Gemeindebüro

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An(ge)dacht

Predigt

für Pfingstsonntag (31.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche Steeg. Der Predigt liegt die Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 i.A. zugrunde:

 

 

Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle, die zu Jesus hielten, versammelt. Plötzlich gab es ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Dann sahen sie etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden ließ sich eine Flammenzunge nieder. Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, jeder und jede, wie es ihnen der Geist Gottes eingab. Nun lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als sie das mächtige Rauschen hörten, strömten sie alle zusammen. Sie waren ganz verwirrt, denn jeder hörte die Versammelten, die Apostel und die anderen, in seiner eigenen Sprache reden. Außer sich vor Staunen riefen sie: »Die Leute, die da reden, sind doch alle aus Galiläa! Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam, aus Mesopotamien, aus Judäa und Kappadozien, aus Pontus und aus der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, aus der Gegend von Zyrene in Libyen und sogar aus Rom. Wir sind geborene Juden und Fremde, die sich der jüdischen Gemeinde angeschlossen haben, Insel- und Wüstenbewohner. Und wir alle hören sie in unserer eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkünden!« Erstaunt und ratlos fragten sie einander, was das bedeuten solle. Andere machten sich darüber lustig und meinten: »Die Leute sind doch betrunken!«

 

Da stand Petrus auf und die elf anderen Apostel mit ihm, und er rief laut: »Ihr Juden aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems! Lasst euch erklären, was hier vorgeht; hört mich an! Die Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst neun Uhr früh. Nein, hier geschieht, was Gott durch den Propheten Joël angekündigt hat: „Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt Gott, dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.“ Ihr Männer von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe! Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst. Den habt ihr durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. So hatte Gott es nach seinem Plan im Voraus bestimmt. Und genau den hat Gott aus der Gewalt des Todes befreit und zum Leben erweckt; denn der Tod konnte ihn unmöglich gefangen halten. Diesen Jesus also hat Gott vom Tod auferweckt; wir alle sind dafür Zeugen. Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den Heiligen Geist, damit er ihn über uns ausgießt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes! Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.«

 

Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: »Brüder, was sollen wir tun?« Petrus antwortete: »Kehrt jetzt um und lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen Heiligen Geist schenken.«

 

Noch mit vielen anderen Worten beschwor und ermahnte sie Petrus. Und er sagte zu ihnen: »Lasst euch retten vor dem Strafgericht, das über diese verdorbene Generation hereinbrechen wird!« Viele nahmen seine Botschaft an und ließen sich taufen. Etwa dreitausend Menschen wurden an diesem Tag zur Gemeinde hinzugefügt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

 

Liebe Gemeinde! Man kann schon ein bisschen neidisch werden, wenn man das hört. Da scheint ja richtig die Post abgegangen zu sein damals, Pfingsten in Jerusalem. Verglichen damit geht es bei uns eher nüchtern zu. Kein Brausen füllt das Haus (wenn man vom Rauschen des Orgelmotors mal absieht…). Corona tut sein Übriges dazu bei den Gottesdiensten, die wir heute in unseren Kirchen feiern. Mundschutz und Maulkorb, was das Singen angeht, alle schön auf Abstand, den Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase - das ist nicht unbedingt dazu angetan, großartig Stimmung aufkommen zu lassen. Aber ich glaube, der Heilige Geist lässt sich davon nicht aufhalten. Damals hat er größere Hindernisse überwunden. Wir haben die Pfingstgeschichte gerade gehört. Ein paar Dinge möchte ich noch erklären:

 

Pfingsten – das Wort – kommt vom griechischen penthkosth. Auf Deutsch heißt das nichts weiter als fünfzig. Pfingsten ist der fünfzigste Tag nach Ostern. Für die Jünger Jesu ist in diesen 50 Tagen 'ne Menge passiert. Sie haben nach der Kreuzigung erlebt, dass Jesus auferstanden ist. Immer wieder ist Er ihnen begegnet, hat mit ihnen gesprochen und sogar gegessen. 40 Tage nach Ostern war damit Schluss. Die sogenannte Himmelfahrt markiert den Punkt, ab dem Jesus Seinen Jüngern nicht mehr sichtbar erschienen ist. Vor Seinem Abschied gab Er ihnen den Auftrag: „Ihr sollt meine Zeugen sein und sollt die frohe Botschaft in alle Welt tragen.“ Ich nehme mal an, die Jünger haben sich damit leicht überfordert gefühlt. Immerhin war Jesus als religiöser Unruhestifter hingerichtet worden. „Wenn wir uns jetzt als Sein Fanclub outen, kann’s passieren, dass man uns als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung einstuft und uns auch ans Kreuz nagelt. Außerdem sind wir ungebildete Leute. Keiner von uns hat Theologie studiert oder einen Rhetorikkurs gemacht.“ Aber Jesus hatte gesagt: „Wartet’s ab! Ihr werdet die nötige Kraft bekommen, wenn’s soweit ist.“ Zehn Tage hat es gedauert, dann hat sich Sein Versprechen bewahrheitet.

 

Lukas schreibt, dass das Kommen des Heiligen Geistes flankiert wird von einem Rauschen wie von einem starken Wind und von ominösen Feuerzungen. Das sind Symbole. Das hebräische Wort für ist Geist ist dasselbe wie für Wind: Ruach. Wind kann man nicht sehen. Aber seine Wirkung. Man hört ihn rauschen, spürt ihn im Gesicht, man sieht, wie er an den Bäumen die Äste hin und her bewegt. Aber den Wind an sich sieht man nicht. Genau so ist es beim Heiligen Geist. Ihn selbst sieht man nicht. Aber man kann sehen, wie Er Menschen bewegt. Das ist das eine Symbol, der Wind. Das zweite ist das Feuer. Feuer ist im Alten Testament ein Bild für die unbändige und ansteckende Kraft Gottes. Der Heilige Geist kommt, und die Jünger sind Feuer und Flamme. Sie fassen Mut und fangen an, von Jesus zu erzählen. Und das sogar in verschiedenen Sprachen.

 

Jerusalem war voller Touristen, weil gerade das Schawuot-Fest gefeiert wurde. Das ist ein Erntedankfest zur Weizenernte. Gleichzeitig erinnert dieses Fest an dem Empfang der Zehn Gebote. Menschen aus fast allen Völkern rund um das Mittelmeer und aus dem vorderen Orient waren da, zumal viele Ausländer fest dort wohnten. Trotz ihrer unterschiedlichen Sprachen versteht plötzlich jeder jeden, als die Jünger loslegen. Pfingsten ist Völkerverständigung. Und dann hält Petrus eine Predigt, die sich gewaschen hat. Unter den Zuhörern waren etliche, die am Karfreitag gegrölt hatten: „Kreuzige ihn!“ Denen sagt Petrus nun: „Ihr habt Jesus ans Kreuz schlagen lassen. Aber eben diesen Jesus, den hat Gott vom Tod auferweckt.“ Petrus konfrontiert seine Zuhörer knallhart mit ihrer Schuld. Die Schuld besteht darin, dass sie sich haben hinreißen lassen zum Hass, zum Pogrom gegen Jesus, das in der Kreuzigung gipfelte. Ganz normale, „unbescholtene“ Bürger haben mit dafür gesorgt, dass Er sterben musste, bloß, weil Er in kein Schema passte. Petrus wirft diesen Menschen vor: „Ihr wart auf dem Holzweg, als Ihr dachtet zu wissen, wer Gott ist und was Er will. Und vor allem, als Ihr meintet, Ihr tätet Ihm einen Gefallen, wenn Ihr den aus dem Weg räumt, der Euch nicht in den Kram passte. Gott hat anders entschieden. Der Tod konnte diesen Mann nicht halten, der die Liebe Gottes gelebt hat wie kein anderer. Gott hat Ihn, der sich buchstäblich von Euch auf Seine Liebe festnageln ließ, zum Herrn gemacht. Das – oder besser gesagt: Er ist für alle die Chance auf Leben.“

 

Die Predigt hätte Petrus Kopf und Kragen kosten können. Aber es kam anders. „Dieses Wort traf sie mitten ins Herz“, schreibt Lukas. Gebe Gott, dass dieses Wort auch uns mitten ins Herz trifft. Dass wir erkennen, dass wir mit Hass, mit unseren vorschnellen Urteilen über andere, mit unserem Schubladendenken und unserer Feindseligkeit  fürchterlichen Schaden anrichten. Und dass wir voll daneben liegen, wenn wir meinen, wir täten Gott einen Gefallen, wenn wir Andersgläubige bekämpfen. Wenn das christliche Abendland, um das sich einige Zeitgenossen so sehr sorgen, wenn das Christliche am Abendland eine Chance haben soll, dann liegt die gewiss nicht darin, dass wir die Konkurrenz „ausschalten“, sondern darin, dass wir einzig und allein  voll und ganz darauf vertrauen, dass sich die Liebe durchsetzt. Die Liebe, die für uns einen Namen hat: Jesus. Es passt nicht zu dieser Liebe und sie hat es auch nicht nötig, dass man anderen den Mund verbietet. Diese Liebe hat sich schon gegen den Tod durchgesetzt, und sie braucht jetzt nur noch eines: Menschen, die sie leben. Die sich vom Geist der Liebe beseelen lassen statt vom Geist des Hasses. Menschen, die Feuer und Flamme sind für Jesus (so wie andere für ihren Fußballverein). Die klare Worte finden, statt ängstlich zu schweigen. Die sich eindeutig zu Jesus bekennen, statt sich hinter schwammigen Allgemeinplätzen zu verstecken. Die Visionen haben, statt zu resignieren. Da, wo solche Menschen sind, ist Pfingsten. Dafür muss es nicht so spektakulär zugehen wie damals in Jerusalem. Entscheidend ist, ob wir

 

1. die ausgebreiteten Arme der Liebe wahrnehmen, die Gott uns in Jesus entgegenstreckt, ob wir

2. unsere Schuld erkennen, umkehren und Seine Einladung annehmen, und ob wir uns

3. begeistern lassen, diese Einladung in Wort und Tat an andere weiterzugeben – ganz gleich, ob es sich dabei um muslimische Flüchtlinge, konservative Deutsche oder durchschnittliche Gleichgültige handelt.

