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An(ge)dacht

Predigt für den 7. Sonntag nach Trinitatis (26.07.2020)

(Hebräer 13, 1 – 3)

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

unser heutiger Predigttext entstammt dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes.

Die Übersetzung in der „Guten Nachricht“ lautet:

 

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!

 

Vier kurze, knackige Sätze, die es „in sich“ haben!

 

Was soll ich denn noch alles tun?

Mitmenschen wie Brüder und Schwestern lieben, obwohl man schon mit genau denen, den eigenen Brüdern und Schwestern, nicht immer klarkommt?

Gastfreundschaft üben? Ich bin doch kein Kneipier oder führe einen Beherbergungsbetrieb!

An Gefangene denken? Die haben ihren Knastaufenthalt doch wohl selber zu verantworten!

Und wer wird nicht alles Tag für Tag misshandelt. Es reicht schon ein Blick in die Tageszeitung oder die Abendnachrichten. Ein Fall schlimmer als der andere.

Da kann doch ich nichts dafür! Ich habe mit meinem eigenen Leben schon genug zu tun!

 

So oder ähnlich werden nicht wenige Menschen antworten. Und in der Tat ist das eigene Leben ganz bestimmt nicht immer das reine „Zucker schlecken“. Aber solche Vergleiche, die im eigentlichen Sinne gar keine sind, werden dem Text in keiner Weise gerecht und sind auch nicht Ziel führend.

 

Grundsätzlich muss man zuerst einmal wissen, dass im alten Orient, und das gilt im Wesentlichen bis heute, Familie und Gastfreundschaft einen besonders wichtigen Stellenwert im Alltag einnahmen und einnehmen. Daraus resultiert ein ganz anderes Verständnis diesen Textabschnitt betreffend, was das gesellschaftliche Miteinander anbelangt.

Aber dieser kulturelle Aspekt ist nicht alleine Kern der hier gemachten Aussagen. Zusätzlich geht es insbesondere um das Miteinander der damals noch relativ neuen Gemeinschaft der Christinnen und Christen, die sich plötzlich, ohne den sichtbaren Jesus auf sich allein gestellt, mit ihrem Glauben arrangieren mussten.

Diese völlig neue Herausforderung musste in vielen Gesprächen, Diskussionen, und auch Briefen und Predigten zuerst einmal gemeistert werden.

Hinzu kamen die Anfeindungen von Außen, eine weitere, nicht zu unterschätzende Belastung für die Glaubensgemeinschaft, und natürlich jeden Einzelnen.

 

Selbstverständlich hat der Predigttext auch für uns im „Hier und Jetzt“ klare Botschaften im Gepäck:

 

Einander wie Brüder und Schwestern lieben kann in unserem gesellschaftlichen Kontext bedeuten, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Das heißt nicht, dass man mit allem einverstanden sein muss, was sie sagen und tun. Aber man kann ihnen trotzdem mit dem Respekt begegnen, der ihnen als Mitmenschen zusteht.

Auch wir selber möchten ja nicht herablassend behandelt, oder gar gemobbt werden. Wenn wir uns genau da hinein versetzen, wird relativ klar, worum es geht.

Da gilt eindeutig das bekannte Sprichwort:

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“

 

Auf die Gastfreundschaft im orientalischen Sinne bin ich schon kurz eingegangen. In unserer westlichen Hemisphäre, die oft sehr stark geprägt ist von Individualismus und leider auch von Egoismus, ist das heute schwer nachvollziehbar.

Gastfreundschaft in unserem Sinne kann aber bedeuten, dass wir Mitmenschen, die ein Gespräch suchen oder um Hilfe bitten, nicht einfach abweisen. Wir können ihnen unser Ohr und unsere Zeit schenken, auch unsere Hilfe anbieten.

Wenn wir signalisieren: „Ich höre Dir zu, du bist mir jetzt wichtig!“, dann üben wir bereits eine besondere Form der Gastfreundschaft aus.

Sich für einen anderen Menschen Zeit zu nehmen geht auch immer einher mit der Erfahrung, für sich selber neues zu lernen, oder Dinge anders zu interpretieren. Im Prinzip ist das nichts anderes als eine so genannte Win-Win-Situation:

Unsere geleistete Zuwendung kehrt auch immer zu uns zurück!

Gastfreundschaft hat auch zu tun mit unserem Umgang mit Flüchtlingen. Wir sind nach wie vor gefordert, denen zu helfen, die Schutz bei uns suchen. Erst im zweiten und den weiteren Schritten gilt es dann, daraus resultierende Probleme anzugehen. Davor müssen wir aber, im wahrsten Sinne des Wortes, vorrangig „erste Hilfe“ leisten. Das fordern Humanität und Gastfreundschaft!

 

Wenn zu Zeiten des Urchristentums ermahnt wurde, an die Gefangenen zu denken, dann sicher auch deshalb, weil zu dieser Zeit jeder Christenmensch ob seines Glaubens relativ schnell selber in Gefangenschaft geraten konnte.

Kein Christ konnte sich damals so wirklich sicher fühlen.

Und das ist ja leider bis heute in manchen Staaten immer noch so.

Wenn ich selber Angst haben muss, ob meines Glaubens verhaftet zu werden, dann ist in logischer Konsequenz auch meine Empathie gegenüber anderen, denen eben genau das widerfährt, nämlich verhaftet und eingesperrt zu werden, viel größer. Ist das alles weit weg, weil die Gefahr erst gar nicht gegeben ist, dann schrumpft auch das mögliche Mitgefühl.

Wichtig ist: Auch diese Menschen werden von Gott geliebt! Und viele Gefangene in anderen Ländern werden tatsächlich grundlos über Jahre eingesperrt. Denken Sie nur an die vielen politisch Verfolgten weltweit, an Christinnen und Christen in muslimisch geprägten Ländern, oder all die Journalisten in despotisch geführten Staaten, die nur deshalb einsitzen, um mundtot gemacht zu werden. Wenn wir an diese Menschen denken, dann merken wir mal wieder, wie gut wir in der Bundesrepublik leben, und wie sicher wir hier aufgehoben sind.

 

Viele von den gerade genannten Personengruppen sind zusätzlich leider auch oft Misshandlungen ausgesetzt.

Folter wird oft genutzt, um Geständnisse zu erpressen, egal, ob sie dann stimmen oder nicht.

Misshandlungen erfahren aber leider auch Menschen in unserem Land. Beispielsweise ist die Dunkelziffer misshandelter Frauen in der Partnerschaft bei uns sehr hoch. Und die Zunahme häuslicher Gewalt während der Corona-Krise nahm noch einmal deutlich zu. Nicht umsonst wird seit Jahren gefordert, mehr Frauenhäuser zu bauen. Das bekämpft zwar nicht die leidige Wurzel der Gewalt gegen Frauen, ermöglicht aber immerhin Betroffenen, den Teufelskreis zu durchbrechen und diesem entsetzlichen Umfeld zu entfliehen.

Zu den Misshandelten in unserem Land zählen auch oft Kinder. Besonders schlimm vor allem natürlich da, wo sexuelle Gewalt ausgeübt wird.

Die aktuellen Ermittlungsergebnisse der letzten Wochen in NRW und anderen Bundesländern, die von ca. 30.000 Tätern und Nutzern ausgehen, sprechen eine Sprache, die sprachlos macht.

Was bleibt ist, aufmerksam zu bleiben und mit aller Konsequenz rechtsstaatlich gegen die Täter vorzugehen.

Ich habe es eingangs gesagt: Vier kurze, knackige Sätze, die es in sich haben.

Meine Gedanken dazu sind nur ein Hauch dessen, was einem hier alles einfallen mag.

Der Text lädt dazu ein, sich individuell mit ihm auseinanderzusetzen und eigene Interpretationen ins Leben zu integrieren.

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!

 

Machen wir es uns im Zweifelsfall ganz einfach:

Fragen wir uns doch bei allem Reden und Tun immer, ob wir selber mit der angedachten Behandlung für unsere Person einverstanden wären. Wenn nicht, sollten wir ein wenig auf die Bremse treten, denn:

Manchmal ist auch im Bereich der Emotionalität weniger mehr!

 

Versuchen wir, mitmenschlich zu bleiben, und in christlichem Sinne zu agieren.

Es ist zum Wohl des Gegenübers, wie auch zu unserem eigenen Wohl.

Und Gott, dem Güte und Gnade so überaus wichtig sind, wird uns nicht nur unterstützen, sondern seinen Segen mit Freude verschwenderisch über uns ausgießen.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Predigt vom 26.07.2020
für Sie.
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Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis (12.07.2020)

Lukas 5, 1-11

 

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eins der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

 

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen.

 

Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir“ Ich bin ein sündiger Mensch.

 

Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

                                                           -. -.-.-.-.-

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde,

Lukas beschreibt, wie Simon, Jakobus und Johannes vom See weg sozusagen aufs Trockne versetzt werden: Sie sollen künftig Menschen fangen, nicht fischen! Die Stuttgarter Erklärungsbibel sagt dazu: Fischen tötet (das ist der große Unterschied), fangen kann Rettung vom Tod sein! Das ist die Stunde „Null“ für Jesu Jünger; es ist ihre Berufung in Jesu Nachfolge.

 

Wir haben als Lesung die Berufung Abrams gehört. Da gab es für den Gerufenen keine Eignungsprüfung, keine Probezeit, aber eine Segenszusage – für alle Völker auf Erden. Es ging bei Abram sofort los, dem Ruf des unbekannten Gottes nachzufolgen - ins Unbekannte!!!

Abram war nicht mehr jung. Er war in seiner Heimatstadt Ur schon sehr reich geworden. Wer setzt das alles aufs Spiel? Die Sippe Abrams stand kopf. Denn das Zusammenleben in der Großfamilie, das war Überlebensgarantie! Aber Abram folgte Gottes Ruf.

 

Bei Simon am See Genezareth war es anders: Er stand vor dem Nichts! Die Fischer lebten sozusagen von der Hand in den Mund. Und nun dieser Totalausfall. Nicht mal paar kleine Fische, soviel wie für einen hohlen Zahn, waren im Netz hängen geblieben. Die Fischer hatten kein zweites berufliches Standbein: Sie waren abhängig davon, dass der See das Notwendige jeden Tag hergab und auch noch etwas zum Verkauf übrig blieb. Denn von Fisch allein kann keiner auf Dauer leben. Und nun saß Simon da und säuberte sein Netz vom unnützen Tang und Treibholz.

 

Da setzte sich ein Mann in sein leeres Boot. Die Menschen, die ihm von einer Bucht zur anderen nachgelaufen waren, die hörten Jesus auch da wieder zu. Sie waren ganz Ohr. Simon horchte mit halbem Ohr auf die völlig neue Rede von Gott. Als Jesus die Menge verabschiedet hatte, stieg er aus dem Nachen, ging auf Simon zu und sagte: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

 

Das kann auch nur einer sagen, der nichts vom Fischen versteht, mag Simon zunächst gedacht haben! Fische sehen bei vollem Tageslicht den Schatten der Netze, die gehen auf Tauchstation, sie sind Fluchttiere! Dem erfahrenen Fischer Simon lag sicher eine bittere Antwort auf der Zunge, aber irgend etwas hat ihn die runterschlucken lassen. Statt dessen sagt er: Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen!

Der Erfolg war so überwältigend, dass Simon die anderen Fischer zu Hilfe rufen musste, sonst wäre er mitsamt seinem Wunderfang glatt untergegangen. Und Simon bekam Augen für den Super-Fang – allein auf das Wort Jesu! Das kann nur einer bewirken, der mit Gott im Bunde ist, das spürte er und erschrak: Ich bin ein sündiger Mensch. Aber Jesus ging nicht ohne ihn und Jakobus und Johannes weg vom See – so Lukas! Jesus hatte sein Netz ausgeworfen und einen Fang gemacht! Und die ihm da in die Maschen gegangen sind, die wollte er für noch größere Dinge einsetzen: Für das Menschenfangen.

 

Es ist kaum zu begreifen, wie knapp Lukas das beschreibt: Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. 14 Worte.

 

Es ging hier zu wie schon bei Abram: Kein Eignungstest folgte, keiner der Männer, die Jesus für sein Fangnetz suchte, wurde aussortiert. Im Gegenteil: Jesus berief genau diese Fischer-Mannschaft, die kurz zuvor nur leere Netze vorzuweisen hatte. Eine Kostprobe, eine Vor-stellung davon, was Jesus ihnen als neue Aufgabe zugedacht hat, bekamen sie ja: Vollen Fang! Sie traten in Jesu Nachfolge.

                                                           -.-.-.-

 

Liebe Gemeinde,

wir haben in der Bibel wichtige Hinweise dafür, dass „Nachfolge“ gut geplant werden muss. Da stand kürzlich im Neukirchener Kalender, dass Batseba, die der König David in jungen Jahren zum Ehebruch verleitet hatte, ihn als alten Herrscher ermahnte, doch seinen Nachfolger auf dem Thron Israels zu bestimmen. Und die Wahl fiel auf Salomo, ihren gemeinsamen Sohn, von dessen Weisheit, vom „salomonischen Urteil“ immer noch erzählt wird.

 

Was passiert in der Wirtschaft heutzutage oder auch in Familienbetrieben, wenn die Nach-folge nicht rechtzeitig geregelt wird! Dann kann ein ganzes Lebenswerk den Bach runter gehen! Man sucht sich doch möglichst den Fähigsten aus unter allen möglichen Nachfolge-Kandidaten!

