnung willen in den Tod gegangen und hat in die Mauern dieser Sackgasse ohne Wendemöglichkeit ein Loch gehauen, damit wir gerechtfertigt weitergehen können. In ein neues Leben. Dafür steht der Name Jesus. Gott rettet. Gott misst nicht nach, wie gerecht jemand ist. Er spricht uns Recht zu und sagt: „Ich gebe Dir das Recht, dass Du nochmal neu anfangen darfst!“ Der vielleicht einzige Weg, dieses Recht zu verwirken, ist zu meinen, man bräuchte es nicht. Oder – andersrum gesagt: Da, wo man den Gedanken aufgibt, dass Sünde immer nur ein Problem der anderen ist, wird der Weg frei für die Gnade Gottes. Auch zu mir. Amen.

 

 

Predigt 22./23.08.20
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Online-Gottesdienst 2020-08-23 Predigtma[...]
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Predigt

für den 10. So. n. Trinitatis (16.08.20)

zu Röm 11,25-32

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist

eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche Oberdiebach.

Der Predigt liegt folgender Text aus Röm 11,25-32 zugrunde:

 

 

Paulus schreibt: Damit ihr das nicht falsch versteht und auf die Juden herabseht, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich euch ein Geheimnis anvertrauen: Ein Teil des jüdischen Volkes ist verhärtet und verschlossen für die rettende Botschaft. Aber das wird nur so lange dauern, bis die volle Anzahl von Menschen aus den anderen Völkern den Weg zu Christus gefunden hat. Wenn das geschehen ist, wird ganz Israel gerettet, so wie es in der Heiligen Schrift heißt: »Aus Zion wird der Retter kommen. Er wird die Nachkommen Jakobs von ihrer Gottlosigkeit befreien. Und das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen schließe: Ich werde ihnen ihre Sünden vergeben.«

 

Indem sie die rettende Botschaft ablehnen, sind viele Juden zu Feinden Gottes geworden. Aber gerade dadurch wurde für euch der Weg zu Christus frei. Doch Gott hält seine Zusagen, und weil er ihre Vorfahren erwählt hat, bleiben sie sein geliebtes Volk. Denn Gott fordert weder seine Gaben zurück, noch widerruft er die Zusage, dass er jemanden auserwählt hat.

 

Früher habt ihr Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden Christus ablehnten, hat Gott euch seine Barmherzigkeit erfahren lassen. Jetzt wollen die Juden nicht glauben, dass Gott durch Christus mit jedem Menschen barmherzig ist, obwohl sie es doch an euch sehen. Aber auch sie sollen schließlich Gottes Barmherzigkeit erfahren. Denn Gott hat alle Menschen ihrem Unglauben überlassen, weil er allen seine Barmherzigkeit schenken will.

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Ich muss gestehen, der Israelsonntag ist für mich immer so eine gewisse Herausforderung. Zwar stehen die Zeichen im Nahostkonflikt im Moment tatsächlich ein bisschen auf Entspannung durch die Ankündigung, dass die Vereinigten Arabischen Emirate mit Israel diplomatische Beziehungen aufnehmen wollen. Aber die Reaktionen einiger Palästinenser lassen nichts Gutes erahnen. Aus der leidvollen Erfahrung der Vergangenheit wissen wir, dass es jeden Moment wieder losgehen kann mit irgendwelchen Angriffen, auf die Israel dann nicht selten hart reagiert. Dieses Vorgehen polarisiert die Menschen. Die einen tun sich unglaublich schwer, auch nur im Ansatz Kritik an der israelischen Regierung zu äußern, andere reiben sich die Hände und posaunen herum: „Ich hab’s ja immer schon gesagt: So sind sie, die Juden!“

 

Und dann Jahr für Jahr dieser Israelsonntag. So herausfordernd er ist, er ist bitter nötig. Eine regelmäßige theologische Standortbestimmung tut Not. Eine Klärung, was uns mit Israel verbindet. In Israel liegen die Wurzeln unseres Glaubens. Der Gott, an den wir glauben, ist der Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Weil unser Herr Jesus Christus, der Mensch gewordene Gott, Jude war, darum sind wir untrennbar mit diesem Volk verbunden. Leider wurde diese enge Verbindung Jahrhunderte lang in Abrede gestellt. Von christlicher Seite wurde behauptet, Gott habe Israel, sein ersterwähltes Volk, verstoßen. Die Kirche sei als Nachfolgerin an dessen Stelle getreten und nun das „wahre“ Israel. Mit solchen Argumenten wurden Judenverfolgungen und Kreuzzüge legitimiert, und letztlich hat diese Jahrhunderte alte Theologie auch den Boden für Auschwitz zumindest mitbereitet.

Es war wohl erst dieser Schock, der Christen in den letzten Jahrzehnten dazu veranlasst hat, die Haltung zu Israel zu überdenken und noch einmal neu hinzusehen, was das Neue Testament zu diesem Thema sagt. Drei Kapitel seines Römerbriefes hat der Apostel Paulus dem Thema Israel gewidmet, in denen er zu dem Schluss kommt: Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Die Kirche hat Israel als Gottes Volk nicht abgelöst, sondern ist durch den Juden Jesus in den Bund mit einbezogen, den Gott mit diesem Volk geschlossen hat. Wir haben es eben in der ersten Lesung gehört. Paulus war selbst Jude. Und er hat massiv darunter gelitten, dass er bei den meisten seiner Volksgenossen mit dem Evangelium von Jesus Christus nicht landen konnte. Er erklärt sich dieses schmerzliche Phänomen so: Erst dadurch, dass Israel sich weitestgehend nicht für den Glauben erwärmen konnte, dass Jesus der erhoffte Messias ist, hat das Evangelium die Grenzen dieses Volkes überschritten und ist sozusagen übergeschwappt auf die Heiden, die bis dahin von Gott keine Ahnung hatten. Die verschlossenen Türen beim ursprünglichen Adressaten führten dazu, dass wir heute hier in einer Kirche sitzen und uns mit unseren Lebensfragen und –sehnsüchten an den Gott Israels, den Vater Jesu Christi wenden können. Dazu, so stellt Paulus fest, war die Verstockung eines Teils seiner jüdischen Volksgenossen nütze.

 

Dieser Gedanke hat Paulus geholfen, das Unerklärliche und für ihn Unerträgliche auszuhalten. Er hat damit der Versuchung widerstanden, aus der Enttäuschung heraus mit seinem Volk zu brechen und Israel für verworfen zu erklären. Paulus ist sich sicher: „Gott fordert weder Seine Gaben zurück, noch widerruft er die Zusage, dass er jemanden auserwählt hat.“ Am Ende wird ganz Israel gerettet. „Aus Zion wird der Retter kommen. Er wird die Nachkommen Jakobs von ihrer Gottlosigkeit befreien“, schreibt er, und zitiert damit eine der Messiasverheißungen des Alten Testaments. Das ist insofern überraschend, als Paulus ja der Überzeugung war, dass eben dieser Messias in Jesus von Nazareth bereits gekommen ist. Genau das aber glaubten die meisten Juden nicht. Vielleicht denkt Paulus beim Zitieren dieser Worte an die Wiederkunft Jesu? Vielleicht hofft Er, dass seine Volksgenossen Ihn dann als Heiland erkennen?

 

Wie auch immer – was uns diese Worte aus dem Propheten Jesaja auf jeden Fall sagen ist dies: Gottlosigkeit wird nicht von innen ausgeräumt, nicht aus eigener Kraft, nicht durch Selbstvervollkommnung, sondern vom Herrn. Und dessen Hilfe brauchen alle, egal ob Juden oder Christen. Keiner ist vor Gott ohne Schuld. Alle Seine Kinder haben getan, was Kinder nun mal tun: Sie hören nicht auf das, was Papa sagt. Aber so, wie menschliche Eltern ihren Kindern trotzdem aus der Patsche helfen, obwohl sie nicht gehört haben, hilft Gott Seinen Kindern auch - trotzdem. Vielleicht kann man sich das so vorstellen: Da stürzt ein Kind trotz Warnung in eine Grube, die so tief ist, dass es aus eigener Kraft nicht mehr raus kommt. Dann kann Hilfe nur noch von oben kommen.

 

Gott war sich nicht zu schade, eben selbst in diese Grube hinab zu steigen und uns hoch zu holen. Das ist Erlösung. Ob Juden, ob Christen - alle sind sie der Gnade bedürftig. Wir sind alle angewiesen auf Hilfe von oben; darauf, dass Gott uns rausholt aus unseren Löchern. Darum brauchen wir den Israelsonntag, liebe Gemeinde: Damit wir uns bewusst bleiben: 1. Wir sind untrennbar mit Israel verbunden. 2. Allein aus Gnade haben wir eine Chance auf Leben. Und 3. von daher verbieten sich alle Verwerfungsurteile über andere.

 

Heißt das nun – um noch mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen -, dass wir das Vorgehen Israels im Konflikt mit den Palästinensern stillschweigend hinzunehmen haben? Für mich heißt es das nicht. Es muss unter Menschen, die etwas verbindet, möglich sein, kritisch nachzufragen: „Warum tust Du das? Geht das nicht auch anders?“

 

Der südafrikanische Erzbischof a. D. und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu hat, als vor ein paar Jahren der Nahostkonflikt gerade mal wieder eskaliert war, in einem Aufruf in der israelischen Zeitun Haaretz folgende Worte geschrieben: „Wir sind gegen die Ungerechtigkeit der illegalen Besetzung von Palästina. Wir sind gegen das willkürliche Morden im Gazastreifen. […] Wir sind gegen die von allen Beteiligten begangenen Gewalttaten. Aber wir sind nicht gegen Juden.” Dass ein Christ den Mut und die Klarheit hat, solche Worte zu schreiben, und dass eine israelische Zeitung die Größe und Freiheit hat, diese Worte zu veröffentlichen, das macht mir Hoffnung.