 

Wenn wir dem Heiligen Geist Raum geben, brauchen wir uns nicht über die aktuellen Umstände zu grämen, brauchen auch nicht neidisch zu sein auf das, was damals in Jerusalem abgegangen ist, sondern können uns überraschen lassen, was mit Seiner Kraft heute möglich ist. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt 31.05.2020 Pfingsten
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Online-Gottesdienst 2020-05-31 Predigtma[...]
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Predigt

für den So. Exaudi (24.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche Henschhausen. Der Predigt liegt folgender Text aus Joh 16,5-7.13a zugrunde:

 

 

Jesus sagt: „Jetzt gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten.

 

 

Liebe Gemeinde! Es gibt so ein paar Sätze, die habe ich als Kind immer gehasst wie die Pest. Einer davon war: „Komm, mein Kind, das ist gut für Dich!“ Davon wollte ich nichts wissen, wenn meine Eltern mit einem Löffel Penicillin vor mir standen und schon der Geruch von dem Zeug mir den Magen zuschnürte. Oder wenn meine Tante mit der Cremedose hinter mir herlief in der Absicht, mir diese Creme ins Gesicht zu schmieren. Oder wenn man morgens nicht in die Schule will und dann gesagt kriegt: „Das muss sein! Es ist gut für Dich!“ Inzwischen habe ich die Seite gewechselt. Jetzt bin ich der, der mit der Creme hinter unserer Kleinsten herläuft und mit unserem Sohn über Sinn und Unsinn der Schulpflicht diskutiert. Und manchmal fällt mir tatsächlich nichts Besseres ein als zu sagen: „Das muss sein. Es ist gut für Dich!“

 

„Es ist gut für Dich!“ Die Wahrheit dieses Satzes erschließt sich oft erst im Nachhinein. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch bei den Jüngern so war. Die mussten sich das auch anhören – von niemand Geringerem als von Jesus persönlich. Mit dem Predigttext, den wir vorhin gehört haben, springen wir nochmal in die Situation vor Himmelfahrt zurück. Jesus spricht mit den Jüngern über Seinen bevorstehenden Abschied und sagt allen Ernstes: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“ Wie kann Jesus sowas sagen?! „Es ist gut für Euch, dass ich weggehe“. Was könnte besser sein, als dass Er bei Seinen Jüngern bleibt?

 

Abschiede sind immer schwierig. Man sieht, was man verliert. Aber man sieht noch nicht das, was kommt. Das ist so, wenn man die Schule wechselt, den Arbeitsplatz oder den Wohnort, oder wenn man den Arzt wechseln muss. Das Alte kennt man, das Neue noch nicht. Da hilft es erstmal wenig, wenn der Doktor sagt: „Meine Kollegin macht das auch gut!“, wenn man insgeheim nur denkt: „Toll, ich will aber Dich als Arzt behalten!“ Jesus sagt sowas Ähnliches: „Ich schicke Euch Ersatz.“ So nach dem Motto: „Kollege kommt gleich!“ Der Heilige Geist. Der Tröster, wie Er Ihn nennt. Wer ist dieser „Tröster“? Das griechische Wort paraklhtoV, das hier im Urtext steht, heißt wörtlich „der Herbeigerufene“, der „Beistand“. Ursprünglich meint das den Anwalt vor Gericht. Jesus weiß, dass Seinen Jüngern Situationen bevorstehen, wo sie wegen ihres Glaubens an Ihn verfolgt werden.

 

Uns hier in Deutschland droht heute – Gott sei Dank – keine Verfolgung wegen unseres Glaubens. Trotzdem ist es oft nicht leicht, vom Glauben zu reden. Das braucht Mut. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die man mit der Existenz Gottes nicht überein kriegt, die am eigenen Glauben kratzen, wird’s ganz schnell eng. Dann braucht man nicht nur Mut, dann braucht man Trost. Die letzen Wochen haben viele aus der Bahn geworfen. Kaum etwas ist so, wie es war. Feste, auf die man sich gefreut hat (wie die Kerb), müssen abgesagt werden. Überall ist Abstand halten angesagt, keine Umarmung, keine Berührung, kein Abzappeln in prall gefüllten Diskotheken, keine Konzertbesuche, und ob der Sommerurlaub stattfinden kann, steht auch noch in den Sternen. Und das sind im Vergleich noch die harmloseren Auswirkungen. Einige haben schon ihre Arbeit verloren, andere drehen am Rad, weil die Kinder sie beim Homeoffice terrorisieren, viele haben mit wachsenden Ängsten zu kämpfen. Manch einer steht vor den Trümmern seines Lebenswerkes, und wieder anderen hat die Epidemie eiskalt einen lieben Menschen von der Seite gerissen - ohne dass man sich irgendwie halbwegs würdig hätte verabschieden können.

 

Verlusterfahrungen haben das Potenzial eines biografischen Erdbebens. Da sieht man sich dem Leben plötzlich nicht mehr gewachsen. Jetzt mal egal, ob Corona die Ursache dafür ist oder was anderes. Das gab’s ja auch vorher schon.

 

Ich bin aber sicher, dass viele von Ihnen gerade in solchen Momenten Ihre Erfahrungen mit dem Heiligen Geist gemacht haben. Mit dem Beistand, dem Tröster. Wo Sie sich rückblickend fragen: „Woher hatte ich die Kraft, das durchzustehen?“ und zu dem Ergebnis kommen: Die Kraft hat Gott mir gegeben. Der Heilige Geist. Ihr persönlicher Anwalt des Lebens im Kampf mit den Schatten des Todes. Glaubens- und Lebenshilfe von oben. Nächste Woche feiern wir Pfingsten. Den Tag, an dem Jesus Sein Versprechen wahr gemacht hat, Seinen Jüngern diesen Tröster zu senden. Plötzlich beseelt ungeahnter Mut die verängstigten Jünger. Vorher hatten sie sich eingeschlossen. Jetzt fängt mit Simon Petrus plötzlich ein einfacher Fischer an zu predigen und begeistert wildfremde Menschen für Jesus. Und die kleine Jüngerschar erlebt einen Wachstumsschub. Auf einmal sind es nicht mehr nur ein paar wenige, sondern ganz viele. Nächsten Sonntag mehr dazu.

 

Wäre Jesus als Mensch  sichtbar bei den Seinen geblieben, hätte Er auf Dauer nicht für alle da sein können. Nicht jeder Deutsche kann eine persönliche Beziehung zur Bundeskanzlerin haben. Das geht nicht. Die kommt zwar jeden Abend durch’s Fernsehen zu uns ins Wohnzimmer, aber ich weiß nicht, ob jemand unter Ihnen ist, den sie kennt. Das ist ja das, was die Leute manchmal sagen lässt: „Die da oben haben doch keine Ahnung, wie es im wirklichen Leben aussieht!“ Ein Vorwurf, der auf Gott nicht zutrifft, liebe Gemeinde. „Der da oben“ weiß genau Bescheid, was los ist. Er ist ja selbst runtergekommen und hat sich ein Bild gemacht von unserer Lage. Hat im Leben und Sterben Jesu  unser Leben und unser Sterben geteilt und weiß um all die Traurigkeiten, ja und auch um die Grausamkeiten, die Menschen erleben müssen. Und um eben für jeden von uns an unserer Seite sein zu können, hat Er nach dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu  Seinen Geist geschickt. Durch den können wir alle eine persönliche Beziehung zu Ihm haben. Der Preis dafür ist, dass wir Ihn nicht sehen können. Alles, was man sehen kann, hat Grenzen. Sonst könnte man ja nicht von außen draufgucken. Als Mensch war Jesus an Raum und Zeit gebunden. Wäre Er sichtbar bei Seinen Jüngern geblieben, wäre das so geblieben.

 

Der Heilige Geist ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Er ist die entgrenzte Gegenwart Jesu. Wenn Jesus also sagt: „Es ist gut für Euch, dass ich weggehe“, dann hat Er genau das gemeint: „Als Mensch muss ich gehen. Sonst kann ich nicht für alle da sein. Aber der Heilige Geist tritt an meine Stelle, und durch Ihn bin ich für alle da! Immer und überall.“ Wenn man sich das so klarmacht, muss man zugeben: „Jesus, Du hattest Recht. Es ist tatsächlich gut für uns, dass Du aufgehört hast, sichtbar bei deinen Jüngern zu sein, und dass du stattdessen deinen Geist geschickt hast. Denn so haben wir mehr von Dir!“ Amen.