 

Und was macht unser Herr Jesus da am See Genezareth? Das ist wirklich Gute Nachricht, die aufhorchen lässt: Er beruft Fischer, die nichts gefangen haben! Fazit: Es liegt also nur an dem Herrn und nicht an den Nachfolgern, ob sie in Zukunft beim Menschenfangen Erfolg haben werden! Sie müssen Schritt für Schritt seine Fang-Methode an Gottes vielen Kindern üben und sich nicht auf die eigenen Ideen und Kräfte zu verlassen. Sie müssen lernen, Jesu Worte auszuwerfen wie Netze! Ganz eng-maschig und reißfest!

                                                           -.-.-.-.-

 

Im Kindergottesdienst (bis 2015) war der Fischzug des Petrus ein sehr anschauliches Thema. Wir hatten ein leeres Kartoffelnetz: Jedes Kind schrieb seinen Namen auf seinen gemalten und ausgeschnittenen Fisch und gab ihn ins Netz, das nur ganz lose zugezogen war. Das be-kam der Petrus in die Hand (der war aus dickem Karton hergestellt) und wurde an die Wand gepinnt. Wenn wir das Glück hatten, dass ein neues Kind dazu kam, dann hat es auch seinen Namens-Fisch ins Netz gefüllt. Da war ja kein endgültiger Knoten drauf.

 

Heute, fast 2000 Jahre nach dem berühmten Fischzug auf dem See Genezareth scheint es mit der Netzfüllung nicht mehr so wunderbar erfolgreich zu sein. Aber unser Herr Jesus sorgt für uns, er ist ja nicht nur am See Genezareth! Gerade in den Monaten der Corona-Pandemie ha-ben viele hier bei uns etwas ganz Neues an der Kirche Jesu Christi entdecken können: Wir durften uns nicht im Schwarm versammeln, wie Fische das gerne tun, in der Kirche war Leere wie damals in dem Netz bei Simon. Aber unser Pfarrer und andere haben Phantasie für Gott entwickelt: Sie nutzten die modernen Medien wie Netze, um Menschen, die nach Gottes Wort dürsten, nicht auf dem Trocknen sitzen zu lassen. Keiner musste ohne Sonntags-Gottesdienst sein, auch wenn es ungewohnt war – vor allem wegen der fehlenden Gemeinde. Es gab keine Durststrecke für uns! Danke.

                                               -.-.-.-

Das Element „Wasser“ hat ja in der Bibel eine besondere Bedeutung, ein Alleinstellungs-merkmal: Wasser bedeutet Leben! Aus dem Wasser ging es hervor, um Pflanzen, Tieren und Menschen Leben zu ermöglichen. Mit Wasser werden wir getauft.

 

Jeden Tag brauchen wir für unseren Körper eine gute Portion Flüssigkeit. Und unsere Seele will auch leben! Sie braucht mehr als nur ab und zu das Bad in einer Pfütze – unsere Seele will im Meer der Liebe baden, das Gott uns bereit hält. Und Sein Menschenfischer Jesus ist ja im Wort und in den Sakramenten immer für uns da, zum Greifen nah. Für uns ist es lebenswichtig, nicht abzutauchen, sondern sich von IHM fangen zu lassen!

 

Amen             

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre

Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

 

 

Lied: 313 Jesus, der zu den Fischern lief

 

 

Predigt 12.07.20
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Predigt zum 12.07.2020 in Oberdiebach.pd[...]
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Predigt

für den 4. So. n. Trinitatis (05.07.20)

zu Röm 12,17-21

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist

eine Aufnahme des Gottesdienstes in der Kirche Bacharach

________________

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! „Wie Du mir, so ich Dir!“ Eigentlich haben wir schon im Kindergarten gelernt, dass das keine so gute Strategie ist, mit Konflikten umzugehen. Aber im Alltag bleibt das eine Herausforderung – im Kleinen wie im Großen. Von Zeit zu Zeit müssen wir daran erinnert werden; etwa mit den folgenden Worten aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes. Dort schreibt der Apostel Paulus:

 

 

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32, 35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25, 21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

 

Tja, liebe Gemeinde… Wie viel Leid könnte vermieden werden, wenn diese Worte mehr Beachtung fänden: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“ Politisches Paradebeispiel ist der Nahostkonflikt. Wir würden es uns allerdings ein bisschen einfach machen, wollten wir den moralischen Zeigefinger Richtung Tel Aviv und Ramallah erheben. Wir empören uns zwar gern über das Rachedenken in der großen Politik, aber in unserem eigenen kleinen Leben haben wir damit selbst genug Probleme. Eigentlich braucht uns doch nur einer mit einer dummen Bemerkung in unserer Ehre zu kränken, und schon sind Rachegedanken auch bei uns auf dem Plan. „Das lass ich nicht auf mir sitzen!“ ist in aller Regel der erste Reflex, der sich dann einstellt. „Nicht mit mir!“ Und bevor man sich überhaupt klar wird, was da eigentlich gerade abgeht, überlegt man schon blitzschnell, bei welcher Gelegenheit man es dem Kontrahenten heimzahlen kann. Stolz und gekränkte Ehre sind der Nährboden für Rachegedanken und Vergeltungsgelüste jedweder Art. Wer unter uns da ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…

 

Und nun schreibt Paulus: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem!“ Wenn es schon mal zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Konfirmanden kommt und ich dann irgendwann das Gefühl hab’: „So, jetzt musst Du wohl mal dazwischen gehen!“, dann krieg ich meistens gesagt: „Boah, der hat aber angefangen!“ Ich sag’ dann in der Regel: „Du, das interessiert mich nicht, wer angefangen hat. Viel spannender finde ich, wer von Euch den Mut hat aufzuhören.“ Allerdings setzt die Idee mit dem Aufhören ein Mindestmaß an Versöhnungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus. Und das ist leider nicht immer gegeben. Von daher bin ich dem Paulus echt dankbar, dass er so realistisch bleibt. „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

 

Manchmal ist es – Gott sei’s geklagt – nicht möglich. „Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Ich behaupte mal, dass die Allermeisten in Israel und Palästina auf beiden Seiten einfach nur leben wollen. In Ruhe und im Frieden. Aber ein paar Rechte auf beiden Seiten wollen das nicht. Die wollen die Vernichtung des Gegners. Dafür leben sie, und dafür sterben sie im Zweifelsfall auch. Und diese paar Wenigen sind es, die die Welt in Atem halten. Es gibt – auch im Kleinen - Menschen, die scheinen gegen jeden Versuch von Versöhnung resistent zu sein. Wie soll man damit umgehen? Wird man dann nicht automatisch schwach und geneigt, selbst zu den Mitteln der Gewalt zu greifen? Der Apostel Paulus schreibt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben. „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“

 

Ich finde das hoch spannend. Paulus sagt nicht: „Komm, schluck’s runter! Einfach mal ein bisschen Kreide fressen, dann geht’s schon wieder.“ Das ist ja das, was wir uns in unserem kirchlichen Dunstkreis so antrainiert haben. Wut und Aggression – so was gibt es nicht. Doch nicht in der Kirche! Wir haben uns doch alle lieb! Schön unter den Teppich damit. Nur – irgendwann kommt alles hoch, und dann stolpern wir drüber und wundern uns, warum wir mit der Strategie auf die Nase fallen. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Verletzbarkeit, Wut und Aggressionen gehören zu unserer Disposition. Und die sollen wir nicht runterschlucken. Die sollen wir vor Gott bringen.

 

Mein Vorgänger hat mir mal erzählt, dass er in einer Situation, wo ein Mensch ihm wirklich das Leben schwer gemacht und ihm manchen Nerv geraubt hat, dass er das vor Gott gebracht und gesagt hat: „Herr, du hast den geschaffen. Ich hab’ den nicht geschaffen. Jetzt zeig Du mir, wie ich mit diesem Scheusal klar kommen kann.“ Klingt vielleicht ein bisschen unkonventionell, aber so dürfen wir mit Gott reden. Lesen Sie sich mal die Psalmen durch, die sind voll von solchen Gebeten. Es ist allemal besser, Gott kriegt das ab, als der Mensch, um den es geht. Denn Gott kann damit umgehen.

 

Nicht, dass Ihm das nicht wehtun würde. Gott steht ja sozusagen zwischen allen Fronten. Er leidet mit, wenn wir zur Zielscheibe von Verachtung und Unrecht werden, Er leidet aber auch mit, wenn andere zur Zielscheibe unseres Zorns und unseres Hasses werden. Unsere Wut, unsere Rachegedanken, treffen immer auch IHN, weil Er jeden Menschen liebt. Jede Gewalt – ob nur gedacht, ausgesprochen oder ausgeübt - ist ein Nagel im Kreuz Jesu. Der Hass bringt Ihn um. Aber damit, dass Er sich das gefallen lässt, unterbricht Jesus den Teufelskreis der Gewalt. Sein Kreuz ist sozusagen der Blitzableiter für die tödliche Hochspannung unserer Hassgefühle. Mit und an Seinem Kreuz hat unser Herr die Spirale von Gewalt und Gegengewalt gebrochen. Er hat lieber für sich den Tod in Kauf genommen, als den zu töten, der’s verdient hätte. Seine Liebe ist die Macht, die Leben möglich macht.

 

Diese Macht ist für uns ein Segen. Und wir sind berufen, diesen Segen zu empfangen und weiterzugeben. In diesem Zusammenhang steht die Aufforderung, auf Vergeltung zu verzichten. Um des Lebens willen. Es ist schon ein gutes Stück unsere Entscheidung, ob wir uns von destruktiven, lebensfeindlichen Tendenzen treiben lassen, die auf Vergeltung sinnen, oder ob wir uns mit unserer Not an Gott wenden, der uns fähig macht, den Teufelskreis der Vergeltung zu unterbrechen. Nicht mehr zu sagen: „Wie du mir, so ich dir!“ Sondern die zu werden, die es schaffen, aufzuhören. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigtmanuskript 05.07.20
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Online-Gottesdienst 2020-07-05 Predigtma[...]
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Predigt ü/ Micha 7, 18-12  3. Sonntag n.Tr.

28.6.2020 Manubach und Oberdiebach

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, derzeit befinden wir uns in der sogenannten festlosen Zeit des Kirchenjahres, in der Trinitatiszeit. Das Kirchenjahr sieht für jeden einzelnen Sonntag ein besonderes Thema vor. Nicht nur zu Weihnachten, Ostern oder Pfingsten geht es um spezielle Vorgänge, die uns den christlichen Glauben näherbringen möchten. Mit der Verkündigung des Evangeliums sollen wir frohe und freie Christen werden die gerne in der Nachfolge Jesu leben.

Der Heutige 3. Sonntag nach Trinitatis hat das Thema: Die Rettung des Verlorenen. Hier geht es nicht um den verlegten oder verlorenen Haustürschlüssel auch nicht um den verlorenen Schirm oder den nicht mehr auffindbaren Personalausweis. Hier geht es um mehr, um viel mehr. Es geht um unsere eigene, ganz persönliche Rettung für Zeit und Ewigkeit. Aber um gerettet zu werden, muss man auch die Erkenntnis haben, dass wir ohne Gottes Gnade und Barmherzigkeit verloren sind. Dass wir diese Rettung brauchen, und dass sie für uns Menschen lebensnotwendig ist. Und dieses Einsehen, dass wir auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sind, ist meines Erachtens vielen Menschen verloren gegangen. Die übergroße Zahl der gleichgültigen Menschen in Sachen Glauben haben für solch ein ernstes Thema nur ein müdes Lächeln übrig.

Im eben gehörten Evangelium geht es um den verlorenen Sohn. Ein Gleichnis das nichts an Aktualität verloren hat, weil auch wir alle, Jede und Jeder, Wesensmerkmale der beteiligten Personen haben.

In dem für heute vorgeschlagenen Predigttext geht es auch um die Sündenvergebung, Barmherzigkeit und Gnade Gottes, also auch um die Rettung des Verlorenen. Ich lese aus dem Propheten Micha, die letzten Verse seines kleinen Buches, Kapitel 7, 18-20:

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Missetat den übrigen seines Erbteils, der seinen Zorn nicht ewiglich behält! Denn er ist barmherzig. Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetaten dämpfen und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst dem Jakob die Treue und Abraham die Gnade halten, wie du unseren Vätern vorlängst geschworen hast.

Liebe Gemeinde,

die Bibel ist voll davon, egal ob im Alten oder im Neuen Testament, von Gottes Treue, Güte, Gnade und Barmherzigkeit. Menschlich gesehen kann man es fast nicht nachvollziehen, dass Gott uns immer wieder vergibt und uns gerne hilft, unser Leben zu meistern. Martin Luther soll sinngemäß einmal gesagt haben: Das Herz Gottes ist wie ein glühender Feuerofen für uns, seine geliebten Kinder. Ja, Gnade, Güte und Barmherzigkeit sind und bleiben die Wesensmerkmale unseres Gottes.

Ich möchte ein Beispiel aus der Bibel nennen. Der Völkerapostel Paulus hat bis zu seiner Bekehrung vor Damaskus Christus und die neu gegründete christliche Gemeinde bis aufs Blut verfolgt. Und Saulus, so hieß Paulus vor seiner Bekehrung, war davon überzeugt, dass er Gott damit einen Gefallen tut. Aber vor Damaskus hat sich ihm Jesus Christus in den Weg gestellt.

Er musste einsehen, dass er fehlerhaft und bösartig gehandelt hatte. Er hat dann aber Gottes Gnade und Barmherzigkeit dankbar und frohen Herzens angenommen und dann das Evangelium mit dem Einsatz seines ganzen Lebens mit großer Freude und Vollmacht verkündigt. Es wurde ihm klar, mit seinem bisherigen Leben und seinem Verfolgungswahn konnte er vor Gott nicht bestehen. Es wurde ihm bewusst, ohne Gottes Gnade und Barmherzigkeit bin ich verloren. Diese Erkenntnis wurde für ihn und die neuen christlichen Gemeinden zum bleibenden Segen.