 

Ich wünschte mir mehr davon. Mehr Menschen, die den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen und dabei in der Lage sind zu differenzieren: Es sind nicht „die Juden“. Es ist die konkrete israelische Regierung, die mit sehr einseitiger Unterstützung des amtierenden US-Präsidenten Dinge eine Annexion palästinensischer Gebiete beabsichtigt. Es sind aber nicht „die Juden“. Wir würden uns ja auch dagegen verwahren, dass man uns mit unserer Regierung gleichsetzt. Es gibt nicht „die Juden“, ebenso wenig, wie es „die Deutschen“ gibt.

 

Pauschalurteile und jedwede Tätigkeit als selbsternannte Weltenrichter stehen uns als Christen nicht gut zu Gesicht. Aber konkrete und differenzierte Kritik üben an einem Verhalten, das fatale Folgen haben kann, das geht sehr wohl – immer in dem Bewusstsein wohlgemerkt, dass wir alle von der Gnade Gottes leben. Gebe Gott, dass nicht nur der Israelsonntag dieses Bewusstsein in uns wach hält. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt 16.08.2020
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Online-Gottesdienst 2020-08-16 Predigtma[...]
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Predigt für den 7. Sonntag nach Trinitatis (26.07.2020)

(Hebräer 13, 1 – 3)

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

unser heutiger Predigttext entstammt dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes.

Die Übersetzung in der „Guten Nachricht“ lautet:

 

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!

 

Vier kurze, knackige Sätze, die es „in sich“ haben!

 

Was soll ich denn noch alles tun?

Mitmenschen wie Brüder und Schwestern lieben, obwohl man schon mit genau denen, den eigenen Brüdern und Schwestern, nicht immer klarkommt?

Gastfreundschaft üben? Ich bin doch kein Kneipier oder führe einen Beherbergungsbetrieb!

An Gefangene denken? Die haben ihren Knastaufenthalt doch wohl selber zu verantworten!

Und wer wird nicht alles Tag für Tag misshandelt. Es reicht schon ein Blick in die Tageszeitung oder die Abendnachrichten. Ein Fall schlimmer als der andere.

Da kann doch ich nichts dafür! Ich habe mit meinem eigenen Leben schon genug zu tun!

 

So oder ähnlich werden nicht wenige Menschen antworten. Und in der Tat ist das eigene Leben ganz bestimmt nicht immer das reine „Zucker schlecken“. Aber solche Vergleiche, die im eigentlichen Sinne gar keine sind, werden dem Text in keiner Weise gerecht und sind auch nicht Ziel führend.

 

Grundsätzlich muss man zuerst einmal wissen, dass im alten Orient, und das gilt im Wesentlichen bis heute, Familie und Gastfreundschaft einen besonders wichtigen Stellenwert im Alltag einnahmen und einnehmen. Daraus resultiert ein ganz anderes Verständnis diesen Textabschnitt betreffend, was das gesellschaftliche Miteinander anbelangt.

Aber dieser kulturelle Aspekt ist nicht alleine Kern der hier gemachten Aussagen. Zusätzlich geht es insbesondere um das Miteinander der damals noch relativ neuen Gemeinschaft der Christinnen und Christen, die sich plötzlich, ohne den sichtbaren Jesus auf sich allein gestellt, mit ihrem Glauben arrangieren mussten.

Diese völlig neue Herausforderung musste in vielen Gesprächen, Diskussionen, und auch Briefen und Predigten zuerst einmal gemeistert werden.

Hinzu kamen die Anfeindungen von Außen, eine weitere, nicht zu unterschätzende Belastung für die Glaubensgemeinschaft, und natürlich jeden Einzelnen.

 

Selbstverständlich hat der Predigttext auch für uns im „Hier und Jetzt“ klare Botschaften im Gepäck:

 

Einander wie Brüder und Schwestern lieben kann in unserem gesellschaftlichen Kontext bedeuten, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Das heißt nicht, dass man mit allem einverstanden sein muss, was sie sagen und tun. Aber man kann ihnen trotzdem mit dem Respekt begegnen, der ihnen als Mitmenschen zusteht.

Auch wir selber möchten ja nicht herablassend behandelt, oder gar gemobbt werden. Wenn wir uns genau da hinein versetzen, wird relativ klar, worum es geht.

Da gilt eindeutig das bekannte Sprichwort:

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“

 

Auf die Gastfreundschaft im orientalischen Sinne bin ich schon kurz eingegangen. In unserer westlichen Hemisphäre, die oft sehr stark geprägt ist von Individualismus und leider auch von Egoismus, ist das heute schwer nachvollziehbar.

Gastfreundschaft in unserem Sinne kann aber bedeuten, dass wir Mitmenschen, die ein Gespräch suchen oder um Hilfe bitten, nicht einfach abweisen. Wir können ihnen unser Ohr und unsere Zeit schenken, auch unsere Hilfe anbieten.

Wenn wir signalisieren: „Ich höre Dir zu, du bist mir jetzt wichtig!“, dann üben wir bereits eine besondere Form der Gastfreundschaft aus.

Sich für einen anderen Menschen Zeit zu nehmen geht auch immer einher mit der Erfahrung, für sich selber neues zu lernen, oder Dinge anders zu interpretieren. Im Prinzip ist das nichts anderes als eine so genannte Win-Win-Situation:

Unsere geleistete Zuwendung kehrt auch immer zu uns zurück!

Gastfreundschaft hat auch zu tun mit unserem Umgang mit Flüchtlingen. Wir sind nach wie vor gefordert, denen zu helfen, die Schutz bei uns suchen. Erst im zweiten und den weiteren Schritten gilt es dann, daraus resultierende Probleme anzugehen. Davor müssen wir aber, im wahrsten Sinne des Wortes, vorrangig „erste Hilfe“ leisten. Das fordern Humanität und Gastfreundschaft!

 

Wenn zu Zeiten des Urchristentums ermahnt wurde, an die Gefangenen zu denken, dann sicher auch deshalb, weil zu dieser Zeit jeder Christenmensch ob seines Glaubens relativ schnell selber in Gefangenschaft geraten konnte.

Kein Christ konnte sich damals so wirklich sicher fühlen.

Und das ist ja leider bis heute in manchen Staaten immer noch so.

Wenn ich selber Angst haben muss, ob meines Glaubens verhaftet zu werden, dann ist in logischer Konsequenz auch meine Empathie gegenüber anderen, denen eben genau das widerfährt, nämlich verhaftet und eingesperrt zu werden, viel größer. Ist das alles weit weg, weil die Gefahr erst gar nicht gegeben ist, dann schrumpft auch das mögliche Mitgefühl.

Wichtig ist: Auch diese Menschen werden von Gott geliebt! Und viele Gefangene in anderen Ländern werden tatsächlich grundlos über Jahre eingesperrt. Denken Sie nur an die vielen politisch Verfolgten weltweit, an Christinnen und Christen in muslimisch geprägten Ländern, oder all die Journalisten in despotisch geführten Staaten, die nur deshalb einsitzen, um mundtot gemacht zu werden. Wenn wir an diese Menschen denken, dann merken wir mal wieder, wie gut wir in der Bundesrepublik leben, und wie sicher wir hier aufgehoben sind.

 

Viele von den gerade genannten Personengruppen sind zusätzlich leider auch oft Misshandlungen ausgesetzt.

Folter wird oft genutzt, um Geständnisse zu erpressen, egal, ob sie dann stimmen oder nicht.

Misshandlungen erfahren aber leider auch Menschen in unserem Land. Beispielsweise ist die Dunkelziffer misshandelter Frauen in der Partnerschaft bei uns sehr hoch. Und die Zunahme häuslicher Gewalt während der Corona-Krise nahm noch einmal deutlich zu. Nicht umsonst wird seit Jahren gefordert, mehr Frauenhäuser zu bauen. Das bekämpft zwar nicht die leidige Wurzel der Gewalt gegen Frauen, ermöglicht aber immerhin Betroffenen, den Teufelskreis zu durchbrechen und diesem entsetzlichen Umfeld zu entfliehen.

Zu den Misshandelten in unserem Land zählen auch oft Kinder. Besonders schlimm vor allem natürlich da, wo sexuelle Gewalt ausgeübt wird.

Die aktuellen Ermittlungsergebnisse der letzten Wochen in NRW und anderen Bundesländern, die von ca. 30.000 Tätern und Nutzern ausgehen, sprechen eine Sprache, die sprachlos macht.

Was bleibt ist, aufmerksam zu bleiben und mit aller Konsequenz rechtsstaatlich gegen die Täter vorzugehen.

Ich habe es eingangs gesagt: Vier kurze, knackige Sätze, die es in sich haben.

Meine Gedanken dazu sind nur ein Hauch dessen, was einem hier alles einfallen mag.

Der Text lädt dazu ein, sich individuell mit ihm auseinanderzusetzen und eigene Interpretationen ins Leben zu integrieren.

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!

 

Machen wir es uns im Zweifelsfall ganz einfach:

Fragen wir uns doch bei allem Reden und Tun immer, ob wir selber mit der angedachten Behandlung für unsere Person einverstanden wären. Wenn nicht, sollten wir ein wenig auf die Bremse treten, denn:

Manchmal ist auch im Bereich der Emotionalität weniger mehr!

 

Versuchen wir, mitmenschlich zu bleiben, und in christlichem Sinne zu agieren.

Es ist zum Wohl des Gegenübers, wie auch zu unserem eigenen Wohl.

Und Gott, dem Güte und Gnade so überaus wichtig sind, wird uns nicht nur unterstützen, sondern seinen Segen mit Freude verschwenderisch über uns ausgießen.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigt vom 26.07.2020
für Sie.
200726GDPredigt.pdf
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Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis (12.07.2020)

Lukas 5, 1-11

 

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eins der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

 

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen.

 

Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir“ Ich bin ein sündiger Mensch.