 

 

Die Predigt
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Online-Gottesdienst 2020-05-24 Predigtm[...]
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Predigt

für Christi Himmelfahrt (21.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der St. Oswald Kirche Manubach. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 24,44-53 zugrunde:

 

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Von Jerusalem an seid ihr dafür Zeugen. Und siehe, ich sende auf euch, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe. Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

 

Liebe Gemeinde! Abschied tut weh. Bestimmt haben Sie auch schon mal mit einem dicken Kloß im Bauch am Bahnsteig, auf der Straße oder am Flughafen gestanden und einem lieben Menschen nach gewunken. Richtig grässlich, dieses Gefühl, wenn man dann zurück kommt ins Haus, und alles fühlt sich so leer an. Kein Wunder, dass in solchen Momenten manche Träne fließt…

 

Damit wäre eigentlich auch bei den Jüngern zu rechnen gewesen, als Jesus sich am Himmelfahrtstag von ihnen verabschiedete. Sie hatten ja schon einiges hinter sich in den Wochen davor. Erst wurde Jesus am Karfreitag hingerichtet; sie dachten: „Jetzt ist alles aus!“ Dann steht er Ostern plötzlich vor ihnen, quietschlebendig, und erklärt ihnen, dass das alles so kommen musste. Und 40 Tage später heißt es wieder: Abschied nehmen. Ich hätte es verstanden, wenn die Welt da endgültig für sie zusammen gebrochen wäre. Lukas berichtet aber, dass sie alles andere als traurig waren: „…sie kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude“. Von Abschiedsschmerz keine Spur. Okay, es gibt auch Abschiede, wo man froh ist, wenn der Besuch endlich wieder weg ist. Da steht man an der Tür und sagt: „Schön, dass Du da warst!“ Und denkt insgeheim: „Und noch schöner, dass Du wieder gehst!“ Zu dieser Art von Besuch wird Jesus aber für die Jünger kaum gehört haben… Stellt sich also die Frage, warum die Jünger bei diesem Abschied trotzdem fröhlich waren. Was hat es mit der „Himmelfahrt“ Jesu auf sich?

 

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Schilderung des Evangelisten höchst unspektakulär ist. Beinahe nebensächlich erscheint das, was dem heutigen Tag seinen Namen gegeben hat: „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf in den Himmel.“ Das ist alles. Offenbar hat der Evangelist kein Interesse daran, wie das vonstatten ging. Das Entscheidende ist der Auftrag an die Jünger und der Segen, den Jesus ihnen zuspricht. Jesus lässt was da, bevor Er geht. Einen Anspruch und einen Zuspruch. Der Anspruch ist: „Ihr seid meine Zeugen“. Die Jünger sollen einstehen für das, wovon Jesus geredet hat, was Er gelebt hat und wofür Er gestorben ist. Sie sollen erzählen von den Begegnungen mit Ihm nach Seinem Tod, die ihnen klar gemacht haben: Jesus ist auferstanden. Er hat dem Tod die Lizenz entzogen. Und sie sollen in Seinem Namen, im Namen Jesu, Menschen einladen zur Buße.

 

Buße - das klingt für unsere Ohren ganz grauselig. Klischees lassen grüßen: Auf Knien durch den Staub robben, sich mit Peitschenhieben selbst kasteien… Ich glaube aber, dass das, was Jesus mit Buße meint, etwas ist, wonach sich viele Menschen im Grunde ihres Herzens sehnen: Nämlich ausbrechen zu dürfen aus eingefahrenen Gleisen. Umkehren aus den Sackgassen, in die wir uns verrannt haben, und noch mal neu anfangen. Im Moment ist die Chance dazu. Ich sagte bei unserem allerersten Online-Gottesdienst im März, dass ich es zwar nicht für zielführend halte, darüber zu spekulieren, ob Corona eine Strafe Gottes ist, dass ich darin aber sehr wohl einen Ruf zur Umkehr sehe. Die plötzliche Vollbremsung, die wir erlebt haben, stellt uns vor die Frage, was wirklich zählt. Eigentlich wussten wir schon vor Corona, dass es nicht ewig so weitergehen kann mit dem immer höher, immer mehr, immer schneller. Jetzt ist die Gelegenheit, mal ganz ehrlich zu sein mit uns selbst und uns klar machen, wo wir im Begriff waren, das Leben vor die Wand zu fahren – das Miteinander mit anderen, unsere Umwelt, unsere Beziehung zu Gott. Jetzt ist die Chance zur Umkehr. Gott streckt uns die Hand entgegen und sagt: „Kommt, Leute, ich vergeb Euch. Ihr dürft noch mal neu durchstarten.“ Wenn wir das annehmen, kann in unserem Leben manches anders werden. Dafür ist Jesus gestorben, um wegzuräumen, was uns von Gott trennt. Und mit Seiner Auferstehung hat Er uns gezeigt, dass Gott das Leben nicht aufgegeben hat. Dass am Ende nicht alles im garstigen Nichts des Todes verschwindet, sondern dass Gott dem Leben zum Sieg verhilft.

 

Den Menschen das weiterzusagen, das ist der Auftrag, den Jesus Seinen Jüngern gibt. Keine leichte Aufgabe. Aber, wie gesagt, Jesus nimmt Seine Jünger nicht nur in Anspruch, Er gibt ihnen auch Seinen Zuspruch: Jesus hebt die Hände und segnet Seine Jünger. Er stellt sie unter Gottes Schutz. Und Er verspricht ihnen „die Kraft aus der Höhe“, Power von oben, den Heiligen Geist. Quasi als „Ablösung“, der ihnen Kraft gibt zum Leben und zum Glauben. Aber was passiert danach mit Jesus? Damit sind wir noch mal bei der Himmelfahrt. Wer in der Bibel nachliest, wird merken, dass nur der Evangelist Lukas diese Geschichte aufgeschrieben hat - dafür gleich zweimal. Und die beiden Versionen sind so unterschiedlich, dass auf der Hand liegt: Es geht ihm nicht darum, zu sagen: „Genau so ist es gewesen!“ Die Kernaussage von Himmelfahrt ist nicht, dass Jesus Wolken in Aufzüge verwandeln kann. Himmelfahrt bedeutet: Die Zeit, wo Jesus sichtbar auf der Erde war, ist zu Ende. Jesus ist zurückgekehrt in die Wirklichkeit Gottes. Eine Wirklichkeit, die unseren Augen entzogen ist. Aber braucht’s dafür die Himmelfahrtsgeschichte?

 

Manchmal kann man die Bibel besser verstehen, wenn man ein bisschen über die Hintergründe weiß. Auf uns wirkt diese Himmelfahrtssache ziemlich abgefahren. Aber damals im Römischen Reich war die Vorstellung, dass herausragende Persönlichkeiten in den Himmel entrückt wurden, total verbreitet. Mit seiner „Himmelfahrt“ wurde einem verstorbenen Kaiser bescheinigt, dass er mehr war als nur ein Mensch. Quasi ein Gott. Lukas konnte also sicher sein, dass seine Leser verstanden, worum es ging. Und wenn man das weiß, wird deutlich: Das war eine totale Provokation, zu sagen: „Jesus ist in den Himmel aufgefahren!“ Nicht der Kaiser in Rom wird von Gott zum Weltherrscher ernannt, sondern ein gekreuzigter Wanderprediger aus dem Provinznest Nazareth! Er ist der Herr!

 

Das ist die Kernaussage der Himmelfahrtsgeschichte: Jesus ist Herr! Die Jünger können zurückkehren mit großer Freude, weil Gott neue Maßstäbe setzt. Weil Er den großen und oft so brutalen Herrschern dieser Welt eine Grenze setzt und sagt: „Die wahren Herren, das seid nicht Ihr. Der wahre Herr ist Jesus, weil Seine Macht in der Liebe besteht.“ Die Jünger können nach ihrem Abschied von Jesus zurückkehren mit großer Freude, weil Jesus der Herr ist! Sie preisen Gott, weil Himmelfahrt gerade nicht heißt: Er ist weg! Sondern: Er ist da! Bei ihnen. Nicht mehr sichtbar, aber in der Kraft Seines Geistes.

 

Christi Himmelfahrt ist also nicht die Situation am Bahnsteig oder am Flughafen mit Kloß im Bauch und Taschentuch in der Hand. Nicht Trauer und Abschiedsschmerz sind angesagt, sondern Hoffnung - und darauf warten, dass Sein Geist uns bereit macht, für eine Erneuerung der Welt einzutreten – in Seinem Sinne und in Seinem Namen. Amen.