Allein dieses eine Beispiel zeigt mir, Gottes Barmherzigkeit ist riesengroß und er legt andere Maßstäbe wie wir Menschen an. Er kann aus Gnaden aus einem Saulus einen Paulus machen. So kann er auch unser Herz verändern, wenn wir es denn zulassen.

Liebe Gemeinde, wir verfolgen nicht das Christentum, wir zählen uns ja selbst dazu, aber ohne Fehler gehen wir alle nicht durchs Leben. Oft sind es die täglichen Kleinigkeiten an denen wir scheitern. Wir ärgern uns selbst darüber. Manche negativen Wesensmerkmale bekommen wir einfach nicht in den Griff. Und so marschieren wir oft selbstgerecht und hartherzig mit uns selbst und unseren Mitmenschen durchs Leben. Das kann für uns sehr belastend werden, wenn wir ständig unter unserer Unzulänglichkeit leiden.

Dann sollten wir das, was uns bedrückt, was uns belastet, worunter wir leiden, nicht anhäufen wie etwas vermeintlich Wertvolles. Wir sollten es abgeben in Gottes gnädige und barmherzige Hand. Eben im Predigttext haben wir ja gehört: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt. Gott wartet darauf, dass wir uns ihm mit unseren Fehlern anvertrauen. Dass wir ihm unsere Verfehlungen, unsere kleinen und großen Sünden, bekennen.

Es ist wie mit unseren Sorgen, die wir ja auch Gott abgeben können und sogar sollen. So nennen wir ihm auch unsere Fehler, Versäumnisse und unsere Schuld. Gott vergibt uns gerne. Er will nicht, dass wir uns täglich mit unseren Fehlern herumschlagen und unsere Kräfte damit verzehren. Gott sagt in seinem Wort: Ich will mich Euer erbarmen, ich will euch gnädig sein.

Liebe Gemeinde, wenn wir bereit sind uns Gott in unserer Not unsere Schuld anzuvertrauen, sie an ihn abzugeben und seine Gnade annehmen, werden wir andere Menschen. Befreit und leichter ums Herz können wir wieder weiter leben. Dann werden wir froh und dankbar, weil wir erleben dürfen, Gott hat uns trotz allem, wo wir versagen, unendlich lieb. Er will unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Und niemals mehr wird er sie uns sozusagen aufs Brot schmieren. Denn bei Gott ist vergeben auch vergessen.

Wenn wir einmal so von Gottes unendlicher Liebe überwältigt wurden, können wir gar nicht anders, als seine Liebe an die Menschen weiterzugeben. Und zwar an alle Menschen, besonders an die, die es im Leben schwer haben. Die egal, mit oder ohne Schuld, unter den Umständen, in denen sie leben, leiden. Gott liebt uns nicht, weil wir so gut sind, sondern wir sind in seinen Augen trotz unserer Fehler und Mängel unendlich wertgeachtet. Wäre sonst Jesus für dich und mich ans Kreuz gegangen? Er liebt uns wie wir sind, nicht wie wir sein sollen. Aber wir müssen nicht so bleiben wie wir sind. Wir dürfen uns mit Gottes Hilfe zum Guten ändern.

Gottes unverdiente Großzügigkeit sollte unser Verhalten gegenüber Menschen, die an uns schuldig wurden, positiv verändern. Im Vater Unser beten wir ja auch: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Es sollte nicht nur so daher gesagt werden, sondern von Herzen kommen. Denn wenn wir vergeben, geht es auch uns besser, nicht nur dem Menschen, dem wir vergeben haben.

Liebe Gemeinde, ich sagte es schon einmal, Gottes Gnade und Barmherzigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel. In unserem kurzen Predigttext ist aber auch von Gottes Zorn die Rede. Es heißt: Gottes Zorn ist nicht ewiglich. Also kann Gott auch manchmal anders. So lesen wir im 54. Kapitel des Propheten Jesaja: Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein Erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Vereinfacht könnte man sagen, Gottes Zorn ist zeitlich, seine Gnade und Barmherzigkeit aber ewig.

Auch Jesus Christus hat diese Gnade und Barmherzigkeit gelebt. In vielen Gleichnissen der Evangelien wird uns das vor Augen gestellt. Ja selbst bei seiner Kreuzigung betet er zu seinem Vater: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Diese abgrundtiefe, barmherzige Liebe ist beispiellos. Aber sie gilt auch uns, auch Dir und mir. Was für ein Segen kann darauf ruhen, wenn diese Liebe wahrhaftig gelebt wird.

Das übersteigt unsere menschlichen Möglichkeiten. Auch ein herzensguter Mensch, egal ob Frau oder Mann, kommt einmal mit der Vergebung an seine Grenzen. Gott nicht. Es gibt nur eine Bedingung: Wir müssen unsere Schuld vor ihm bekennen und um Vergebung bitten. Und versuchen, künftig die bereuten Sünden zu unterlassen. Jetzt denken vielleicht einige unter uns, dann mache ich andere Sünden, und alles geht wieder von vorne los.

Ja, wir Menschen sind halt fehlerhaft. Aber Gott hat uns ja einen eigenen Willen gegeben damit wir eigene Entscheidungen treffen können. Und dann kommt es halt vor, dass wir manchmal im Nachhinein merken, wir haben einen Fehler gemacht. Wir müssen dann nicht verzweifeln, sondern es Gott sagen, damit er uns vergibt.

Unverdient schenkt uns Gott jeden Tag neu seine Barmherzigkeit. Wenn uns das bewusst wird oder ist, hat das Konsequenzen für unser Leben. In Jesus Christus hat uns Gott den geschickt, der uns als der gute Hirte ein Leben lang begleiten möchte. Wenn wir ihm von Herzen nachfolgen, werden auch wir gnädiger und barmherziger. Wir können es nur immer wieder staunend zur Kenntnis nehmen: Gott sucht die Verlorenen und möchte sie nach Hause bringen. Liebe Gemeinde, lassen wir uns seine Liebe gefallen und nehmen wir dankbar seine Gnade und Barmherzigkeit an. Ja, heute geht es um die Rettung der Verlorenen. Schämen wir uns nicht, dass auch wir dazugehören. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

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Predigt

für den 2. So. n. Trinitatis (So. 21.06.20)

zu Mt 11,28-30

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme

des Gottesdienstes am So. 21.06.2020 in der Kirche Steeg anlässlich der Kirchweihe

________________

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! Diese Kirche hat schon viel erlebt. Aber ein elfwöchiges Gottesdienstverbot - ich wage zu behaupten, dass es sowas noch nicht gegeben hat in den knapp 700 Jahren, die sie jetzt hier steht. In früheren Krisen, bei Kriegen und Seuchen, da war es umgekehrt. Da wurden die Menschen von der Obrigkeit aufgefordert, in die Kirche zu gehen. So heißt es in einer Steeger Urkunde aus dem Jahr 1666: „Die Pest herrschte allerorten und war auch schon in Bacharach aufgetreten, weshalb der Kurfürst in allen Gemeinden anordnen ließ, dass die Leute mittags um 11 Uhr sollten in die Kirche gehen, Buße tun und Gott bitten, er möge diese schreckliche Seuche gnädigst von ihnen abwenden“.

 

Ob das unter Seuchenschutzgesichtspunkten so zielführend war, sei mal dahingestellt. Wir haben gelernt, dass es Situation gibt, in denen es um der Nächstenliebe willen geboten sein kann, auf Gemeinschaft, auf Kontakte, ja, sogar auf Gottesdienste zu verzichten. Um Menschenleben zu schützen. Das war für mich auch noch mal eine neue Lernerfahrung. Wir haben aber auch noch was anderes gelernt: Dass sich das Evangelium davon nicht aufhalten lässt. Kein Lockdown, kein Gottesdienstverbot kann verhindern, dass das Wort Gottes Seinen Weg zu den Menschen findet. Im Gegenteil: Corona hat dazu geführt, dass Gottesdienste landauf landab das Internet erobert haben. Das wäre sonst icherlich nicht so gewesen. Zumindest nicht jetzt. Unserer Jugend sei Dank, dass das auch bei uns geklappt hat. Und dank der vielen fleißigen Verteiler kommen jede Woche dutzende von Predigtmanuskripten in die Haushalte zu Menschen, die keine Möglichkeit haben, die Online-Gottesdienste mitzufeiern. Beides hat - das haben die Rückmeldungen gezeigt - beides hat vielen Menschen in den letzten Wochen Trost und Halt gegeben.

 

Im ersten Online-Gottesdienst sagte ich, dass ich die durch Corona verordnete Zwangspause als einen Ruf zur Umkehr verstehe. Als eine Einladung, unser Leben noch einmal ganz neu auf Gott auszurichten und es im permanenten Kontakt mit Ihm zu leben. Eine Einladung, die Jesus im heutigen Predigttext so ausdrückt - ich lese aus Mt 11,28-30:

 

 

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

 

 

Mühlselig und beladen. Ich glaube, das gibt das aktuelle Lebensgefühl vieler Leute wieder. Und ich kann’s verstehen. Es ist zermürbend, nichts planen zu können. Nicht zu wissen, worauf man sich einzustellen hat. Vermitteln zu müssen zwischen Menschen, die aus verständlichen Gründen Angst haben, dass die Rückkehr zur Normalität viel zu schnell geht, und solchen, die aus ebenso verständlichen Gründen mit den Hufen scharren, weil es ihnen nicht schnell genug geht. Es ist zermürbend und ermüdend, jeden Tag das Leben neu erfinden zu müssen. Kinderbetreuung, Home-Schoo-ling, Haushalt und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Es ist frustrierend, den 60. Geburtstag oder die Schulentlassfeier abblasen zu müssen. Es ist kräftezehrend, heute noch nicht zu wissen, wie die Einschulung unserer Tochter im August aussieht oder wie es für unseren Sohn am SGG nach den Sommerferien weitergeht. Manchmal sehnt man sich einfach nur danach, dass das alles endlich vorbei sein möge. Einfach Ruhe haben von diesem Thema und eine Powerstation finden, wo wir die leeren Akkus unserer Seele wieder aufladen können.

 

Jesus nennt das „erquicken“. Und sagt: „Kommt zu mir! Ich hab da was für Euch!“ Er verspricht nicht den Himmel auf Erden, nicht das sofortige Ende aller Mühsal. Jesus empfiehlt als ersten Schritt, unsere Last anzunehmen. In der Psychologie nennt man das „radikale Akzeptanz“. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man Probleme nicht dadurch löst, dass man sie leugnet oder mit ihnen hadert. Konstruktive Lösungen sind nur dort möglich, wo man den Tatsachen ins Auge blickt und zunächst mal akzeptiert, dass die Dinge sind, wie sie sind. Was nicht heißt, dass man sie schön finden muss. Das Plus im Glauben gegenüber dem, was die Psychologie zu diesem Thema zu sagen hat, ist, dass Jesus uns nicht nur sagt: „Nehmt die Dinge an, wie sie sind!“ Sondern dass wir unsere Mühsal und unsere Last und die Not, die wir mit ihr haben, teilen dürfen mit dem, der uns geschaffen hat, uns kennt wie kein anderer, uns liebt und will, dass es uns gut geht und dass wir leben. Und dass wir Ihn bitten dürfen: Hilf mir, lieber Gott! Du weißt, dass ich fast zusammenbreche. Hilf mir, die Situation anzunehmen, und hilf mir, sie zu tragen!“

 

In einem zweiten Schritt sagt Jesus: „Lernt von mir!“ Von Jesus lernen heißt leben lernen, liebe Gemeinde. Trotz und mit unseren Lasten, im Kontakt und im Austausch mit Gott. Man kann das mit der radikalen Akzeptanz natürlich übel missverstehen als eine Aufforderung, sich willenlos in sein Schicksal zu ergeben, alles brav über sich ergehen zu lassen, Unrecht und Ungerechtigkeit wortlos hinzunehmen. Das würde aber allem widersprechen, wofür das Evangelium steht. Jesus hat nicht im Sinn, geduldige Opferlämmer zu produzieren, die die Ungerechtigkeiten dieser Welt durch ihr Schweigen und Dulden zementieren. Jesus hat Sein Kreuz getragen. Ja. Aber dieses Lamm Gottes hat damit nicht Ja gesagt zum Unrecht, sondern Ja zur Liebe und zum Leben. Von Jesus lernen heißt Sanftmut lernen. Mit sanftem Mut dieser Welt und diesem Leben begegnen. Nicht aufhören, beides am Wort Gottes zu messen. Und immer wieder zu zeigen, dass es auch anders geht - ohne die Dauerschleife von Gewalt und Gegengewalt. Und von Jesus lernen, heißt, Demut zu lernen. Auch das hat entgegen landläufiger Meinungen nichts mit Unterwürfigkeit und Kriecherei zu tun. Demut ist der Mut, Gott Gott sein zu lassen und im vollen Vertrauen darauf zu leben, dass über uns einer ist, der’s besser kann, der weiter sieht, der weiter weiß, wo wir mit unserem Latein am Ende sind.

 

„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“, sagt Jesus. Ruhe von aller Mühsal, auch wenn sie noch nicht vorbei ist. Ein Boxenstopp im Haus Gottes. Das ist mehr als nur mal eben nach Luft schnappen. Das ist eine Chance, zu den Problemen auf Distanz zu gehen und uns zu vergegenwärtigen, dass sie um Gottes willen nicht grenzenlos sind und dass wir ihnen nicht allein gegenüberstehen. Ruhe finden - das ist etwas, das viele auch in unserer säkularen Welt mit einer Kirche verbinden. Deswegen bin ich froh, dass wir jetzt wieder dürfen… Und ich wünsche dieser alten Anna Kirche, dass sie noch viele Menschen „erlebt“, die anders hier rausgehen, als sie reingekommen sind. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-21 Predigtma[...]
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Predigt

für den 1. So. n. Trinitatis (Sa. 13. / So. 14.06.20)

zu Apg 4,32-35

 

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Online-Gottesdienst ist eine Aufnahme

des Gottesdienstes am Sa. 13.06.2020 in der Kirche Manubach.