 

Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

                                                           -. -.-.-.-.-

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde,

Lukas beschreibt, wie Simon, Jakobus und Johannes vom See weg sozusagen aufs Trockne versetzt werden: Sie sollen künftig Menschen fangen, nicht fischen! Die Stuttgarter Erklärungsbibel sagt dazu: Fischen tötet (das ist der große Unterschied), fangen kann Rettung vom Tod sein! Das ist die Stunde „Null“ für Jesu Jünger; es ist ihre Berufung in Jesu Nachfolge.

 

Wir haben als Lesung die Berufung Abrams gehört. Da gab es für den Gerufenen keine Eignungsprüfung, keine Probezeit, aber eine Segenszusage – für alle Völker auf Erden. Es ging bei Abram sofort los, dem Ruf des unbekannten Gottes nachzufolgen - ins Unbekannte!!!

Abram war nicht mehr jung. Er war in seiner Heimatstadt Ur schon sehr reich geworden. Wer setzt das alles aufs Spiel? Die Sippe Abrams stand kopf. Denn das Zusammenleben in der Großfamilie, das war Überlebensgarantie! Aber Abram folgte Gottes Ruf.

 

Bei Simon am See Genezareth war es anders: Er stand vor dem Nichts! Die Fischer lebten sozusagen von der Hand in den Mund. Und nun dieser Totalausfall. Nicht mal paar kleine Fische, soviel wie für einen hohlen Zahn, waren im Netz hängen geblieben. Die Fischer hatten kein zweites berufliches Standbein: Sie waren abhängig davon, dass der See das Notwendige jeden Tag hergab und auch noch etwas zum Verkauf übrig blieb. Denn von Fisch allein kann keiner auf Dauer leben. Und nun saß Simon da und säuberte sein Netz vom unnützen Tang und Treibholz.

 

Da setzte sich ein Mann in sein leeres Boot. Die Menschen, die ihm von einer Bucht zur anderen nachgelaufen waren, die hörten Jesus auch da wieder zu. Sie waren ganz Ohr. Simon horchte mit halbem Ohr auf die völlig neue Rede von Gott. Als Jesus die Menge verabschiedet hatte, stieg er aus dem Nachen, ging auf Simon zu und sagte: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

 

Das kann auch nur einer sagen, der nichts vom Fischen versteht, mag Simon zunächst gedacht haben! Fische sehen bei vollem Tageslicht den Schatten der Netze, die gehen auf Tauchstation, sie sind Fluchttiere! Dem erfahrenen Fischer Simon lag sicher eine bittere Antwort auf der Zunge, aber irgend etwas hat ihn die runterschlucken lassen. Statt dessen sagt er: Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen!

Der Erfolg war so überwältigend, dass Simon die anderen Fischer zu Hilfe rufen musste, sonst wäre er mitsamt seinem Wunderfang glatt untergegangen. Und Simon bekam Augen für den Super-Fang – allein auf das Wort Jesu! Das kann nur einer bewirken, der mit Gott im Bunde ist, das spürte er und erschrak: Ich bin ein sündiger Mensch. Aber Jesus ging nicht ohne ihn und Jakobus und Johannes weg vom See – so Lukas! Jesus hatte sein Netz ausgeworfen und einen Fang gemacht! Und die ihm da in die Maschen gegangen sind, die wollte er für noch größere Dinge einsetzen: Für das Menschenfangen.

 

Es ist kaum zu begreifen, wie knapp Lukas das beschreibt: Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. 14 Worte.

 

Es ging hier zu wie schon bei Abram: Kein Eignungstest folgte, keiner der Männer, die Jesus für sein Fangnetz suchte, wurde aussortiert. Im Gegenteil: Jesus berief genau diese Fischer-Mannschaft, die kurz zuvor nur leere Netze vorzuweisen hatte. Eine Kostprobe, eine Vor-stellung davon, was Jesus ihnen als neue Aufgabe zugedacht hat, bekamen sie ja: Vollen Fang! Sie traten in Jesu Nachfolge.

                                                           -.-.-.-

 

Liebe Gemeinde,

wir haben in der Bibel wichtige Hinweise dafür, dass „Nachfolge“ gut geplant werden muss. Da stand kürzlich im Neukirchener Kalender, dass Batseba, die der König David in jungen Jahren zum Ehebruch verleitet hatte, ihn als alten Herrscher ermahnte, doch seinen Nachfolger auf dem Thron Israels zu bestimmen. Und die Wahl fiel auf Salomo, ihren gemeinsamen Sohn, von dessen Weisheit, vom „salomonischen Urteil“ immer noch erzählt wird.

 

Was passiert in der Wirtschaft heutzutage oder auch in Familienbetrieben, wenn die Nach-folge nicht rechtzeitig geregelt wird! Dann kann ein ganzes Lebenswerk den Bach runter gehen! Man sucht sich doch möglichst den Fähigsten aus unter allen möglichen Nachfolge-Kandidaten!

 

Und was macht unser Herr Jesus da am See Genezareth? Das ist wirklich Gute Nachricht, die aufhorchen lässt: Er beruft Fischer, die nichts gefangen haben! Fazit: Es liegt also nur an dem Herrn und nicht an den Nachfolgern, ob sie in Zukunft beim Menschenfangen Erfolg haben werden! Sie müssen Schritt für Schritt seine Fang-Methode an Gottes vielen Kindern üben und sich nicht auf die eigenen Ideen und Kräfte zu verlassen. Sie müssen lernen, Jesu Worte auszuwerfen wie Netze! Ganz eng-maschig und reißfest!

                                                           -.-.-.-.-

 

Im Kindergottesdienst (bis 2015) war der Fischzug des Petrus ein sehr anschauliches Thema. Wir hatten ein leeres Kartoffelnetz: Jedes Kind schrieb seinen Namen auf seinen gemalten und ausgeschnittenen Fisch und gab ihn ins Netz, das nur ganz lose zugezogen war. Das be-kam der Petrus in die Hand (der war aus dickem Karton hergestellt) und wurde an die Wand gepinnt. Wenn wir das Glück hatten, dass ein neues Kind dazu kam, dann hat es auch seinen Namens-Fisch ins Netz gefüllt. Da war ja kein endgültiger Knoten drauf.

 

Heute, fast 2000 Jahre nach dem berühmten Fischzug auf dem See Genezareth scheint es mit der Netzfüllung nicht mehr so wunderbar erfolgreich zu sein. Aber unser Herr Jesus sorgt für uns, er ist ja nicht nur am See Genezareth! Gerade in den Monaten der Corona-Pandemie ha-ben viele hier bei uns etwas ganz Neues an der Kirche Jesu Christi entdecken können: Wir durften uns nicht im Schwarm versammeln, wie Fische das gerne tun, in der Kirche war Leere wie damals in dem Netz bei Simon. Aber unser Pfarrer und andere haben Phantasie für Gott entwickelt: Sie nutzten die modernen Medien wie Netze, um Menschen, die nach Gottes Wort dürsten, nicht auf dem Trocknen sitzen zu lassen. Keiner musste ohne Sonntags-Gottesdienst sein, auch wenn es ungewohnt war – vor allem wegen der fehlenden Gemeinde. Es gab keine Durststrecke für uns! Danke.

                                               -.-.-.-

Das Element „Wasser“ hat ja in der Bibel eine besondere Bedeutung, ein Alleinstellungs-merkmal: Wasser bedeutet Leben! Aus dem Wasser ging es hervor, um Pflanzen, Tieren und Menschen Leben zu ermöglichen. Mit Wasser werden wir getauft.

 

Jeden Tag brauchen wir für unseren Körper eine gute Portion Flüssigkeit. Und unsere Seele will auch leben! Sie braucht mehr als nur ab und zu das Bad in einer Pfütze – unsere Seele will im Meer der Liebe baden, das Gott uns bereit hält. Und Sein Menschenfischer Jesus ist ja im Wort und in den Sakramenten immer für uns da, zum Greifen nah. Für uns ist es lebenswichtig, nicht abzutauchen, sondern sich von IHM fangen zu lassen!

 

Amen             

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre

Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

 

 

Lied: 313 Jesus, der zu den Fischern lief

 

 

Predigt 12.07.20
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Predigt zum 12.07.2020 in Oberdiebach.pd[...]
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Predigt

für den 4. So. n. Trinitatis (05.07.20)

zu Röm 12,17-21

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist

eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche Bacharach

________________

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! „Wie Du mir, so ich Dir!“ Eigentlich haben wir schon im Kindergarten gelernt, dass das keine so gute Strategie ist, mit Konflikten umzugehen. Aber im Alltag bleibt das eine Herausforderung – im Kleinen wie im Großen. Von Zeit zu Zeit müssen wir daran erinnert werden; etwa mit den folgenden Worten aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes. Dort schreibt der Apostel Paulus:

 

 

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32, 35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25, 21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

 

Tja, liebe Gemeinde… Wie viel Leid könnte vermieden werden, wenn diese Worte mehr Beachtung fänden: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“ Politisches Paradebeispiel ist der Nahostkonflikt. Wir würden es uns allerdings ein bisschen einfach machen, wollten wir den moralischen Zeigefinger Richtung Tel Aviv und Ramallah erheben. Wir empören uns zwar gern über das Rachedenken in der großen Politik, aber in unserem eigenen kleinen Leben haben wir damit selbst genug Probleme. Eigentlich braucht uns doch nur einer mit einer dummen Bemerkung in unserer Ehre zu kränken, und schon sind Rachegedanken auch bei uns auf dem Plan. „Das lass ich nicht auf mir sitzen!“ ist in aller Regel der erste Reflex, der sich dann einstellt. „Nicht mit mir!“ Und bevor man sich überhaupt klar wird, was da eigentlich gerade abgeht, überlegt man schon blitzschnell, bei welcher Gelegenheit man es dem Kontrahenten heimzahlen kann. Stolz und gekränkte Ehre sind der Nährboden für Rachegedanken und Vergeltungsgelüste jedweder Art. Wer unter uns da ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…