 

 

Predigtmanuskript
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Online-Gottesdienst 2020-05-21 Predigtma[...]
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Predigt

für den So. Rogate (17.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus dem Kirchsaal in Neurath. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 11,5-13 zugrunde:

 

Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: „Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann!“, und der drinnen würde antworten und sprechen: „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“ Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Liebe Gemeinde! Hat das mit dem Beten  Sinn? Ist da überhaupt einer, der mir zuhört? Oder ist das alles am Ende bloß Fake - krasser gesagt: Selbstbeschiss?! Manchmal denken wir ja: „Früher war das alles einfacher! Die Leute, die zur Zeit Jesu gelebt haben, für die war das gar keine Frage!“ Ganz offenbar war es das aber doch. Sonst hätte Jesus nicht so 'ne Geschichte erzählen müssen wie die, die wir gerade gehört haben. Eine Geschichte, mit der Er jedenfalls klar sagt: „Ja, Beten hat Sinn!“

 

„Stell Dir vor“, sagt Er, „da steht auf einmal mitten in der Nacht einer bei dir auf der Matte, hat eine lange Reise hinter sich, hat Hunger bis unter die Arme - und du hast nichts zu Essen mehr im Haus.“ Gastfreundschaft wurde und wird im Orient großgeschrieben. Insofern wird es den Zuhörern damals eiskalt den Rücken runter gelaufen sein bei der Vorstellung: „Da steht Besuch vor der Tür, und ich kann nichts anbieten!“ Mal eben zur Tanke fahren und was holen, war damals nicht. Blieb nur die Möglichkeit, einen Freund aus dem Bett zu werfen und um Hilfe zu bitten. Nun bestanden die Häuser damals in der Regel aus einem einzigen Raum. Da gab’s kein extra Kinder- oder Elternschlafzimmer. Wenn da nachts einer an die Tür bollerte und anfing zu diskutieren, weil er irgendwas brauchte, war das ganze Haus wach. Der drinnen wird aufmachen, sagt Jesus. Und wenn er’s nicht aus Freundschaft tut, dann allein schon, um so schnell wie möglich wieder Ruhe zu haben. „Um wie viel mehr wird Gott euch helfen, wenn ihr Ihn bittet“, folgert Jesus aus diesem Vergleich. Und schiebt hinterher: „Bittet, so wird euch gegeben“.

 

Ich bin sicher, viele von Ihnen haben starke Erfahrungen mit dem Beten gemacht. Vor ein paar Wochen war im Fernsehen ein Interview mit jemandem, der an Corona erkrankt war und bei dem es auf Messer’s Schneide gestanden hatte. Jetzt war er über den Berg und erzählte zusammen mit seiner Frau, wie dankbar sie Gott sind, dass Er ihre Gebete erhört hat.

Das ist so’ne Erfahrung, wo man merkt: „Jo, Jesus hat Recht! Beten hat Sinn!“ Aber es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Da brauchen wir gar nicht drum herum zu reden. Der Mann aus besagtem Interview ist wieder gesund geworden. Andere haben auch gebetet und haben’s nicht gepackt. Warum? Keine Ahnung. Das kann Menschen an den Rand der Verzweiflung bringen. Wenn unser Bitten keine Erfüllung findet, unsere Su-che ergebnislos bleibt und unser Anklopfen ungehört verhallt - wo ist da Gott?

Es gibt Situationen, da bleibt einem nicht mehr, als mit Dietrich Bonhoeffer festzustellen: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche. Aber Er erfüllt alle Seine Verheißungen.“ Eine davon ist die am Ende unseres Predigttextes, wo Jesus sagt: Wenn schon Menschen ihren Kindern geben, was sie zum Leben brauchen - „wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten!“

 

Vielleicht geht’s uns mit dieser Verheißung so ähnlich wie einem Kind, das von seinen Eltern das kriegt, was es braucht - aber nicht das, was es will. Soll ja vorkommen, dass Eltern ihren Kindern einen Wunsch ausschlagen müssen. Dann ist das Theater groß. Tränen, Verzweiflung und Geschrei, der Haussegen hängt schief, dunkle Wolken über der Beziehung. Vielleicht löst das Versprechen Jesu, uns den Heiligen Geist zu geben, eine ähnliche Reaktion in uns aus wie bei einem trotzigen Kind: Was nützt mir Heilige Geist, wenn ich für ein neues Smartphone bete? Was nützt der Heilige Geist, wenn jemand bittet, dass er wieder gesund wird?

 

Mir geht es so, liebe Gemeinde: Gott tut zwar nicht immer das, worum ich ihn bitte. Aber wenn ich bete, merke ich, ich werde ruhiger. Im Kontakt zu Gott spüre ich, dass ich runterkomme, dass Sorgen oder Ärger Grenzen bekommen.

 

Im Johannesevangelium bezeichnet Jesus den Heiligen Geist als „Tröster“. Der uns trotz aller Enttäuschung, allem Nicht-Verstehen-Können irgendwie dennoch spüren lässt, dass Gott uns nicht im Stich lässt. So wie ein Kind bei aller Wut über die Eltern, die ihm gerad den denkbar wichtigsten Wunsch der Welt verweigern, ja trotzdem weiß: „Meine Eltern sorgen für mich. Und sie haben mich lieb, und ich hab sie auch lieb, auch wenn ich sie aktuell gerade ziemlich doof finde.“ Durch alle atmosphärischen Störungen hindurch weiß das Kind: „Meine Eltern sind für mich da!“ Sonst würde es gar nicht so rumrebellieren. So’nen Aufstand hinzulegen, setzt Vertrauen voraus und eine tragfähige Beziehung.

 

Vertrauen und eine tragfähige Beziehung zu Gott – das ist das, was der Heilige Geist in uns macht. Ich will mal einen etwas gewagten Vergleich bringen: Der Heilige Geist ist so etwas wie das Computerprogramm für den Glauben. Wenn man z.B. ein PDF-Dokument geschickt bekommt, hat aber keinen Adobe Reader auf seinem Rechner installiert, kann der PC mit dem Dokument nix anfangen.

 

Ohne den Heiligen Geist können wir mit Gott nix anfangen. Den brauchen wir, um Seine Spuren in unserem Leben dechiffrieren zu können. Selber besorgen können wir uns den nicht. Aber drum beten. „Und wenn Ihr das tut, wenn Ihr Gott darum bittet, dann gibt Er Ihn Euch, den Heiligen Geist. Darauf könnt Ihr Euch verlassen“, sagt Jesus.

 

Wenn man sich ein Computerprogramm aus dem Internet runter lädt – ich bleib jetzt mal bei dem Adobe Reader, dann erscheint nach dem Download auf dem Bildschirm so ein Dialogfeld, da steht: „Möchten Sie zulassen, dass dieses Programm Veränderungen an Ihrem Computer vornimmt?“ Dann kann man anklicken: „Zulassen“ oder „Nicht zulassen“. Wenn man „Nicht zulassen“ anklickt, passiert gar nichts. Dann war der ganze Download für die Katz. Aber wenn man „zulassen“ anklickt, tun sich ganz neue Welten auf.

 

Wenn wir zulassen, dass der Heilige Geist an unserem „Computer“ Veränderungen vornimmt, dann eröffnen sich ganz neue Dimensionen von Wirklichkeit. Dann erleben wir Gott in unserem Leben als Realität. Das heißt nicht, dass dann alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Aber es kann eine Beziehung zu Gott wachsen, eine Vertrauensbeziehung, die so tragfähig ist, dass sie auch dann hält, wenn was nicht so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben. Und gerade dann werden wir feststellen: Beten hat Sinn, aber hallo! Amen.

 

Predigt 17.05.20
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Predigt

für den So. Kantate (10.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche Breitscheid. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Chronik 5,1-5.10.12-14 zugrunde:

 

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Liebe Gemeinde! Ein Gottesdienst ohne Singen ist wie ein Sonntagsbraten ohne Soße. Okay, es gibt Leute, die essen den Braten lieber ohne Soße; es gibt auch welche, die essen die Soße ohne den Braten. Aber Sie wissen, was ich meine: Das Singen, die Musik  gehört zum Gottesdienst. Und das schon seit jeher. Wir haben im Predigttext aus 2. Chronik 5 einen Bericht gehört von der Einweihung des Jerusalemer Tempels im 10. Jahrhundert vor Christus. Lange Zeit hatte Israel - im Gegensatz zu seinen Nachbarn - keinen Tempel. Und das aus gutem Grund: Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der Sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und auf seinem Weg durch die Wüste begleitet hat, dieser Gott lässt sich nicht auf einen bestimmten Ort festlegen. Es ist nicht so, als hätte Israel vorher kein Heiligtum gehabt. Im Predigttext wird berichtet, wie die Stiftshütte mit der Bundeslade in den neu errichteten Tempel überführt wurde. Die Stiftshütte war ein zerlegbares, mobiles Heiligtum, das die Israeliten auf ihrem langen Weg ins gelobte Land bei sich hatten. Ein Tempel to go sozusagen. Es wird aber im Text extra nochmal darauf hingewiesen, dass dieser portable Tempel kein Gottesbild beherbergte, sondern lediglich die Bundeslade, in der sich die zwei Tafeln mit den Zehn Geboten befanden, die Mose auf dem Berg Horeb in Empfang genommen hatte. Die Zeichen des Bundes also, den Gott mit Seinem Volk dort geschlossen hatte.