________________

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde! „Das ist meins!“ Wenn man mehr als ein Kind zuhause hat, hört man diesen Satz relativ regelmäßig - meistens in überdurchschnittlicher Lautstärke und mit nachdrücklichem Ton. Meins und Deins - das ist ein großes Thema. Nicht nur bei Kindern… Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele - nicht alle, aber viele - sich über Besitz definieren. „Mein Haus, mein Auto, mein Schaukelpferd!“ Man meint etwas darzustellen über das, was man hat. Das Ergebnis ist oft ein hasserfüllter Konkurrenzkampf, Neid und Missgunst. Dagegen wirkt das, was Lukas in der Apostelgeschichte über die urchristliche Gemeinde in Jerusalem berichtet, wohltuend weltfremd. Im heutigen Predigttext aus Apg 4,32-35 schreibt er:

 

 

32Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“

 

 

Paradiesische Zustände, oder? Die Gemeindeglieder sind „ein Herz und eine Seele“, alles wird geteilt, keiner leidet Mangel. Super. Die Sache hat aber ihren Preis. Würden Sie das tun, liebe Gemeinde? Würden Sie für Jesus ihr Haus verkaufen, dem Presbyterium den Verkaufserlös vor die Füße legen, um dann von der Hand in den Mund zu leben? Das ist schon 'ne große Nummer. Für die meisten hört beim Geld die Freundschaft auf.

 

Ich frage mich, wie das damals funktionieren konnte, dieser urchristliche Kommunismus, wie das in der Fachsprache genannt wird. Beim politischen Kommunismus hat das bekanntlich nicht so gut geklappt. Wenn man den Leuten was wegnimmt und ihnen sagt: „Ist nicht mehr Deins, gehört jetzt allen!“ dann klatschen die wenigsten vor Freude in die Hände. Der Kommunismus scheitert am Menschen. Nicht nur, weil keiner gern was abgibt, sondern auch, weil der Mensch leider nicht in der Lage ist, aus sich heraus Gleichheit und Gerechtigkeit wirklich zu leben. Einige sind dann am Ende doch gleicher als die anderen. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich in der DDR, dem so genannten Arbeiter- und Bauernstatt, die Wohnsituation eines SED-Funktionärs in Wandlitz so augenfällig unterschied von der des Chemiearbeiters in Bitterfeld.

 

Aber warum ging das dann damals bei den Christen in Jerusalem? In der Gemeinde, die sich nach der Pfingstpredigt des Petrus spontan gegründet hatte? Der Schlüssel zur Erklärung liegt in einem Satz unseres Predigttextes, der auf den ersten Blick mit dem Rest gar nichts zu tun zu haben scheint. Da heißt es in Vers 33: „Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus“. Ein Name und ein Ereignis machen den Unterschied, liebe Gemeinde: Jesus und die Auferstehung. Die Auferstehung Jesu stellt die Welt auf den Kopf. Die Apostel hatten mit Seiner Kreuzigung alles verloren - und mit Seiner Auferstehung alles gewonnen. Wer wie die Jünger einen lieben Menschen verliert, wird auf harte Weise mit der Nase drauf gestoßen, dass wir nichts mit in diese Welt gebracht haben und auch nichts wieder mit hinausnehmen werden. Wenn man diese Erkenntnis zulässt, wird einem klar, wie unsinnig es ist, sich über Besitz  definieren zu wollen. Das hat alles keinen Bestand. Wenn der Sensemann kommt, hilft die Yacht im Hafen oder der Bungalow auf Ibiza herzlich wenig. Der Tod schlägt einem alles aus der Hand.

 

Aber wenn das alles wäre, dann wäre das ja jetzt keine so wahnsinnig aufbauende Erkenntnis. Gott sei Dank, dass es noch weiter geht: Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Und damit sozusagen alles ratifiziert, was der verkündigt hat. Gott setzt mit der Auferweckung Sein Siegel darunter und sagt: „Stimmt alles, was der gesagt hat!“ Und Jesus hatte gesagt, dass wir Kinder Gottes sind und dass Gott die Ewigkeit mit uns verbringen will. Das hat den Christen damals geholfen hat, die verkrampfte Fixierung auf Meins und Deins hinter sich zu lassen. Das Wissen: Was wir sind, verdanken wir nicht dem Besitz, den wir im Laufe unseres Lebens anhäufen, sondern dem Erbe, das auf uns wartet. Und wenn wir Kinder Gottes sind, dann sind wir - ich sagte es letzte Woche schon - untereinander Geschwister.

 

Ich weiß, der Vergleich ist gefährlich, weil irdische Geschwister wahrhaftig nicht immer „ein Herz und eine Seele“ sind. Aber weil für uns in Ewigkeit gesorgt ist, können Christenmenschen entspannte Geschwister sein. Neidfrei und ohne voller Hass und Missgunst auf das zu schielen, was die anderen haben. Weil für uns in Ewigkeit gesorgt ist, können wir ein entspanntes Verhältnis zu den Gütern dieser Erde haben und das tun, was die ersten Christen damals getan haben: Schauen, was einer nötig hat. Die sind ja nicht hergegangen und haben den Erlös aus ihrer freiwilligen Selbstenteignung mit der Gießkanne über alle verteilt. Nein. „Man gab einem jeden, was er nötig hatte.“

 

Das, liebe Gemeinde, ist Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne. Im biblischen Sinne. Nicht Gießkannenprinzip, sondern hinschauen: Was brauchst Du, was brauche ich, was brauchen wir wirklich um zu leben? Und wenn wir ehrlich an die Frage rangehen, wird ziemlich schnell klar: Das ist gar nicht so viel. Es ist nicht viel, was man wirklich braucht. Aber einige haben selbst das nicht. Und andere haben davon viel zu viel. Das geht mit dem Glauben nicht zusammen. Wir haben es in der Lesung aus Jesaja 5 vorhin gehört - die scharfe Kritik an einem Heuschreckenkapitalismus, der zum Wohle weniger vielen anderen die Grundlage zum Leben entzieht.

 

Unser Predigttext aus Apg 4 ist kein politisches Manifest. Und doch ist er eine ernste Anfrage an unsere Art zu leben und zu wirtschaften. Der Glaube an Jesus ist nicht nur was für ein paar erbauliche Stunden am Wochenende. Er ist auch ein Gestaltungsauftrag; ein Auftrag, unsere Welt mitzugestalten - im Sinne Jesu. Und dazu gehört vom heutigen Predigttext her gesehen, dass wir uns einsetzen für eine Wirtschafts- und Sozialordnung, die nicht wachstums- sondern bedarfsorientiert ist. Die ein entkrampftes Verhältnis zu den Gütern dieser Erde hat. Die sie als Geschenk betrachtet und dankbar annimmt und bereit ist, sie zu teilen. Das funktioniert, wenn wir aufhören uns zu definieren über das, was wir haben, und uns stattdessen „definieren“ über das, was wir um Jesu willen sind. Gebe Gott, dass wir dahin kommen, von dieser Lebenshaltung von Herzen sagen zu können: Das ist meins! Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt für den 1. So. n. Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-14 Predigtma[...]
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Predigt

für Trinitatis (07.06.20)

 

Online-Gottesdienst aus der Kirche St. Georg in Winzberg

und Gottesdienst aus der Kirche St. Anna in Steeg

 

 

Liebe Gemeinde! Bekommen Sie auch regelmäßig einen Knoten im Kopf, wenn Sie sich fragen, wie man sich das eigentlich vorstellen soll mit dem „dreieinigen“ Gott? Immerhin fängt jeder Gottesdienst an mit den Worten „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

 

„Eins gleich drei.“ Was mathematisch erstmal eine Herausforderung ist, erkläre ich meinen Konfirmanden gerne anhand eines Dreiecks (ein Vorfahrt-Achten-Schild wird gezeigt). Das Dreieck hat drei Seiten. Trotzdem ist es nur ein Gegenstand. Die Theologie hat das Phänomen der Trinität auf den Begriff gebracht: „Ein Wesen, drei Erscheinungsformen“. Dazu noch ein anderes Beispiel aus unserer Erfahrungswelt, das Sie alle kennen: Wasser. Wasser kommt in drei verschiedenen Erscheinungsformen vor: In fester Form als Eis, flüssig als Wasser, gasförmig als Wasserdampf. Trotzdem ist es immer Wasser.

 

So kommt Gott als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist vor, und ist trotzdem immer Gott. Schauen wir uns die drei Seiten einfach mal an und nehmen dabei einen kurzen Text aus 2 Kor 13,13 zu Hilfe - den so genannten Kanzelgruß, mit dem ich fast jede Predigt beginne:

 

 

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

 

 

Hier ist die Reihenfolge anders: Jesus, der Sohn, dann Gott, der Vater, dann der Heilige Geist. Man kann das also drehen und wenden, wie man will. Auf jeden Fall sind hier drei Erscheinungsformen Gottes drei Eigenschaften zugeordnet. Als Gott, der Vater, begegnet uns Gott als der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Er ist es, der dem Menschen das Leben gibt. Ihm ist hier in 2 Kor 13 das Wort Liebe zugeordnet.

 

Eigentlich, so könnte man denken, könnte Gott sich ja selbst genug sein. Warum hat Er die Erde und den Menschen überhaupt erschaffen? Er hätte sich eine Menge Ärger erspart, wenn er es nicht getan hätte. Aber Gott wollte diese Schöpfung. Und Er wollte den Menschen als Gegenüber. Gott ist ein Beziehungstyp. Ohne uns wüsste Gott gar nicht, wohin mit Seiner Liebe. In Gott, dem Sohn, hat diese Vater-Liebe buchstäblich Hand und Fuß bekommen. Jesus ist die Ausgeburt der Liebe Gottes. Niemand anderes als der allmächtige Gott selbst ist in Jesus als Mensch zur Welt gekommen. Ihm, Jesus, ist in unserem Predigttext das Wort Gnade zugeordnet.

 

Jetzt könnte man fragen: „Wenn Gott allmächtig ist, warum hat Er den Menschen dann so fehlerhaft konzipiert, dass er auf Gnade angewiesen ist?“ Die Sollbruchstelle der Schöpfung ist, dass Gott den Menschen als ein Wesen mit Freiheit und Verantwortung geschaffen hat. Gott hält sich den Menschen nicht wie einen Hund. Ein Hund kann von seinem Rudelinstinkt her gar nicht anders, als sein Herrchen zu lieben und sich ihm willenlos unterzuordnen.

 

Aber Gott hat uns nicht als Hunde geschaffen, sondern als Menschen. Als Seine Kinder. Kinder werden irgendwann „flügge“. Damit ist auch die Möglichkeit gegeben, sich vom Vater abzuwenden. Wie irdischen Eltern auch tut Gott das weh, wenn wir uns abwenden. Aber Er lässt uns diese Freiheit. Weil Er Sein Vater-Sein nicht mit Gewalt durchsetzen will, sondern es in Liebe lebt. Und so wie liebende Eltern ihren Kindern nachgehen, wenn sie sich abwenden, so geht Gott uns nach. Das ist der Grund, warum Er in Jesus Mensch geworden ist. Er wollte uns zeigen, wie wichtig wir Ihm sind. Und weil Er nicht will, dass wir verlorengehen, ist Er uns so weit nachgegangen, dass Er nicht nur unser Leben, sondern auch unseren Tod geteilt hat, um uns zu retten. Zu erlösen. Verdient haben wir das nicht. Das ist Gnade. Gott tut das, weil Er uns liebt.

 

Und Gott, der Heilige Geist, ist nun die Erscheinungsform Gottes, mit der Er sich uns erfahrbar macht. Ohne den Heiligen Geist hätten wir keinen Kontakt zu Gott. Gott kann man nicht sehen. Aber manchmal spürt man, dass Er da ist. Wenn das passiert, dann ist der Heilige Geist am Werk. Wie beim Wind. Den kann man auch nicht sehen. Aber seine Wirkung, die kann man sehen und spüren. Dass wir Gott spüren und dass es zu einer persönlichen Beziehung zwischen Ihm und uns kommt, das ist das Werk des Heiligen Geistes. Deswegen ist Ihm im Predigttext das Wort Gemeinschaft zugeordnet. Durch die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sind wir mit Gott verbunden. Er vermittelt uns die Gewissheit, dass wir Seine Kinder sind. Wenn wir aber Seine Kinder sind, dann sind wir untereinander - Geschwister.

 

Der Heilige Geist schafft also nicht nur Gemeinschaft mit Gott, sondern – untrennbar damit verbunden – auch untereinander. Daran müssen wir gelegentlich erinnert werden. Die drei Wesenszüge Gottes – die Gnade, die Liebe, die Gemeinschaft - wollen und sollen sich in unserem Leben widerspiegeln. Damit bin ich nochmal bei dem Dreieck. Ich habe nicht ohne Grund dieses Verkehrszeichen als Beispiel mitgebracht. „Vorrang gewähren!“ oder „Vorfahrt achten!“ Im Glauben an den dreieinigen Gott zu leben, bedeutet, mal ein bisschen den Fuß vom Gas zu nehmen. Uns nicht für die zu halten, vor denen die Welt still zu stehen hat. An den dreieinigen Gott zu glauben, bedeutet, dem Vater, dem Schöpfer und Seiner Schöpfung Vorrang zu geben vor unseren ausufernden Ansprüchen.