 

Und nun schreibt Paulus: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem!“ Wenn es schon mal zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Konfirmanden kommt und ich dann irgendwann das Gefühl hab’: „So, jetzt musst Du wohl mal dazwischen gehen!“, dann krieg ich meistens gesagt: „Boah, der hat aber angefangen!“ Ich sag’ dann in der Regel: „Du, das interessiert mich nicht, wer angefangen hat. Viel spannender finde ich, wer von Euch den Mut hat aufzuhören.“ Allerdings setzt die Idee mit dem Aufhören ein Mindestmaß an Versöhnungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus. Und das ist leider nicht immer gegeben. Von daher bin ich dem Paulus echt dankbar, dass er so realistisch bleibt. „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

 

Manchmal ist es – Gott sei’s geklagt – nicht möglich. „Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Ich behaupte mal, dass die Allermeisten in Israel und Palästina auf beiden Seiten einfach nur leben wollen. In Ruhe und im Frieden. Aber ein paar Rechte auf beiden Seiten wollen das nicht. Die wollen die Vernichtung des Gegners. Dafür leben sie, und dafür sterben sie im Zweifelsfall auch. Und diese paar Wenigen sind es, die die Welt in Atem halten. Es gibt – auch im Kleinen - Menschen, die scheinen gegen jeden Versuch von Versöhnung resistent zu sein. Wie soll man damit umgehen? Wird man dann nicht automatisch schwach und geneigt, selbst zu den Mitteln der Gewalt zu greifen? Der Apostel Paulus schreibt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben. „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“

 

Ich finde das hoch spannend. Paulus sagt nicht: „Komm, schluck’s runter! Einfach mal ein bisschen Kreide fressen, dann geht’s schon wieder.“ Das ist ja das, was wir uns in unserem kirchlichen Dunstkreis so antrainiert haben. Wut und Aggression – so was gibt es nicht. Doch nicht in der Kirche! Wir haben uns doch alle lieb! Schön unter den Teppich damit. Nur – irgendwann kommt alles hoch, und dann stolpern wir drüber und wundern uns, warum wir mit der Strategie auf die Nase fallen. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Verletzbarkeit, Wut und Aggressionen gehören zu unserer Disposition. Und die sollen wir nicht runterschlucken. Die sollen wir vor Gott bringen.

 

Mein Vorgänger hat mir mal erzählt, dass er in einer Situation, wo ein Mensch ihm wirklich das Leben schwer gemacht und ihm manchen Nerv geraubt hat, dass er das vor Gott gebracht und gesagt hat: „Herr, du hast den geschaffen. Ich hab’ den nicht geschaffen. Jetzt zeig Du mir, wie ich mit diesem Scheusal klar kommen kann.“ Klingt vielleicht ein bisschen unkonventionell, aber so dürfen wir mit Gott reden. Lesen Sie sich mal die Psalmen durch, die sind voll von solchen Gebeten. Es ist allemal besser, Gott kriegt das ab, als der Mensch, um den es geht. Denn Gott kann damit umgehen.

 

Nicht, dass Ihm das nicht wehtun würde. Gott steht ja sozusagen zwischen allen Fronten. Er leidet mit, wenn wir zur Zielscheibe von Verachtung und Unrecht werden, Er leidet aber auch mit, wenn andere zur Zielscheibe unseres Zorns und unseres Hasses werden. Unsere Wut, unsere Rachegedanken, treffen immer auch IHN, weil Er jeden Menschen liebt. Jede Gewalt – ob nur gedacht, ausgesprochen oder ausgeübt - ist ein Nagel im Kreuz Jesu. Der Hass bringt Ihn um. Aber damit, dass Er sich das gefallen lässt, unterbricht Jesus den Teufelskreis der Gewalt. Sein Kreuz ist sozusagen der Blitzableiter für die tödliche Hochspannung unserer Hassgefühle. Mit und an Seinem Kreuz hat unser Herr die Spirale von Gewalt und Gegengewalt gebrochen. Er hat lieber für sich den Tod in Kauf genommen, als den zu töten, der’s verdient hätte. Seine Liebe ist die Macht, die Leben möglich macht.

 

Diese Macht ist für uns ein Segen. Und wir sind berufen, diesen Segen zu empfangen und weiterzugeben. In diesem Zusammenhang steht die Aufforderung, auf Vergeltung zu verzichten. Um des Lebens willen. Es ist schon ein gutes Stück unsere Entscheidung, ob wir uns von destruktiven, lebensfeindlichen Tendenzen treiben lassen, die auf Vergeltung sinnen, oder ob wir uns mit unserer Not an Gott wenden, der uns fähig macht, den Teufelskreis der Vergeltung zu unterbrechen. Nicht mehr zu sagen: „Wie du mir, so ich dir!“ Sondern die zu werden, die es schaffen, aufzuhören. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigtmanuskript 05.07.20
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Predigt ü/ Micha 7, 18-12  3. Sonntag n.Tr.

28.6.2020 Manubach und Oberdiebach

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, derzeit befinden wir uns in der sogenannten festlosen Zeit des Kirchenjahres, in der Trinitatiszeit. Das Kirchenjahr sieht für jeden einzelnen Sonntag ein besonderes Thema vor. Nicht nur zu Weihnachten, Ostern oder Pfingsten geht es um spezielle Vorgänge, die uns den christlichen Glauben näherbringen möchten. Mit der Verkündigung des Evangeliums sollen wir frohe und freie Christen werden die gerne in der Nachfolge Jesu leben.

Der Heutige 3. Sonntag nach Trinitatis hat das Thema: Die Rettung des Verlorenen. Hier geht es nicht um den verlegten oder verlorenen Haustürschlüssel auch nicht um den verlorenen Schirm oder den nicht mehr auffindbaren Personalausweis. Hier geht es um mehr, um viel mehr. Es geht um unsere eigene, ganz persönliche Rettung für Zeit und Ewigkeit. Aber um gerettet zu werden, muss man auch die Erkenntnis haben, dass wir ohne Gottes Gnade und Barmherzigkeit verloren sind. Dass wir diese Rettung brauchen, und dass sie für uns Menschen lebensnotwendig ist. Und dieses Einsehen, dass wir auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sind, ist meines Erachtens vielen Menschen verloren gegangen. Die übergroße Zahl der gleichgültigen Menschen in Sachen Glauben haben für solch ein ernstes Thema nur ein müdes Lächeln übrig.

Im eben gehörten Evangelium geht es um den verlorenen Sohn. Ein Gleichnis das nichts an Aktualität verloren hat, weil auch wir alle, Jede und Jeder, Wesensmerkmale der beteiligten Personen haben.

In dem für heute vorgeschlagenen Predigttext geht es auch um die Sündenvergebung, Barmherzigkeit und Gnade Gottes, also auch um die Rettung des Verlorenen. Ich lese aus dem Propheten Micha, die letzten Verse seines kleinen Buches, Kapitel 7, 18-20:

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Missetat den übrigen seines Erbteils, der seinen Zorn nicht ewiglich behält! Denn er ist barmherzig. Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetaten dämpfen und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst dem Jakob die Treue und Abraham die Gnade halten, wie du unseren Vätern vorlängst geschworen hast.

Liebe Gemeinde,

die Bibel ist voll davon, egal ob im Alten oder im Neuen Testament, von Gottes Treue, Güte, Gnade und Barmherzigkeit. Menschlich gesehen kann man es fast nicht nachvollziehen, dass Gott uns immer wieder vergibt und uns gerne hilft, unser Leben zu meistern. Martin Luther soll sinngemäß einmal gesagt haben: Das Herz Gottes ist wie ein glühender Feuerofen für uns, seine geliebten Kinder. Ja, Gnade, Güte und Barmherzigkeit sind und bleiben die Wesensmerkmale unseres Gottes.

Ich möchte ein Beispiel aus der Bibel nennen. Der Völkerapostel Paulus hat bis zu seiner Bekehrung vor Damaskus Christus und die neu gegründete christliche Gemeinde bis aufs Blut verfolgt. Und Saulus, so hieß Paulus vor seiner Bekehrung, war davon überzeugt, dass er Gott damit einen Gefallen tut. Aber vor Damaskus hat sich ihm Jesus Christus in den Weg gestellt.

Er musste einsehen, dass er fehlerhaft und bösartig gehandelt hatte. Er hat dann aber Gottes Gnade und Barmherzigkeit dankbar und frohen Herzens angenommen und dann das Evangelium mit dem Einsatz seines ganzen Lebens mit großer Freude und Vollmacht verkündigt. Es wurde ihm klar, mit seinem bisherigen Leben und seinem Verfolgungswahn konnte er vor Gott nicht bestehen. Es wurde ihm bewusst, ohne Gottes Gnade und Barmherzigkeit bin ich verloren. Diese Erkenntnis wurde für ihn und die neuen christlichen Gemeinden zum bleibenden Segen.

Allein dieses eine Beispiel zeigt mir, Gottes Barmherzigkeit ist riesengroß und er legt andere Maßstäbe wie wir Menschen an. Er kann aus Gnaden aus einem Saulus einen Paulus machen. So kann er auch unser Herz verändern, wenn wir es denn zulassen.

Liebe Gemeinde, wir verfolgen nicht das Christentum, wir zählen uns ja selbst dazu, aber ohne Fehler gehen wir alle nicht durchs Leben. Oft sind es die täglichen Kleinigkeiten an denen wir scheitern. Wir ärgern uns selbst darüber. Manche negativen Wesensmerkmale bekommen wir einfach nicht in den Griff. Und so marschieren wir oft selbstgerecht und hartherzig mit uns selbst und unseren Mitmenschen durchs Leben. Das kann für uns sehr belastend werden, wenn wir ständig unter unserer Unzulänglichkeit leiden.