 

Nun war Israel aber mittlerweile sesshaft geworden in dem Land, das Gott  Abraham, Isaak und Jakob versprochen hatte. Und die Leute fingen an sich einzurichten und ihren Glauben so ein bisschen schleifen zu lassen. Je besser es ihnen ging, umso mehr… Und man liebäugelte auch gerne mal mit den Gottheiten der Nachbarvölker. Dass Israel nach langem Hin und Her unter König Salomo schließlich doch einen Tempel bekam, war dem Versuch geschuldet, das Volk in Sachen Glauben zusammenhalten. Der Tempel wurde also nicht gebaut, um Gott auf einen Ort zu begrenzen, sondern um einen Ort zu haben, an dem Menschen sich Seiner Gegenwart vergewissern und vor allem Ihn gemeinsam loben konnten. Das ist das Entscheidende, liebe Gemeinde. Das ist für mich auch das entscheidende Argument, warum wir Kirchen brauchen: Um unseren Glauben in Gemeinschaft zu leben. Um Gott in unserer Mitte zu loben. Und dazu gehört eben besonders das Singen und Musizieren.

 

Wir haben es gehört: Beim ersten Gottesdienst im Jerusalemer Tempel hat ein ganzes Heer von Sängern und Musikern mitgewirkt. Bezeichnender Weise ist es dieser Moment des gemeinsamen Lobpreises, in dem Gott sich der versammelten Gemeinde im Tempel zeigt. Im Predigttext heißt es: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiel erhob und man den Herrn lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn.“ Dazu muss man wissen: Die Wolke ist in der Bibel ein Zeichen für die unsichtbare Gegenwart Gottes. Als Mose auf dem Berg Sinai, dem Horeb war um die Gebotstafeln in Empfang zu nehmen, da umhüllte ihn ebenfalls eine Wolke. Wenn es jetzt hier heißt, dass der neu errichtete Tempel mit einer Wolke erfüllt wird, bedeutet das nichts anderes, als dass Gott da einzieht und sich den Tempel als Sein Haus zu Eigen macht. Er sagt Ja dazu, dass Menschen Ihm dieses Heiligtum errichtet haben - und zwar in dem Moment, wo dort Sein Name mit Pauken und Trompeten gelobt wird.

 

Wir Christen haben viele Heiligtümer. Allerdings geht es in unseren Kirchen selten so ab wie damals im Jerusalemer Tempel. Vielleicht liegt das daran, dass wir Volkskirchler uns mit unserer leicht verklemmten mitteleuropäischen Mentalität ein bisschen schwer tun mit dem Lob Gottes. Der Lobpreis kommt in unseren Gemeinden zu kurz. Das ist so. Wir lamentieren lieber statt zu loben. Mit Beinen schwer wie Blei sitzen wir mit dem dicken Hintern unserer kultivierten Klagementalität dem Heiligen Geist gewaltig im Weg. Viele Zeitgenossen gehen auch an die Sache mit Gott heran mit der Haltung: „Ich hab Gott noch nicht gesehen. Soll Er sich doch erst mal zeigen!“

 

So wird das nichts, liebe Gemeinde. Man kann Gott nicht von der Zuschauertribüne aus beobachten. Wenn die Israeliten sich damals in ihren neuen Tempel gehockt hätten mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht und gesagt hätten: „So, dann wollen wir mal gucken, was das hier gibt!“, dann hätte es vermutlich gar nichts gegeben. Aber sie machen es andersherum: Sie gehen einfach davon aus, dass Gott da ist, und loben Ihn, danken Ihm für Seine Güte, die sie längst in ihrem Leben erfahren haben. Man muss nur hinschauen, um es zu sehen. Man muss bereit sein, Gottes Spuren in eigenen Leben zu lesen - und mit Ihm in Kontakt treten. Und das geht am besten über’s Loben und Danken. Wenn Sie einen Menschen lächeln sehen wollen, loben Sie ihn! Wenn Sie Gottes Lächeln spüren wollen, loben Sie Ihn!

 

Das Singen ist die Sprache des Glaubens. Es verbindet die Gläubigen untereinander - bei aller Verschiedenheit, trotz aller Differenzen, die sie sonst trennen mögen - politisch, theologisch, ethisch - im Singen, im Musizieren werden wir eins. Und Gott selbst kommt uns nah. So nah, dass es keines Vermittlers mehr bedarf. Ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist, aber da heißt es im Predigttext: „Als man den Herrn lobte […]; da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“ Gott ist so präsent, so nah, dass zwischen Ihn und Sein Volk kein Priester mehr passt. Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, ist mit Seinen Menschen auf Du und Du. Der sich nicht zu schade war, sich in einem Tempel loben zu lassen, war sich auch nicht zu schade, sich in Jesus in unseren Alltag hinabzubegeben, einer von uns zu werden und uns damit hautnah zu kommen. Das allein ist Grund genug, Ihm auf ewig zu lobsingen.

 

Singen und Musizieren gehören seit jeher zum Gottesdienst. Aber jetzt heißt es auf einmal: „Nein, ist nicht! „Singen verboten!“ Damit muss ich persönlich erst noch fertig werden, liebe Gemeinde. Es wäre mehr als grotesk gewesen, wenn wir ausgerechnet heute, am Singesonntag Kantate, nach Wochen zum ersten Mal wieder Gottesdienst gefeiert hätten und dann nicht hätten singen dürfen. So dürfen Sie das wenigstens zuhause. Wir werden in den kommenden Wochen irgendwann von der Möglichkeit Gebrauch machen, unsere Kirchentüren wieder zu öffnen. Eine zeitlange werden wir unseren Sonntagsbraten dann wohl trocken zu uns nehmen müssen. Ohne Soße. Gebe Gott, dass diese Phase nicht allzu lang wird und dass wir bald das Gottesdienst-Menu wieder komplett genießen dürfen in den „Tempeln“, die unsere Vorfahren dafür errichtet haben. Amen.

 

Predigtmanuskript 10.05.2020
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Predigt

für den So. Jubilate (03.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder!

 

Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Moritz in Oberdiebach anlässlich der Kerb. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Korinther 4,14-18 zugrunde:

 

Wir wissen: Gott, der Jesus vom Tod auferweckt hat, wird auch uns auferwecken. Dann werden wir mit euch gemeinsam vor Gott stehen. Alle Entbehrungen aber ertragen wir für euch. Denn je mehr Menschen das unverdiente Geschenk der Güte Gottes annehmen, umso mehr werden Gott danken und ihn über alles ehren. Darum geben wir nicht auf. Wenn auch unsere körperlichen Kräfte aufgezehrt werden, wird doch das Leben, das Gott uns schenkt, von Tag zu Tag erneuert. Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange und ist leicht zu ertragen in Anbetracht der unendlichen, unvorstellbaren Herrlichkeit, die uns erwartet. Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.

 

Liebe Gemeinde! Irgendwie erinnert mich das Ganze hier ein bisschen an "Dinner for one“, jene Kultsendung, die jedes Jahr zu Silvester im Fernsehen kommt, auch bekannt unter dem Titel „Der 90. Geburtstag“. Miss Sophie lädt zum Dinner. Allein - es fehlen die Gäste. Die betagte Dame hat alle überlebt. Und so muss sie mit ihrem Butler James alleine feiern. Auch diese betagte Dame hier (gemeint ist die Oberdiebacher Kirche) feiert heute Geburtstag, und auch hier fehlen die Gäste, wenn auch aus anderen Gründen. Anders als bei Dinner for one ist das zum Glück nicht „The same procedure as every year“ (d.h. dieselbe Prozedur wie jedes Jahr). Aber dieses Jahr muss unser Geburtstagskind quasi mit mir als Butler vorlieb nehmen, wenn ich auch nicht James heiße. Keine Sorge, den legendären Läufer mit dem Tigerkopf haben wir weggeräumt, damit es keinen Ärger mit der Berufsgenossenschaft gibt. Und - auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen zu enttäuschen -, ich beabsichtige nicht, für jeden von Ihnen das Glas zu heben und mich damit dann hier in der nächsten Viertelstunde abzuschießen.

