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Evangelische Kirchengemeinde Vierthäler
Evangelische Kirchengemeinde Vierthäler

An(ge)dacht

 

Wohin mit meiner Wut?

 

Gefühle wie Wut und Zorn genießen in christlichen Kreisen keinen guten Ruf. Getreu dem Motto „…aber wir haben uns doch alle lieb!“, kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Dumm nur, dass unsere Gefühle sich davon nicht wirklich beeindrucken lassen. So wird manche Verletzung und mancher Konflikt unter den Teppich gekehrt. Eine zeitlang mag das funktionieren. Aber irgendwann stolpert man darüber. Und dann brechen sich die unerwünschten Emotionen umso hässlicher ihre Bahn. Im Monatsspruch für Februar aus Epheser 4,26 heißt es:

 

„Zürnt ihr, so sündigt nicht;

lasst die Sonne nicht

über eurem Zorn untergehen.“

 

Vordergründig scheint dieses Wort der Unterdrückung „negativer“ Gefühle wie Zorn und Wut Vorschub zu leisten. Aber bei genauerem Hinsehen wird das Bild differenzierter. Wenn der Apostel schreibt: „Zürnt ihr, so sündigt nicht“, heißt das ja, dass das Gefühl „Zorn“ an sich noch keine Sünde ist. Es gilt allerdings aufzupassen, dass keine Sünde daraus wird. Etwa dadurch, dass wir die geballte Wucht unserer Emotionen unreflektiert über dem hernieder prasseln lassen, der sie ausgelöst hat. Oder indem wir unseren Zorn künstlich am Köcheln halten, den Groll pflegen, bis er chronisch wird, flankiert von definitiven Urteilen wie: „Der bzw. die ist bei mir ein für allemal unten durch!“ Das ist Sünde.

 

Das deutsche Wort „Sünde“ kommt von „Sund“. Sünde ist etwas, das trennt – voneinander, aber auch von Gott, der ja nicht nur unser Schöpfer ist, sondern auch der unserer Kontrahent*innen. Was zwischen ihnen und uns steht, steht so auch zwischen Gott und uns. Deshalb mahnt der Apostel zur Versöhnungsbereitschaft: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“

 

Auch dieser zweite Teil des Monatsspruchs liest sich vordergründig wieder so, als sei eine Versöhnung in jedem Fall und auf Biegen und Brechen noch vor Einbruch der Dunkelheit zu suchen. Wenn das gelingt – umso besser. Aber es gelingt eben nicht immer. Es gibt Verletzungen, die gehen zu tief. Da braucht man seine Zeit, bis man mental wieder runterkommt und die Sache klarer sieht.

 

Aber genau das ist das Ziel: „Pass auf, dass eure Emotionen euch nicht komplett vereinnahmen. Lasst nicht zu, dass Zorn und Wut euren Horizont verdunkeln.“ So verstehe ich die Aufforderung des Apostels. Die berühmte „Nacht drüber schlafen“ kann da helfen. Besonders, wenn man vor dem Schlafengehen und nach dem Aufwachen die Hände faltet und sagt:

 

„Herr, du siehst, wie es mir geht. Die weißt auch, wer das ausgelöst hat. Du weißt, wie tief mich das verletzt hat. Hilf mir Frieden zu finden. Nimm meine Wut von mir und lass mich zur Ruhe kommen. Du hast alles Zerstörerische am Kreuz auf dich genommen. Dort will ich alles abladen, was mich gefangen nimmt und quält. Mach mich bereit und fähig zur Versöhnung und hilf mir, mit dir an meiner Seite auf den anderen zuzugehen! Amen.“

 

Wenn der Weg dann geschafft ist, stellt man manchmal fest, dass unangenehme Gefühle wie Wut und Zorn besser sind als ihr Ruf. Sie gehören zu unserer Grundausstattung, mit der Gott uns Menschen geschaffen hat. Sie zu leugnen bringt nichts. Im Gegenteil: Sie können heilsame Veränderungen in unseren Beziehungen bewirken, wenn wir mit Gottes Hilfe konstruktiv damit umgehen.

 

Ihr

Pfr. Timm Harder

 

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