Dann sollten wir das, was uns bedrückt, was uns belastet, worunter wir leiden, nicht anhäufen wie etwas vermeintlich Wertvolles. Wir sollten es abgeben in Gottes gnädige und barmherzige Hand. Eben im Predigttext haben wir ja gehört: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt. Gott wartet darauf, dass wir uns ihm mit unseren Fehlern anvertrauen. Dass wir ihm unsere Verfehlungen, unsere kleinen und großen Sünden, bekennen.

Es ist wie mit unseren Sorgen, die wir ja auch Gott abgeben können und sogar sollen. So nennen wir ihm auch unsere Fehler, Versäumnisse und unsere Schuld. Gott vergibt uns gerne. Er will nicht, dass wir uns täglich mit unseren Fehlern herumschlagen und unsere Kräfte damit verzehren. Gott sagt in seinem Wort: Ich will mich Euer erbarmen, ich will euch gnädig sein.

Liebe Gemeinde, wenn wir bereit sind uns Gott in unserer Not unsere Schuld anzuvertrauen, sie an ihn abzugeben und seine Gnade annehmen, werden wir andere Menschen. Befreit und leichter ums Herz können wir wieder weiter leben. Dann werden wir froh und dankbar, weil wir erleben dürfen, Gott hat uns trotz allem, wo wir versagen, unendlich lieb. Er will unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Und niemals mehr wird er sie uns sozusagen aufs Brot schmieren. Denn bei Gott ist vergeben auch vergessen.

Wenn wir einmal so von Gottes unendlicher Liebe überwältigt wurden, können wir gar nicht anders, als seine Liebe an die Menschen weiterzugeben. Und zwar an alle Menschen, besonders an die, die es im Leben schwer haben. Die egal, mit oder ohne Schuld, unter den Umständen, in denen sie leben, leiden. Gott liebt uns nicht, weil wir so gut sind, sondern wir sind in seinen Augen trotz unserer Fehler und Mängel unendlich wertgeachtet. Wäre sonst Jesus für dich und mich ans Kreuz gegangen? Er liebt uns wie wir sind, nicht wie wir sein sollen. Aber wir müssen nicht so bleiben wie wir sind. Wir dürfen uns mit Gottes Hilfe zum Guten ändern.

Gottes unverdiente Großzügigkeit sollte unser Verhalten gegenüber Menschen, die an uns schuldig wurden, positiv verändern. Im Vater Unser beten wir ja auch: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Es sollte nicht nur so daher gesagt werden, sondern von Herzen kommen. Denn wenn wir vergeben, geht es auch uns besser, nicht nur dem Menschen, dem wir vergeben haben.

Liebe Gemeinde, ich sagte es schon einmal, Gottes Gnade und Barmherzigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel. In unserem kurzen Predigttext ist aber auch von Gottes Zorn die Rede. Es heißt: Gottes Zorn ist nicht ewiglich. Also kann Gott auch manchmal anders. So lesen wir im 54. Kapitel des Propheten Jesaja: Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein Erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Vereinfacht könnte man sagen, Gottes Zorn ist zeitlich, seine Gnade und Barmherzigkeit aber ewig.

Auch Jesus Christus hat diese Gnade und Barmherzigkeit gelebt. In vielen Gleichnissen der Evangelien wird uns das vor Augen gestellt. Ja selbst bei seiner Kreuzigung betet er zu seinem Vater: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Diese abgrundtiefe, barmherzige Liebe ist beispiellos. Aber sie gilt auch uns, auch Dir und mir. Was für ein Segen kann darauf ruhen, wenn diese Liebe wahrhaftig gelebt wird.

Das übersteigt unsere menschlichen Möglichkeiten. Auch ein herzensguter Mensch, egal ob Frau oder Mann, kommt einmal mit der Vergebung an seine Grenzen. Gott nicht. Es gibt nur eine Bedingung: Wir müssen unsere Schuld vor ihm bekennen und um Vergebung bitten. Und versuchen, künftig die bereuten Sünden zu unterlassen. Jetzt denken vielleicht einige unter uns, dann mache ich andere Sünden, und alles geht wieder von vorne los.

Ja, wir Menschen sind halt fehlerhaft. Aber Gott hat uns ja einen eigenen Willen gegeben damit wir eigene Entscheidungen treffen können. Und dann kommt es halt vor, dass wir manchmal im Nachhinein merken, wir haben einen Fehler gemacht. Wir müssen dann nicht verzweifeln, sondern es Gott sagen, damit er uns vergibt.

Unverdient schenkt uns Gott jeden Tag neu seine Barmherzigkeit. Wenn uns das bewusst wird oder ist, hat das Konsequenzen für unser Leben. In Jesus Christus hat uns Gott den geschickt, der uns als der gute Hirte ein Leben lang begleiten möchte. Wenn wir ihm von Herzen nachfolgen, werden auch wir gnädiger und barmherziger. Wir können es nur immer wieder staunend zur Kenntnis nehmen: Gott sucht die Verlorenen und möchte sie nach Hause bringen. Liebe Gemeinde, lassen wir uns seine Liebe gefallen und nehmen wir dankbar seine Gnade und Barmherzigkeit an. Ja, heute geht es um die Rettung der Verlorenen. Schämen wir uns nicht, dass auch wir dazugehören. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

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Predigt

für den 2. So. n. Trinitatis (So. 21.06.20)

zu Mt 11,28-30

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme

des Gottesdienstes am So. 21.06.2020 in der Kirche Steeg anlässlich der Kirchweihe

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Diese Kirche hat schon viel erlebt. Aber ein elfwöchiges Gottesdienstverbot - ich wage zu behaupten, dass es sowas noch nicht gegeben hat in den knapp 700 Jahren, die sie jetzt hier steht. In früheren Krisen, bei Kriegen und Seuchen, da war es umgekehrt. Da wurden die Menschen von der Obrigkeit aufgefordert, in die Kirche zu gehen. So heißt es in einer Steeger Urkunde aus dem Jahr 1666: „Die Pest herrschte allerorten und war auch schon in Bacharach aufgetreten, weshalb der Kurfürst in allen Gemeinden anordnen ließ, dass die Leute mittags um 11 Uhr sollten in die Kirche gehen, Buße tun und Gott bitten, er möge diese schreckliche Seuche gnädigst von ihnen abwenden“.

 

Ob das unter Seuchenschutzgesichtspunkten so zielführend war, sei mal dahingestellt. Wir haben gelernt, dass es Situation gibt, in denen es um der Nächstenliebe willen geboten sein kann, auf Gemeinschaft, auf Kontakte, ja, sogar auf Gottesdienste zu verzichten. Um Menschenleben zu schützen. Das war für mich auch noch mal eine neue Lernerfahrung. Wir haben aber auch noch was anderes gelernt: Dass sich das Evangelium davon nicht aufhalten lässt. Kein Lockdown, kein Gottesdienstverbot kann verhindern, dass das Wort Gottes Seinen Weg zu den Menschen findet. Im Gegenteil: Corona hat dazu geführt, dass Gottesdienste landauf landab das Internet erobert haben. Das wäre sonst icherlich nicht so gewesen. Zumindest nicht jetzt. Unserer Jugend sei Dank, dass das auch bei uns geklappt hat. Und dank der vielen fleißigen Verteiler kommen jede Woche dutzende von Predigtmanuskripten in die Haushalte zu Menschen, die keine Möglichkeit haben, die Online-Gottesdienste mitzufeiern. Beides hat - das haben die Rückmeldungen gezeigt - beides hat vielen Menschen in den letzten Wochen Trost und Halt gegeben.

 

Im ersten Online-Gottesdienst sagte ich, dass ich die durch Corona verordnete Zwangspause als einen Ruf zur Umkehr verstehe. Als eine Einladung, unser Leben noch einmal ganz neu auf Gott auszurichten und es im permanenten Kontakt mit Ihm zu leben. Eine Einladung, die Jesus im heutigen Predigttext so ausdrückt - ich lese aus Mt 11,28-30:

 

 

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

 

 

Mühlselig und beladen. Ich glaube, das gibt das aktuelle Lebensgefühl vieler Leute wieder. Und ich kann’s verstehen. Es ist zermürbend, nichts planen zu können. Nicht zu wissen, worauf man sich einzustellen hat. Vermitteln zu müssen zwischen Menschen, die aus verständlichen Gründen Angst haben, dass die Rückkehr zur Normalität viel zu schnell geht, und solchen, die aus ebenso verständlichen Gründen mit den Hufen scharren, weil es ihnen nicht schnell genug geht. Es ist zermürbend und ermüdend, jeden Tag das Leben neu erfinden zu müssen. Kinderbetreuung, Home-Schoo-ling, Haushalt und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Es ist frustrierend, den 60. Geburtstag oder die Schulentlassfeier abblasen zu müssen. Es ist kräftezehrend, heute noch nicht zu wissen, wie die Einschulung unserer Tochter im August aussieht oder wie es für unseren Sohn am SGG nach den Sommerferien weitergeht. Manchmal sehnt man sich einfach nur danach, dass das alles endlich vorbei sein möge. Einfach Ruhe haben von diesem Thema und eine Powerstation finden, wo wir die leeren Akkus unserer Seele wieder aufladen können.