 

Aber gefeiert wird trotzdem, wenn auch kleiner. Unser Geburtstagskind steht mit seinem Dilemma ja nicht alleine da. So wie unserer Kirche geht es vielen in diesen Wochen. Manche von Euch, von Ihnen, haben sich auch lange auf einen großen Tag gefreut: Den 18. oder den 50., den 70. oder 90. Geburtstag; das Abi, die Hochzeit oder die Goldhochzeit, die Taufe oder die Konfirmation. Und für die Oberdiebacher: Ganz zu schweigen natürlich von dem Fest, das an diesem Wochenende hätte steigen sollen - für manche das Highlight des Jahres. Und jetzt? Alles abgeblasen. Nix geht. Oder fast nix. Corona sei Dank. Das ist schon deprimierend. Wenn einem etwas, worauf man Monate lang zugelebt hat, derart aus der Hand geschlagen wird, sucht man nach etwas, das auch in der Krise  tragfähig ist, krisenfest sozusagen. Der heutige Predigttext stammt aus der Feder eines Menschen, der da was gefunden hat und nicht müde wurde, es anderen weiterzusagen: Der Apostel Paulus. Wir haben’s vorhin gehört. In 2 Kor 4 schreibt er:

 

„Gott, der Jesus vom Tod auferweckt hat, wird auch uns auferwecken. Dann werden wir mit euch gemeinsam vor Gott stehen. […] Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.“

 

Irgendjemand unter Euch denkt bestimmt jetzt: „Ey, sag mal, geht’s noch?! Ich trauere hier gerade um die Kerb, und der kommt mit der Ewigkeit um die Ecke!“ Es ist ein gängiger Vorwurf gegenüber Leuten, die glauben, sie würden sich, sobald irgendwo ein Problem auftaucht, mit dem Jenseits vertrösten. Aber den Vorwurf kann man Paulus wirklich nicht machen. Dieser Missionar aus Tarsus wusste, was 'ne Krise ist. Mehrmals kam er wegen seines Glaubens ins Gefängnis. Mehrmals wurde er gefoltert, mehrmals versuchte man ihn zu töten. In alledem hat er die Erfahrung gemacht, dass ihn etwas aufrecht hält - trotz allem. „Wenn auch unsere körperlichen Kräfte aufgezehrt werden, wird doch das Leben, das Gott uns schenkt, von Tag zu Tag erneuert“, schreibt er. Paulus hat die Erfahrung gemacht, dass es im Leben eine Kraft gibt, die uns trägt, die aber von außen kommt – besser gesagt: von oben. Eine Kraft, die wir Hoffnung nennen. Hoffnung, dass das, was jetzt ist, noch nicht alles ist. Dass noch was kommt. Diese Hoffnung hat ihr Widerlager in der Auferstehung Jesu. Was Paulus seiner Gemeinde sagen will, ist: „Leute, jetzt denkt doch mal nach. Ihr habt es mit einem Gott zu tun, der den Tod besiegt hat. Der wird doch wohl auch in der Lage sein, mit Euren Problemen im Leben fertig zu werden.“

 

Unser Geburtstagskind zeigt - wie eigentlich jede Kirche - mit der Spitze in den Himmel. Wenn wir Kerb feiern, den Gedenktag der Kirchweihe, dann würdigen wir damit dieses Haus als einen Ort, der uns daran erinnert, dass es mehr gibt als das, was wir sehen. Dass unser Leben ein Widerlager und ein Ziel hat in einer Welt, die sich dem Blick unserer Augen entzieht, aber trotzdem schon tief hineinwirkt in unser Hier und Jetzt. Weil Jesus auferstanden ist, muss nichts so bleiben, wie es ist. Alles, was sich auf dieser Erde abspielt, ist vorläufiger Natur. Selbst der Tod hat seine Endgültigkeit verloren durch das, was an Ostern passiert ist.

 

Im Moment ist alles ziemlich doof. Das ist so. Okay, sagen wir: Vieles ist doof, nicht alles. Corona hat uns ja auch ein paar Dinge genommen, die kein Mensch vermisst. Den Stau auf der A 60 zum Beispiel. Den Fluglärm. Die Hektik, mit der wir sonst durch unseren Alltag brettern. Bei allen Sorgen, bei aller Angst, bei allen Einschränkungen ist immer wieder das Wort Entschleunigung zu hören. Auch das ist ein Teil meiner Hoffnung: Dass wir von dem, was sich Gutes entwickelt hat in dieser Corona-Zeit (nicht zu vergessen auch das Engagement für andere und der Zusammenhalt), dass wir davon was mitnehmen. Dass wir merken: Weniger kann mehr sein. Unsere Ansprüche sind in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen. Unser Glücksgefühl nicht. Vielleicht geht ja auch alles eine Nummer kleiner. Kanufahrt statt Kreuzfahrt. Nordsee statt Nordpol, Zug statt Flug. Die Erwartungen ein Stück runterfahren, ein bisschen Tempo rausnehmen, das würde uns gut tun.

 

Damit will ich nicht wegreden, dass die aktuelle Situation belastend ist. Und sie hat auch was Zermürbendes, weil wir gerade lernen, dass Corona nicht so schnell wieder geht, wie es gekommen ist. Aber es wird vorbeigehen. Corona ist nichts für die Ewigkeit. Für die Ewigkeit steht was anderes auf dem Programm: Feiern. Und zwar ohne Ende. Jesus hat für das ewige Leben, für das Reich Gottes, oft das Bild vom Gastmahl gebraucht. Am Ende der Zeiten gibt Gott ein großes Dinner. Feiern ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es vereint die Sehnsucht nach Begegnung und Gemeinschaft. Das ist es ja, was wir am meisten vermissen, wenn die Kerb ins Wasser fällt oder der Geburtstag. Die Begegnung mit Menschen. Die Gespräche. Das miteinander Essen, Trinken, Tanzen und Feiern. Jesus sagt: „Es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Wenn Er das so sagt, ist das ein relativ klares Indiz dafür, dass Gott da nicht alleine hocken will oder bloß mit Butler. Gott wünscht sich die originalen Gäste an Seinen Tisch. Dazu zählen auch wir. Wenn Gott zu Tisch lädt, wird das kein Dinner for one sondern ein Dinner for everyone. Für jeden. Und kein Virus der Welt wird das vereiteln. Amen.

 

Predigt
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Predigt

für So. Misericordias Domini (26.04.20)

 

 

Liebe Gemeindeglieder!

 

Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Peter in Bacharach. Der Predigt liegt folgender Text aus Hesekiel 34 zugrunde (V 1-5.10-12.15-16.31):

 

Des HERRN Wort geschah zu mir: „Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.

 

So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.“

 

Liebe Gemeinde! Politikerschelte ist zu einem wahren Volkssport geworden. Manche scheinen regelrecht ihr Heil darin zu suchen, unsere Volksvertreter bei jeder Gelegenheit mit Verachtung und Hass zu überziehen. Als wäre das in irgendeiner Weise für irgendwen heilsam. Nun scheint zu allem Überfluss der heutige Predigttext auch noch in diese Kerbe zu hauen. Sie haben’s eben in der ersten Lesung gehört: Gott spricht den Führern Seines Volkes die Kündigung aus. In der Bildsprache von Hirt und Herde zieht Er eine verheerende Bilanz: Den Hirten geht’s nur um sich. Sie weiden sich selbst, anstatt die Schafe zu hüten. Die Herde wird mehr als Selbstbedienungsladen betrachtet denn als Aufgabe, und die Schafe gehen derweil vor die Hunde.

 

Nur um’s noch mal klarzustellen: Mit Hirten sind hier keine Schäfer gemeint, sondern die Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft. Und die Herde, das sind die Bürgerinnen und Bürger. Hinter dem vernichtenden Bild, das Gott im Predigttext zeichnet, steht die Realität Israels um 580 v. Chr. Weite Teile der Bevölkerung sind nach dem verlorenen Krieg gegen die Babylonier deportiert worden. Ein Rest durfte im Land bleiben und bekam von den Eroberern ein gewisses Selbstverwaltungsrecht eingeräumt. Die Führungsinstanzen dieser judäischen Restbevölkerung sind es, die Gott hier im Visier hat. Der Vorwurf lautet: Machtmissbrauch, Selbstbedienungsmentalität und Verletzung der Fürsorgepflicht. Phänomene, die uns nicht fremd sind. Führungspersönlichkeiten, die hauptsächlich mit ihrem Ego beschäftigt sind statt mit den Menschen, für die sie Verantwortung tragen, gibt es auch heute. Manchmal kann man sich nur wundern, welche Gestalten in welchen Häusern residieren... Es gibt ohne Frage Vieles, was kritikwürdig ist am politischen Geschehen, auch in unserem Land.

 

Trotzdem wäre es zu billig, wenn wir einfach nur auf „die da oben“ schimpfen wollten. Viele von uns haben an ihrem Platz nämlich auch so etwas wie Hirtenfunktion. Als Eltern, als Lehrer, als Vorgesetzte, als Arbeitgeber, als Pfarrer (was dasselbe ist wie „Pastor“, und das heißt aus dem Lateinischen übersetzt nichts anderes als - „Hirte“). Wir befinden uns in einer merkwürdigen Doppelrolle, sind sozusagen Schafe und Hirten zugleich. Da ist es gut, dass Gott in Seiner Auseinandersetzung mit denen, die ihr Hirtenamt pervertiert haben, nicht bei Schelte, Kündigung und Strafandrohung stehen bleibt. Gott verspricht, ein Rettungspaket zu schnüren, das gebeutelten Schafen ebenso helfen soll wie überforderten Hirten: Er selbst nimmt sich Seiner Herde an, macht sich ihr Wohlergehen zur Chefsache und wird Hirte. Dieses Versprechen ist jetzt rund 2600 Jahre alt. Was ist daraus geworden? Wo ist Gott in diesem Weltgefüge?

 

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ So haben wir eben mit Ps 23 gebetet. Ein steiler Satz. Wenn man im finstern Tal ist, dann fragt man sich nur manchmal, ob Gott wirklich so ein guter Hirte ist. Unsere Vorstellung ist die, dass das mit einem guten Hirten gar nicht passieren dürfte, dass Gott - wenn Er denn der gute, der liebe Gott ist - solche Talfahrten gar nicht zulassen dürfte.