 

Corona hat uns ein anderes Schild vor die Nase gesetzt. Das hier (Stop-Schild). Wochen lang stand alles still. Nichts ging mehr. Wenn man im Straßenverkehr an so einem Schild anhalten muss, gilt das hier (Vorfahrt achten) implizit mit. Es reicht nicht, wenn man schön zählt: 21, 22, 23… Entscheidend ist, dass man die Zeit nutzt um sich zu orientieren, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, zu sehen, was da abgeht. Um Konsequenzen abzuschätzen: Kann ich die Bremse wieder lösen? Was passiert, wenn ich jetzt wieder anfahre? Habe ich freie Bahn? Oder gefährde ich mich und andere? Riskiere ich vielleicht sogar, dass es kracht?!

 

Die durch Corona verordnete Zwangspause war Zeit zum Nachdenken. Gebe Gott, dass wir, wenn jetzt die Stop-Schilder wieder verschwinden, Ihm, unserm Schöpfer, Vorrang geben vor unseren Ansprüchen. Dass wir uns nicht zu einem „Einfach weiter wie vorher“ hinreißen lassen. An Gott, den Schöpfer glauben, heißt achtsam zu sein. Achtsam und liebevoll mit Seiner Schöpfung umzugehen (übrigens auch mit sich selbst, denn jeder von uns ist ein Teil dieser Schöpfung). Gott, dem Sohn Vorrang zu geben, würde bedeuten, auch mit den anderen - unseren Geschwistern - achtsam umzu-gehen. Gnade walten zu lassen. So wie Jesus mit uns gnädig ist. Und Gott, dem Heiligen Geist Vorrang zu geben, würde bedeuten, die Gemeinschaft  wertzuschätzen, in die wir hineingestellt sind. Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Jetzt nicht die Ellbogen ausfahren und zusehen, wie man zu seinem Recht kommt, sondern - da sind wir wieder dabei - auf die anderen achten.

 

Mag sein, dass wir einen Knoten im Kopf bekommen, wenn wir über die Trinität nachdenken. Aber wenn sich Gnade, Liebe und Gemeinschaft in unserem Umgang miteinander ereignen, dann ist der dreieinige Gott ganz lebendig in unserer Mitte. Gebe Gott, dass wir nicht nur am Sonntagmorgen, sondern bei allem, was wir tun, auch im Alltag, sagen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Predigt für den Sonntag Trinitatis
Online-Gottesdienst 2020-06-07 Predigtma[...]
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Predigt

für Pfingstsonntag (31.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder!

Der heutige Online-Gottesdienst kommt aus der Kirche Steeg. Der Predigt liegt die Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 i.A. zugrunde:

 

 

Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle, die zu Jesus hielten, versammelt. Plötzlich gab es ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Dann sahen sie etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden ließ sich eine Flammenzunge nieder. Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, jeder und jede, wie es ihnen der Geist Gottes eingab. Nun lebten in Jerusalem fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als sie das mächtige Rauschen hörten, strömten sie alle zusammen. Sie waren ganz verwirrt, denn jeder hörte die Versammelten, die Apostel und die anderen, in seiner eigenen Sprache reden. Außer sich vor Staunen riefen sie: »Die Leute, die da reden, sind doch alle aus Galiläa! Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam, aus Mesopotamien, aus Judäa und Kappadozien, aus Pontus und aus der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, aus der Gegend von Zyrene in Libyen und sogar aus Rom. Wir sind geborene Juden und Fremde, die sich der jüdischen Gemeinde angeschlossen haben, Insel- und Wüstenbewohner. Und wir alle hören sie in unserer eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkünden!« Erstaunt und ratlos fragten sie einander, was das bedeuten solle. Andere machten sich darüber lustig und meinten: »Die Leute sind doch betrunken!«

 

Da stand Petrus auf und die elf anderen Apostel mit ihm, und er rief laut: »Ihr Juden aus aller Welt und alle Bewohner Jerusalems! Lasst euch erklären, was hier vorgeht; hört mich an! Die Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst neun Uhr früh. Nein, hier geschieht, was Gott durch den Propheten Joël angekündigt hat: „Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt Gott, dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.“ Ihr Männer von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe! Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst. Den habt ihr durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. So hatte Gott es nach seinem Plan im Voraus bestimmt. Und genau den hat Gott aus der Gewalt des Todes befreit und zum Leben erweckt; denn der Tod konnte ihn unmöglich gefangen halten. Diesen Jesus also hat Gott vom Tod auferweckt; wir alle sind dafür Zeugen. Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den Heiligen Geist, damit er ihn über uns ausgießt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes! Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.«

 

Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: »Brüder, was sollen wir tun?« Petrus antwortete: »Kehrt jetzt um und lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen Heiligen Geist schenken.«

 

Noch mit vielen anderen Worten beschwor und ermahnte sie Petrus. Und er sagte zu ihnen: »Lasst euch retten vor dem Strafgericht, das über diese verdorbene Generation hereinbrechen wird!« Viele nahmen seine Botschaft an und ließen sich taufen. Etwa dreitausend Menschen wurden an diesem Tag zur Gemeinde hinzugefügt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

 

Liebe Gemeinde! Man kann schon ein bisschen neidisch werden, wenn man das hört. Da scheint ja richtig die Post abgegangen zu sein damals, Pfingsten in Jerusalem. Verglichen damit geht es bei uns eher nüchtern zu. Kein Brausen füllt das Haus (wenn man vom Rauschen des Orgelmotors mal absieht…). Corona tut sein Übriges dazu bei den Gottesdiensten, die wir heute in unseren Kirchen feiern. Mundschutz und Maulkorb, was das Singen angeht, alle schön auf Abstand, den Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase - das ist nicht unbedingt dazu angetan, großartig Stimmung aufkommen zu lassen. Aber ich glaube, der Heilige Geist lässt sich davon nicht aufhalten. Damals hat er größere Hindernisse überwunden. Wir haben die Pfingstgeschichte gerade gehört. Ein paar Dinge möchte ich noch erklären:

 

Pfingsten – das Wort – kommt vom griechischen penthkosth. Auf Deutsch heißt das nichts weiter als fünfzig. Pfingsten ist der fünfzigste Tag nach Ostern. Für die Jünger Jesu ist in diesen 50 Tagen 'ne Menge passiert. Sie haben nach der Kreuzigung erlebt, dass Jesus auferstanden ist. Immer wieder ist Er ihnen begegnet, hat mit ihnen gesprochen und sogar gegessen. 40 Tage nach Ostern war damit Schluss. Die sogenannte Himmelfahrt markiert den Punkt, ab dem Jesus Seinen Jüngern nicht mehr sichtbar erschienen ist. Vor Seinem Abschied gab Er ihnen den Auftrag: „Ihr sollt meine Zeugen sein und sollt die frohe Botschaft in alle Welt tragen.“ Ich nehme mal an, die Jünger haben sich damit leicht überfordert gefühlt. Immerhin war Jesus als religiöser Unruhestifter hingerichtet worden. „Wenn wir uns jetzt als Sein Fanclub outen, kann’s passieren, dass man uns als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung einstuft und uns auch ans Kreuz nagelt. Außerdem sind wir ungebildete Leute. Keiner von uns hat Theologie studiert oder einen Rhetorikkurs gemacht.“ Aber Jesus hatte gesagt: „Wartet’s ab! Ihr werdet die nötige Kraft bekommen, wenn’s soweit ist.“ Zehn Tage hat es gedauert, dann hat sich Sein Versprechen bewahrheitet.

 

Lukas schreibt, dass das Kommen des Heiligen Geistes flankiert wird von einem Rauschen wie von einem starken Wind und von ominösen Feuerzungen. Das sind Symbole. Das hebräische Wort für ist Geist ist dasselbe wie für Wind: Ruach. Wind kann man nicht sehen. Aber seine Wirkung. Man hört ihn rauschen, spürt ihn im Gesicht, man sieht, wie er an den Bäumen die Äste hin und her bewegt. Aber den Wind an sich sieht man nicht. Genau so ist es beim Heiligen Geist. Ihn selbst sieht man nicht. Aber man kann sehen, wie Er Menschen bewegt. Das ist das eine Symbol, der Wind. Das zweite ist das Feuer. Feuer ist im Alten Testament ein Bild für die unbändige und ansteckende Kraft Gottes. Der Heilige Geist kommt, und die Jünger sind Feuer und Flamme. Sie fassen Mut und fangen an, von Jesus zu erzählen. Und das sogar in verschiedenen Sprachen.

 

Jerusalem war voller Touristen, weil gerade das Schawuot-Fest gefeiert wurde. Das ist ein Erntedankfest zur Weizenernte. Gleichzeitig erinnert dieses Fest an dem Empfang der Zehn Gebote. Menschen aus fast allen Völkern rund um das Mittelmeer und aus dem vorderen Orient waren da, zumal viele Ausländer fest dort wohnten. Trotz ihrer unterschiedlichen Sprachen versteht plötzlich jeder jeden, als die Jünger loslegen. Pfingsten ist Völkerverständigung. Und dann hält Petrus eine Predigt, die sich gewaschen hat. Unter den Zuhörern waren etliche, die am Karfreitag gegrölt hatten: „Kreuzige ihn!“ Denen sagt Petrus nun: „Ihr habt Jesus ans Kreuz schlagen lassen. Aber eben diesen Jesus, den hat Gott vom Tod auferweckt.“ Petrus konfrontiert seine Zuhörer knallhart mit ihrer Schuld. Die Schuld besteht darin, dass sie sich haben hinreißen lassen zum Hass, zum Pogrom gegen Jesus, das in der Kreuzigung gipfelte. Ganz normale, „unbescholtene“ Bürger haben mit dafür gesorgt, dass Er sterben musste, bloß, weil Er in kein Schema passte. Petrus wirft diesen Menschen vor: „Ihr wart auf dem Holzweg, als Ihr dachtet zu wissen, wer Gott ist und was Er will. Und vor allem, als Ihr meintet, Ihr tätet Ihm einen Gefallen, wenn Ihr den aus dem Weg räumt, der Euch nicht in den Kram passte. Gott hat anders entschieden. Der Tod konnte diesen Mann nicht halten, der die Liebe Gottes gelebt hat wie kein anderer. Gott hat Ihn, der sich buchstäblich von Euch auf Seine Liebe festnageln ließ, zum Herrn gemacht. Das – oder besser gesagt: Er ist für alle die Chance auf Leben.“

 

Die Predigt hätte Petrus Kopf und Kragen kosten können. Aber es kam anders. „Dieses Wort traf sie mitten ins Herz“, schreibt Lukas. Gebe Gott, dass dieses Wort auch uns mitten ins Herz trifft. Dass wir erkennen, dass wir mit Hass, mit unseren vorschnellen Urteilen über andere, mit unserem Schubladendenken und unserer Feindseligkeit  fürchterlichen Schaden anrichten. Und dass wir voll daneben liegen, wenn wir meinen, wir täten Gott einen Gefallen, wenn wir Andersgläubige bekämpfen. Wenn das christliche Abendland, um das sich einige Zeitgenossen so sehr sorgen, wenn das Christliche am Abendland eine Chance haben soll, dann liegt die gewiss nicht darin, dass wir die Konkurrenz „ausschalten“, sondern darin, dass wir einzig und allein  voll und ganz darauf vertrauen, dass sich die Liebe durchsetzt. Die Liebe, die für uns einen Namen hat: Jesus. Es passt nicht zu dieser Liebe und sie hat es auch nicht nötig, dass man anderen den Mund verbietet. Diese Liebe hat sich schon gegen den Tod durchgesetzt, und sie braucht jetzt nur noch eines: Menschen, die sie leben. Die sich vom Geist der Liebe beseelen lassen statt vom Geist des Hasses. Menschen, die Feuer und Flamme sind für Jesus (so wie andere für ihren Fußballverein). Die klare Worte finden, statt ängstlich zu schweigen. Die sich eindeutig zu Jesus bekennen, statt sich hinter schwammigen Allgemeinplätzen zu verstecken. Die Visionen haben, statt zu resignieren. Da, wo solche Menschen sind, ist Pfingsten. Dafür muss es nicht so spektakulär zugehen wie damals in Jerusalem. Entscheidend ist, ob wir

 

1. die ausgebreiteten Arme der Liebe wahrnehmen, die Gott uns in Jesus entgegenstreckt, ob wir

2. unsere Schuld erkennen, umkehren und Seine Einladung annehmen, und ob wir uns

3. begeistern lassen, diese Einladung in Wort und Tat an andere weiterzugeben – ganz gleich, ob es sich dabei um muslimische Flüchtlinge, konservative Deutsche oder durchschnittliche Gleichgültige handelt.

 

Wenn wir dem Heiligen Geist Raum geben, brauchen wir uns nicht über die aktuellen Umstände zu grämen, brauchen auch nicht neidisch zu sein auf das, was damals in Jerusalem abgegangen ist, sondern können uns überraschen lassen, was mit Seiner Kraft heute möglich ist. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Predigt 31.05.2020 Pfingsten
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Predigt

für den So. Exaudi (24.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche Henschhausen. Der Predigt liegt folgender Text aus Joh 16,5-7.13a zugrunde:

 

 

Jesus sagt: „Jetzt gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten.