 

Jesus nennt das „erquicken“. Und sagt: „Kommt zu mir! Ich hab da was für Euch!“ Er verspricht nicht den Himmel auf Erden, nicht das sofortige Ende aller Mühsal. Jesus empfiehlt als ersten Schritt, unsere Last anzunehmen. In der Psychologie nennt man das „radikale Akzeptanz“. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man Probleme nicht dadurch löst, dass man sie leugnet oder mit ihnen hadert. Konstruktive Lösungen sind nur dort möglich, wo man den Tatsachen ins Auge blickt und zunächst mal akzeptiert, dass die Dinge sind, wie sie sind. Was nicht heißt, dass man sie schön finden muss. Das Plus im Glauben gegenüber dem, was die Psychologie zu diesem Thema zu sagen hat, ist, dass Jesus uns nicht nur sagt: „Nehmt die Dinge an, wie sie sind!“ Sondern dass wir unsere Mühsal und unsere Last und die Not, die wir mit ihr haben, teilen dürfen mit dem, der uns geschaffen hat, uns kennt wie kein anderer, uns liebt und will, dass es uns gut geht und dass wir leben. Und dass wir Ihn bitten dürfen: Hilf mir, lieber Gott! Du weißt, dass ich fast zusammenbreche. Hilf mir, die Situation anzunehmen, und hilf mir, sie zu tragen!“

 

In einem zweiten Schritt sagt Jesus: „Lernt von mir!“ Von Jesus lernen heißt leben lernen, liebe Gemeinde. Trotz und mit unseren Lasten, im Kontakt und im Austausch mit Gott. Man kann das mit der radikalen Akzeptanz natürlich übel missverstehen als eine Aufforderung, sich willenlos in sein Schicksal zu ergeben, alles brav über sich ergehen zu lassen, Unrecht und Ungerechtigkeit wortlos hinzunehmen. Das würde aber allem widersprechen, wofür das Evangelium steht. Jesus hat nicht im Sinn, geduldige Opferlämmer zu produzieren, die die Ungerechtigkeiten dieser Welt durch ihr Schweigen und Dulden zementieren. Jesus hat Sein Kreuz getragen. Ja. Aber dieses Lamm Gottes hat damit nicht Ja gesagt zum Unrecht, sondern Ja zur Liebe und zum Leben. Von Jesus lernen heißt Sanftmut lernen. Mit sanftem Mut dieser Welt und diesem Leben begegnen. Nicht aufhören, beides am Wort Gottes zu messen. Und immer wieder zu zeigen, dass es auch anders geht - ohne die Dauerschleife von Gewalt und Gegengewalt. Und von Jesus lernen, heißt, Demut zu lernen. Auch das hat entgegen landläufiger Meinungen nichts mit Unterwürfigkeit und Kriecherei zu tun. Demut ist der Mut, Gott Gott sein zu lassen und im vollen Vertrauen darauf zu leben, dass über uns einer ist, der’s besser kann, der weiter sieht, der weiter weiß, wo wir mit unserem Latein am Ende sind.

 

„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“, sagt Jesus. Ruhe von aller Mühsal, auch wenn sie noch nicht vorbei ist. Ein Boxenstopp im Haus Gottes. Das ist mehr als nur mal eben nach Luft schnappen. Das ist eine Chance, zu den Problemen auf Distanz zu gehen und uns zu vergegenwärtigen, dass sie um Gottes willen nicht grenzenlos sind und dass wir ihnen nicht allein gegenüberstehen. Ruhe finden - das ist etwas, das viele auch in unserer säkularen Welt mit einer Kirche verbinden. Deswegen bin ich froh, dass wir jetzt wieder dürfen… Und ich wünsche dieser alten Anna Kirche, dass sie noch viele Menschen „erlebt“, die anders hier rausgehen, als sie reingekommen sind. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-21 Predigtma[...]
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Predigt

für den 1. So. n. Trinitatis (Sa. 13. / So. 14.06.20)

zu Apg 4,32-35

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme

des Gottesdienstes am Sa. 13.06.2020 in der Kirche Manubach.

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! „Das ist meins!“ Wenn man mehr als ein Kind zuhause hat, hört man diesen Satz relativ regelmäßig - meistens in überdurchschnittlicher Lautstärke und mit nachdrücklichem Ton. Meins und Deins - das ist ein großes Thema. Nicht nur bei Kindern… Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele - nicht alle, aber viele - sich über Besitz definieren. „Mein Haus, mein Auto, mein Schaukelpferd!“ Man meint etwas darzustellen über das, was man hat. Das Ergebnis ist oft ein hasserfüllter Konkurrenzkampf, Neid und Missgunst. Dagegen wirkt das, was Lukas in der Apostelgeschichte über die urchristliche Gemeinde in Jerusalem berichtet, wohltuend weltfremd. Im heutigen Predigttext aus Apg 4,32-35 schreibt er:

 

 

32Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“

 

 

Paradiesische Zustände, oder? Die Gemeindeglieder sind „ein Herz und eine Seele“, alles wird geteilt, keiner leidet Mangel. Super. Die Sache hat aber ihren Preis. Würden Sie das tun, liebe Gemeinde? Würden Sie für Jesus ihr Haus verkaufen, dem Presbyterium den Verkaufserlös vor die Füße legen, um dann von der Hand in den Mund zu leben? Das ist schon 'ne große Nummer. Für die meisten hört beim Geld die Freundschaft auf.

 

Ich frage mich, wie das damals funktionieren konnte, dieser urchristliche Kommunismus, wie das in der Fachsprache genannt wird. Beim politischen Kommunismus hat das bekanntlich nicht so gut geklappt. Wenn man den Leuten was wegnimmt und ihnen sagt: „Ist nicht mehr Deins, gehört jetzt allen!“ dann klatschen die wenigsten vor Freude in die Hände. Der Kommunismus scheitert am Menschen. Nicht nur, weil keiner gern was abgibt, sondern auch, weil der Mensch leider nicht in der Lage ist, aus sich heraus Gleichheit und Gerechtigkeit wirklich zu leben. Einige sind dann am Ende doch gleicher als die anderen. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich in der DDR, dem so genannten Arbeiter- und Bauernstatt, die Wohnsituation eines SED-Funktionärs in Wandlitz so augenfällig unterschied von der des Chemiearbeiters in Bitterfeld.

 

Aber warum ging das dann damals bei den Christen in Jerusalem? In der Gemeinde, die sich nach der Pfingstpredigt des Petrus spontan gegründet hatte? Der Schlüssel zur Erklärung liegt in einem Satz unseres Predigttextes, der auf den ersten Blick mit dem Rest gar nichts zu tun zu haben scheint. Da heißt es in Vers 33: „Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus“. Ein Name und ein Ereignis machen den Unterschied, liebe Gemeinde: Jesus und die Auferstehung. Die Auferstehung Jesu stellt die Welt auf den Kopf. Die Apostel hatten mit Seiner Kreuzigung alles verloren - und mit Seiner Auferstehung alles gewonnen. Wer wie die Jünger einen lieben Menschen verliert, wird auf harte Weise mit der Nase drauf gestoßen, dass wir nichts mit in diese Welt gebracht haben und auch nichts wieder mit hinausnehmen werden. Wenn man diese Erkenntnis zulässt, wird einem klar, wie unsinnig es ist, sich über Besitz  definieren zu wollen. Das hat alles keinen Bestand. Wenn der Sensemann kommt, hilft die Yacht im Hafen oder der Bungalow auf Ibiza herzlich wenig. Der Tod schlägt einem alles aus der Hand.

 

Aber wenn das alles wäre, dann wäre das ja jetzt keine so wahnsinnig aufbauende Erkenntnis. Gott sei Dank, dass es noch weiter geht: Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Und damit sozusagen alles ratifiziert, was der verkündigt hat. Gott setzt mit der Auferweckung Sein Siegel darunter und sagt: „Stimmt alles, was der gesagt hat!“ Und Jesus hatte gesagt, dass wir Kinder Gottes sind und dass Gott die Ewigkeit mit uns verbringen will. Das hat den Christen damals geholfen hat, die verkrampfte Fixierung auf Meins und Deins hinter sich zu lassen. Das Wissen: Was wir sind, verdanken wir nicht dem Besitz, den wir im Laufe unseres Lebens anhäufen, sondern dem Erbe, das auf uns wartet. Und wenn wir Kinder Gottes sind, dann sind wir - ich sagte es letzte Woche schon - untereinander Geschwister.

 

Ich weiß, der Vergleich ist gefährlich, weil irdische Geschwister wahrhaftig nicht immer „ein Herz und eine Seele“ sind. Aber weil für uns in Ewigkeit gesorgt ist, können Christenmenschen entspannte Geschwister sein. Neidfrei und ohne voller Hass und Missgunst auf das zu schielen, was die anderen haben. Weil für uns in Ewigkeit gesorgt ist, können wir ein entspanntes Verhältnis zu den Gütern dieser Erde haben und das tun, was die ersten Christen damals getan haben: Schauen, was einer nötig hat. Die sind ja nicht hergegangen und haben den Erlös aus ihrer freiwilligen Selbstenteignung mit der Gießkanne über alle verteilt. Nein. „Man gab einem jeden, was er nötig hatte.“

 

Das, liebe Gemeinde, ist Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne. Im biblischen Sinne. Nicht Gießkannenprinzip, sondern hinschauen: Was brauchst Du, was brauche ich, was brauchen wir wirklich um zu leben? Und wenn wir ehrlich an die Frage rangehen, wird ziemlich schnell klar: Das ist gar nicht so viel. Es ist nicht viel, was man wirklich braucht. Aber einige haben selbst das nicht. Und andere haben davon viel zu viel. Das geht mit dem Glauben nicht zusammen. Wir haben es in der Lesung aus Jesaja 5 vorhin gehört - die scharfe Kritik an einem Heuschreckenkapitalismus, der zum Wohle weniger vielen anderen die Grundlage zum Leben entzieht.