 

Diesem Anspruch unterwirft sich Gott nicht. So sehr wir es uns manchmal wünschen würden. Gott begegnet uns anders: Als „der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe.“ So versteht Gott Sein Hirtenamt. Wer das Verlorene suchen und das Verirrte zurück bringen will, muss sich dahin begeben, wo das Verlorene und Verirrte ist. Wer das Ver-wundete heilen will, muss sich zu ihm hinunterbeugen. Das macht den guten Hirten aus.

 

Gottes Rettungspaket ist längst geschnürt. Eingetroffen in Bethlehem, endgültig umgesetzt auf Golgatha. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“, sagt Jesus. Er ist Gottes Rettungspaket. Das sagt schon Sein Name. Jesus bedeutet: „Gott rettet. Und Er hat erlebt, was das heißt: „...ob ich schon wanderte im finstern Tal.“ Jesus kennt die Innenperspektive unserer Täler. Darum ist Er der gute Hirte, weil Er nicht kneift, sondern mitgeht, mitten hindurch durch das finstere Tal. In Ihm ist Gott an unserer Seite - bis ins Letzte.

 

Darum gibt es keine Situation mehr in unserem Leben, keine Krise, wo Gott nicht bei uns wäre, um uns zu suchen in unserer Verlorenheit, uns zurückzubringen in Seine schützende Nähe, um unsere Wunden zu verbinden und uns in unserer Schwachheit zu stärken. Und bei aller Aufmerksamkeit für die Verlorenen, Verirrten, Verwundeten und Schwachen vergisst Gott auch die „Gesunden“ nicht. Er will auch sie schützen, die Glücklichen und Starken, die, die mit ihrem Leben zufrieden sind. Schützen vor der Willkür derer, die alles platt machen, vor dem Neid der Missgünstigen, vor der Miesmacherei derer, die das Glück anderer nicht ertragen können. Schützen aber auch vor sich selbst und der Gefahr der Selbstgefälligkeit, der Maßlosigkeit und Verantwortungslosigkeit.

 

Gott ist es, der die Herde aus Starken und Schwachen zusammenhält. Der Mut macht, Freiheit schenkt und zugleich Solidarität fordert und in die Schranken weist, wo Menschen in Gefahr stehen, sich oder anderen zu schaden. Das ist der Unterschied zwischen der prophetischen Kritik aus unserem Predigttext und der Politikerschelte, die ich vorhin als Volkssport bezeichnet habe: Gott haut nicht blindwütig irgendwelche hohlen Hassparolen raus, sondern übernimmt Verantwortung. Seine Entscheidung, den Selbstverliebten und Eigensüchtigen unter den Herrschern das Mandat zu entziehen, ist gekoppelt mit der Entscheidung, ohne Wenn und Aber selbst in diese Rolle mit all ihrer Last einzusteigen. Und das heißt bei Ihm nicht: rauf auf’s hohe Ross, sondern runter in die Niederungen des Lebens - „finsteres Tal“ inbegriffen.

 

Am Ende Seiner Worte an Hesekiel verlässt Gott die Bildebene und sagt: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Das Bild vom Hirten reicht am Ende nicht mehr, um auszudrücken, was Gott für uns sein will. Hirten gibt es viele. Nach wie vor. Gewählte und selbsternannte. Solche, die ihre Verantwortung ernst nehmen, und solche, die nur sich selbst weiden. Und - wie gesagt - an manchen Stellen sind wir selbst Hirten - so oder so. Für uns wie für die anderen gilt: Es ist immer noch einer über uns. Der letzte Platz, die höchste Stelle muss frei bleiben für Gott. Das Heil liegt nicht darin, „die da oben“ mit Hass und Häme zu überziehen, sondern auf den zu vertrauen, der ganz oben steht. Und heilsam wäre es, es Ihm nachzutun und an unserem Platz, so gut wir das können, mit Seiner Hilfe Verantwortung zu übernehmen und bei den Menschen zu sein. Amen.

Predigt 19.04.2020
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Online-Gottesdienst am 22.03.2020

So. Laetare

St. Moritz Kirche Oberdiebach

 

 

ORGEL

 

Eröffnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Begrüßung

Liebe Gemeinde, eigentlich hatte ich mir unter „Sieben Wochen ohne“ etwas anderes vorgestellt. Zumindest nicht sieben Wochen ohne Gottesdienste. Hätten Sie mir das vor zweieinhalb Wochen erzählt, hätte ich gesagt: „Niemals! Und wenn sonst nichts mehr geht - unsere Gottesdienste fallen nicht aus! Wir feiern weiter!“

 

Dass es mal nötig werden würde, aus Nächstenliebe die Kirchen zuzulassen, auf so eine paradoxe Idee wäre ich nicht gekommen. Aber wie die Bundeskanzlerin in ihrer Ansprache sagte: „Abstand ist die beste Fürsorge!“ Mit Blick auf die älteren und gesundheitlich vorbelasteten Mitbürgerinnen und Mitbürger, mit Blick auf das Personal in Arztpraxen, Gesundheitsämtern und Krankenhäusern und mittlerweile auch in den Lebensmittelgeschäften kann man nur sagen: Die massiven Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Corona-Virus sind „alternativlos“.

 

Für uns als Kirchengemeinde heißt das aber nicht, dass es für die nächsten Wochen keine Gottesdienste mehr gibt. Wenn Sie nicht zur Kirche kommen dürfen, dann kommt die Kirche eben zu Ihnen. Und damit herzlich willkommen zum ersten Online-Gottes-dienst der Ev. Kirchengemeinde Vierthäler, hier aus der St. Moritz Kirche Oberdiebach. Dieser Gottesdienst wurde am Freitag aufgezeichnet, da wir zumindest im Moment nicht die technischen Voraussetzungen für eine Live-Übertragung haben.

 

Solange das Versammlungsverbot gilt, werden wir Ihnen, sofern noch schärfere Einschränkungen uns nicht auch das unmöglich machen, jeden Sonntag einen Gottesdienst nach Hause bringen - via Youtube, Instagram und Facebook, oder einfach ganz analog als Ausdruck des Predigtmanuskripts. Auch wenn wir physisch voneinander getrennt sind, sind wir virtuell und im Geist zusammen, und ich bin gewiss, dass das, was Jesus gesagt hat, auch für Online-Gottesdienste gilt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Seine Gegenwart wollen wir feiern, mit Ihm reden und gerade auch in dieser schwierigen Zeit hören, was Gott uns sagen will. Ich wünsche uns dazu Seinen Geist.

 

ORGEL                       Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

 

Schriftlesung              Jes 66,10.12a.13

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

 

ORGEL                       Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

 

Predigt                         Jes 66,10.12a.13

Liebe Gemeinde! Die Freude, die Zuversicht, die aus diesen Worten spricht, steht ganz klar in Spannung zu dem, was gerade so um uns rum passiert - oder eben auch nicht passiert, je nachdem, von welcher Seite her man es sieht. Trotzdem merke ich, dass mir das gut tut, was der Prophet da von sich gibt. Damals vor grob 2.500 Jahren war auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Israel stand unter der Fremdherrschaft der Perser. Hohe Abgaben drückten das Land nieder. Viele Leute waren hoffnungslos verarmt.

 

Gemessen daran geht es den meisten von uns trotz allem noch gut. Wir haben zu Essen, zu Trinken, wir haben Strom, Heizung, Wasser, und wenn nicht ein paar Experten meinen würden, sie müssten sich Vorräte für die nächsten zehn Jahre zulegen, dann hätten wir auch noch Klopapier! Trotzdem: Viele machen sich Sorgen. Sorgen, was noch kommt - an Krankheitsfällen, an Einschränkungen, an Versorgungsproblemen möglicherweise, an wirtschaftlichen Folgen. Und viele haben an Angst. Angst vor Einsamkeit, Isolation, oder davor, selber an Corona zu erkranken.

 

In alles das hinein höre ich Gott sagen: „Ich will euch trösten.“ „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Ein starkes Bild, und - man merke wohl - ein Bild, in dem Gott sich von Seiner weiblichen, von Seiner mütterlichen Seite zeigt. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Stellt sich die Frage: Wie tröstet eine Mutter denn eigentlich? Was hat Mama, was andere nicht haben? Ich glaube, es kommt gar nicht so sehr drauf an, was die Mutter sagt. Es ist mehr die Art der Beziehung. Die Mutter ist der erste Mensch, den man im Leben vorfindet, lange bevor man geboren wird. In ihrem Bauch geschützt hat sich unser Leben entwickelt. Die Mutter-Kind-Beziehung ist die engste unter allen menschlichen Beziehungen – für beide, für Mutter und Kind. Wenn das Kind, das man neun Monate lang im Bauch getragen hat, weint, dann rührt das das Mutterherz an. Und ich glaube, die Art und Weise, wie sie darauf anspringt, signalisiert dem Kind: „Da ist einer (oder besser gesagt: eine), die würde alles für mich tun um mir zu helfen.“

 

Gott nimmt diese Rolle ein Leben lang ein. Auch, wenn unsere leibliche Mutter nicht mehr so für uns da sein kann. Bei Ihm dürfen wir Kind sein, egal wie alt wir sind. Wir brauchen uns unserer Sorgen nicht zu schämen und auch nicht der Tränen, die manch eine und einer in diesen Tagen heimlich weint. Gott lässt unsere Angst gelten. Bei Ihm heißt es nicht: „Stell Dich nicht so an!“ Er sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Wir dürfen Gott - gerade in diesen Tagen - bei dieser mütterlichen Seite behaften, dürfen sicher sein: Da ist einer, der würde alles für uns tun, um uns zu helfen. Und Er würde nicht nur, Er hat! Gott hat Sein Mutterherz sprechen lassen und ist Mensch geworden. Als in Bethlehem eine junge Mutter namens Maria ihren Sohn Jesus in die Krippe gelegt hat, da war niemand Geringeres zur Welt gekommen, als der lebendige Gott persönlich. Er ist einer von uns geworden und hat unser Leben geteilt – und mit ihm auch unsere Ängste, unseren Kummer, unsere Tränen. Und sogar unseren Tod. Das heißt, Er ist da. Jetzt und hier, heute und morgen, komme, was wolle.