 

 

Liebe Gemeinde! Es gibt so ein paar Sätze, die habe ich als Kind immer gehasst wie die Pest. Einer davon war: „Komm, mein Kind, das ist gut für Dich!“ Davon wollte ich nichts wissen, wenn meine Eltern mit einem Löffel Penicillin vor mir standen und schon der Geruch von dem Zeug mir den Magen zuschnürte. Oder wenn meine Tante mit der Cremedose hinter mir herlief in der Absicht, mir diese Creme ins Gesicht zu schmieren. Oder wenn man morgens nicht in die Schule will und dann gesagt kriegt: „Das muss sein! Es ist gut für Dich!“ Inzwischen habe ich die Seite gewechselt. Jetzt bin ich der, der mit der Creme hinter unserer Kleinsten herläuft und mit unserem Sohn über Sinn und Unsinn der Schulpflicht diskutiert. Und manchmal fällt mir tatsächlich nichts Besseres ein als zu sagen: „Das muss sein. Es ist gut für Dich!“

 

„Es ist gut für Dich!“ Die Wahrheit dieses Satzes erschließt sich oft erst im Nachhinein. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch bei den Jüngern so war. Die mussten sich das auch anhören – von niemand Geringerem als von Jesus persönlich. Mit dem Predigttext, den wir vorhin gehört haben, springen wir nochmal in die Situation vor Himmelfahrt zurück. Jesus spricht mit den Jüngern über Seinen bevorstehenden Abschied und sagt allen Ernstes: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“ Wie kann Jesus sowas sagen?! „Es ist gut für Euch, dass ich weggehe“. Was könnte besser sein, als dass Er bei Seinen Jüngern bleibt?

 

Abschiede sind immer schwierig. Man sieht, was man verliert. Aber man sieht noch nicht das, was kommt. Das ist so, wenn man die Schule wechselt, den Arbeitsplatz oder den Wohnort, oder wenn man den Arzt wechseln muss. Das Alte kennt man, das Neue noch nicht. Da hilft es erstmal wenig, wenn der Doktor sagt: „Meine Kollegin macht das auch gut!“, wenn man insgeheim nur denkt: „Toll, ich will aber Dich als Arzt behalten!“ Jesus sagt sowas Ähnliches: „Ich schicke Euch Ersatz.“ So nach dem Motto: „Kollege kommt gleich!“ Der Heilige Geist. Der Tröster, wie Er Ihn nennt. Wer ist dieser „Tröster“? Das griechische Wort paraklhtoV, das hier im Urtext steht, heißt wörtlich „der Herbeigerufene“, der „Beistand“. Ursprünglich meint das den Anwalt vor Gericht. Jesus weiß, dass Seinen Jüngern Situationen bevorstehen, wo sie wegen ihres Glaubens an Ihn verfolgt werden.

 

Uns hier in Deutschland droht heute – Gott sei Dank – keine Verfolgung wegen unseres Glaubens. Trotzdem ist es oft nicht leicht, vom Glauben zu reden. Das braucht Mut. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die man mit der Existenz Gottes nicht überein kriegt, die am eigenen Glauben kratzen, wird’s ganz schnell eng. Dann braucht man nicht nur Mut, dann braucht man Trost. Die letzen Wochen haben viele aus der Bahn geworfen. Kaum etwas ist so, wie es war. Feste, auf die man sich gefreut hat (wie die Kerb), müssen abgesagt werden. Überall ist Abstand halten angesagt, keine Umarmung, keine Berührung, kein Abzappeln in prall gefüllten Diskotheken, keine Konzertbesuche, und ob der Sommerurlaub stattfinden kann, steht auch noch in den Sternen. Und das sind im Vergleich noch die harmloseren Auswirkungen. Einige haben schon ihre Arbeit verloren, andere drehen am Rad, weil die Kinder sie beim Homeoffice terrorisieren, viele haben mit wachsenden Ängsten zu kämpfen. Manch einer steht vor den Trümmern seines Lebenswerkes, und wieder anderen hat die Epidemie eiskalt einen lieben Menschen von der Seite gerissen - ohne dass man sich irgendwie halbwegs würdig hätte verabschieden können.

 

Verlusterfahrungen haben das Potenzial eines biografischen Erdbebens. Da sieht man sich dem Leben plötzlich nicht mehr gewachsen. Jetzt mal egal, ob Corona die Ursache dafür ist oder was anderes. Das gab’s ja auch vorher schon.

 

Ich bin aber sicher, dass viele von Ihnen gerade in solchen Momenten Ihre Erfahrungen mit dem Heiligen Geist gemacht haben. Mit dem Beistand, dem Tröster. Wo Sie sich rückblickend fragen: „Woher hatte ich die Kraft, das durchzustehen?“ und zu dem Ergebnis kommen: Die Kraft hat Gott mir gegeben. Der Heilige Geist. Ihr persönlicher Anwalt des Lebens im Kampf mit den Schatten des Todes. Glaubens- und Lebenshilfe von oben. Nächste Woche feiern wir Pfingsten. Den Tag, an dem Jesus Sein Versprechen wahr gemacht hat, Seinen Jüngern diesen Tröster zu senden. Plötzlich beseelt ungeahnter Mut die verängstigten Jünger. Vorher hatten sie sich eingeschlossen. Jetzt fängt mit Simon Petrus plötzlich ein einfacher Fischer an zu predigen und begeistert wildfremde Menschen für Jesus. Und die kleine Jüngerschar erlebt einen Wachstumsschub. Auf einmal sind es nicht mehr nur ein paar wenige, sondern ganz viele. Nächsten Sonntag mehr dazu.

 

Wäre Jesus als Mensch  sichtbar bei den Seinen geblieben, hätte Er auf Dauer nicht für alle da sein können. Nicht jeder Deutsche kann eine persönliche Beziehung zur Bundeskanzlerin haben. Das geht nicht. Die kommt zwar jeden Abend durch’s Fernsehen zu uns ins Wohnzimmer, aber ich weiß nicht, ob jemand unter Ihnen ist, den sie kennt. Das ist ja das, was die Leute manchmal sagen lässt: „Die da oben haben doch keine Ahnung, wie es im wirklichen Leben aussieht!“ Ein Vorwurf, der auf Gott nicht zutrifft, liebe Gemeinde. „Der da oben“ weiß genau Bescheid, was los ist. Er ist ja selbst runtergekommen und hat sich ein Bild gemacht von unserer Lage. Hat im Leben und Sterben Jesu  unser Leben und unser Sterben geteilt und weiß um all die Traurigkeiten, ja und auch um die Grausamkeiten, die Menschen erleben müssen. Und um eben für jeden von uns an unserer Seite sein zu können, hat Er nach dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu  Seinen Geist geschickt. Durch den können wir alle eine persönliche Beziehung zu Ihm haben. Der Preis dafür ist, dass wir Ihn nicht sehen können. Alles, was man sehen kann, hat Grenzen. Sonst könnte man ja nicht von außen draufgucken. Als Mensch war Jesus an Raum und Zeit gebunden. Wäre Er sichtbar bei Seinen Jüngern geblieben, wäre das so geblieben.

 

Der Heilige Geist ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Er ist die entgrenzte Gegenwart Jesu. Wenn Jesus also sagt: „Es ist gut für Euch, dass ich weggehe“, dann hat Er genau das gemeint: „Als Mensch muss ich gehen. Sonst kann ich nicht für alle da sein. Aber der Heilige Geist tritt an meine Stelle, und durch Ihn bin ich für alle da! Immer und überall.“ Wenn man sich das so klarmacht, muss man zugeben: „Jesus, Du hattest Recht. Es ist tatsächlich gut für uns, dass Du aufgehört hast, sichtbar bei deinen Jüngern zu sein, und dass du stattdessen deinen Geist geschickt hast. Denn so haben wir mehr von Dir!“ Amen.

 

 

Die Predigt
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Online-Gottesdienst 2020-05-24 Predigtm[...]
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Predigt

für Christi Himmelfahrt (21.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der St. Oswald Kirche Manubach. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 24,44-53 zugrunde:

 

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Von Jerusalem an seid ihr dafür Zeugen. Und siehe, ich sende auf euch, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe. Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

 

Liebe Gemeinde! Abschied tut weh. Bestimmt haben Sie auch schon mal mit einem dicken Kloß im Bauch am Bahnsteig, auf der Straße oder am Flughafen gestanden und einem lieben Menschen nach gewunken. Richtig grässlich, dieses Gefühl, wenn man dann zurück kommt ins Haus, und alles fühlt sich so leer an. Kein Wunder, dass in solchen Momenten manche Träne fließt…

 

Damit wäre eigentlich auch bei den Jüngern zu rechnen gewesen, als Jesus sich am Himmelfahrtstag von ihnen verabschiedete. Sie hatten ja schon einiges hinter sich in den Wochen davor. Erst wurde Jesus am Karfreitag hingerichtet; sie dachten: „Jetzt ist alles aus!“ Dann steht er Ostern plötzlich vor ihnen, quietschlebendig, und erklärt ihnen, dass das alles so kommen musste. Und 40 Tage später heißt es wieder: Abschied nehmen. Ich hätte es verstanden, wenn die Welt da endgültig für sie zusammen gebrochen wäre. Lukas berichtet aber, dass sie alles andere als traurig waren: „…sie kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude“. Von Abschiedsschmerz keine Spur. Okay, es gibt auch Abschiede, wo man froh ist, wenn der Besuch endlich wieder weg ist. Da steht man an der Tür und sagt: „Schön, dass Du da warst!“ Und denkt insgeheim: „Und noch schöner, dass Du wieder gehst!“ Zu dieser Art von Besuch wird Jesus aber für die Jünger kaum gehört haben… Stellt sich also die Frage, warum die Jünger bei diesem Abschied trotzdem fröhlich waren. Was hat es mit der „Himmelfahrt“ Jesu auf sich?

 

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Schilderung des Evangelisten höchst unspektakulär ist. Beinahe nebensächlich erscheint das, was dem heutigen Tag seinen Namen gegeben hat: „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf in den Himmel.“ Das ist alles. Offenbar hat der Evangelist kein Interesse daran, wie das vonstatten ging. Das Entscheidende ist der Auftrag an die Jünger und der Segen, den Jesus ihnen zuspricht. Jesus lässt was da, bevor Er geht. Einen Anspruch und einen Zuspruch. Der Anspruch ist: „Ihr seid meine Zeugen“. Die Jünger sollen einstehen für das, wovon Jesus geredet hat, was Er gelebt hat und wofür Er gestorben ist. Sie sollen erzählen von den Begegnungen mit Ihm nach Seinem Tod, die ihnen klar gemacht haben: Jesus ist auferstanden. Er hat dem Tod die Lizenz entzogen. Und sie sollen in Seinem Namen, im Namen Jesu, Menschen einladen zur Buße.

 

Buße - das klingt für unsere Ohren ganz grauselig. Klischees lassen grüßen: Auf Knien durch den Staub robben, sich mit Peitschenhieben selbst kasteien… Ich glaube aber, dass das, was Jesus mit Buße meint, etwas ist, wonach sich viele Menschen im Grunde ihres Herzens sehnen: Nämlich ausbrechen zu dürfen aus eingefahrenen Gleisen. Umkehren aus den Sackgassen, in die wir uns verrannt haben, und noch mal neu anfangen. Im Moment ist die Chance dazu. Ich sagte bei unserem allerersten Online-Gottesdienst im März, dass ich es zwar nicht für zielführend halte, darüber zu spekulieren, ob Corona eine Strafe Gottes ist, dass ich darin aber sehr wohl einen Ruf zur Umkehr sehe. Die plötzliche Vollbremsung, die wir erlebt haben, stellt uns vor die Frage, was wirklich zählt. Eigentlich wussten wir schon vor Corona, dass es nicht ewig so weitergehen kann mit dem immer höher, immer mehr, immer schneller. Jetzt ist die Gelegenheit, mal ganz ehrlich zu sein mit uns selbst und uns klar machen, wo wir im Begriff waren, das Leben vor die Wand zu fahren – das Miteinander mit anderen, unsere Umwelt, unsere Beziehung zu Gott. Jetzt ist die Chance zur Umkehr. Gott streckt uns die Hand entgegen und sagt: „Kommt, Leute, ich vergeb Euch. Ihr dürft noch mal neu durchstarten.“ Wenn wir das annehmen, kann in unserem Leben manches anders werden. Dafür ist Jesus gestorben, um wegzuräumen, was uns von Gott trennt. Und mit Seiner Auferstehung hat Er uns gezeigt, dass Gott das Leben nicht aufgegeben hat. Dass am Ende nicht alles im garstigen Nichts des Todes verschwindet, sondern dass Gott dem Leben zum Sieg verhilft.

 

Den Menschen das weiterzusagen, das ist der Auftrag, den Jesus Seinen Jüngern gibt. Keine leichte Aufgabe. Aber, wie gesagt, Jesus nimmt Seine Jünger nicht nur in Anspruch, Er gibt ihnen auch Seinen Zuspruch: Jesus hebt die Hände und segnet Seine Jünger. Er stellt sie unter Gottes Schutz. Und Er verspricht ihnen „die Kraft aus der Höhe“, Power von oben, den Heiligen Geist. Quasi als „Ablösung“, der ihnen Kraft gibt zum Leben und zum Glauben. Aber was passiert danach mit Jesus? Damit sind wir noch mal bei der Himmelfahrt. Wer in der Bibel nachliest, wird merken, dass nur der Evangelist Lukas diese Geschichte aufgeschrieben hat - dafür gleich zweimal. Und die beiden Versionen sind so unterschiedlich, dass auf der Hand liegt: Es geht ihm nicht darum, zu sagen: „Genau so ist es gewesen!“ Die Kernaussage von Himmelfahrt ist nicht, dass Jesus Wolken in Aufzüge verwandeln kann. Himmelfahrt bedeutet: Die Zeit, wo Jesus sichtbar auf der Erde war, ist zu Ende. Jesus ist zurückgekehrt in die Wirklichkeit Gottes. Eine Wirklichkeit, die unseren Augen entzogen ist. Aber braucht’s dafür die Himmelfahrtsgeschichte?