 

Unser Predigttext aus Apg 4 ist kein politisches Manifest. Und doch ist er eine ernste Anfrage an unsere Art zu leben und zu wirtschaften. Der Glaube an Jesus ist nicht nur was für ein paar erbauliche Stunden am Wochenende. Er ist auch ein Gestaltungsauftrag; ein Auftrag, unsere Welt mitzugestalten - im Sinne Jesu. Und dazu gehört vom heutigen Predigttext her gesehen, dass wir uns einsetzen für eine Wirtschafts- und Sozialordnung, die nicht wachstums- sondern bedarfsorientiert ist. Die ein entkrampftes Verhältnis zu den Gütern dieser Erde hat. Die sie als Geschenk betrachtet und dankbar annimmt und bereit ist, sie zu teilen. Das funktioniert, wenn wir aufhören uns zu definieren über das, was wir haben, und uns stattdessen „definieren“ über das, was wir um Jesu willen sind. Gebe Gott, dass wir dahin kommen, von dieser Lebenshaltung von Herzen sagen zu können: Das ist meins! Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt für den 1. So. n. Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-14 Predigtma[...]
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Predigt

für Trinitatis (07.06.20)

 

Online-Gottesdienst aus der Kirche St. Georg in Winzberg

und Gottesdienst aus der Kirche St. Anna in Steeg

 

 

Liebe Gemeinde! Bekommen Sie auch regelmäßig einen Knoten im Kopf, wenn Sie sich fragen, wie man sich das eigentlich vorstellen soll mit dem „dreieinigen“ Gott? Immerhin fängt jeder Gottesdienst an mit den Worten „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

 

„Eins gleich drei.“ Was mathematisch erstmal eine Herausforderung ist, erkläre ich meinen Konfirmanden gerne anhand eines Dreiecks (ein Vorfahrt-Achten-Schild wird gezeigt). Das Dreieck hat drei Seiten. Trotzdem ist es nur ein Gegenstand. Die Theologie hat das Phänomen der Trinität auf den Begriff gebracht: „Ein Wesen, drei Erscheinungsformen“. Dazu noch ein anderes Beispiel aus unserer Erfahrungswelt, das Sie alle kennen: Wasser. Wasser kommt in drei verschiedenen Erscheinungsformen vor: In fester Form als Eis, flüssig als Wasser, gasförmig als Wasserdampf. Trotzdem ist es immer Wasser.

 

So kommt Gott als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist vor, und ist trotzdem immer Gott. Schauen wir uns die drei Seiten einfach mal an und nehmen dabei einen kurzen Text aus 2 Kor 13,13 zu Hilfe - den so genannten Kanzelgruß, mit dem ich fast jede Predigt beginne:

 

 

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

 

 

Hier ist die Reihenfolge anders: Jesus, der Sohn, dann Gott, der Vater, dann der Heilige Geist. Man kann das also drehen und wenden, wie man will. Auf jeden Fall sind hier drei Erscheinungsformen Gottes drei Eigenschaften zugeordnet. Als Gott, der Vater, begegnet uns Gott als der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Er ist es, der dem Menschen das Leben gibt. Ihm ist hier in 2 Kor 13 das Wort Liebe zugeordnet.

 

Eigentlich, so könnte man denken, könnte Gott sich ja selbst genug sein. Warum hat Er die Erde und den Menschen überhaupt erschaffen? Er hätte sich eine Menge Ärger erspart, wenn er es nicht getan hätte. Aber Gott wollte diese Schöpfung. Und Er wollte den Menschen als Gegenüber. Gott ist ein Beziehungstyp. Ohne uns wüsste Gott gar nicht, wohin mit Seiner Liebe. In Gott, dem Sohn, hat diese Vater-Liebe buchstäblich Hand und Fuß bekommen. Jesus ist die Ausgeburt der Liebe Gottes. Niemand anderes als der allmächtige Gott selbst ist in Jesus als Mensch zur Welt gekommen. Ihm, Jesus, ist in unserem Predigttext das Wort Gnade zugeordnet.

 

Jetzt könnte man fragen: „Wenn Gott allmächtig ist, warum hat Er den Menschen dann so fehlerhaft konzipiert, dass er auf Gnade angewiesen ist?“ Die Sollbruchstelle der Schöpfung ist, dass Gott den Menschen als ein Wesen mit Freiheit und Verantwortung geschaffen hat. Gott hält sich den Menschen nicht wie einen Hund. Ein Hund kann von seinem Rudelinstinkt her gar nicht anders, als sein Herrchen zu lieben und sich ihm willenlos unterzuordnen.

 

Aber Gott hat uns nicht als Hunde geschaffen, sondern als Menschen. Als Seine Kinder. Kinder werden irgendwann „flügge“. Damit ist auch die Möglichkeit gegeben, sich vom Vater abzuwenden. Wie irdischen Eltern auch tut Gott das weh, wenn wir uns abwenden. Aber Er lässt uns diese Freiheit. Weil Er Sein Vater-Sein nicht mit Gewalt durchsetzen will, sondern es in Liebe lebt. Und so wie liebende Eltern ihren Kindern nachgehen, wenn sie sich abwenden, so geht Gott uns nach. Das ist der Grund, warum Er in Jesus Mensch geworden ist. Er wollte uns zeigen, wie wichtig wir Ihm sind. Und weil Er nicht will, dass wir verlorengehen, ist Er uns so weit nachgegangen, dass Er nicht nur unser Leben, sondern auch unseren Tod geteilt hat, um uns zu retten. Zu erlösen. Verdient haben wir das nicht. Das ist Gnade. Gott tut das, weil Er uns liebt.

 

Und Gott, der Heilige Geist, ist nun die Erscheinungsform Gottes, mit der Er sich uns erfahrbar macht. Ohne den Heiligen Geist hätten wir keinen Kontakt zu Gott. Gott kann man nicht sehen. Aber manchmal spürt man, dass Er da ist. Wenn das passiert, dann ist der Heilige Geist am Werk. Wie beim Wind. Den kann man auch nicht sehen. Aber seine Wirkung, die kann man sehen und spüren. Dass wir Gott spüren und dass es zu einer persönlichen Beziehung zwischen Ihm und uns kommt, das ist das Werk des Heiligen Geistes. Deswegen ist Ihm im Predigttext das Wort Gemeinschaft zugeordnet. Durch die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sind wir mit Gott verbunden. Er vermittelt uns die Gewissheit, dass wir Seine Kinder sind. Wenn wir aber Seine Kinder sind, dann sind wir untereinander - Geschwister.

 

Der Heilige Geist schafft also nicht nur Gemeinschaft mit Gott, sondern – untrennbar damit verbunden – auch untereinander. Daran müssen wir gelegentlich erinnert werden. Die drei Wesenszüge Gottes – die Gnade, die Liebe, die Gemeinschaft - wollen und sollen sich in unserem Leben widerspiegeln. Damit bin ich nochmal bei dem Dreieck. Ich habe nicht ohne Grund dieses Verkehrszeichen als Beispiel mitgebracht. „Vorrang gewähren!“ oder „Vorfahrt achten!“ Im Glauben an den dreieinigen Gott zu leben, bedeutet, mal ein bisschen den Fuß vom Gas zu nehmen. Uns nicht für die zu halten, vor denen die Welt still zu stehen hat. An den dreieinigen Gott zu glauben, bedeutet, dem Vater, dem Schöpfer und Seiner Schöpfung Vorrang zu geben vor unseren ausufernden Ansprüchen.

 

Corona hat uns ein anderes Schild vor die Nase gesetzt. Das hier (Stop-Schild). Wochen lang stand alles still. Nichts ging mehr. Wenn man im Straßenverkehr an so einem Schild anhalten muss, gilt das hier (Vorfahrt achten) implizit mit. Es reicht nicht, wenn man schön zählt: 21, 22, 23… Entscheidend ist, dass man die Zeit nutzt um sich zu orientieren, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, zu sehen, was da abgeht. Um Konsequenzen abzuschätzen: Kann ich die Bremse wieder lösen? Was passiert, wenn ich jetzt wieder anfahre? Habe ich freie Bahn? Oder gefährde ich mich und andere? Riskiere ich vielleicht sogar, dass es kracht?!

 

Die durch Corona verordnete Zwangspause war Zeit zum Nachdenken. Gebe Gott, dass wir, wenn jetzt die Stop-Schilder wieder verschwinden, Ihm, unserm Schöpfer, Vorrang geben vor unseren Ansprüchen. Dass wir uns nicht zu einem „Einfach weiter wie vorher“ hinreißen lassen. An Gott, den Schöpfer glauben, heißt achtsam zu sein. Achtsam und liebevoll mit Seiner Schöpfung umzugehen (übrigens auch mit sich selbst, denn jeder von uns ist ein Teil dieser Schöpfung). Gott, dem Sohn Vorrang zu geben, würde bedeuten, auch mit den anderen - unseren Geschwistern - achtsam umzu-gehen. Gnade walten zu lassen. So wie Jesus mit uns gnädig ist. Und Gott, dem Heiligen Geist Vorrang zu geben, würde bedeuten, die Gemeinschaft  wertzuschätzen, in die wir hineingestellt sind. Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Jetzt nicht die Ellbogen ausfahren und zusehen, wie man zu seinem Recht kommt, sondern - da sind wir wieder dabei - auf die anderen achten.