 

Jeder, der an seine Kindheit zurückdenkt, weiß aber auch: Mama kann nicht nur trösten. Mama kann auch anders - wenn’s sein muss... Jetzt, wo die Kinder den ganzen Tag zuhause sind, wird mir noch mal bewusst, wie oft am Tag beides vorkommt: Die Momente, wo ein herzzerreißendes Weinen das Mutterherz (und auch das Vaterherz) auf den Plan ruft, wo man sich das Kind auf den Schoß nimmt, Tränen abwischt, Köpfchen streichelt und 'nen Kühlakku holt. Und die Momente, wo die Kids mit ihrer ausgeprägten Gabe, nicht zu hören, den Zorn in einem hochtreiben und einen zwingen, klare Ansagen zu machen, die dann vom Tonfall her anders klingen als „trösten“. Beides ist Mama. Und beides ist gleichermaßen ernst gemeint und ernst zu nehmen.

 

Eltern müssen ihren Kindern Grenzen setzen. Sonst verlieren sie sich in Maßlosigkeit und in Beziehungslosigkeit. Und an beidem werden Menschen krank. Die Betroffenen selbst und die, die mit ihnen leben müssen. So paradox das klingt: Auch der Zorn, der gelegentlich in einem aufsteigt, ist eine Wesenäußerung von Liebe. Man regt sich auf, weil einem die Kids nicht egal sind.

 

Wenige Verse nachdem Gott diese anrührend-tröstenden Worte sagt in Jes 66, kommen auch bei Ihm „klare Ansagen“. Sie lassen erkennen, dass auch Gott zornig sein kann. Ich weiß, dass sich einige in diesen Tagen fragen, ob Corona eine Straße Gottes ist. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mit solchen Thesen sehr zurückhaltend bin. Eine Strafe Gottes? Dann stellt sich sofort die Frage nach der Gerechtigkeit - wen trifft es, wen trifft es nicht? Und warum? Damit gerät man in eine Sackgasse. Die Frage nach dem Warum ist nicht zielführend. Ich finde es sinnvoller zu fragen: Wozu? Was können, was sollen wir möglicherweise aus dieser Krise lernen? Ich glaube schon, dass Gott uns etwas sagen will. Er will uns eigentlich immer was sagen, mit unserem ganzen Leben. Bloß hören wir die meiste Zeit nicht hin.

 

Wir haben lange gut gelebt. Sehr gut. Oft ohne uns dessen bewusst zu sein. An manchen Punkten auch über unsere Verhältnisse - auf Kosten unseres Planeten und auf Kosten von Menschen in anderen Erdteilen. Jetzt sind wir plötzlich ausgebremst. Können nicht mehr so, wie wir wollen, sind quasi zum Innehalten gezwungen. Zeit, gewisse Dinge zu überdenken. Dazu waren die „Sieben Wochen ohne“, die Fasten- oder Passionszeit eh gedacht. Corona - eine Strafe? Kein zielführender Gedanke. Aber ein Ruf zur Umkehr schon. Zurück zu Gott. Zeit, Ihn wieder zu entdecken als Mutter, als Ansprechpartner für alles. Zeit, bei Ihm Trost zu finden und Seinen Ruf zur Besinnung. Für mich ist Gott die wichtigste Corona-Hotline. Auch, wenn wir unter Umständen mehr als sieben Wochen ohne „normale“ Gottesdienste leben müssen sollten. Amen.

 

ORGEL                       Gut, dass wir einander haben

 

Fürbittengebet

Herr, unser Gott, du weißt, was sich im Moment abspielt. Noch vor wenigen Wochen hätten wir das niemals für möglich gehalten, dass ein Virus die ganze Welt auf den Kopf stellt. Zunächst einmal möchten wir Dir danken, dass es uns so lange so gut ging. Manches davon fangen wir erst jetzt richtig an zu schätzen, wo wir darauf verzichten müssen. Wir bitten dich für alle, die von dieser Krise besonders hart getroffen sind:

 

Für die, die sich zuhause mit der Krankheit herumschlagen. Für die, die in den Krankenhäusern und auf Intensivstationen mit ihr kämpfen. Bei manchen von ihnen geht es um Leben und Tod. Heile und bewahre sie alle.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Für die, die sich um die Kranken kümmern: Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger und -schwestern und alle, die im Gesundheitssektor beschäftigt sind. Schenke ihnen die nötige Kraft. Lass sie angesichts der dramatischen Lage nicht verzweifeln und vor allem nicht selbst krank werden. Hilf, dass unser Gesundheitssystem nicht kollabiert.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Lebensmittelgeschäften bitten wir: Schenke ihnen Ausdauer, Gelassenheit, aber auch Durchsetzungskraft, um Menschen, die aus Panik oder Eigensinn nur an sich denken, in die Schranken zu weisen. Hilf, dass die Lebensmittelversorgung nicht kollabiert.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Für die, die in diesen Tagen besonders einsam sind: Ältere und kranke Menschen, die alle Kontakte meiden müssen. Lass sie spüren, dass sie nicht vergessen sind. Schenke uns die Kreativität und die Möglichkeit, ihnen auf andere Weise nah zu sein und sie zu unterstützen.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Für die, denen die Corona-Pandemie wichtige und schöne Pläne durchkreuzt haben, die ihren lang ersehnten Urlaub abbrechen mussten oder nicht antreten können, die ihren Geburtstag, ihr Konfirmations- oder Ehejubiläum nicht feiern können. Tröste sie und hilf, dass ihnen das, worauf sie sich gefreut haben, dennoch nicht verloren geht.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Für die, die wirtschaftlich von dieser Pandemie besonders betroffen sind: Selbstständige im Kleingewerbe, Künstler- und Musikerinnen, Restaurant- und Cafébetreiber. Lass sie nicht in Panik geraten, und hilf, dass die staatliche Hilfe schnell greift und ausreicht.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

Wir bitten dich für die Länder, in denen die Situation noch viel schlimmer ist als bei uns. Behüte die Menschen. Hilf den Helfenden. Schenke ein Ende dieses Wahnsinns. Und lass alle zur Vernunft kommen, hier wie dort, damit wir das Unsere dazu beitragen, die Folgen von Corona so gering zu halten wie möglich.

Wir bitten dich: Herr, erhöre uns!

 

VATER UNSER

 

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen.

 

 

 

Online-Gottesdienst 22.03.2020
Predigtmanuskript
Online-Gottesdienst 2020-03-22 Manuskrip[...]
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Im Focus

Montag, 16.03.2020

 

Ein merkwürdiger Sonntagmorgen war das. Alle Gottesdienst abgesagt. Das gab’s noch nie. Ratlosigkeit. Was nun? Wie geht es weiter?

 

Dann der Blick in die Losungen. Abgelenkt, unkonzentriert, nicht richtig bei der Sache. Welchen Sonntag haben wir heute noch gleich? Okuli. Ach ja. Zu Deutsch: Augen. Wie war noch mal der Zusammenhang? Okay, da steht’s: Der alte Sonntagspsalm, Psalm 25,15: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Mit einem Mal bin ich bei der Sache.

 

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

 

Das tut irgendwie gut in diesen Tagen, wo alle Blicke nur auf ein einziges Thema gerichtet sind: Corona. Klar, wegschauen geht nicht. Man muss hinsehen. Alles andere wäre unverantwortlich. Aber die Absolutheit, mit der dieses Virus das gesamte Denken beherrscht, ist nicht not-wendig. Im wahrsten Sinne des Wortes: Sie wendet die Not nicht. Dafür gibt es eine andere Adresse. Fängt auch mit „C“ an, aber ist aufbauender als Corona: Christus. Wir brauchen um Gottes willen vor Corona nicht zu erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir müssen es im Blick haben, dürfen die Gefahr auch nicht herunterspielen. Aber unseren Focus können wir anders setzen.

 

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

 

Ihm dürfen wir alles anvertrauen. Mit Ihm können wir alles teilen: Unsere Sorgen, unsere Ängste, unsere Unruhe. Von Ihm dürfen wir alles erbitten: Hilfe, Beistand und Trost. Stets. Also immer, in jeder Situation. Auch jetzt, gerade jetzt, oder vielleicht auch jetzt (wieder) neu. Die Einladung steht.

 

 

Timm Harder, Pfarrer

 

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