 

Manchmal kann man die Bibel besser verstehen, wenn man ein bisschen über die Hintergründe weiß. Auf uns wirkt diese Himmelfahrtssache ziemlich abgefahren. Aber damals im Römischen Reich war die Vorstellung, dass herausragende Persönlichkeiten in den Himmel entrückt wurden, total verbreitet. Mit seiner „Himmelfahrt“ wurde einem verstorbenen Kaiser bescheinigt, dass er mehr war als nur ein Mensch. Quasi ein Gott. Lukas konnte also sicher sein, dass seine Leser verstanden, worum es ging. Und wenn man das weiß, wird deutlich: Das war eine totale Provokation, zu sagen: „Jesus ist in den Himmel aufgefahren!“ Nicht der Kaiser in Rom wird von Gott zum Weltherrscher ernannt, sondern ein gekreuzigter Wanderprediger aus dem Provinznest Nazareth! Er ist der Herr!

 

Das ist die Kernaussage der Himmelfahrtsgeschichte: Jesus ist Herr! Die Jünger können zurückkehren mit großer Freude, weil Gott neue Maßstäbe setzt. Weil Er den großen und oft so brutalen Herrschern dieser Welt eine Grenze setzt und sagt: „Die wahren Herren, das seid nicht Ihr. Der wahre Herr ist Jesus, weil Seine Macht in der Liebe besteht.“ Die Jünger können nach ihrem Abschied von Jesus zurückkehren mit großer Freude, weil Jesus der Herr ist! Sie preisen Gott, weil Himmelfahrt gerade nicht heißt: Er ist weg! Sondern: Er ist da! Bei ihnen. Nicht mehr sichtbar, aber in der Kraft Seines Geistes.

 

Christi Himmelfahrt ist also nicht die Situation am Bahnsteig oder am Flughafen mit Kloß im Bauch und Taschentuch in der Hand. Nicht Trauer und Abschiedsschmerz sind angesagt, sondern Hoffnung - und darauf warten, dass Sein Geist uns bereit macht, für eine Erneuerung der Welt einzutreten – in Seinem Sinne und in Seinem Namen. Amen.

 

 

Predigtmanuskript
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Predigt

für den So. Rogate (17.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus dem Kirchsaal in Neurath. Der Predigt liegt folgender Text aus Lukas 11,5-13 zugrunde:

 

Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: „Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann!“, und der drinnen würde antworten und sprechen: „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“ Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Liebe Gemeinde! Hat das mit dem Beten  Sinn? Ist da überhaupt einer, der mir zuhört? Oder ist das alles am Ende bloß Fake - krasser gesagt: Selbstbeschiss?! Manchmal denken wir ja: „Früher war das alles einfacher! Die Leute, die zur Zeit Jesu gelebt haben, für die war das gar keine Frage!“ Ganz offenbar war es das aber doch. Sonst hätte Jesus nicht so 'ne Geschichte erzählen müssen wie die, die wir gerade gehört haben. Eine Geschichte, mit der Er jedenfalls klar sagt: „Ja, Beten hat Sinn!“

 

„Stell Dir vor“, sagt Er, „da steht auf einmal mitten in der Nacht einer bei dir auf der Matte, hat eine lange Reise hinter sich, hat Hunger bis unter die Arme - und du hast nichts zu Essen mehr im Haus.“ Gastfreundschaft wurde und wird im Orient großgeschrieben. Insofern wird es den Zuhörern damals eiskalt den Rücken runter gelaufen sein bei der Vorstellung: „Da steht Besuch vor der Tür, und ich kann nichts anbieten!“ Mal eben zur Tanke fahren und was holen, war damals nicht. Blieb nur die Möglichkeit, einen Freund aus dem Bett zu werfen und um Hilfe zu bitten. Nun bestanden die Häuser damals in der Regel aus einem einzigen Raum. Da gab’s kein extra Kinder- oder Elternschlafzimmer. Wenn da nachts einer an die Tür bollerte und anfing zu diskutieren, weil er irgendwas brauchte, war das ganze Haus wach. Der drinnen wird aufmachen, sagt Jesus. Und wenn er’s nicht aus Freundschaft tut, dann allein schon, um so schnell wie möglich wieder Ruhe zu haben. „Um wie viel mehr wird Gott euch helfen, wenn ihr Ihn bittet“, folgert Jesus aus diesem Vergleich. Und schiebt hinterher: „Bittet, so wird euch gegeben“.

 

Ich bin sicher, viele von Ihnen haben starke Erfahrungen mit dem Beten gemacht. Vor ein paar Wochen war im Fernsehen ein Interview mit jemandem, der an Corona erkrankt war und bei dem es auf Messer’s Schneide gestanden hatte. Jetzt war er über den Berg und erzählte zusammen mit seiner Frau, wie dankbar sie Gott sind, dass Er ihre Gebete erhört hat.

Das ist so’ne Erfahrung, wo man merkt: „Jo, Jesus hat Recht! Beten hat Sinn!“ Aber es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Da brauchen wir gar nicht drum herum zu reden. Der Mann aus besagtem Interview ist wieder gesund geworden. Andere haben auch gebetet und haben’s nicht gepackt. Warum? Keine Ahnung. Das kann Menschen an den Rand der Verzweiflung bringen. Wenn unser Bitten keine Erfüllung findet, unsere Su-che ergebnislos bleibt und unser Anklopfen ungehört verhallt - wo ist da Gott?

Es gibt Situationen, da bleibt einem nicht mehr, als mit Dietrich Bonhoeffer festzustellen: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche. Aber Er erfüllt alle Seine Verheißungen.“ Eine davon ist die am Ende unseres Predigttextes, wo Jesus sagt: Wenn schon Menschen ihren Kindern geben, was sie zum Leben brauchen - „wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten!“

 

Vielleicht geht’s uns mit dieser Verheißung so ähnlich wie einem Kind, das von seinen Eltern das kriegt, was es braucht - aber nicht das, was es will. Soll ja vorkommen, dass Eltern ihren Kindern einen Wunsch ausschlagen müssen. Dann ist das Theater groß. Tränen, Verzweiflung und Geschrei, der Haussegen hängt schief, dunkle Wolken über der Beziehung. Vielleicht löst das Versprechen Jesu, uns den Heiligen Geist zu geben, eine ähnliche Reaktion in uns aus wie bei einem trotzigen Kind: Was nützt mir Heilige Geist, wenn ich für ein neues Smartphone bete? Was nützt der Heilige Geist, wenn jemand bittet, dass er wieder gesund wird?

 

Mir geht es so, liebe Gemeinde: Gott tut zwar nicht immer das, worum ich ihn bitte. Aber wenn ich bete, merke ich, ich werde ruhiger. Im Kontakt zu Gott spüre ich, dass ich runterkomme, dass Sorgen oder Ärger Grenzen bekommen.

 

Im Johannesevangelium bezeichnet Jesus den Heiligen Geist als „Tröster“. Der uns trotz aller Enttäuschung, allem Nicht-Verstehen-Können irgendwie dennoch spüren lässt, dass Gott uns nicht im Stich lässt. So wie ein Kind bei aller Wut über die Eltern, die ihm gerad den denkbar wichtigsten Wunsch der Welt verweigern, ja trotzdem weiß: „Meine Eltern sorgen für mich. Und sie haben mich lieb, und ich hab sie auch lieb, auch wenn ich sie aktuell gerade ziemlich doof finde.“ Durch alle atmosphärischen Störungen hindurch weiß das Kind: „Meine Eltern sind für mich da!“ Sonst würde es gar nicht so rumrebellieren. So’nen Aufstand hinzulegen, setzt Vertrauen voraus und eine tragfähige Beziehung.

 

Vertrauen und eine tragfähige Beziehung zu Gott – das ist das, was der Heilige Geist in uns macht. Ich will mal einen etwas gewagten Vergleich bringen: Der Heilige Geist ist so etwas wie das Computerprogramm für den Glauben. Wenn man z.B. ein PDF-Dokument geschickt bekommt, hat aber keinen Adobe Reader auf seinem Rechner installiert, kann der PC mit dem Dokument nix anfangen.

 

Ohne den Heiligen Geist können wir mit Gott nix anfangen. Den brauchen wir, um Seine Spuren in unserem Leben dechiffrieren zu können. Selber besorgen können wir uns den nicht. Aber drum beten. „Und wenn Ihr das tut, wenn Ihr Gott darum bittet, dann gibt Er Ihn Euch, den Heiligen Geist. Darauf könnt Ihr Euch verlassen“, sagt Jesus.

 

Wenn man sich ein Computerprogramm aus dem Internet runter lädt – ich bleib jetzt mal bei dem Adobe Reader, dann erscheint nach dem Download auf dem Bildschirm so ein Dialogfeld, da steht: „Möchten Sie zulassen, dass dieses Programm Veränderungen an Ihrem Computer vornimmt?“ Dann kann man anklicken: „Zulassen“ oder „Nicht zulassen“. Wenn man „Nicht zulassen“ anklickt, passiert gar nichts. Dann war der ganze Download für die Katz. Aber wenn man „zulassen“ anklickt, tun sich ganz neue Welten auf.

 

Wenn wir zulassen, dass der Heilige Geist an unserem „Computer“ Veränderungen vornimmt, dann eröffnen sich ganz neue Dimensionen von Wirklichkeit. Dann erleben wir Gott in unserem Leben als Realität. Das heißt nicht, dass dann alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Aber es kann eine Beziehung zu Gott wachsen, eine Vertrauensbeziehung, die so tragfähig ist, dass sie auch dann hält, wenn was nicht so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben. Und gerade dann werden wir feststellen: Beten hat Sinn, aber hallo! Amen.

 

Predigt 17.05.20
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Predigt

für den So. Kantate (10.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder! Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche Breitscheid. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Chronik 5,1-5.10.12-14 zugrunde:

 

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Liebe Gemeinde! Ein Gottesdienst ohne Singen ist wie ein Sonntagsbraten ohne Soße. Okay, es gibt Leute, die essen den Braten lieber ohne Soße; es gibt auch welche, die essen die Soße ohne den Braten. Aber Sie wissen, was ich meine: Das Singen, die Musik  gehört zum Gottesdienst. Und das schon seit jeher. Wir haben im Predigttext aus 2. Chronik 5 einen Bericht gehört von der Einweihung des Jerusalemer Tempels im 10. Jahrhundert vor Christus. Lange Zeit hatte Israel - im Gegensatz zu seinen Nachbarn - keinen Tempel. Und das aus gutem Grund: Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der Sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und auf seinem Weg durch die Wüste begleitet hat, dieser Gott lässt sich nicht auf einen bestimmten Ort festlegen. Es ist nicht so, als hätte Israel vorher kein Heiligtum gehabt. Im Predigttext wird berichtet, wie die Stiftshütte mit der Bundeslade in den neu errichteten Tempel überführt wurde. Die Stiftshütte war ein zerlegbares, mobiles Heiligtum, das die Israeliten auf ihrem langen Weg ins gelobte Land bei sich hatten. Ein Tempel to go sozusagen. Es wird aber im Text extra nochmal darauf hingewiesen, dass dieser portable Tempel kein Gottesbild beherbergte, sondern lediglich die Bundeslade, in der sich die zwei Tafeln mit den Zehn Geboten befanden, die Mose auf dem Berg Horeb in Empfang genommen hatte. Die Zeichen des Bundes also, den Gott mit Seinem Volk dort geschlossen hatte.

 

Nun war Israel aber mittlerweile sesshaft geworden in dem Land, das Gott  Abraham, Isaak und Jakob versprochen hatte. Und die Leute fingen an sich einzurichten und ihren Glauben so ein bisschen schleifen zu lassen. Je besser es ihnen ging, umso mehr… Und man liebäugelte auch gerne mal mit den Gottheiten der Nachbarvölker. Dass Israel nach langem Hin und Her unter König Salomo schließlich doch einen Tempel bekam, war dem Versuch geschuldet, das Volk in Sachen Glauben zusammenhalten. Der Tempel wurde also nicht gebaut, um Gott auf einen Ort zu begrenzen, sondern um einen Ort zu haben, an dem Menschen sich Seiner Gegenwart vergewissern und vor allem Ihn gemeinsam loben konnten. Das ist das Entscheidende, liebe Gemeinde. Das ist für mich auch das entscheidende Argument, warum wir Kirchen brauchen: Um unseren Glauben in Gemeinschaft zu leben. Um Gott in unserer Mitte zu loben. Und dazu gehört eben besonders das Singen und Musizieren.

 

Wir haben es gehört: Beim ersten Gottesdienst im Jerusalemer Tempel hat ein ganzes Heer von Sängern und Musikern mitgewirkt. Bezeichnender Weise ist es dieser Moment des gemeinsamen Lobpreises, in dem Gott sich der versammelten Gemeinde im Tempel zeigt. Im Predigttext heißt es: „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiel erhob und man den Herrn lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn.“ Dazu muss man wissen: Die Wolke ist in der Bibel ein Zeichen für die unsichtbare Gegenwart Gottes. Als Mose auf dem Berg Sinai, dem Horeb war um die Gebotstafeln in Empfang zu nehmen, da umhüllte ihn ebenfalls eine Wolke. Wenn es jetzt hier heißt, dass der neu errichtete Tempel mit einer Wolke erfüllt wird, bedeutet das nichts anderes, als dass Gott da einzieht und sich den Tempel als Sein Haus zu Eigen macht. Er sagt Ja dazu, dass Menschen Ihm dieses Heiligtum errichtet haben - und zwar in dem Moment, wo dort Sein Name mit Pauken und Trompeten gelobt wird.