 

Mag sein, dass wir einen Knoten im Kopf bekommen, wenn wir über die Trinität nachdenken. Aber wenn sich Gnade, Liebe und Gemeinschaft in unserem Umgang miteinander ereignen, dann ist der dreieinige Gott ganz lebendig in unserer Mitte. Gebe Gott, dass wir nicht nur am Sonntagmorgen, sondern bei allem, was wir tun, auch im Alltag, sagen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Predigt für den Sonntag Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-07 Predigtma[...]
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Predigt

für Pfingstsonntag (31.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche Steeg. Der Predigt liegt die Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 i.A. zugrunde:

 

 

Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle, die zu Jesus hielten, versammelt. Plötzlich gab es ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Dann sahen sie etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden ließ sich eine Flammenzunge nieder. Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, jeder und jede, wie es ihnen der Geist Gottes eingab. Nun lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als sie das mächtige Rauschen hörten, strömten sie alle zusammen. Sie waren ganz verwirrt, denn jeder hörte die Versammelten, die Apostel und die anderen, in seiner eigenen Sprache reden. Außer sich vor Staunen riefen sie: »Die Leute, die da reden, sind doch alle aus Galiläa! Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam, aus Mesopotamien, aus Judäa und Kappadozien, aus Pontus und aus der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, aus der Gegend von Zyrene in Libyen und sogar aus Rom. Wir sind geborene Juden und Fremde, die sich der jüdischen Gemeinde angeschlossen haben, Insel- und Wüstenbewohner. Und wir alle hören sie in unserer eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkünden!« Erstaunt und ratlos fragten sie einander, was das bedeuten solle. Andere machten sich darüber lustig und meinten: »Die Leute sind doch betrunken!«

 

Da stand Petrus auf und die elf anderen Apostel mit ihm, und er rief laut: »Ihr Juden aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems! Lasst euch erklären, was hier vorgeht; hört mich an! Die Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst neun Uhr früh. Nein, hier geschieht, was Gott durch den Propheten Joël angekündigt hat: „Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt Gott, dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.“ Ihr Männer von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe! Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst. Den habt ihr durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. So hatte Gott es nach seinem Plan im Voraus bestimmt. Und genau den hat Gott aus der Gewalt des Todes befreit und zum Leben erweckt; denn der Tod konnte ihn unmöglich gefangen halten. Diesen Jesus also hat Gott vom Tod auferweckt; wir alle sind dafür Zeugen. Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den Heiligen Geist, damit er ihn über uns ausgießt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes! Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.«

 

Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: »Brüder, was sollen wir tun?« Petrus antwortete: »Kehrt jetzt um und lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen Heiligen Geist schenken.«

 

Noch mit vielen anderen Worten beschwor und ermahnte sie Petrus. Und er sagte zu ihnen: »Lasst euch retten vor dem Strafgericht, das über diese verdorbene Generation hereinbrechen wird!« Viele nahmen seine Botschaft an und ließen sich taufen. Etwa dreitausend Menschen wurden an diesem Tag zur Gemeinde hinzugefügt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

 

Liebe Gemeinde! Man kann schon ein bisschen neidisch werden, wenn man das hört. Da scheint ja richtig die Post abgegangen zu sein damals, Pfingsten in Jerusalem. Verglichen damit geht es bei uns eher nüchtern zu. Kein Brausen füllt das Haus (wenn man vom Rauschen des Orgelmotors mal absieht…). Corona tut sein Übriges dazu bei den Gottesdiensten, die wir heute in unseren Kirchen feiern. Mundschutz und Maulkorb, was das Singen angeht, alle schön auf Abstand, den Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase - das ist nicht unbedingt dazu angetan, großartig Stimmung aufkommen zu lassen. Aber ich glaube, der Heilige Geist lässt sich davon nicht aufhalten. Damals hat er größere Hindernisse überwunden. Wir haben die Pfingstgeschichte gerade gehört. Ein paar Dinge möchte ich noch erklären:

 

Pfingsten – das Wort – kommt vom griechischen penthkosth. Auf Deutsch heißt das nichts weiter als fünfzig. Pfingsten ist der fünfzigste Tag nach Ostern. Für die Jünger Jesu ist in diesen 50 Tagen 'ne Menge passiert. Sie haben nach der Kreuzigung erlebt, dass Jesus auferstanden ist. Immer wieder ist Er ihnen begegnet, hat mit ihnen gesprochen und sogar gegessen. 40 Tage nach Ostern war damit Schluss. Die sogenannte Himmelfahrt markiert den Punkt, ab dem Jesus Seinen Jüngern nicht mehr sichtbar erschienen ist. Vor Seinem Abschied gab Er ihnen den Auftrag: „Ihr sollt meine Zeugen sein und sollt die frohe Botschaft in alle Welt tragen.“ Ich nehme mal an, die Jünger haben sich damit leicht überfordert gefühlt. Immerhin war Jesus als religiöser Unruhestifter hingerichtet worden. „Wenn wir uns jetzt als Sein Fanclub outen, kann’s passieren, dass man uns als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung einstuft und uns auch ans Kreuz nagelt. Außerdem sind wir ungebildete Leute. Keiner von uns hat Theologie studiert oder einen Rhetorikkurs gemacht.“ Aber Jesus hatte gesagt: „Wartet’s ab! Ihr werdet die nötige Kraft bekommen, wenn’s soweit ist.“ Zehn Tage hat es gedauert, dann hat sich Sein Versprechen bewahrheitet.

 

Lukas schreibt, dass das Kommen des Heiligen Geistes flankiert wird von einem Rauschen wie von einem starken Wind und von ominösen Feuerzungen. Das sind Symbole. Das hebräische Wort für ist Geist ist dasselbe wie für Wind: Ruach. Wind kann man nicht sehen. Aber seine Wirkung. Man hört ihn rauschen, spürt ihn im Gesicht, man sieht, wie er an den Bäumen die Äste hin und her bewegt. Aber den Wind an sich sieht man nicht. Genau so ist es beim Heiligen Geist. Ihn selbst sieht man nicht. Aber man kann sehen, wie Er Menschen bewegt. Das ist das eine Symbol, der Wind. Das zweite ist das Feuer. Feuer ist im Alten Testament ein Bild für die unbändige und ansteckende Kraft Gottes. Der Heilige Geist kommt, und die Jünger sind Feuer und Flamme. Sie fassen Mut und fangen an, von Jesus zu erzählen. Und das sogar in verschiedenen Sprachen.

 

Jerusalem war voller Touristen, weil gerade das Schawuot-Fest gefeiert wurde. Das ist ein Erntedankfest zur Weizenernte. Gleichzeitig erinnert dieses Fest an dem Empfang der Zehn Gebote. Menschen aus fast allen Völkern rund um das Mittelmeer und aus dem vorderen Orient waren da, zumal viele Ausländer fest dort wohnten. Trotz ihrer unterschiedlichen Sprachen versteht plötzlich jeder jeden, als die Jünger loslegen. Pfingsten ist Völkerverständigung. Und dann hält Petrus eine Predigt, die sich gewaschen hat. Unter den Zuhörern waren etliche, die am Karfreitag gegrölt hatten: „Kreuzige ihn!“ Denen sagt Petrus nun: „Ihr habt Jesus ans Kreuz schlagen lassen. Aber eben diesen Jesus, den hat Gott vom Tod auferweckt.“ Petrus konfrontiert seine Zuhörer knallhart mit ihrer Schuld. Die Schuld besteht darin, dass sie sich haben hinreißen lassen zum Hass, zum Pogrom gegen Jesus, das in der Kreuzigung gipfelte. Ganz normale, „unbescholtene“ Bürger haben mit dafür gesorgt, dass Er sterben musste, bloß, weil Er in kein Schema passte. Petrus wirft diesen Menschen vor: „Ihr wart auf dem Holzweg, als Ihr dachtet zu wissen, wer Gott ist und was Er will. Und vor allem, als Ihr meintet, Ihr tätet Ihm einen Gefallen, wenn Ihr den aus dem Weg räumt, der Euch nicht in den Kram passte. Gott hat anders entschieden. Der Tod konnte diesen Mann nicht halten, der die Liebe Gottes gelebt hat wie kein anderer. Gott hat Ihn, der sich buchstäblich von Euch auf Seine Liebe festnageln ließ, zum Herrn gemacht. Das – oder besser gesagt: Er ist für alle die Chance auf Leben.“

 

Die Predigt hätte Petrus Kopf und Kragen kosten können. Aber es kam anders. „Dieses Wort traf sie mitten ins Herz“, schreibt Lukas. Gebe Gott, dass dieses Wort auch uns mitten ins Herz trifft. Dass wir erkennen, dass wir mit Hass, mit unseren vorschnellen Urteilen über andere, mit unserem Schubladendenken und unserer Feindseligkeit  fürchterlichen Schaden anrichten. Und dass wir voll daneben liegen, wenn wir meinen, wir täten Gott einen Gefallen, wenn wir Andersgläubige bekämpfen. Wenn das christliche Abendland, um das sich einige Zeitgenossen so sehr sorgen, wenn das Christliche am Abendland eine Chance haben soll, dann liegt die gewiss nicht darin, dass wir die Konkurrenz „ausschalten“, sondern darin, dass wir einzig und allein  voll und ganz darauf vertrauen, dass sich die Liebe durchsetzt. Die Liebe, die für uns einen Namen hat: Jesus. Es passt nicht zu dieser Liebe und sie hat es auch nicht nötig, dass man anderen den Mund verbietet. Diese Liebe hat sich schon gegen den Tod durchgesetzt, und sie braucht jetzt nur noch eines: Menschen, die sie leben. Die sich vom Geist der Liebe beseelen lassen statt vom Geist des Hasses. Menschen, die Feuer und Flamme sind für Jesus (so wie andere für ihren Fußballverein). Die klare Worte finden, statt ängstlich zu schweigen. Die sich eindeutig zu Jesus bekennen, statt sich hinter schwammigen Allgemeinplätzen zu verstecken. Die Visionen haben, statt zu resignieren. Da, wo solche Menschen sind, ist Pfingsten. Dafür muss es nicht so spektakulär zugehen wie damals in Jerusalem. Entscheidend ist, ob wir

 

1. die ausgebreiteten Arme der Liebe wahrnehmen, die Gott uns in Jesus entgegenstreckt, ob wir

2. unsere Schuld erkennen, umkehren und Seine Einladung annehmen, und ob wir uns

3. begeistern lassen, diese Einladung in Wort und Tat an andere weiterzugeben – ganz gleich, ob es sich dabei um muslimische Flüchtlinge, konservative Deutsche oder durchschnittliche Gleichgültige handelt.

 

Wenn wir dem Heiligen Geist Raum geben, brauchen wir uns nicht über die aktuellen Umstände zu grämen, brauchen auch nicht neidisch zu sein auf das, was damals in Jerusalem abgegangen ist, sondern können uns überraschen lassen, was mit Seiner Kraft heute möglich ist. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt 31.05.2020 Pfingsten
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