 

Wir Christen haben viele Heiligtümer. Allerdings geht es in unseren Kirchen selten so ab wie damals im Jerusalemer Tempel. Vielleicht liegt das daran, dass wir Volkskirchler uns mit unserer leicht verklemmten mitteleuropäischen Mentalität ein bisschen schwer tun mit dem Lob Gottes. Der Lobpreis kommt in unseren Gemeinden zu kurz. Das ist so. Wir lamentieren lieber statt zu loben. Mit Beinen schwer wie Blei sitzen wir mit dem dicken Hintern unserer kultivierten Klagementalität dem Heiligen Geist gewaltig im Weg. Viele Zeitgenossen gehen auch an die Sache mit Gott heran mit der Haltung: „Ich hab Gott noch nicht gesehen. Soll Er sich doch erst mal zeigen!“

 

So wird das nichts, liebe Gemeinde. Man kann Gott nicht von der Zuschauertribüne aus beobachten. Wenn die Israeliten sich damals in ihren neuen Tempel gehockt hätten mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht und gesagt hätten: „So, dann wollen wir mal gucken, was das hier gibt!“, dann hätte es vermutlich gar nichts gegeben. Aber sie machen es andersherum: Sie gehen einfach davon aus, dass Gott da ist, und loben Ihn, danken Ihm für Seine Güte, die sie längst in ihrem Leben erfahren haben. Man muss nur hinschauen, um es zu sehen. Man muss bereit sein, Gottes Spuren in eigenen Leben zu lesen - und mit Ihm in Kontakt treten. Und das geht am besten über’s Loben und Danken. Wenn Sie einen Menschen lächeln sehen wollen, loben Sie ihn! Wenn Sie Gottes Lächeln spüren wollen, loben Sie Ihn!

 

Das Singen ist die Sprache des Glaubens. Es verbindet die Gläubigen untereinander - bei aller Verschiedenheit, trotz aller Differenzen, die sie sonst trennen mögen - politisch, theologisch, ethisch - im Singen, im Musizieren werden wir eins. Und Gott selbst kommt uns nah. So nah, dass es keines Vermittlers mehr bedarf. Ich weiß nicht, ob Ihnen das aufgefallen ist, aber da heißt es im Predigttext: „Als man den Herrn lobte […]; da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“ Gott ist so präsent, so nah, dass zwischen Ihn und Sein Volk kein Priester mehr passt. Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, ist mit Seinen Menschen auf Du und Du. Der sich nicht zu schade war, sich in einem Tempel loben zu lassen, war sich auch nicht zu schade, sich in Jesus in unseren Alltag hinabzubegeben, einer von uns zu werden und uns damit hautnah zu kommen. Das allein ist Grund genug, Ihm auf ewig zu lobsingen.

 

Singen und Musizieren gehören seit jeher zum Gottesdienst. Aber jetzt heißt es auf einmal: „Nein, ist nicht! „Singen verboten!“ Damit muss ich persönlich erst noch fertig werden, liebe Gemeinde. Es wäre mehr als grotesk gewesen, wenn wir ausgerechnet heute, am Singesonntag Kantate, nach Wochen zum ersten Mal wieder Gottesdienst gefeiert hätten und dann nicht hätten singen dürfen. So dürfen Sie das wenigstens zuhause. Wir werden in den kommenden Wochen irgendwann von der Möglichkeit Gebrauch machen, unsere Kirchentüren wieder zu öffnen. Eine zeitlange werden wir unseren Sonntagsbraten dann wohl trocken zu uns nehmen müssen. Ohne Soße. Gebe Gott, dass diese Phase nicht allzu lang wird und dass wir bald das Gottesdienst-Menu wieder komplett genießen dürfen in den „Tempeln“, die unsere Vorfahren dafür errichtet haben. Amen.

 

Predigtmanuskript 10.05.2020
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Predigt

für den So. Jubilate (03.05.20)

 

Liebe Gemeindeglieder!

 

Der heutige Gottesdienst kommt aus der Kirche St. Moritz in Oberdiebach anlässlich der Kerb. Der Predigt liegt folgender Text aus 2. Korinther 4,14-18 zugrunde:

 

Wir wissen: Gott, der Jesus vom Tod auferweckt hat, wird auch uns auferwecken. Dann werden wir mit euch gemeinsam vor Gott stehen. Alle Entbehrungen aber ertragen wir für euch. Denn je mehr Menschen das unverdiente Geschenk der Güte Gottes annehmen, umso mehr werden Gott danken und ihn über alles ehren. Darum geben wir nicht auf. Wenn auch unsere körperlichen Kräfte aufgezehrt werden, wird doch das Leben, das Gott uns schenkt, von Tag zu Tag erneuert. Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange und ist leicht zu ertragen in Anbetracht der unendlichen, unvorstellbaren Herrlichkeit, die uns erwartet. Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.

 

Liebe Gemeinde! Irgendwie erinnert mich das Ganze hier ein bisschen an "Dinner for one“, jene Kultsendung, die jedes Jahr zu Silvester im Fernsehen kommt, auch bekannt unter dem Titel „Der 90. Geburtstag“. Miss Sophie lädt zum Dinner. Allein - es fehlen die Gäste. Die betagte Dame hat alle überlebt. Und so muss sie mit ihrem Butler James alleine feiern. Auch diese betagte Dame hier (gemeint ist die Oberdiebacher Kirche) feiert heute Geburtstag, und auch hier fehlen die Gäste, wenn auch aus anderen Gründen. Anders als bei Dinner for one ist das zum Glück nicht „The same procedure as every year“ (d.h. dieselbe Prozedur wie jedes Jahr). Aber dieses Jahr muss unser Geburtstagskind quasi mit mir als Butler vorlieb nehmen, wenn ich auch nicht James heiße. Keine Sorge, den legendären Läufer mit dem Tigerkopf haben wir weggeräumt, damit es keinen Ärger mit der Berufsgenossenschaft gibt. Und - auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen zu enttäuschen -, ich beabsichtige nicht, für jeden von Ihnen das Glas zu heben und mich damit dann hier in der nächsten Viertelstunde abzuschießen.

 

Aber gefeiert wird trotzdem, wenn auch kleiner. Unser Geburtstagskind steht mit seinem Dilemma ja nicht alleine da. So wie unserer Kirche geht es vielen in diesen Wochen. Manche von Euch, von Ihnen, haben sich auch lange auf einen großen Tag gefreut: Den 18. oder den 50., den 70. oder 90. Geburtstag; das Abi, die Hochzeit oder die Goldhochzeit, die Taufe oder die Konfirmation. Und für die Oberdiebacher: Ganz zu schweigen natürlich von dem Fest, das an diesem Wochenende hätte steigen sollen - für manche das Highlight des Jahres. Und jetzt? Alles abgeblasen. Nix geht. Oder fast nix. Corona sei Dank. Das ist schon deprimierend. Wenn einem etwas, worauf man Monate lang zugelebt hat, derart aus der Hand geschlagen wird, sucht man nach etwas, das auch in der Krise  tragfähig ist, krisenfest sozusagen. Der heutige Predigttext stammt aus der Feder eines Menschen, der da was gefunden hat und nicht müde wurde, es anderen weiterzusagen: Der Apostel Paulus. Wir haben’s vorhin gehört. In 2 Kor 4 schreibt er:

 

„Gott, der Jesus vom Tod auferweckt hat, wird auch uns auferwecken. Dann werden wir mit euch gemeinsam vor Gott stehen. […] Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf Gottes neue Welt, auch wenn sie noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.“

 

Irgendjemand unter Euch denkt bestimmt jetzt: „Ey, sag mal, geht’s noch?! Ich trauere hier gerade um die Kerb, und der kommt mit der Ewigkeit um die Ecke!“ Es ist ein gängiger Vorwurf gegenüber Leuten, die glauben, sie würden sich, sobald irgendwo ein Problem auftaucht, mit dem Jenseits vertrösten. Aber den Vorwurf kann man Paulus wirklich nicht machen. Dieser Missionar aus Tarsus wusste, was 'ne Krise ist. Mehrmals kam er wegen seines Glaubens ins Gefängnis. Mehrmals wurde er gefoltert, mehrmals versuchte man ihn zu töten. In alledem hat er die Erfahrung gemacht, dass ihn etwas aufrecht hält - trotz allem. „Wenn auch unsere körperlichen Kräfte aufgezehrt werden, wird doch das Leben, das Gott uns schenkt, von Tag zu Tag erneuert“, schreibt er. Paulus hat die Erfahrung gemacht, dass es im Leben eine Kraft gibt, die uns trägt, die aber von außen kommt – besser gesagt: von oben. Eine Kraft, die wir Hoffnung nennen. Hoffnung, dass das, was jetzt ist, noch nicht alles ist. Dass noch was kommt. Diese Hoffnung hat ihr Widerlager in der Auferstehung Jesu. Was Paulus seiner Gemeinde sagen will, ist: „Leute, jetzt denkt doch mal nach. Ihr habt es mit einem Gott zu tun, der den Tod besiegt hat. Der wird doch wohl auch in der Lage sein, mit Euren Problemen im Leben fertig zu werden.“

 

Unser Geburtstagskind zeigt - wie eigentlich jede Kirche - mit der Spitze in den Himmel. Wenn wir Kerb feiern, den Gedenktag der Kirchweihe, dann würdigen wir damit dieses Haus als einen Ort, der uns daran erinnert, dass es mehr gibt als das, was wir sehen. Dass unser Leben ein Widerlager und ein Ziel hat in einer Welt, die sich dem Blick unserer Augen entzieht, aber trotzdem schon tief hineinwirkt in unser Hier und Jetzt. Weil Jesus auferstanden ist, muss nichts so bleiben, wie es ist. Alles, was sich auf dieser Erde abspielt, ist vorläufiger Natur. Selbst der Tod hat seine Endgültigkeit verloren durch das, was an Ostern passiert ist.

 

Im Moment ist alles ziemlich doof. Das ist so. Okay, sagen wir: Vieles ist doof, nicht alles. Corona hat uns ja auch ein paar Dinge genommen, die kein Mensch vermisst. Den Stau auf der A 60 zum Beispiel. Den Fluglärm. Die Hektik, mit der wir sonst durch unseren Alltag brettern. Bei allen Sorgen, bei aller Angst, bei allen Einschränkungen ist immer wieder das Wort Entschleunigung zu hören. Auch das ist ein Teil meiner Hoffnung: Dass wir von dem, was sich Gutes entwickelt hat in dieser Corona-Zeit (nicht zu vergessen auch das Engagement für andere und der Zusammenhalt), dass wir davon was mitnehmen. Dass wir merken: Weniger kann mehr sein. Unsere Ansprüche sind in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen. Unser Glücksgefühl nicht. Vielleicht geht ja auch alles eine Nummer kleiner. Kanufahrt statt Kreuzfahrt. Nordsee statt Nordpol, Zug statt Flug. Die Erwartungen ein Stück runterfahren, ein bisschen Tempo rausnehmen, das würde uns gut tun.

 

Damit will ich nicht wegreden, dass die aktuelle Situation belastend ist. Und sie hat auch was Zermürbendes, weil wir gerade lernen, dass Corona nicht so schnell wieder geht, wie es gekommen ist. Aber es wird vorbeigehen. Corona ist nichts für die Ewigkeit. Für die Ewigkeit steht was anderes auf dem Programm: Feiern. Und zwar ohne Ende. Jesus hat für das ewige Leben, für das Reich Gottes, oft das Bild vom Gastmahl gebraucht. Am Ende der Zeiten gibt Gott ein großes Dinner. Feiern ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es vereint die Sehnsucht nach Begegnung und Gemeinschaft. Das ist es ja, was wir am meisten vermissen, wenn die Kerb ins Wasser fällt oder der Geburtstag. Die Begegnung mit Menschen. Die Gespräche. Das miteinander Essen, Trinken, Tanzen und Feiern. Jesus sagt: „Es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Wenn Er das so sagt, ist das ein relativ klares Indiz dafür, dass Gott da nicht alleine hocken will oder bloß mit Butler. Gott wünscht sich die originalen Gäste an Seinen Tisch. Dazu zählen auch wir. Wenn Gott zu Tisch lädt, wird das kein Dinner for one sondern ein Dinner for everyone. Für jeden. Und kein Virus der Welt wird das vereiteln. Amen.

 

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Im Focus

Montag, 16.03.2020

 

Ein merkwürdiger Sonntagmorgen war das. Alle Gottesdienst abgesagt. Das gab’s noch nie. Ratlosigkeit. Was nun? Wie geht es weiter?

 

Dann der Blick in die Losungen. Abgelenkt, unkonzentriert, nicht richtig bei der Sache. Welchen Sonntag haben wir heute noch gleich? Okuli. Ach ja. Zu Deutsch: Augen. Wie war noch mal der Zusammenhang? Okay, da steht’s: Der alte Sonntagspsalm, Psalm 25,15: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ Mit einem Mal bin ich bei der Sache.

 

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

 

Das tut irgendwie gut in diesen Tagen, wo alle Blicke nur auf ein einziges Thema gerichtet sind: Corona. Klar, wegschauen geht nicht. Man muss hinsehen. Alles andere wäre unverantwortlich. Aber die Absolutheit, mit der dieses Virus das gesamte Denken beherrscht, ist nicht not-wendig. Im wahrsten Sinne des Wortes: Sie wendet die Not nicht. Dafür gibt es eine andere Adresse. Fängt auch mit „C“ an, aber ist aufbauender als Corona: Christus. Wir brauchen um Gottes willen vor Corona nicht zu erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir müssen es im Blick haben, dürfen die Gefahr auch nicht herunterspielen. Aber unseren Focus können wir anders setzen.

 

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

 

Ihm dürfen wir alles anvertrauen. Mit Ihm können wir alles teilen: Unsere Sorgen, unsere Ängste, unsere Unruhe. Von Ihm dürfen wir alles erbitten: Hilfe, Beistand und Trost. Stets. Also immer, in jeder Situation. Auch jetzt, gerade jetzt, oder vielleicht auch jetzt (wieder) neu. Die Einladung steht.

 

 

Timm Harder, Pfarrer

 

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